seinsart https://seinsart-magazin.de berührt das wesentliche Wed, 27 May 2020 18:32:25 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.4.1 https://seinsart-magazin.de/wp-content/uploads/2015/12/ava_fett-5661e931v1_site_icon-32x32.png seinsart https://seinsart-magazin.de 32 32 I can’t breathe https://seinsart-magazin.de/i-cant-breathe/ https://seinsart-magazin.de/i-cant-breathe/#respond Wed, 27 May 2020 14:53:01 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8194 Kann es etwas Bedrohlicheres, Eindeutigeres & Erstzunehmenderes geben als „Ich kann nicht mehr atmen“? Wie lange werden wir noch töten, weil wir nicht begreifen wollen? Kommunikation: die Fähigkeit uns mitzuteilen. Aber auch: die Fähigkeit zuzuhören.

Unsere gegenwärtige Krise ist nicht nur eine wirtschaftliche, eine politische und eine gesundheitliche. Sie ist all das, aber sie ist auch eine Krise der Kommunikation. Ziel meiner Kritik an der Kommunikation im öffentlichen Raum ist das fundamentale Missverständnis, das uns in den vergangenen 100 Jahren begleitet hat und das im Laufe dieser Zeit immer evidenter geworden ist: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Kommunikation ist keine Verlautbarung, Kommunikation ist keine Propaganda.

Die Hinweise, die dieses Missverständnis offenlegen, sind mannigfaltig. Von der Aussage einer politischen Partei, man müsse die eigenen Erfolge nur „besser kommunizieren“ bis hin zur Wut über die sozialen Medien, in denen Menschen eine Meinung äußern, die hauptberuflichen Meinungsäußerern zuwider läuft – egal aus welchen Gründen. Schnell ist der Vorwurf zur Hand, die sozialen Medien müssten stärker gegen Meinungen vorgehen, die gegen unsere politischen Überzeugungen verstoßen. 

Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

Dieser Einwand, der jedem „rechtschaffenden Bürger“ einleuchten wird, der noch nicht „ans rechte Lager“ verloren gegangen ist, ist trotz seiner guten Absichten ein gefährliches Schwert, das dem weit verbreiteten Missverständnis über Kommunikation auf beiden Seiten des ideologischen Grabens Vorschub leistet. Der Lügenpresse-Vorwurf hat deshalb so gut verfangen, weil er eine Schwäche unserer medialen Kommunikationskultur ins Visier genommen hat: die abnehmende Fähigkeit, einander zuzuhören.

Auf den Punkt gebracht: Wenn russische Trolle Unwahrheiten über politische Entscheidungsträger im Westen lancieren, ist das eine politische Einflussnahme, die klar abzulehnen ist. Wenn aber der Eindruck entsteht, dass zwischen Trollen und Trotteln kein Unterschied gemacht wird, dass jeder unqualifizierten Meinung über den Mund gefahren werden muss, hat nicht verstanden, welche Gefahr dieser Verzicht auf echte Kommunikation in sich birgt.

Wer zwischen Trollen und Trotteln nicht unterscheidet, gefährdet unser Gemeinwesen.

Ich werde nie verstehen, wie man der Meinung sein kann, „rechte Spinner“ für die eigenen Standpunkte zu gewinnen, indem man sie „rechte Spinner“ nennt und damit klar in eine Position drängt, die eher einem Patienten als einem Dialogpartner zukommt. Björn Höcke als Faschisten zu bezeichnen, ist medial en vogue und inhaltlich sicher zu diskutieren – aber: Sollte die öffentliche Funktion von Kommunikation wirklich auf die Erziehung des Wählers beschränkt bleiben? Und was für ein politsches Verständnis steht eigentlich hinter diesem Menschenbild, das den Wähler als potenzielle Gefahr und nicht als Souverän wahrnimmt?

