Rüdiger Kessler war Informatiker. Seine große private Leidenschaft, das Tarot, lebte er auch in seinem Beruf aus. Für Hajo Banzhaf, Deutschlands populärsten Tarot-Buchautoren, hat er zwischen 2000 und 2009 mehrere Jahre lang die Website tarot.de betreut, leitete Deutschlands größtes Online-Tarotforum und entwickelte mehrere Online-Legesysteme. Es ist kein großer Politiker, dessen Nachruf hier steht – es ist der Nachruf auf einen ganz normalen Menschen, der einzigartig war und im Laufe seines Lebens viele andere Menschen kennengelernt und berührt hat. Auch mich. 

Heute habe ich es erfahren. Du bist nicht mehr länger hier bei uns. Am Montag bist du umgefallen, wie ein Krieger in der Schlacht, der nach Walhalla gerufen wird. Du hättest es nicht anders gewollt. Nur vielleicht ein bisschen später. Viel später. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich dich kennengelernt habe, vor ziemlich genau 20 Jahren. Du warst immer ein Mensch, den man nicht vergisst. Du hattest Charisma. Damals warst du der Hahn im Korbe unserer Tarot-Community und hast dich auch so aufgeführt – sehr zum Unmut einiger anderer Forumsmitglieder, mich eingeschlossen. Natürlich hast du den Aufruhr genossen. Du hast gerne den Advocatus Diaboli gespielt, warst streitbar, unbequem, provokant, manchmal auch ignorant.

Und dabei war das doch nur der Eichenschild, den du vor dir hergetragen hast, weil dein Leben so oft ein Schlachtfeld war, besonders in der Zeit, in der man eigentlich behütet und geliebt aufwachsen sollte. Jeder, der dich wirklich kannte, wusste: der unbequeme Rüdiger, der gerne in den mephistophelischen Krieg zieht, der ist nur ein Teil der Wahrheit. Und wer die ganze Wahrheit sah, der mochte oder liebte dich. 

Ich habe einen Beruf. Ich habe eine Leidenschaft. Ich habe ein Privatleben. Ich habe Internetzugang. Das ist alles.

Die ganze Wahrheit, das war auch die Zartheit und Verletzlichkeit, die du hinter all dieser selbstsicheren Wucht gerne versteckt hast. Der Rüdiger, den ich kannte, der war scharfsinnig, verträumt, begeisterungsfähig, voller wunderbarer Ideen, voller Liebe, voller Temperament und manchmal zerbrechlicher, als er uns alle wissen lassen wollte. In den letzten, schwierigen Jahren, mit den Krankheiten, hast du diesen Teil mehr und mehr gezeigt, und wir liebten dich dafür.

Du warst mit dem Kopf oft in den Wolken und mit den Händen auf den Tasten. Nicht nur beruflich, als Informatiker, sondern auch privat, in deinen Hobbies und Fluchtwelten. Du hast in Verena deine große Liebe gefunden und aller Stürme zum Trotz nie verloren. Du hattest in Ralph einen wunderbaren Freund, der an deiner Seite stand und dir geholfen hat, egal, wie es um dich stand. Nun haben dich die Götter heimgeholt. Ich vermute, sie waren einfach egoistisch und wollten endlich in den Genuss deines Humors kommen, der manchmal schwarz, manchmal genial und immer großartig war. 

Du warst auch Teil meines Lebens. Und obwohl wir manchmal Monate nicht miteinander telefoniert und uns jahrelang nicht gesehen haben, war es bei jedem Kontakt wieder so, als wäre keine Zeit verstrichen. Danke, dass du hier warst.

 

In memoriam Rüdiger Kessler (13.02.1967–22.06.2020)

 

Bild: Rüdiger Kessler

Written by Michelle Schopen

Michelle Schopen ist studierte Online-Redakteurin. Seit 30 Jahren arbeitet sie in den Medien, zunächst als TV-Aufnahmeleiterin, seit 2003 als freie Journalistin zu den Themen Kultur, Gesellschaft, Psychologie und Spiritualität.

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