seinsart https://seinsart-magazin.de berührt das wesentliche Wed, 14 Oct 2020 16:00:13 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.5.1 https://seinsart-magazin.de/wp-content/uploads/2015/12/ava_fett-5661e931v1_site_icon-32x32.png seinsart https://seinsart-magazin.de 32 32 Warum mich dick sein nicht schwach macht https://seinsart-magazin.de/warum-mich-dick-sein-nicht-schwach-macht/ https://seinsart-magazin.de/warum-mich-dick-sein-nicht-schwach-macht/#respond Wed, 14 Oct 2020 14:40:17 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8253 Das Thema dick sein ist in den Industrienationen nicht nur zu einem gesellschaftlichen Phänomen, sondern auch zu einer gesellschaftlichen Schande geworden. Doch warum ist das so? Warum sind wir zu dick und warum hindert uns das nicht daran, auf das dick sein herabzuschauen und Dicke abzuwerten? Michelle Schopen sucht in diesem Feature nach Antworten zur Diskrepanz zwischen Wollen und Sein, zwischen Respekt und Bodyshaming.

Leonie, 16, sitzt im Matheunterricht und zeichnet in ihr Schulheft. Diesmal skizziert sie ein klassisch-griechisches Frauengesicht. Vor ihr langweilt sich Stefan, ein Mitschüler. Er dreht sich zu ihr um: „Wen malst du denn da?“ fragt er. „Das ist die Venus von Milo“, sagt Leonie und lächelt, weil sie die Göttin gut getroffen hat. Stefan lacht auf: „Naja, bei dir wohl eher die Venus von Kilo.“ Der Schmerz trifft Leonie unerwartet, sie erstarrt innerlich, bekommt kaum Luft. Neben sich hört sie ihre Mitschüler kichern. Es fühlt sich an, als hätte Stefan sie auf den Marktplatz gezerrt und vor aller Augen nackt ausgezogen. Sie möchte einfach nur unsichtbar werden. Sie reißt sich zusammen, steht auf und geht auf die Toilette. Keiner soll merken, wie es in ihr aussieht.

Leonie wiegt 85 Kilo und trägt Kleidergröße 42-44. Groß genug, um zur Zielscheibe zu werden für die Mädchen und Jungen aus ihrer Jahrgangsstufe, die sich immer wieder über sie lustig machen. Für sie gehört es fast schon zum Alltag, wegen ihres Gewichts gehänselt zu werden. Und doch gibt es Momente und Worte, die sind besonders schlimm. Worte, vielleicht nur gedankenlos dahingesprochen, aber sie wirken wie Gift, sie nisten sich ein, langfristig. Heute ist Leonie 37, und sie kann sich immer noch an diesen Moment erinnern.

„Bei vielen übergewichtigen Frauen gibt es diesen besonderen Moment, der sie geprägt hat und manchmal ihr ganzes Leben lang verfolgt“, sagt Bianca Melle, Sozialpädagogin der Waage e.V. in Hamburg, ein Fachzentrum für Essstörungen. „Es ist der Moment, der die Weichen für die Selbstwahrnehmung dieser Frauen stellt. Bei anderen Frauen sind es viele kleine Momente, die ihr Leben verändert haben, irgendwann, meist in der Kindheit oder Pubertät, wenn sie noch dabei sind, ihre eigene Identität zu finden und auszubilden.“ Meilensteine der persönlichen Entwicklung, in denen diese Frauen lernen, dass sie nicht dazugehören, dass sie die ewig Letzten sein werden, so wie beim Ballsport in der Schule, wenn die Teams gewählt werden. Dass sie versagt haben. Dass alle über sie lachen und niemand sie mag, schon gar kein Junge.

Schön sein, das heißt in unserer Gesellschaft: dünn sein.

Für viele dieser Frauen beginnt damit ein langer Leidensweg voller Selbstzweifel und Diäten, an denen sie immer wieder scheitern müssen, weil der Stoffwechsel ihres Körpers seine eigenen Wege geht. „Bei einer starken Reduzierung der Nahrung schaltet der Metabolismus auf Notprogramm“, weiß Ernährungsberaterin Britta Schumann. „Der Stoffwechsel drosselt dann den Energiebedarf des Körpers.“ Mit der Folge, dass die Kilos nach der Diät nicht nur zurückkommen, sondern gleich noch ein paar Freunde mitbringen: Der berüchtigte Jo-Jo-Effekt. Daraus entsteht nicht selten ein Teufelskreis, ein ständiges Diäthalten und Versagen in einer Gesellschaft, die immer strenger nach Leistungen und Äußerlichkeiten urteilt. Eine große, 2010 vom Kosmetikkonzern Dove durchgeführte Studie zeigt, dass sich nur 4 Prozent aller Frauen weltweit schön finden und 72 Prozent aller Mädchen einen gewaltigen Druck spüren, schön zu sein. 

Dass Frauen massiv nach ihrem Aussehen bewertet werden, dass sie beleidigt oder ausgegrenzt werden, wenn sie dem Schönheitsideal nicht entsprechen, das ist inzwischen bekannt. Neu ist dabei allerdings, dass es inzwischen immer jüngere Frauen trifft – und immer mehr Männer. Das macht sich besonders in der Berufswelt bemerkbar: Während eine rundliche Figur früher bei männlichen Vorgesetzten der Position entsprechend als stattlich galt, haben Tübinger Wissenschaftler 2012 erforscht, dass die Personalentscheider von Heute dicken Menschen Führungsqualitäten absprechen. Zukünftige Chefs sollen aktiv, dynamisch und leistungsbereit sein. Aber auf keinen Fall übergewichtig oder gar fettleibig, denn das, so besagt die Studie, steht in unserer Gesellschaft für Faulheit, Disziplinlosigkeit und Erfolglosigkeit. 

Trotz der vielen negativen Begleitumstände, die das dick sein in unserer Gesellschaft mit sich bringt, ist gerade die Fettleibigkeit in den letzten Jahren rasant angestiegen. In Deutschland sind nach aktuellem Stand 16 Millionen Menschen adipös. Die Anzahl derjenigen mit extremer Adipositas ab einem BMI von 40 hat sich innerhalb der letzten 14 Jahre mehr als verdoppelt. Und Deutschland ist kein Einzelfall. Im weltweiten Vergleich landet die Bundesrepublik „nur“ im oberen Mittelfeld. Länder wie die USA, Mexiko, Saudi Arabien oder Indien liegen an der Spitze. Laut dem medizinischen Fachmagazin „The Lancet“ hat sich die Anzahl der Dicken weltweit in den letzten 39 Jahren versechsfacht. 

Während immer mehr Menschen dick werden, werden Dicke immer mehr ausgegrenzt und stigmatisiert.

So gesehen lebt unsere Gesellschaft ein permanentes Paradoxon, für das es bisher keine Lösung gibt: Während immer mehr Menschen dick werden, werden Dicke immer mehr ausgegrenzt und stigmatisiert. Wer dick ist und wer nicht, das bestimmt seit vielen Jahren außer dem Schönheitsideal auch der Body Mass Index (BMI). Ein mathematisches System, das das Gewicht eines Menschen in Relation zu Körpergröße, Geschlecht und Alter bewertet. Derzeit gilt als übergewichtig, wer einen BMI von 24 überschreitet. Fettleibig oder adipös ist man ab einem BMI von 30. Eine 35-jährige Frau mit einer Körpergröße von 1,70 Metern ist also ab 71 Kilo übergewichtig. Ab 87 Kilo gilt sie als fettleibig.

Doch der BMI steht schon seit Jahren in der Kritik. Nicht nur, weil er Fett nicht von Muskelmasse unterscheiden kann, sondern vor allem, weil seine von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Richtwerte für gesundes und ungesundes Gewicht wissenschaftlich nicht haltbar sind. Eine im deutschen Ärzteblatt 2009 veröffentlichte Analyse der Universität Hamburg ergab, dass Menschen, die laut BMI als übergewichtig gelten, tatsächlich länger leben als idealgewichtige Menschen. Eine erhöhte Gesundheitsgefährdung durch typische Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck war erst bei adipösen Menschen ab einem BMI von 30 nachweisbar. 

Das heißt im Klartext: Die Weltgesundheitsorganisation deklariert mit ihren Richtwerten weltweit Millionen Menschen mit einem gesunden Körpergewicht zu übergewichtigen Problemfällen und trägt damit massiv zur Diskriminierung von Übergewichtigen bei. Das heißt auch: Der Bund, die Krankenkassen, Ärzte, alle, die sich am BMI orientieren, arbeiten mit einem System, das in Teilen wissenschaftlich widerlegt wurde und daher nicht als seriöser Maßstab für die Bewertung der Gesundheit oder der Lebensdauer eines Menschen gelten kann.

Doch bis heute argumentieren viele Ärzte und Krankenkassen immer noch damit, ein BMI über 24 mache krank und belaste in der Folge die Sozialkassen mit hohen Kosten für die Gesundheit. Britta Schumann kennt das Problem aus ihrer Beratungsarbeit, denn ihre übergewichtigen Klienten berichten häufig von schlechten Erfahrungen bei Arztbesuchen: „Viele Ärzte kennen sich mit den Themen BMI und Ernährung nicht gut aus. Sie reden ihren übergewichtigen Patienten ins Gewissen, schlagen ihnen Diäten vor und raten zu mehr Disziplin beim Essen, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollten.“ 

„Du fette Sau!“ ist Standard.

Was schon die Medizinwelt glaubt, glaubt der Laie erst recht: Dick sein ist eine Charakterschwäche, denn dicke Menschen sind disziplinlos, maßlos und ungebildet, hässlich sowieso. Über 71 Prozent der Bevölkerung finden stark übergewichtige Menschen unästhetisch, so belegt es eine neue Studie der DAK. Jeder Achte vermeidet es, mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Mehrheit der Befragten glaubt, dass Dicke die überflüssigen Pfunde selbst verschuldet haben und einfach zu faul zum Abnehmen sind. Warum also seinem Unmut nicht lautstark Luft machen? 

„‘Du fette Sau!‘ ist Standard“, sagt Bianca Melle. „Es kommt häufig vor, dass eine Frau an der roten Ampel steht und jemand das von der anderen Straßenseite aus herüberbrüllt. Aber es geht auch erfindungsreicher: ‚Elefantenbeine gehören in den Zoo‘, zum Beispiel.“ Die Beleidigungen dieser Art würden spontan und unerwartet passieren, die Betroffenen wären jedes Mal geschockt. Wie solle man da eine Strategie entwickeln, um sich davor zu schützen? „Genauso schlimm wie offene Beleidigungen sind aber auch verächtliche oder mitleidige Blicke“, weiß die Sozialpädagogin. Und es kommt noch dicker: In den USA zeigen Studien der Universität Yale unter der Leitung von Rebecca Puhl, dass Diskriminierung gegen Übergewichtige inzwischen so häufig vorkommt wie Rassismus gegen Farbige.