Ich wünsche mir, dass wir die Chance der sozialen Medien für unsere Kommunikationskultur begreifen und dass wir uns nicht darauf konzentrieren, sie zwischen Bagatellisierung und Kriminalisierung an den politischen Rand zu drängen. Journalistische Initiativen wie „Deutschland spricht“ der ZEIT, die Menschen unterschiedlicher Sichtweisen und Perspektiven zusammenbringen, um einen echten Dialog zu führen, sind der richtige Weg – und sollten in großem Stil aufgebaut und ausgebaut werden. 

Echter Dialog entsteht abseits von Bagatellisierung und Kriminalisierung.

Unser Versuch, die alte Kommunikation mit Sendern und Empfängern über den medialen Bruch, der uns alle – Instititutionen wie Einzelpersonen – vor enorme Herausforderungen stellt, hinwegzuretten, sind zum Scheitern verurteilt. Twitter, Facebook und Instagram sind nicht einfach neue Gewänder für den alten Kaiser: Sie sind interaktive, immerwährende Diskussionsplattformen mit allen Risiken und Chancen, die gleichberechtigter Austausch mit sich bringt. Sie sind das Parlament der Zukunft, und gerade deshalb sollten wir begreifen, sie besser zu nutzen – und wirklich zu verstehen.

Steigen wir in den Ring, lernen wir genau hinzuhören und genau zu argumentieren. Lernen wir, dass Kommunikation Neugier erfordert und Empathie. Wenn an Tagen wie heute weltweit ein Mensch betrauert wird, dessen Tod aus rassistischen Vorurteilen heraus erwirkt und billigend von allen Umstehenden in Kauf genommen wurde, so sollte dieser grauenhafte Vorfall auch unsere Augen und Ohren dafür öffnen, was er uns zu lehren hat: „I can’t breathe“ ist George Floyds Vermächtnis an eine Gesellschaft, die nicht hören will, weil sie zu wissen meint, was der andere zu sagen hat.

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Warum das, was wir sehen, nur die halbe Wahrheit ist https://seinsart-magazin.de/warum-das-was-wir-sehen-nur-die-halbe-wahrheit-ist/ https://seinsart-magazin.de/warum-das-was-wir-sehen-nur-die-halbe-wahrheit-ist/#respond Fri, 22 May 2020 17:03:20 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8171 Dr. Milan Rýzl zählt zu den bekanntesten Vertretern der wissenschaftlichen Parapsychologie. Der 1928 in Prag geborene Wissenschaftler promovierte in Biochemie. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich, getrieben von einer „brennenden Neugier“, mit okkulten Phänomenen. Sein spezielles Interesse galt dabei dem Phänomen Außersinnliche Wahrnehmung. Nach Gründung der ersten parapsychologischen Studiengruppe Europas gewann Rýzl 1962 den McDougall Preis für ausgezeichnete Arbeit auf dem Feld der Parapsychologie. 

Nach seiner Emigration in die USA arbeitete er zunächst an Joseph Banks Rhines Parapsychologischem Laboratorium an der Duke University. Im Anschluss lehrte er Parapsychologie an verschiedenen Universitäten, u. a. an der San José State University und an der University of California. Zahlreiche populärwissenschaftliche Publikationen, die in viele Sprachen übersetzt worden sind, machten ihn zu einem der meistgelesenen Parapsychologen der Welt. (Quelle: Wikipedia)  

Rýzl starb im Juli 2011 in Sacramento. Aus Anlass seines 92. Geburtstags veröffentlichen wir hier einen zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorgelegten Artikel von Milan Rýzl, den er uns kurz vor seinem Tod zukommen ließ und der angesichts der aktuellen Lage wichtiger denn je erscheint.

 

Lassen Sie uns diese Betrachtungen damit beginnen, die Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft einmal klar zu bestimmen.

