Kann es etwas Bedrohlicheres, Eindeutigeres & Erstzunehmenderes geben als „Ich kann nicht mehr atmen“? Wie lange werden wir noch töten, weil wir nicht begreifen wollen? Kommunikation: die Fähigkeit uns mitzuteilen. Aber auch: die Fähigkeit zuzuhören.

Unsere gegenwärtige Krise ist nicht nur eine wirtschaftliche, eine politische und eine gesundheitliche. Sie ist all das, aber sie ist auch eine Krise der Kommunikation. Ziel meiner Kritik an der Kommunikation im öffentlichen Raum ist das fundamentale Missverständnis, das uns in den vergangenen 100 Jahren begleitet hat und das im Laufe dieser Zeit immer evidenter geworden ist: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Kommunikation ist keine Verlautbarung, Kommunikation ist keine Propaganda.

Die Hinweise, die dieses Missverständnis offenlegen, sind mannigfaltig. Von der Aussage einer politischen Partei, man müsse die eigenen Erfolge nur „besser kommunizieren“ bis hin zur Wut über die sozialen Medien, in denen Menschen eine Meinung äußern, die hauptberuflichen Meinungsäußerern zuwider läuft – egal aus welchen Gründen. Schnell ist der Vorwurf zur Hand, die sozialen Medien müssten stärker gegen Meinungen vorgehen, die gegen unsere politischen Überzeugungen verstoßen. 

Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

Dieser Einwand, der jedem „rechtschaffenden Bürger“ einleuchten wird, der noch nicht „ans rechte Lager“ verloren gegangen ist, ist trotz seiner guten Absichten ein gefährliches Schwert, das dem weit verbreiteten Missverständnis über Kommunikation auf beiden Seiten des ideologischen Grabens Vorschub leistet. Der Lügenpresse-Vorwurf hat deshalb so gut verfangen, weil er eine Schwäche unserer medialen Kommunikationskultur ins Visier genommen hat: die abnehmende Fähigkeit, einander zuzuhören.

Auf den Punkt gebracht: Wenn russische Trolle Unwahrheiten über politische Entscheidungsträger im Westen lancieren, ist das eine politische Einflussnahme, die klar abzulehnen ist. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass zwischen Trollen und Trotteln kein Unterschied gemacht wird, dass jeder unqualifizierten Meinung über den Mund gefahren werden muss, hat nicht verstanden, welche Gefahr dieser Verzicht auf echte Kommunikation in sich birgt.

Wer zwischen Trollen und Trotteln nicht unterscheidet, gefährdet unser Gemeinwesen.

Ich werde nie verstehen, wie man der Meinung sein kann, „rechte Spinner“ für die eigenen Standpunkte zu gewinnen, indem man sie „rechte Spinner“ nennt und damit klar in eine Position drängt, die eher einem Patienten als einem Dialogpartner zukommt. Björn Höcke als Faschisten zu bezeichnen, ist medial en vogue und inhaltlich sicher zu diskutieren – aber: Sollte die öffentliche Funktion von Kommunikation wirklich auf die Erziehung des Wählers beschränkt bleiben? Und was für ein politsches Verständnis steht eigentlich hinter diesem Menschenbild, das den Wähler als potenzielle Gefahr und nicht als Souverän wahrnimmt?

Ich wünsche mir, dass wir die Chance der sozialen Medien für unsere Kommunikationskultur begreifen und dass wir uns nicht darauf konzentrieren, sie zwischen Bagatellisierung und Kriminalisierung an den politischen Rand zu drängen. Journalistische Initiativen wie „Deutschland spricht“ der ZEIT, die Menschen unterschiedlicher Sichtweisen und Perspektiven zusammenbringen, um einen echten Dialog zu führen, sind der richtige Weg – und sollten in großem Stil aufgebaut und ausgebaut werden. 

Echter Dialog entsteht abseits von Bagatellisierung und Kriminalisierung.

Unser Versuch, die alte Kommunikation mit Sendern und Empfängern über den medialen Bruch, der uns alle – Instititutionen wie Einzelpersonen – vor enorme Herausforderungen stellt, hinwegzuretten, sind zum Scheitern verurteilt. Twitter, Facebook und Instagram sind nicht einfach neue Gewänder für den alten Kaiser: Sie sind interaktive, immerwährende Diskussionsplattformen mit allen Risiken und Chancen, die gleichberechtigter Austausch mit sich bringt. Sie sind das Parlament der Zukunft, und gerade deshalb sollten wir begreifen, sie besser zu nutzen – und wirklich zu verstehen.

Steigen wir in den Ring, lernen wir genau hinzuhören und genau zu argumentieren. Lernen wir, dass Kommunikation Neugier erfordert und Empathie. Wenn an Tagen wie heute weltweit ein Mensch betrauert wird, dessen Tod aus rassistischen Vorurteilen heraus erwirkt und billigend von allen Umstehenden in Kauf genommen wurde, so sollte dieser grauenhafte Vorfall auch unsere Augen und Ohren dafür öffnen, was er uns zu lehren hat: „I can’t breathe“ ist George Floyds Vermächtnis an eine Gesellschaft, die nicht hören will, weil sie zu wissen meint, was der andere zu sagen hat.

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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