Das Ergebnis stammt zwar aus den USA, könnte aber genauso gut auf Deutschland zutreffen. Wer das nicht glauben will – ein Blick in das Internet reicht schon aus: Da wird in Foren diverser Frauenzeitschriften über all die Beleidigungen diskutiert, die man als Dicke schon erlebt hat, parallel dazu werden Diät-Tipps getauscht. Auf Dating-Foren wird sich über Sex mit Übergewichtigen geekelt. Die Figur-Diskriminierung hat sich inzwischen zu einem fragwürdigen Gesellschaftstrend gemausert, der neue Begriffe generiert hat: „Body Shaming“ und „Fat Shaming“ – die Scham über die Unvollkommenheit des eigenen Körpers.

Dass Dicken inzwischen ein derart feindliches Klima entgegenschlägt, erklärt die Schweizer Soziologin Franziska Schutzbach nicht nur mit einem stark überzogenen Schönheitsideal, sondern auch mit einem Wertewandel in unserer Gesellschaft. Regelmäßige User der sozialen Medien ziehen ihr Selbstbewusstsein und ihre Identität inzwischen daraus, wie viele Likes oder Klicks sie mit Selfies oder Beiträgen generieren. Der Trend zur Selbstinszenierung und zu gegenseitiger Bewertung hat sich so als fester Bestandteil der Gesellschaft etabliert, und zwar nicht nur im World Wide Web, sondern in fast allen Lebensbereichen.

Als wäre es normal oder sogar cool, wenn eine Heidi Klum junge Mädchen wegen ihres Aussehens abwertet und aussortiert.

Allen voran das Fernsehen mit seinen Casting-Formaten, in denen die Leistungen und das Aussehen anderer Menschen öffentlich bewertet werden: „Es wird so getan, als wäre es normal oder sogar cool, wenn eine Heidi Klum junge Mädchen wegen ihres Aussehens abwertet und aussortiert. Oder wenn ein Dieter Bohlen einen Kandidaten wegen seiner schlechten Leistung beleidigt“, sagt Franziska Schutzbach. „Dabei ist es zutiefst verletzend und würdelos, was in diesen Shows mit Menschen gemacht wird. Die hohen Einschaltquoten zeigen, wie normal es geworden ist, andere Menschen zu bewerten und sich über sie lustig zu machen.“

Übergewicht und Fat Shaming mögen sich zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt haben, für das auf gesellschaftlicher Ebene Lösungen geschaffen werden müssen. Doch die Scham über den eigenen Körper ist und bleibt auch ein sehr persönliches Problem: Am Ende des Tages stehen dicke wie dünne Menschen überall auf der Welt vor dem Badezimmerspiegel und müssen ihren eigenen Weg finden, mit sich, ihrem Spiegelbild und ihrem Umfeld Frieden zu schließen.

Leonie hat dafür fast 20 Jahre gebraucht. Jahre, in denen sie wie so viele andere mit ihrem Gewicht kämpfte, unzählige Diäten ausprobierte und scheiterte. Jahre, in denen sie auch nicht mehr zeichnen wollte. Bis sie stark genug war, ihrer Kunst das Hässliche, das ihr seit dem Vorfall im Matheunterricht anhaftete, abzuwischen und neu zu beginnen. Mit dem Zeichnen kam auch Stück für Stück ihre Selbstachtung zurück. Ihre Freude daran, etwas richtig gut zu können, half ihr, mit ihrer Vergangenheit und ihrem Aussehen Frieden zu schließen. Zusätzlich suchte sie sich Hilfe in Vereinen und machte eine Psychotherapie.

Heute trägt sie Größe 42, und sie fühlt sich wohl damit. Manchmal kehren die alten Dämonen zurück, meist dann, wenn sie den allgegenwärtigen Bildern über Mode, Prominente oder Models zu viel Aufmerksamkeit schenkt. Dann fühlt sie sich dick und unzulänglich, hadert mit einem Schönheitsideal, dem sie niemals wirklich entsprechen wird und einem BMI, der sie zur Übergewichtigen abstempelt, obwohl sie sich nicht übergewichtig fühlt und seit Jahren gesund ist. In solchen Situationen greift sie zum Zeichenstift. Oder vertraut sich ihren Freundinnen und ihrer Familie an. Menschen, denen ihr Gewicht egal ist, weil sie sie lieben, wie sie ist. 

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Leben wir in einem Zeitalter der Straffreiheit? https://seinsart-magazin.de/leben-wir-in-einem-zeitalter-der-straffreiheit/ https://seinsart-magazin.de/leben-wir-in-einem-zeitalter-der-straffreiheit/#respond Mon, 28 Sep 2020 00:58:41 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8233 Während einer Rede, die David Miliband, der Präsident der International Rescue Committee, am 20. Juni 2019 im King‘s College London gehalten hatte, argumentierte er, dass sich der Westen zunehmend von seinem Prinzip der globalen Verantwortung zurückgezogen habe und dabei auf gefährliche Weise repressiven Staaten immer mehr das Feld räumte, die rücksichtslos und straffrei handelten. Wir lebten in einem „Age of Impunity“, einem Zeitalter der Straffreiheit, so lautete seine These, in dem Nationalstaaten straflos davonkommen können, ohne irgendwelche Rechnung für die Resultate ihrer Taten ablegen zu müssen. Nationale Souveränität setzte sich über alle anderen Prioritäten hinweg, einschließlich derer der Menschenrechte. Er sieht diese Entwicklung als ein weiteres Zeichen für die zunehmende Schwächung der liberalen Demokratien, die sich heute weltweit in verschiedenen Teilen unseres Globus abspielt. 

Als einschlägiger Fall lohnt es sich einmal, kurz unsere Aufmerksamkeit auf den russischen Staat zu lenken. Zunächst einmal bietet der russische Staat uns ein Modell an, in dem Rechtsstaatlichkeit kein Regierungsprinzip darstellt. In der Tat stellt Russland ein vollständiges Gegenmodell zu einer von universalen Werten bestimmten Weltordnung auf, wie sie der Westen schon lange angestrebt hat. Es stützt sich auf eine Politik, die die westlichen Werte im Namen eines Autoritarismus systematisch zugrunde richtet – bis jetzt mit beachtlichem Erfolg.

Tatsächlich ist es dem russischen Staat gelungen, die westliche Gesellschaft ideologisch, politisch und auch finanziell zu destabilisieren, sowie sie durch die Überflutung von Desinformation zu schwächen. Es sieht so aus, als sei Russland fest entschlossen, eine antidemokratische, illiberale Politik zu exportieren, Faktizität zu vernichten und eine beispiellose Amoralität im Namen hehrer, heiliger nationalistischer Absichten und Ziele zu verbreiten. Es will offenbar ähnliche Tendenzen in Europa und in den USA optimal beschleunigen. 

Frevelhafte Fakten

Zur ideologischen Leitfigur dieser besonderen Art von Politik ist der christlich-faschistische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954) erwählt worden. Auffallend sind die Parallelen zwischen den ideologischen Richtlinien der russischen Regierung und der Politik und Philosophie Iljins. Seine Ideen fanden Anhänger im russischen Machtapparat. Wladimir Putin hat ihn rehabilitiert und zitiert ihn öfters in seinen Reden. Dmitri Medwedew, der Vorsitzende der Partei “Einiges Russland” und stellvertretender Leiter des Sicherheitsrates, empfahl seinen Landsleuten Iljin zur erbaulichen Lektüre, und Wladislaw Surkow, Putins Propagandaminister, adaptierte geschickt Iljins Gedanken für die modernen Medien. 

Die Kernaussage von Iljins Werken ist, dass Russland der Ausdruck des christlichen Heilsversprechens der Zukunft sei. Iljin zufolge war das Universum die Totalität Gottes vor dem Schöpfungsakt. Als Gott aber die Welt erschuf, zerstörte er die absolute Wahrheit. Vor der Geschichte war Gott und die Welt wahr. Aber mit dem Eintritt in die Geschichtlichkeit entstanden Fehler, das Sinnliche überhaupt, Leidenschaften, Gedanken, Meinungen und Fakten, die nie wahr sein können. Für Iljin war es unmoralisch, Fakten verstehen zu wollen. Denn Leidenschaften und die daraus entstehenden Fakten sind frevelhaft.

In diesem Sinne aber billigte er Russland und dem russischen Volk eine spezielle Ausnahme zu. In seinem Wesen bewahrte Russland die vorgeschichtliche Gegenwart. Alle anderen mögen zwar fehlgeleitet und von Fakten und Meinungen geplagt sein, Russland aber hat seine wahre, ursprüngliche, vorgeschichtliche Unschuld bewahrt. Das ist der neuer Ausgangspunkt für die Zukunft. Alle Ansichten über Moral und Rechtsstaatlichkeit, die von den natürlichen Feinden des Landes kommen, verblassen vor der ungeheuerlichen Unschuld Russlands, die es mit allen Mitteln zu verteidigen und zu fördern gilt. Gegenwärtig sieht es so aus, als würden die gemeinschaftsbildenden Kräfte von Moral, Ethos und Religion der Beliebigkeit verfallen. Für die Menschheit ist dieser Zustand gefährlich. 

Unschuld und Ignoranz

Im Jahre 2006 hielt der damalige Papst Benedikt XVI. eine denkwürdige Vorlesung an der Universität Regensburg. Er wies auf eine Aussage zur Rolle der Gewalt im Islam hin, die Manuel II. Palaiologos (1350-1425), der Kaiser von Byzanz, gegenüber einem persischen Gelehrten gemacht hätte. Wie erwartet, sorgte das Zitat für eine Menge Verwirrung und Aufregung. Weniger beachtet aber wurde die Aussage über das Wesen des Logos im Kosmos. Manuel II. zitierend, sagte der inzwischen emeritierte Papst, nicht SYN LOGOi zu handeln, sei dem Wesen Gottes zuwider. Mit diesem Zitat wies er auf die Einheit von Welt und Kosmos hin, sowie auf die Analogie zwischen dem ewigen Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft.

Der Menschheit scheint diese Aussage verborgen zu sein. Die Analogie zwischen dem Wesen des Logos und dem Wesen unserer Seele ist gar nicht evident. Die Beschaffenheit der menschlichen Seele beschränkt sich unglücklicherweise auf eine bestimmte Dimensionalität, die sie daran hindert, das volle Ausmaß dieser Aussage zu erkennen.