Erster Unterschied: Wissenschaft vermehrt unser Wissen über die Welt durch die Anhäufung von Wissen, das von zahllosen Generationen erworben wurde. Sie wächst und wird niemals abgeschlossen sein, weil die Zukunft neues Wissen bringen wird, welches in das alte Bild integriert werden muss. Im Gegensatz dazu versucht Religion eine Lehre aufrechtzuerhalten und zu verbreiten, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden zur endgültigen Wahrheit erklärt wurden. Dabei entmutigt (oder behindert) sie jede Suche nach zusätzlichem Wissen. Demzufolge neigt sie dazu, alle wissenschaftlichen Untersuchungen zu unterdrücken (die unbequemes und für einen Gläubigen unnötiges Wissen enthüllen könnte) und im Extremfall ihre Gegner auch gewaltsam zu vernichten (wobei sie angeblich dem Willen „Gottes“ folgt.

Zweiter Unterschied: Wissenschaft sammelt Informationen über Gegenstände im Raum, welche sich im Laufe der Zeit verändern und daher Bestandteile unserer physikalischen Welt sind. Der Religion geht es gerade um die unveränderlichen Wahrheiten jenseits von Zeit und Raum. Religiöse Vorstellungen über Gott, die Götter und spirituelle Wesenheiten wie die „Seele“ änderten sich im Laufe der Jahrtausende natürlich auch: Bevor der Mensch imstande war, über Realitäten jenseits seiner Umwelt nachzudenken, nahm er an, Götter und Geister existierten mit ihm in der materiellen Welt, wenn auch unsichtbar oder an unzugänglichen Plätzen. Die erste Auffassung von „Seele“ war etwas, „das den Körper bewegt“ (heute würde man sagen: „den Stoffwechsel betreffende Prozesse im Gewebe“). Später verstand man unter demselben Begriff (symbolisch visualisiert als Taube) ein Gebilde, das, obschon noch immer ein Teil dieser Welt, aus einem feineren, zarteren Material besteht (heute oft „astral“ genannt). Ich erinnere mich daran, wie wir, als ich ein Kind war, eine Familie auf dem Land besuchten, welche das Fenster öffneten, sobald jemand gestorben war, damit die Seele den Körper verlassen kann – als ob sie ein unsichtbares, aber physikalisches Objekt wäre.

Erst später setzte sich die (vom Philosophen Platon († 348 v. Chr.) hergeleitete) „platonische“ Anschauung durch und floss auch in die Lehren des Christentums ein. Demnach befasst sich Religion mit Wesen (die angenommen, aber nicht bewiesen wurden, da zur damaligen Zeit kein rigoroser wissenschaftlicher Nachweis erforderlich und der Name als Symbol von Realität ausreichend war), mit Wesen also, von denen man annahm, dass sie „außerhalb“ oder „jenseits“ oder „über“ der materiellen Welt existieren. Aber dies ist ein Bereich, den Wissenschaft „a priori“ (von vornherein) nicht berührt.

Wir Menschen (oder präziser gesagt: unsere Körper) existieren in der materiellen Welt von Zeit und Raum. In der Tat hing unsere Existenz im Lauf der Evolution des Lebens auf der Erde (und unsere Hoffnung, in einer grundsätzlich feindlichen Umgebung zu überleben) von der Anpassungsfähigkeit unserer Vorfahren an das Leben in der materiellen Welt ab. Unsere Sinne haben sich entwickelt, um Signale über relevante Fakten in der materiellen Welt zu empfangen (und uns damit Informationen zu übermitteln, die notwendig für unser Überleben waren, um Nahrung zu finden oder Gefahren zu vermeiden). Unser Gehirn (intellektuelle Kompetenz) entwickelte sich als ein Werkzeug zur Organisation von Sinneseindrücken, das uns dabei half, effizienter mit unserer Umgebung zurechtzukommen.

Nichts jedoch förderte unsere Wahrnehmung und das Verständnis nicht-materieller Realitäten, wie sie die Religionen behandeln. Und da sie nicht wahrgenommen werden können, existieren sie auch nicht für uns. Wir kennen nur eine einzige Ausnahme, die nicht in unsere physikalische Realität passt: unser Bewusstsein. Bewusstsein scheint mehr eine Tätigkeit als ein Wesen zu sein, welche sich zwar mit der Zeit verändert, aber keinen Raum einnimmt.