Es ist gut möglich, dass hinsichtlich dieser universalen Selbstverständlichkeit die Menschheit eine Anomalie im Kosmos bildet. Immerhin sind wir am Rande einer Galaxie angesiedelt, deren Bürger, die sich in endlosen Dimensionen befinden, vielleicht nicht einmal ahnen, dass wir tatsächlich existieren, geschweige denn ihre normalen Gesetze und Regeln kennen. Die Frage, ob die Menschheit wegen ihrer Unschuld und Ignoranz von den Konsequenzen ihrer fehlgeleiteten Handlungen befreit ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. 

Eine neue Zukunft?

Mythologischen Legenden zufolge sind die ursprünglichen Gesetze, die der Menschheit präsentiert wurden, von außen eingeführt worden.  Sie waren für die Entstehung und Entwicklung unserer Zivilisation und Kultur verantwortlich. Wir hören von den ME in Sumer und der Ma‘at in Ägypten. Sie umfassten nicht nur eine Wirklichkeit, sondern viele. Und die Menschheit musste vor einem Gerichtshof Rechenschaft für ihr Handeln ablegen. Aber die Sandbänke der Zeit haben solche Kenntnisse schon lange zugedeckt und die Ebbe und Flut sie für immer weggeschwemmt. 

Interessant ist ein Bericht aus dem ägyptischen Neuen Reichs (1550 bis 1070 v. Chr.), der in Granit auf den Wänden des Tempels in Karnak gemeißelt wurde. Er beschreibt eine Vision, die ein Verstorbener auf einer Jenseitsreise erfahren würde. Er sei auch eine Mahnung an zukünftige Herrscher. Es handelt sich um eine Inschrift Thutmosis‘ III, des genialen Feldherrn bei der Schlacht von Megiddo und eines der dynamischsten Pharaonen des Neuen Reichs, in der er seiner Thronerhebung durch die Gunst des Gottes Amun gedenkt. Er befindet sich in der großen Hypostylhalle des Tempels von Karnak. 

„Ich stand am Platz des Herrn.
Er wunderte sich über mich….
Es ist doch wahr!
Sie enthüllten vor den Menschen
die Geheimnisse in den Herzen der Götter, die diese kannten.
Es gab keinen, der sie kannte, keinen außer ihm.
Er öffnete mir die Türflügel des Himmels;
er öffnete mir die Tore seines Lichtlandes.
Ich flog empor zum Himmel als göttlicher Falke,
ich sah seine Mysterien, die im Himmel sind,
ich betete seine Majestät an.
Ich sah die Wandlungen des Horus vom Lichtland
auf seinen geheimnisvollen Wegen im Himmel.“

Es ist ein Bericht, der jeder weiteren Diskussion entbehrt – eine Botschaft aus einer Vergangenheit, die eine neue Zukunft verheißt.

 

Bild: kremlin.ru (CC BY 4.0)

 

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Heimfahrt nach Walhalla https://seinsart-magazin.de/heimfahrt-nach-walhalla/ https://seinsart-magazin.de/heimfahrt-nach-walhalla/#comments Thu, 25 Jun 2020 23:57:30 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8216 Rüdiger Kessler war Informatiker. Seine große private Leidenschaft, das Tarot, lebte er auch in seinem Beruf aus. Für Hajo Banzhaf, Deutschlands populärsten Tarot-Buchautoren, hat er zwischen 2000 und 2009 mehrere Jahre lang die Website tarot.de betreut, leitete Deutschlands größtes Online-Tarotforum und entwickelte mehrere Online-Legesysteme. Es ist kein großer Politiker, dessen Nachruf hier steht – es ist der Nachruf auf einen ganz normalen Menschen, der einzigartig war und im Laufe seines Lebens viele andere Menschen kennengelernt und berührt hat. Auch mich. 

Heute habe ich es erfahren. Du bist nicht mehr länger hier bei uns. Am Montag bist du umgefallen, wie ein Krieger in der Schlacht, der nach Walhalla gerufen wird. Du hättest es nicht anders gewollt. Nur vielleicht ein bisschen später. Viel später. 

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich dich kennengelernt habe, vor ziemlich genau 20 Jahren. Du warst immer ein Mensch, den man nicht vergisst. Du hattest Charisma. Damals warst du der Hahn im Korbe unserer Tarot-Community und hast dich auch so aufgeführt – sehr zum Unmut einiger anderer Forumsmitglieder, mich eingeschlossen. Natürlich hast du den Aufruhr genossen. Du hast gerne den Advocatus Diaboli gespielt, warst streitbar, unbequem, provokant, manchmal auch ignorant.

Und dabei war das doch nur der Eichenschild, den du vor dir hergetragen hast, weil dein Leben so oft ein Schlachtfeld war, besonders in der Zeit, in der man eigentlich behütet und geliebt aufwachsen sollte. Jeder, der dich wirklich kannte, wusste: der unbequeme Rüdiger, der gerne in den mephistophelischen Krieg zieht, der ist nur ein Teil der Wahrheit. Und wer die ganze Wahrheit sah, der mochte oder liebte dich. 

Ich habe einen Beruf. Ich habe eine Leidenschaft. Ich habe ein Privatleben. Ich habe Internetzugang. Das ist alles.

Die ganze Wahrheit, das war auch die Zartheit und Verletzlichkeit, die du hinter all dieser selbstsicheren Wucht gerne versteckt hast. Der Rüdiger, den ich kannte, der war scharfsinnig, verträumt, begeisterungsfähig, voller wunderbarer Ideen, voller Liebe, voller Temperament und manchmal zerbrechlicher, als er uns alle wissen lassen wollte. In den letzten, schwierigen Jahren, mit den Krankheiten, hast du diesen Teil mehr und mehr gezeigt, und wir liebten dich dafür.

Du warst mit dem Kopf oft in den Wolken und mit den Händen auf den Tasten. Nicht nur beruflich, als Informatiker, sondern auch privat, in deinen Hobbies und Fluchtwelten. Du hast in Verena deine große Liebe gefunden und aller Stürme zum Trotz nie verloren. Du hattest in Ralph einen wunderbaren Freund, der an deiner Seite stand und dir geholfen hat, egal, wie es um dich stand. Nun haben dich die Götter heimgeholt. Ich vermute, sie waren einfach egoistisch und wollten endlich in den Genuss deines Humors kommen, der manchmal schwarz, manchmal genial und immer großartig war. 

Du warst auch Teil meines Lebens. Und obwohl wir manchmal Monate nicht miteinander telefoniert und uns jahrelang nicht gesehen haben, war es bei jedem Kontakt wieder so, als wäre keine Zeit verstrichen. Danke, dass du hier warst.

 

In memoriam Rüdiger Kessler (13.02.1967–22.06.2020)

 

Bild: Rüdiger Kessler

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I can’t breathe https://seinsart-magazin.de/i-cant-breathe/ https://seinsart-magazin.de/i-cant-breathe/#respond Wed, 27 May 2020 14:53:01 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8194 Kann es etwas Bedrohlicheres, Eindeutigeres & Erstzunehmenderes geben als „Ich kann nicht mehr atmen“? Wie lange werden wir noch töten, weil wir nicht begreifen wollen? Kommunikation: die Fähigkeit uns mitzuteilen. Aber auch: die Fähigkeit zuzuhören.

Unsere gegenwärtige Krise ist nicht nur eine wirtschaftliche, eine politische und eine gesundheitliche. Sie ist all das, aber sie ist auch eine Krise der Kommunikation. Ziel meiner Kritik an der Kommunikation im öffentlichen Raum ist das fundamentale Missverständnis, das uns in den vergangenen 100 Jahren begleitet hat und das im Laufe dieser Zeit immer evidenter geworden ist: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Kommunikation ist keine Verlautbarung, Kommunikation ist keine Propaganda.

Die Hinweise, die dieses Missverständnis offenlegen, sind mannigfaltig. Von der Aussage einer politischen Partei, man müsse die eigenen Erfolge nur „besser kommunizieren“ bis hin zur Wut über die sozialen Medien, in denen Menschen eine Meinung äußern, die hauptberuflichen Meinungsäußerern zuwider läuft – egal aus welchen Gründen. Schnell ist der Vorwurf zur Hand, die sozialen Medien müssten stärker gegen Meinungen vorgehen, die gegen unsere politischen Überzeugungen verstoßen. 

Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

Dieser Einwand, der jedem „rechtschaffenden Bürger“ einleuchten wird, der noch nicht „ans rechte Lager“ verloren gegangen ist, ist trotz seiner guten Absichten ein gefährliches Schwert, das dem weit verbreiteten Missverständnis über Kommunikation auf beiden Seiten des ideologischen Grabens Vorschub leistet. Der Lügenpresse-Vorwurf hat deshalb so gut verfangen, weil er eine Schwäche unserer medialen Kommunikationskultur ins Visier genommen hat: die abnehmende Fähigkeit, einander zuzuhören.

Auf den Punkt gebracht: Wenn russische Trolle Unwahrheiten über politische Entscheidungsträger im Westen lancieren, ist das eine politische Einflussnahme, die klar abzulehnen ist. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass zwischen Trollen und Trotteln kein Unterschied gemacht wird, dass jeder unqualifizierten Meinung über den Mund gefahren werden muss, hat nicht verstanden, welche Gefahr dieser Verzicht auf echte Kommunikation in sich birgt.

Wer zwischen Trollen und Trotteln nicht unterscheidet, gefährdet unser Gemeinwesen.

Ich werde nie verstehen, wie man der Meinung sein kann, „rechte Spinner“ für die eigenen Standpunkte zu gewinnen, indem man sie „rechte Spinner“ nennt und damit klar in eine Position drängt, die eher einem Patienten als einem Dialogpartner zukommt. Björn Höcke als Faschisten zu bezeichnen, ist medial en vogue und inhaltlich sicher zu diskutieren – aber: Sollte die öffentliche Funktion von Kommunikation wirklich auf die Erziehung des Wählers beschränkt bleiben? Und was für ein politsches Verständnis steht eigentlich hinter diesem Menschenbild, das den Wähler als potenzielle Gefahr und nicht als Souverän wahrnimmt?

Ich wünsche mir, dass wir die Chance der sozialen Medien für unsere Kommunikationskultur begreifen und dass wir uns nicht darauf konzentrieren, sie zwischen Bagatellisierung und Kriminalisierung an den politischen Rand zu drängen. Journalistische Initiativen wie „Deutschland spricht“ der ZEIT, die Menschen unterschiedlicher Sichtweisen und Perspektiven zusammenbringen, um einen echten Dialog zu führen, sind der richtige Weg – und sollten in großem Stil aufgebaut und ausgebaut werden. 

Echter Dialog entsteht abseits von Bagatellisierung und Kriminalisierung.

Unser Versuch, die alte Kommunikation mit Sendern und Empfängern über den medialen Bruch, der uns alle – Instititutionen wie Einzelpersonen – vor enorme Herausforderungen stellt, hinwegzuretten, sind zum Scheitern verurteilt. Twitter, Facebook und Instagram sind nicht einfach neue Gewänder für den alten Kaiser: Sie sind interaktive, immerwährende Diskussionsplattformen mit allen Risiken und Chancen, die gleichberechtigter Austausch mit sich bringt. Sie sind das Parlament der Zukunft, und gerade deshalb sollten wir begreifen, sie besser zu nutzen – und wirklich zu verstehen.

Steigen wir in den Ring, lernen wir genau hinzuhören und genau zu argumentieren. Lernen wir, dass Kommunikation Neugier erfordert und Empathie. Wenn an Tagen wie heute weltweit ein Mensch betrauert wird, dessen Tod aus rassistischen Vorurteilen heraus erwirkt und billigend von allen Umstehenden in Kauf genommen wurde, so sollte dieser grauenhafte Vorfall auch unsere Augen und Ohren dafür öffnen, was er uns zu lehren hat: „I can’t breathe“ ist George Floyds Vermächtnis an eine Gesellschaft, die nicht hören will, weil sie zu wissen meint, was der andere zu sagen hat.

 

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Warum das, was wir sehen, nur die halbe Wahrheit ist https://seinsart-magazin.de/warum-das-was-wir-sehen-nur-die-halbe-wahrheit-ist/ https://seinsart-magazin.de/warum-das-was-wir-sehen-nur-die-halbe-wahrheit-ist/#respond Fri, 22 May 2020 17:03:20 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8171 Dr. Milan Rýzl zählt zu den bekanntesten Vertretern der wissenschaftlichen Parapsychologie. Der 1928 in Prag geborene Wissenschaftler promovierte in Biochemie. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich, getrieben von einer „brennenden Neugier“, mit okkulten Phänomenen. Sein spezielles Interesse galt dabei dem Phänomen Außersinnliche Wahrnehmung. Nach Gründung der ersten parapsychologischen Studiengruppe Europas gewann Rýzl 1962 den McDougall Preis für ausgezeichnete Arbeit auf dem Feld der Parapsychologie. 

Nach seiner Emigration in die USA arbeitete er zunächst an Joseph Banks Rhines Parapsychologischem Laboratorium an der Duke University. Im Anschluss lehrte er Parapsychologie an verschiedenen Universitäten, u. a. an der San José State University und an der University of California. Zahlreiche populärwissenschaftliche Publikationen, die in viele Sprachen übersetzt worden sind, machten ihn zu einem der meistgelesenen Parapsychologen der Welt. (Quelle: Wikipedia)  

Rýzl starb im Juli 2011 in Sacramento. Aus Anlass seines 92. Geburtstags veröffentlichen wir hier einen zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorgelegten Artikel von Milan Rýzl, den er uns kurz vor seinem Tod zukommen ließ und der angesichts der aktuellen Lage wichtiger denn je erscheint.

 

Lassen Sie uns diese Betrachtungen damit beginnen, die Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft einmal klar zu bestimmen.

Erster Unterschied: Wissenschaft vermehrt unser Wissen über die Welt durch die Anhäufung von Wissen, das von zahllosen Generationen erworben wurde. Sie wächst und wird niemals abgeschlossen sein, weil die Zukunft neues Wissen bringen wird, welches in das alte Bild integriert werden muss. Im Gegensatz dazu versucht Religion eine Lehre aufrechtzuerhalten und zu verbreiten, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden zur endgültigen Wahrheit erklärt wurden. Dabei entmutigt (oder behindert) sie jede Suche nach zusätzlichem Wissen. Demzufolge neigt sie dazu, alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu unterdrücken (die unbequemes und für einen Gläubigen unnötiges Wissen enthüllen könnte) und im Extremfall ihre Gegner auch gewaltsam zu vernichten (wobei sie angeblich dem Willen „Gottes“ folgt.

Zweiter Unterschied: Wissenschaft sammelt Informationen über Gegenstände im Raum, welche sich im Laufe der Zeit verändern und daher Bestandteile unserer physikalischen Welt sind. Der Religion geht es gerade um die unveränderlichen Wahrheiten jenseits von Zeit und Raum. Religiöse Vorstellungen über Gott, die Götter und spirituelle Wesenheiten wie die „Seele“ änderten sich im Laufe der Jahrtausende natürlich auch: Bevor der Mensch imstande war, über Realitäten jenseits seiner Umwelt nachzudenken, nahm er an, Götter und Geister existierten mit ihm in der materiellen Welt, wenn auch unsichtbar oder an unzugänglichen Plätzen. Die erste Auffassung von „Seele“ war etwas, „das den Körper bewegt“ (heute würde man sagen: „den Stoffwechsel betreffende Prozesse im Gewebe“). Später verstand man unter demselben Begriff (symbolisch visualisiert als Taube) ein Gebilde, das, obschon noch immer ein Teil dieser Welt, aus einem feineren, zarteren Material besteht (heute oft „astral“ genannt). Ich erinnere mich daran, wie wir, als ich ein Kind war, eine Familie auf dem Land besuchten, welche das Fenster öffneten, sobald jemand gestorben war, damit die Seele den Körper verlassen kann – als ob sie ein unsichtbares, aber physikalisches Objekt wäre.

Erst später setzte sich die (vom Philosophen Platon († 348 v. Chr.) hergeleitete) „platonische“ Anschauung durch und floss auch in die Lehren des Christentums ein. Demnach befasst sich Religion mit Wesen (die angenommen, aber nicht bewiesen wurden, da zur damaligen Zeit kein rigoroser wissenschaftlicher Nachweis erforderlich und der Name als Symbol von Realität ausreichend war), mit Wesen also, von denen man annahm, dass sie „außerhalb“ oder „jenseits“ oder „über“ der materiellen Welt existieren. Aber dies ist ein Bereich, den Wissenschaft „a priori“ (von vornherein) nicht berührt.

Wir Menschen (oder präziser gesagt: unsere Körper) existieren in der materiellen Welt von Zeit und Raum. In der Tat hing unsere Existenz im Lauf der Evolution des Lebens auf der Erde (und unsere Hoffnung, in einer grundsätzlich feindlichen Umgebung zu überleben) von der Anpassungsfähigkeit unserer Vorfahren an das Leben in der materiellen Welt ab. Unsere Sinne haben sich entwickelt, um Signale über relevante Fakten in der materiellen Welt zu empfangen (und uns damit Informationen zu übermitteln, die notwendig für unser Überleben waren, um Nahrung zu finden oder Gefahren zu vermeiden). Unser Gehirn (intellektuelle Kompetenz) entwickelte sich als ein Werkzeug zur Organisation von Sinneseindrücken, das uns dabei half, effizienter mit unserer Umgebung zurechtzukommen.

Nichts jedoch förderte unsere Wahrnehmung und das Verständnis nicht-materieller Realitäten, wie sie die Religionen behandeln. Und da sie nicht wahrgenommen werden können, existieren sie auch nicht für uns. Wir kennen nur eine einzige Ausnahme, die nicht in unsere physikalische Realität passt: unser Bewusstsein. Bewusstsein scheint mehr eine Tätigkeit als ein Wesen zu sein, welche sich zwar mit der Zeit verändert, aber keinen Raum einnimmt.

Außersinnliche Wahrnehmung

Moderne Parapsychologen (ich spreche hier von Wissenschaftlern, nicht von Esoterikern) behaupten, Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) experimentell nachgewiesen zu haben. (Diese Behauptung ist unter Wissenschaftlern, die sich ausschließlich mit Raum-Zeit-Phänomenen beschäftigen, immer noch umstritten.) Parapsychologen bevorzugen hingegen eine breitere Definition des wissenschaftlichen Aufgabenfelds, das auch eine Beschäftigung mit Realitäten ermöglicht, die außerhalb von Raum und Zeit existieren. Es umfasst hierbei jeden Gegenstand, der mit exakten wissenschaftlichen Methoden unter- sucht werden kann.

In der Zwischenzeit haben Paraspychologen eine ganze Reihe von Regeln entdeckt, nach denen ASW funktioniert. So haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass ASW eine normale (wenn auch derzeit unterentwickelte) menschliche Fähigkeit ist, die sogar bei höher entwickelten Tieren zu beobachten ist. Daher funktioniert sie völlig gesetzmäßig. Das einzige Problem besteht darin, dass die Voraussetzungen, die für ihr Funktionieren benötigt werden, nicht einfach nach Bedarf erzeugt werden können. (Wenn die wahrnehmende Person in einer optimistischen, fröhlichen Stimmung sein muss – wie kann man diese „auf Bestellung” erzeugen und dann auch noch den Grad messen, in dem sie erfüllt wurde?)

Wir wissen außerdem, dass ASW sehr gut in anderen Bewusstseinszuständen funktioniert (wie Schlaf, Hypnose oder Meditation), aber ebenso spontan im Alltag (wenn die Person in einem Zustand völliger Konzentration in ein Problem vertieft ist). ASW funktioniert, soweit wir wissen, in zwei Schritten: Zunächst wird die Information auf der unbewussten Ebene empfangen (wie dieser Vorgang stattfindet, ist unbekannt; wir wissen nur, dass die Übertragung nicht an physikalische Energien gebunden ist – was einen nicht-physikalischen Charakter nahelegt) – und dann manifestiert sie sich in einer Verhaltens- oder körperlichen Reaktion (z.B. Wechsel des Blutdrucks), meistens aber in einer bewussten Erfahrung.

In jedem Fall stellt ASW die derzeit einzige bekannte Verbindung zwischen zeitlich- und räumlich gebundenen Körperfunktionen und nicht-materiellen Realitäten (jenseits von Raum und Zeit) dar. Wird ASW verantwortungsbewusst eingesetzt, funktioniert sie wie ein zusätzlicher („sechster“) Sinn, der uns brauchbare Informationen über die materielle Welt liefert – und gleichzeitig eine Verbindung zur einer nicht-materiellen Realität herstellt, sofern diese denn existiert.

Angenommen sie existierte: Lassen Sie uns vorläufige Informationen darüber auftreiben, wie sie beschaffen sein mag. Dafür können wir die Ergebnisse parapsychologischer Forschung mit den bekannten religiösen Überlieferungen vergleichen, immer angenommen, dass Religionen nicht einfach bloße Ammenmärchen alter Weiser sind und dass ihre Lehren möglicherweise einige – via ASW gewonnene – Einblicke in eine tatsächlich existierende nicht-materielle Welt ermöglichen. Ergebnisse jüngerer ASW-Forschung weisen darauf hin, dass es in der »Gesamt-Welt-Realität« (»Overall World Reality«, kurz OWR) drei verschiedene Bestandteile bzw. Ebenen gibt:

  1. Die materielle Welt, in der wir leben (d.h. in Zeit und Raum)
  2. Ein Bestandteil ohne räumliche Dimensionen, die aber an die Zeit gebunden ist (z.B. über Bewusstseinserfahrungen)
  3. Ein Bestandteil ohne Raum und Zeit

Derzeit können wir über diese drei verschiedenen Bereiche nicht viel Konkretes aussagen und müssen wohl geduldig auf die Flut neuen Wissens warten, das man mit der Auswertung zukünftiger Untersuchungen erwarten darf. Religiöse Menschen werden die 2. und die 3. Ebene vielleicht mit „Gott“ gleichsetzen.

Es ist doch immerhin interessant festzustellen, dass diese „Triade“ („Dreiheit“) quer durch alle Religionen immer wieder auftaucht. Nicht nur im Christentum kennen wir die Dreiheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Auch in der altägyptischen Religion haben wir eine Triade (Osiris-Isis- Horus), im Hinduismus sind es Brahma- Vishnu-Shiva und im Buddhismus die drei Körper des erleuchteten Buddha. Doch das alles sind bloß Namen – leere Muscheln, die die Realität dahinter symbolisieren. Wir müssen uns auf die Suche nach der Beschaffenheit dieser Realitäten machen, und wir müssen dies mit den Werkzeugen und dem kritischen Ansatz der Wissenschaft tun. Die heiligen Schriften, so verehrt sie von ihren Anhängern auch sein mögen, werden uns dabei wenig helfen.

Wie ASW funktioniert

Wie die ASW-Informationen genau verschlüsselt sind, wenn sie im ersten Schritt bei ihrem Empfänger „ankommen“, wissen wir nicht. Bei ihrem Auftauchen im zweiten Schritt sind sie jedenfalls drastisch verzerrt. Diese Störung ist vergleichbar mit normalen Sinnestäuschungen (zusätzlich erschwert durch den Umstand, dass unser Intellekt nicht darauf trainiert ist, nicht-materielle Erfahrungen und Realitäten zu verstehen).

In Visionen kommen die Informationen zum Beispiel verpackt in Licht (elektromagnetische Wellen) unterschiedlicher Wellenlänge an. Unsere Augen sind ausschließlich an Signale angepasst, die von elektromagnetischen Strahlen einer bestimmen Wellenlänge getragen werden. Einige Teile des Spektrums sind für sie unsichtbar, wie zum Beispiel Röntgenstrahlen oder die radioaktive Gamma-Strahlung. Doch selbst die sichtbaren Teile des Spektrums werden nicht als „elektromagnetische Strahlen einer bestimmen Wellenlänge” wahrgenommen, sondern subjektiv als „Licht verschiedener Farben” (und ihre Mischung als „weißes Licht”). Ähnlich verhält es sich beim Hören: Wir nehmen die Signale nicht als bestimmte Vibrationen der Luft wahr, sondern als Hören bestimmter Töne.

Da unser Gehirn an Signale angepasst ist, die von Sinnesorganen kommen, werden ASW-Signale als „in die Sprache der sinnlichen Rezeptoren kodiert” erfahren: die echte Information wird als „Vision gesehen”, als „Stimme gehört“, „Geruch gerochen“ oder auch als Impulse auf Verhaltensreaktionen wahrgenommen. Die ASW-Information wird demnach ausschließlich in Formen wahrge- nommen, die wir aus unserem materiellen Erleben heraus gewohnt sind. Zu diesem Zweck wird die nicht-materielle Realität (unbekannter Natur) in Symbole (Visionen, Stimmen etc.) umgewandelt, und wenn wir über diese dann auch noch zu sprechen versuchen, werden unsere Worte erneut zu Bildern: zu „Symbolen sinnlicher Symbole”.

Es gibt keinen anderen Ausweg aus diesem „Teufelskreis“ als ein neues Weltbild zu entwickeln, das man „mystisch” (=übersinnlich) nennen könnte. Das erinnert an die Zeit, als Physiker begannen, Atome und subatomare Teilchen zu erforschen. Wir wissen, dass unsere Sinne, zusätzlich zu den bereits erwähnten Begrenzungen, auf Objekte ausgerichtet sind, die in der Größe nicht zu stark von unserem eigenen Körper abweichen – ungefähr von einem Samenkorn zu einem weit entfernten Berg. Wir sehen weder Atome noch Bakterien, und können auch die Krümmung der Erde sinnlich nur sehr mühsam erfassen.

Wir haben uns daran gewöhnt, die Objekte unserer Umwelt nach einem Bezugssystem zu klassifizieren, welches Philosophen „naiven Realismus” nennen. Physiker, die versuchen, Atome zu untersuchen, mussten hierfür ein ganz neues Weltbild entwickeln: ein „mathematisches” Bild der Welt, in dem die untersuchte Realität in der Sprache mathematischer Formeln beschrieben wird (konventionelle Worte sind dann unnötig
und werden nur noch dazu verwendet, um Laien, die komplexe Mathematik nicht ver- stehen, eine vereinfachte Beschreibung zu liefern. Experten brauchen folglich nur noch mathematische Formeln, um sich über die untersuchten Objekte zu verständigen.

Es gibt bezüglich der ASW noch weitere Fehlerquellen, die schon Francis Bacon († 1626) als Hindernisse auf dem Weg zur Wahrnehmung und zum Verständnis der physikalischen Welt ausmachte. (Er nannte sie „Idole“.) In ASW-Studien haben sie sich als noch hartnäckiger (und gefährlicher!) als in unserem Alltag erwiesen. Dazu gehören:

  1. Täuschungen aufgrund von Unachtsamkeit, Wunschdenken oder Leichtgläubigkeit, die dazu führen können, gewünschte Fakten überzubewerten oder unerwünschte Tatsachen zu übersehen.
  2. Täuschungen, die ihren Ursprung in Voreingenommenheit und Vorurteilen haben, aber auch in dem, was wir gelernt oder von bewunderten Menschen gehört haben.
  3. Täuschungen, die tief in der Gesellschaft, in der wir leben, verwurzelt sind, und die wir als selbstverständliche Wahrheiten akzeptieren, ohne sie zu reflektieren, wie Gewohnheiten, Moral und Glaubenssysteme, in denen wir groß geworden sind.

Unterschiede zwischen den Religionen

Als vor Tausenden von Jahren im primitiven Menschen das erste Mal der Wunsch erwachte, die Welt besser zu verstehen (zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in der Absicht, einfacher an Nahrung zu kommen und Gefahren effektiver zu verhindern), lernte er, die ihn umgebende Natur zu beobachten und zu verstehen. Natürlich beurteilte er dabei alles, was er sah, von seinem eigenen Standpunkt heraus. So begann er zu glauben, die Welt um ihn herum sei ebenso organisiert wie die menschliche Gesellschaft, in der er lebte. Dadurch war alles um ihn herum lebendig mit einer Schar intelligenter Wesen, die, obwohl (als Geister) unsichtbar, die Ereignisse der Natur kontrollierten.

Alles war lebendig. Es gab Baumgeister, Flussgeister, Tiergeister und auch Geister, die Krankheiten erzeugten. Das war das erste Weltbild, das magische Weltbild. Dieser frühe Mensch wusste, dass alles, was er in Händen hielt, von jemandem gemacht worden war. Da war es nur natürlich anzunehmen, dass die ganze Welt ebenfalls von einem mächtigen, unsichtbaren Wesen „geschaffen” worden war.

Hier mag der Ursprung liegen jenes unbestimmten Gefühls (welches später von flüchtigen ASW-Einblicken noch bekräftigt worden sein mag), jenseits (oder „hinter”) dieser (materiellen) Welt befände sich eine andere, verborgene, nicht-materielle Welt, doch in dieser Phase der bloßen Sicherung der eigenen Existenz wäre es wohl verfrüht, von tiefen spirituellen Motiven zu sprechen (von gewissen Zeremonien im Rahmen des schockierenden Todeserlebnisses einmal abgesehen). In der Zwischenzeit versuchte der Mensch die Natur zu beeinflussen, indem er sich mit den vermeintlichen übernatürlichen Wesen gut stellte, glaubte er doch für die Erfüllung seiner Wünsche auf deren Wohlwollen angewiesen zu sein.

Hier lernte er beispielhaft, was sich im Umgang mit seinen „unsichtbaren Nachbarn” als hilfreich erwies: Immer, wenn er etwas unternehmen wollte (zum Beispiel eine Jagd), versuchte er Methoden (die späteren „Riten”) anzuwenden, die er für wirksam hielt, um freundliche Beziehungen zu ihnen aufzubauen. In Gebeten flehte er die unsichtbaren Wesen um Hilfe an, versuchte, mit ihnen eine Art Handel zu treiben, sie (durch Opfer) zu bestechen oder sie mit der Durchführung magischer Rituale, von denen er glaubte, dass sie für sie unangenehm seien, zum Handeln zu zwingen oder zu bestrafen. Mit der Zeit lernte er zu meditieren, und Priester oder Schamanen (darauf spezialisiert, Kontrolle über diese unsichtbaren Wesenheiten zu erlangen) erlernten Hypnosetechniken: Der Mensch entdeckte veränderte Bewusstseinszustände. Nun war es ihm möglich, auch ASW-Eindrücke zu erlangen.

 

Warum das alles nicht nur die Welt der Religionen, sondern auch unsere eigene Weltsicht ganz entscheidend geprägt hat und warum so etwas Irrationales wie Außersinnliche Wahrnehmung am Ende zu einem gesunden Realismus führt, erfahren wir im zweiten und letzten Teil dieser Mini-Serie von Milan Rýzl.

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Berührt das Wesentliche! https://seinsart-magazin.de/beruehrt-das-wesentliche/ https://seinsart-magazin.de/beruehrt-das-wesentliche/#respond Mon, 04 May 2020 21:00:22 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8102 Weltweit versuchen sich Menschen darin, dem Shutdown ihres Lebens Humor abzutrotzen – sei es mit Videos ihrer Kinder oder Tiere – oder mit nachgestellter Kunst wie bei @tussenkunstenquarantaine. Was kann das sein, „seinart“ in Zeiten einer Pandemie?

Eine lange Pause liegt zwischen heute und der regelmäßigen Bespielung von seinsart, das sich bei seiner Gründung vor bald 5 Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, mit seiner Arbeit das „Wesentliche zu berühren“. Unser Projekt, ein Online-Magazin ganz neuer Art, besaß bei seinem Auftakt weder einen Businessplan noch eine clevere Vermarktungsstrategie. Alles, was wir hatten, war ein kleines Team begeisterter Autor*innen – und eine Handvoll Texte, die anlässlich der Live-Schaltung am 14. Juli 2015 online gehen konnte. Nicht ganz umsonst hatten wir den 14. Juli als unser Gründungsdatum auserkoren: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit sollten auch die Pfeiler unserer Arbeit werden – im Team wie in unserer Sicht auf die Welt.

Fünf Jahre später hat sich die Welt, in der wir leben, fundamental verändert. Und das nicht erst seit der großen Pandemie, die seit einigen Wochen alles für sich reklamiert: unsere Aufmerksamkeit, unseren Alltag, die Nähe zu unseren Liebsten. Vom Merkel’schen „Wir schaffen das“ bis hin zum Coup d’Etat der AfD in Thüringen vergangenen Herbst, von der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA bis hin zur globalen Wirtschaftskrise infolge von Corona, vom Brexit-Referendum bis hin zum Ermächtigungsgesetz eines Viktor Orbán zieht sich eine Spur der Verwüstung durch alles, was uns in politischer Hinsicht als unverrückbar schien.

Die klassischen Bösewichter der Weltpolitik schienen plötzlich ganz harmlos neben dem Feind in unserem eigenen Bett – und das unabhängig von der eigenen Perspektive. Ob man diesen nun in den „Altparteien“ oder in den neuen Rechten vermutete: Von ganz links nach ganz rechts setzte sich die Überzeugung durch, man lebe in gefährlichen Zeiten. Dass es am Ende einem Virus gelingen würde, dieser Gefahr einen Namen zu verleihen, auf den sich fast alle einigen konnten – auch das wäre im Jahr 2015 wohl getrost als Science Fiction oder Weltverschwörungstheorie durchgegangen.

Berührt das Wesentliche! | seinsart
Wie berührt man das Wesentliche?

Wenn sich seinsart nun aus dem Off zurückmeldet, so tut es dies auch, um sich selbst auf den Prüfstand zu stellen. Haben wir in all diesen Jahren wirklich das Wesentliche berührt? Oder haben wir unsere Mission irgendwann aus den Augen verloren, auch wenn wir für unsere Inhalte beinahe den Grimme Online Award bekommen hätten – und in guten Monaten gerne mal sechsstellige Klickzahlen verzeichnen konnten? Ich denke, die Antwort lautet: Ja und Nein. Auch sie gibt es nicht als alternativlose Wahrheit, auch sie ist eine Frage von Standpunkt und Erwartungshaltung.

Als wir uns gründeten, wählten wir bewusst keinen thematischen Schwerpunkt, der es sicher erleichtert hätte, uns als junges Nischenmagazin im Netz zu etablieren. seinsart als Fanzine für sinnliche Sportgymnastik? Oder als Online-Blog für luxemburgische Landhausbesitzer? Uns interessierte im Gegenteil gerade das „Ganzheitliche“, das so vielen Bewegungen oder Medien zu fehlen schien: seinsart eben oder die Kunst zu leben. Dieser Ansatz war es auch, der unsere Rubriken bestimmte: anstelle von Ressorts galt es, Antworten auf die großen Lebensfragen zu formulieren; Diskussion, Verwerfung und Neufindung inklusive. Alles außer Dogma.

Im Verlauf unserer Geschichte führte die Diversität unserer Autor*innen immer mehr dazu, dass wir – ganz ohne Absicht – plötzlich doch so unsere Schwerpunkte entwickelten. Dazu gehörten zweifellos Politik, zwischenmenschliche Beziehungen und mehrteilige Reportagen aus verschiedenen Winkeln dieser Welt. seinsart wurde über Nacht von einem Lebenskunst-Projekt zu einem engagierten Magazin – das sich immer mehr für die Diskussion gesellschaftlicher Entwicklungen zu interessieren begann. Und so verwundert es wohl kaum, dass neben dem Kreis unserer Fans auch unsere Gegner wuchsen – und mit teilweise schmutzigen Methoden gegen uns vorgingen. Ihr wisst schon: Über drei Dinge soll man niemals reden: Religion, Politik und Krankheit.

Berührt das Wesentliche! | seinsart
seinsart – das ist: Alles außer Dogma.

Wie aber vom Wesentlichen schreiben, ohne diese drei Kampfthemen zu berühren? Und wäre das überhaupt noch wesentlich? Diese Frage treibt uns seit dem Ende der regelmäßigen Berichterstattung auf seinsart um – und kehrt nun, in Zeiten des Lockdowns, mit besonderer Wucht zurück. Ist das Wesentliche wirklich der Streit um die richtige Religion – oder nicht viel eher das zeitlose Gedicht von Rumi, das nicht nur den Sufi, sondern auch den Christen wie den Atheist zu berühren versteht? Ist das Wesentliche also Kampf und Kritik und Auseinandersetzung und Diskussion – oder im Gegenteil die gemeinsame Suche nach dem, was verbindet und Brücken in eine bessere Zukunft zu schlagen versteht?

Wir möchten diese Frage nicht selbst beantworten. Wir möchten sie viel eher Dir stellen, die bzw. der Du seinsart in den vergangenen 5 Jahren zu dem gemacht hast, was es ist: eine Plattform für Menschen, die auf der Suche sind – neugierig, engagiert, und auch ein bisschen abgedreht. Schreib uns – auf Facebook, auf Twitter, auf Instagram, was Dich wirklich interessiert. Was erscheint Dir wesentlich – nicht nur angesichts von Covid19, aber natürlich auch. Was willst Du lesen, was willst Du sehen, und – vielleicht am spannendsten: Was willst Du selbst dazu beitragen… filmen… fotografieren?

Nicolas und das Team von seinsart freuen sich darauf, von Dir zu lesen. Was immer Dir auf der Seele brennt – steck uns damit an!

اين جهان كوه است و فعل ما ندا
باز گردد اين نداها را صدا

Die Welt ist ein Berg, und alles, was man je von ihr zurückbekommt, ist der Widerhall der eigenen Stimme.

(Dschalal ad-Din al-Rumi)

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Wenn Geschichte passiert https://seinsart-magazin.de/wenn-geschichte-passiert/ https://seinsart-magazin.de/wenn-geschichte-passiert/#respond Sat, 09 Nov 2019 15:52:56 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8077 Es ist der 9. November. Wieder einmal. Ein Tag wie jeder andere, ein Samstag, ein Tag, an dem das Frühstück so spät gelegen ist, dass man es auch neudeutsch Brunch nennen könnte. Ein Tag, an dem wir aufstehen und Freunde treffen, die übers Wochenende zu uns rausgekommen sind, weil wir auf dem Land wohnen, weil man hier der großen Stadt entkommen kann, der wir alles verdanken und die wir immer weniger ertragen.

Und doch ist es nicht irgendein Tag, wenn man wie wir auf dem Land wohnt und Gäste aus der Stadt empfängt, an einem Tag wie diesem. Es ist der Tag, ohne den wir alle, unsere Freunde und wir, nicht hier wären, ja nicht einmal zusammen, ja nicht einmal in dieser Ecke der Welt. Es ist ein Tag, an dem diese Ecke der Welt weiter entfernt für uns wäre als die Kanaren oder irgendein Robinson Club in Tunesien, in dem ein Herbsttag wie dieser vermutlich idyllischer wäre, zumindest aber wärmer.

Als der 9. November 1989 noch jung war, waren wir es auch, irgendwo im Süden der Republik, an Orten, die sich ähnelten und die wir für die Welt hielten, weil sie es war, weil der Osten uns fern und wir den Machthabern, die ihn umklammert hielten, Feinde schienen, die es zu bekämpfen galt. Ein paar Jahre zuvor war meine Mutter mit mir mitten durch einen Wald an einen Stacheldraht gefahren. Ich erinnere mich, wie wir ausstiegen, weil der Zaun den kleinen Weg überquerte. Da drüben, sagte sie mir, wohnen unsere Verwandten. Ich begriff, dass einer von uns eingezäunt worden war, doch ich wagte mich nicht zu fragen, wer – sie oder wir.

Als nun, an einem 9. November, wenige Jahre später, in unserem Wohnzimmer der Fernseher lief und meine Mutter wie von Sinnen auf der Couch in Staunen geriet, da verstand ich nicht, was die Bilder aus der völlig überfülllten Stadt mit diesem Ausflug in den Wald zu tun haben sollte. „Schau genau hin, da passiert Geschichte”, rief meine Mutter erregt, und ich stahl mich davon, um mit einer umgestülpten Vase und einem ägyptischen Kopf Museum zu spielen.

Wenn wir heute, 30 Jahre später, den Regen auf unser brandenburgisches Dach prasseln hören und im Kamin das Holz in Flammen aufgeht, das wir in unserem Garten vor ein paar Wochen geschlagen haben, dann ist das nicht nur gemütlich und schön, sondern auch Geschichte wie jener Abend, da meine Mutter so aufgeregt und ich so entspannt gewesen bin, weil ich gesehen hatte, dass irgendwo da draußen Tausende von Menschen glücklich waren, einfach, weil sie mit ein paar seltsam aussehenden Autos in einem riesigen Stau zu stecken schienen.

Dieser Tag, den wir gemeinsam erlebt und je nach Alter oder Perspektive vor dem Fernseher, auf der Straße oder in der Sauna verlebten, ist Schuld an unserem ganz individuellen Glück, das wir im Rausch der großen Empörung nur selten spüren können. Die Welt, so scheint uns, wird immer schlechter, immer unsicherer, immer ungerechter. Vielleicht sollten wir Tage wie diese nicht nur dazu nutzen, Fahnen zu schwenken, die Versäumnisse der Vereinigung zu beklagen oder desillusioniert von Fahnen und Wende in unsere Saunen zu kriechen oder zu Spielen, die uns vor der Geschichte bewahren, die da geschieht.

Vielleicht sollten wir statt dessen ganz kurz innehalten und uns fragen, was wir heute täten, an jenem 9. November 2019, an dem höchstens der unseligen Reichsprogromnacht oder der längst vergessenen Revolution von 1918 zu gedenken wäre, wäre da nicht, ja wäre da nicht dieser 9. November 1989 über uns gekommen wie der 14. Juli über Paris. Und plötzlich lege ich für einen Augenblick mein Spielzeug beiseite und sehe meine Freunde an, die hier neben mir, mit mir in diesem brandenburgischen Idyll ein Stück Geschichte sind, jene Geschichte, die wir diesem Datum verdanken und die wir gemeinam, jeden gewöhnlichen Tag und jede gewöhnliche Nacht, ein bisschen mitgestalten, weil andere uns die Möglichkeit dazu gaben – vor genau 30 Jahren.

 

Bild: schaerfsystem (Cover)

 

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Das Ende der Unschuld: Ghetto-Version https://seinsart-magazin.de/der-hass-den-du-gibst/ https://seinsart-magazin.de/der-hass-den-du-gibst/#respond Sat, 13 Jul 2019 14:45:14 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8070 Ein sonniger Tag, Jugendliche spielen draußen auf der Straße. Die Familie Carter sitzt am Tisch, der Vater mit seinen Kindern, der Jüngste noch auf dem Schoss der Mutter. Doch was ein angenehmes Zusammensein zu Mittag sein könnte, ist eine bitterernste Unterhaltung. Denn Familienoberhaupt Maverick erklärt seiner 9-jährigen Tochter Starr und deren 10-jährigem Bruder Seven nicht, dass sie gute Noten schreiben sollen oder Ähnliches. Er erklärt ihnen Überlebensregeln – Überlebensregeln im Umgang mit weißen Polizisten.

Alleine die Tatsache, dass ein Schwarzer seine Familie vor weißen Gesetzeshütern warnen muss, ist erschütternd. Noch stärker trifft dieser Monolog, wenn man in die ehrfürchtigen Gesichter Kinder sehen muss, die in so jungen Jahren auf die harte Realität vorbereitet werden müssen. Das Ende der Unschuld, die Ghetto-Version.

Bereits nach diesem Intro ist klar, dass die Verfilmung des Romanbestsellers „The Hate U Give“ von Angie Thomas kein Film sein wird, der den Zuschauer kalt lässt. War die letzte Welle an Young-Adult Filmen stets zwischen Fantasiewelten und Liebesgeschichten angesiedelt, beschäftigt sich George Tillman Jr. Jugendbuchadaption mit einer harten Wirklichkeit für viele Schwarze in den USA.

Im Zentrum der Geschichte steht die junge Starr, die in zwei Welten gleichzeitig aufwächst. Auf der einen Seite lebt sie mit ihrer Familie in einem berüchtigten Schwarzenviertel, auf der anderen Seite besucht sie eine Privatschule mit reichen weißen Mitschülern. Zu Hause versucht sie, ihre genau einstudierte, glatte Art aus dem Unterricht nicht zu übernehmen. Dort wiederrum will sie auf keinen Fall durch ihr sonst selbstbewusstes Auftreten aufzufallen. Kein Aufsehen erregen, auf keiner der beiden Seiten. Somit wird ihr Alltag durch ständige Selbstkontrolle beherrscht.

Doch dieses fragile Gleichgewicht gelängt nach einer verheerenden Nacht aus den Fugen: Nach einer Party muss sie mit ansehen, wie ihr Jugendfreund Kahlil von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wird. Obwohl sie in der Theorie von ihrem Vater vorbereitet ist, überrollt Star eiskalt die soziale Ungerechtigkeit nach den Schüssen: Es ist unklar, ob der Täter überhaupt vor Gericht gestellt werden wird, sowohl Presse als auch Ermittler stürzen sich lieber auf die kriminelle Vergangenheit des Opfers als auf die Umstände seines Todes.

Während ihre Mutter Lisa versucht, Starr aus der Schusslinie zu ziehen, bekräftigt sie die Wut ihres Vaters Maverick in der Entscheidung, vor einer Grand Jury auszusagen, um eine Anklage gegen den Schützen zu erwirken. Doch diese Entscheidung tritt eine ungeahnte Lawine für die ganze Familie los:

Maverick wird von seiner Vergangenheit eingeholt, die durch ein kompliziertes Familiengeflecht näher mit Kahlils kriminellen Machenschaften verbunden ist, als den Carters lieb sein kann. Seven wird Opfer körperlicher Gewalt und die Anfeindungen seitens der Polizei als auch aus den eigenen Reihen gewinnen an Intensität. Als schließlich Schüsse auf ihr Haus abgefeuert werden, hat sich etwas in Starr selbst verändert: Das unauffällige Mädchen sieht sich gezwungen, aus seiner eigenen selbst auferlegten Rolle auszubrechen und sich seiner Umwelt (entgegen)zustellen. Ob sie es will oder nicht, sie muss Stellung beziehen – bei Ihren vermeintlichen Freunden, ihrer Familie und nicht zuletzt einer ganzen Bewegung, die sie mit ihrem Augenzeugenbericht unterstützt.

Das eine von solchen Themen geladene Geschichte trotz zahlreicher eindringlicher Momente nicht zu einem Trauerspiel gerät, liegt vor allem an Amandla Stenbergs großartigem Spiel. In einem Interview spricht sie von „zeitgenössischen Rassismus“, welcher das Leben ihrer Figur umgibt. Wie alle Darsteller kann sie selbst auf viele persönliche Erfahrungen zurückgreifen, welche ihrer Darstellung mehr Tiefe verleihen als nur pures Talent es kann. Daher ist auch schnell klar, was den Film besonders auszeichnet: Es ist die tiefe Menschlichkeit, mit welcher er seine Geschichte erzählt.

Stenberg ist das Herz und Zentrum des Geschehens. Die Verknüpfung aller Geschehnisse geben ihrer Figur eine angenehm realistische und logische Entwicklung, die sich in jedem Schritt nachvollziehen lässt und sich nicht in übertriebenen Gesten zeigt. Fein balanciert sie Angst, Wut und Mut und zeichnet so das Bild eines intelligenten Mädchens, dass weiß, wo ihre Limitationen liegen und was sie bewegen kann (und muss). Sie ist eine junge Frau, die nicht an ihren Lebensumständen bricht – sie wächst an ihnen und ist durch ihre traumatische Vergangenheit, von der wir langsam erfahren, sogar an ihnen gewachsen. Allen Widrigkeiten zuwider ist sie eine starke und lebensfrohe Person, die den liebevollen Rückhalt ihrer Familie nutz, um Kraft für ihre tägliche Maskerade zu schöpfen.

Dies funktioniert besonders gut, weil ihre Familiensituation und soziale Einbindung in die Schule ebenfalls differenziert dargestellt werden. Russell Hornsby spielt ihren Vater mit bestimmter Härte, tiefer Zuneigung und hart erlernter Weisheit. Daneben glänzt Regina Hall als Mutter Lisa, die fest entschlossen ist, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wie ihr Mann – oder auch wegen ihm – hatte sie s nicht immer leicht, ist aber fest gewillt, ihrem Motto treu zu bleiben und stets nach vorne zu sehen.  In kleineren Rollen brillieren Anthony Mackie als bedrohlicher aber dennoch menschlicher Dealer und K.J. Apa als Starrs (weißer) Freund.

Seine Lauflänge von 128 Minuten nutzt „The Hate U Give“ für einen Rundumschlag von wichtigen sozialen und menschlichen Themen, die angesprochen werden: Neben der Polizeigewalt, sozialen Missständen und dem Aufruf zur Zivilcourage schwenkt er auch bei unterschwelligem und inversem Rassismus, Gewalt innerhalb der schwarzen Gemeinschaft und für Jugendliche existenzielle Fragen vorbei. Auch wenn nicht jede Station so intensiv ist wie das Intro, trifft der Film sehr genau den richtigen Ton und hat eine beeindruckende Leichtigkeit, alles organisch ineinander zu verweben.

Zwar ist anzumerken, dass die juristischen Folgen der Schüsse – der eigentliche Angelpunkt der Geschichte und Auslöser der Eskalation des Konflikts –  gegen Ende hin aus dem Fokus verloren werden und der Epilog vielleicht etwas geschönt ist. Doch an seinem Höhepunkt findet der Film noch einmal die Wucht der ersten Szene zurück, wenn der Film für Folgen der Gewaltspirale eine beinharte Visualisierung findet. Die komplette Bedeutung des Kredos THUG LIFE (= The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody) des Rappers Tupac Shakur, an welchen der an welchen der Titel angelehnt ist, wird dem Zuschauer lange nicht mehr aus dem Sinn gehen.

Regisseur George Tillman, Jr. erwähnt im Making Of, dass er bereits beim Titel wusste, dass es sich hier „um etwas Echtes“ handelt. Eine ungekünstelte Geschichte, die Diskussionen anregen will und wird. Mit seiner Verfilmung ist ihm ein ebenbürtiges Werk gelungen, welches seinen eigenen hohen Ansprüchen, der Vorlage und den facettenreichen Thematiken gerecht wird.

Hoffentlich inspiriert er viele Diskussionen – getan hat er es bereits mit diesem Artikel.

„The Hate U Give“ erscheint am 11.7. überall zu kaufen. Unbedingt ansehen.

Titel The Hate U Give
Veröffentlichung 11.07.2019
Altersfreigabe FSK ab 12 freigegeben
Länge 128 Minuten

Bild: 20th Century Fox Home Entertainment

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Süß war gestern: Mein Jahr ohne Zucker und Gluten https://seinsart-magazin.de/suess-war-gestern-mein-jahr-ohne-zucker-und-gluten/ https://seinsart-magazin.de/suess-war-gestern-mein-jahr-ohne-zucker-und-gluten/#respond Thu, 10 Jan 2019 12:20:44 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8054 „Arm hoch – und jetzt gegenhalten!“ herrscht mich der Osteopath an. Ich liege auf einer Patientenliege und habe den linken Arm in die Höhe gestreckt, bereit, auf das nächste Kommando zu reagieren. Ich soll erst mit aller Kraft gegen drücken und dann – kurz nachdem der Befehl „jetzt“ kommt  – den Arm ganz spontan fallen lassen. Der Osteopath hat eine dicke, leicht beschmierte Brille und seine Praxis ist ausgesprochen gut beheizt. Jedenfalls schwitze ich, was bei mir nur äußerst selten vorkommt. Aufgrund eines andauernden Surren im Ohrs habe ich mich an ihn gewandt, ganzheitlich, immer eine gute Sache, wenn man das Gefühl hat, irgendwie stimmt insgesamt was nicht. Das Eingangsgespräch lief allerdings ganzheitlich betrachtet in die völlig falsche Richtung: „Reizdarm, Darmsanierung, glutenfrei, ohne Zucker, seit einem Jahr ?…Mmh“, machte der Naturheilkundler als ich von meiner Ernährungsumstellung berichtete und schaute mich aus seinen dicken Brillengläsern vielsagend an.

Es war mein Fehler, ich hatte ihn auf eine spannende Spur geschickt, die er jetzt offensichtlich dringend verfolgen wollte: Meine Darmprobleme. „Legen sie sich mal hin“, lautete der Befehl. Was folgte, war Kinesiologie. Eine Bewegungslehre, bei dem davon ausgegangen wird, das bei bestimmten Beschwerden, bestimmte Muskelgruppen geschwächt und so bestimmte Energieflüsse gestört werden. So habe ich seine ungeduldig genuschelte Erklärung jedenfalls verstanden. Und schon lag ich flach. „Irgendwie klappt das bei Ihnen nicht“, der Osteopath wurde merklich ärgerlich. Ich stammelte irgendwas von „überrumpelt“, da hatte ich schon eine handvoll kleine Steinchen auf dem Bauch liegen, die er jetzt mit einem sichtlich erleichterten Blick anlächelte. „ Sie haben Parasiten!“ rief der Osteopath begeistert und schrieb mir eine Mixtur von fünf chinesische Kräuter auf, die ich bei einer speziellen Apotheke bestellen sollte. Eilig stieg ich von der Liege und ging nach nach Hause.

Das ganze Jahr über hatte ich mich mehr und manchmal auch ein kleines bisschen weniger aufgrund einer kompletten Darmsanierung an meine neue Ernährungsumstellung gehalten. Kein offener Zucker und auch den versteckten Zucker so gut es geht vermeiden. Das hieß nicht nur den bekanntlich schädlichen, weißen Industriezucker weglassen. Es hieß auch den braunen Rohrzucker, Ahornsirup und was die Biokiste noch so alles als „besseren“ Zucker verkaufte, wieder wegstellen. Genauso wie Fruktose in Form von Früchten, Marmelade und Fruchtjoghurts. Für einen Süßfrühstücker wie mich eine echte Herausforderung. Dazu: Um alles, was mit Weizengluten zu tun hat, einen Bogen machen. Keine Pasta, keine Pizza und kein Toast. Keine vegetarischen Ersatzprodukte, die gerne auf Weizenbasis hergestellt werden und kein – ja, das war am härtesten – Kuchen.

Der Erfolg stellte sich erst nach mehreren Monaten ein. In dieser Zeit habe ich nie an meiner Entscheidung gezweifelt. Neben einer besseren Haut, hatte sich vor allem mein Blutzuckerspiegel entscheidend stabilisiert. Mit zitternden Fingern, trockenem Mund und stinkend schlechter Laune in den Späti rasen und mit schwacher Stimme ein Bounty verlangen, um nicht mit Kind und Einkaufstüten in der Hand urplötzlich umzufallen? Vorbei. Peinlich-plötzliches Aufspringen bei einer Essenseinladung, nachdem der Teller Nudeln mit Gorgonzolasauce gerade eben verdaut war und in ICE-Geschwindigkeit durch meinen Dickdarm ins Besucherklo rauschte? Nie mehr passiert. Knallharter Bauch, aufgedunsen wie im siebten Monat mit schmerzhaften Blähungen und Stechen im Unterbauch? Nur noch ganz selten. Das Weglassen der beiden aggressiven Darmflora-Killer Zucker und Weizengluten hatte mir insgesamt gut getan, meine Beschwerden hatten merklich abgenommen – ganz verschwunden waren sie allerdings nicht.

Deswegen machte mir die „Diagnose“ des Osteopathen natürlich zu schaffen. Kamen nach Reizdarm und Fehlbesiedelung nun die Tiere?  Klang wie in einem schlechten Remake von „Alien“ , aber bitte nicht in meinem Bauch. Ich war mal wieder verunsichert. Trotz der positiven Erfahrung mit dem Thema bewusste Ernährung muss ich zugeben, dass es aufwendig ist, sich zuckerfrei und glutenfrei zu ernähren. Schaut man sich auf anderen Blogs und in anderen Communitys um, geht es zu 90 Prozent um Diäten, wie etwa die Low-FODMAP-Diät, bei der man bestimmte, vom Dünndarm schwer absorbierbare Nahrungsmittel weglässt oder allgemeine Diättipps, die über humorlose Spinat-Grünkohl-Smoothies und ein paar einsamen Nüssen auf dem extradicken Pancake vesuchen, Gewichtsreduktion zum Lifestyleevent zu machen. Auch die sogenannten Muttiblogs bedienen die Sparte „gesundes Essen“, da tauchen dann die angesagten Bananenbrote mit Dinkelmehl oder der fluffige Couscous mit Paprikagesichtern auf. Und entgegen meiner heimlich gehegten Erwartungen bin ich bis jetzt auch noch kein hipper Foodie, der auf Instagram als bezahlter Micro-Influencer Food Porn im ganz großen Stil betreibt. Wie vor der Umstellung habe ich ein Set von circa zehn Gerichten, die „gehen“, den Rest kaufe ich mir zusammen. Nach Rezept Brotbacken zum Beispiel, hat sich für mich zu einer unüberwindbaren Hürde erwiesen. Keine Lust, keine Zeit, keine Ideen.

Dafür kenne ich sämtliche glutenfreien Schnellbackmischungen und Pasta-Ersatzprodukte in- und auswendig. Statt zur Kochnudel oder zum Foodienerd zu mutieren, war ich eine Art Produkttesterin geworden: Sämtliche Schleckereien, wie etwa mit Reissirup gezuckertes Morgenmüsli, glutenfreien Brötchen, Backmischungen für minimal gezuckerten Käsekuchen, Pfannkuchen, Müsliriegel, fruktosefreie Marmelade und anderen Zutaten zur gluten- und zuckerfreien Ernährung wie Hirse, Quinoa, Linsennudeln und Reissmilch kaufe ich tatsächlich im Biomarkt oder in der noch immer hochfrequentierten Drogerie. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dieser Markt wächst und monatlich neue schick designte Packungen in die Regale spült, die irgendein Superfood versprechen und damit wohl auch ein neues, super Leben. Ich habe also gar keine Zeit, mich um etwaige Tiere in meinem Inneren zu kümmern. Für mich gilt mehr denn je: Süß war gestern und mit halbgaren Diagnosen lasse ich mich nicht mehr abspeisen.

Rezept:

Leckeres Porridge mit Mandel, Reissirup und Zimt

Zutaten:
– Glutenfreies Porridge aus dem Biomarkt
– Reissdrink
– 1 halber Apfel
– eine handvoll Mandeln
– Reissirup
– Zimt

Porridge und Reisdrink in der gewünschten Menge im Topf erhitzen, 5 min. köcheln lassen.
Mit einem halben Apfel, der handvoll Mandeln anrichten, Zimt darüber streuen, fertig!

 

Mehr zuckerfreie und glutenfreie Gerichte auf Instagram unter www.instagram.com/zuckerblock

 

Bilder: silviarita (Cover); Cosima Grohmann (im Text)

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Sprache ist keine Waffe https://seinsart-magazin.de/sprache-ist-keine-waffe/ https://seinsart-magazin.de/sprache-ist-keine-waffe/#respond Tue, 23 Oct 2018 00:31:50 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8032 Vielsprachigkeit ist kein exotisches Phänomen. Im Gegenteil. Weltweit betrachtet gibt es eine größere Anzahl mehrsprachiger als einsprachiger Menschen. Wenn in Europa nun darum gerungen wird, Kinder früher mit Fremdsprachen vertraut zu machen, sollte nicht nur auf Institutionen vertraut und die berufliche Qualifikation in den Fokus des Spracherwerbs gestellt werden.

 

Historisch betrachtet ist individuelle Mehrsprachigkeit fast immer das Ergebnis frühkindlicher Praxis in einem gemischtsprachigen Umfeld. Eine Erinnerung an das Alexandria des frühen 20. Jahrhunderts mag als anschauliches Beispiel für die Umstände dieses beiläufigen Spracherwerbs dienen: „Die Kinder gehen (…) in eine französische Schule. So wird französisch für die Mädchen die erste Sprache, in der sie lesen und schreiben lernen. Zu Hause sprechen sie italienisch. (…) Nebenan leben griechische Nachbarn. So wird auch griechisch ganz selbstverständlich eine Sprache der Kinder. Arabisch, die Sprache der Ägypter, lernen sie nur vom Personal.“ (zitiert nach: „Von hier bis Alexandria! Nach Erinnerungen der Marie-Luise Nagel“)

Der koloniale Beigeschmack dieser Schilderung ist nicht ganz zufällig. Die im Nachhinein von zahlreichen westlichen wie nahöstlichen Autoren gepriesene Mehrsprachigkeit der europäisch dominierten Städte rund ums östliche und südliche Mittelmeer waren nicht die Folge eines historisch gewachsenen Pluralismus, sondern europäischer Expansionspolitik. Zugleich war sie fruchtbarer Nährboden einer gelebten Multikulturalität, die in der Gegenwart fast unwirklich scheint. Persönlichkeiten wie Dalida, die als eine in Kairo geborene Tochter italienischer Einwanderer nach ihrer Wahl zur Miss Egypt Karriere als französische Sängerin in Paris machen und arabischsprachige Rollen in den Filmen ägyptischer Regisseure mit libanesisch-griechischer Abstammung spielen konnte, scheinen zum schillernden Tableau einer untergegangenen Welt zu gehören.

Denn obwohl auch in Europa durch Flucht und Migration eine andauernde Diversifizierung der hiesigen Populationen zu verzeichnen ist, bleibt es in den meisten Fällen bei einer sogenannten territorialen Mehrsprachigkeit. In vielen Fällen ist dieses Leben nebeneinander statt miteinander das Ergebnis eines schlichten Pragmatismus; wo der Erwerb einer neuen Sprache nicht nötig ist, unterbleibt er. Doch eine tiefere Ursache für die neue sprachliche Enge auf beiden Seiten ist auch ein kultureller Chauvinismus, der nicht allein durch zusätzlichen Sprachunterricht ausgeräumt werden kann. Wo Sprache von den einen als Mittel der Abgrenzung und von den anderen als Mittel der Exzellenz instrumentalisiert wird, bleiben der tiefere Sinn und Nutzen echter Mehrsprachigkeit auf der Strecke.

Sprache ist keine Waffe, die es zu laden gilt; ihre vornehmste Eigenschaft ist es, uns zu verbinden und zu verwandeln, und das ganz nebenbei. Bevor wir also unsere Kinder mit Chinesisch im Kindergarten für den Kampf in einer globalen Wirtschaft rüsten, sollten wir sie dazu befähigen, durch alltägliche Begegnungen mit dem Fremden verbindende Freuden und Interessen zu entdecken. Sprache und Entwicklung sind wechselseitig voneinander abhängig. Diese alte Weisheit galt nicht nur in Alexandria, sie gilt auch heute noch in Chemnitz und Neukölln.

 

Bild: libellule789

 

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