Außersinnliche Wahrnehmung

Moderne Parapsychologen (ich spreche hier von Wissenschaftlern, nicht von Esoterikern) behaupten, Außersinnliche Wahrnehmung (ASW) experimentell nachgewiesen zu haben. (Diese Behauptung ist unter Wissenschaftlern, die sich ausschließlich mit Raum-Zeit-Phänomenen beschäftigen, immer noch umstritten.) Parapsychologen bevorzugen hingegen eine breitere Definition des wissenschaftlichen Aufgabenfelds, das auch eine Beschäftigung mit Realitäten ermöglicht, die außerhalb von Raum und Zeit existieren. Es umfasst hierbei jeden Gegenstand, der mit exakten wissenschaftlichen Methoden unter- sucht werden kann.

In der Zwischenzeit haben Paraspychologen eine ganze Reihe von Regeln entdeckt, nach denen ASW funktioniert. So haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass ASW eine normale (wenn auch derzeit unterentwickelte) menschliche Fähigkeit ist, die sogar bei höher entwickelten Tieren zu beobachten ist. Daher funktioniert sie völlig gesetzmäßig. Das einzige Problem besteht darin, dass die Voraussetzungen, die für ihr Funktionieren benötigt werden, nicht einfach nach Bedarf erzeugt werden können. (Wenn die wahrnehmende Person in einer optimistischen, fröhlichen Stimmung sein muss – wie kann man diese „auf Bestellung” erzeugen und dann auch noch den Grad messen, in dem sie erfüllt wurde?)

Wir wissen außerdem, dass ASW sehr gut in anderen Bewusstseinszuständen funktioniert (wie Schlaf, Hypnose oder Meditation), aber ebenso spontan im Alltag (wenn die Person in einem Zustand völliger Konzentration in ein Problem vertieft ist). ASW funktioniert, soweit wir wissen, in zwei Schritten: Zunächst wird die Information auf der unbewussten Ebene empfangen (wie dieser Vorgang stattfindet, ist unbekannt; wir wissen nur, dass die Übertragung nicht an physikalische Energien gebunden ist – was einen nicht-physikalischen Charakter nahelegt) – und dann manifestiert sie sich in einer Verhaltens- oder körperlichen Reaktion (z.B. Wechsel des Blutdrucks), meistens aber in einer bewussten Erfahrung.

In jedem Fall stellt ASW die derzeit einzige bekannte Verbindung zwischen zeitlich- und räumlich gebundenen Körperfunktionen und nicht-materiellen Realitäten (jenseits von Raum und Zeit) dar. Wird ASW verantwortungsbewusst eingesetzt, funktioniert sie wie ein zusätzlicher („sechster“) Sinn, der uns brauchbare Informationen über die materielle Welt liefert – und gleichzeitig eine Verbindung zur einer nicht-materiellen Realität herstellt, sofern diese denn existiert.

Angenommen sie existierte: Lassen Sie uns vorläufige Informationen darüber auftreiben, wie sie beschaffen sein mag. Dafür können wir die Ergebnisse parapsychologischer Forschung mit den bekannten religiösen Überlieferungen vergleichen, immer angenommen, dass Religionen nicht einfach bloße Ammenmärchen alter Weiser sind und dass ihre Lehren möglicherweise einige – via ASW gewonnene – Einblicke in eine tatsächlich existierende nicht-materielle Welt ermöglichen. Ergebnisse jüngerer ASW-Forschung weisen darauf hin, dass es in der »Gesamt-Welt-Realität« (»Overall World Reality«, kurz OWR) drei verschiedene Bestandteile bzw. Ebenen gibt:

  1. Die materielle Welt, in der wir leben (d.h. in Zeit und Raum)
  2. Ein Bestandteil ohne räumliche Dimensionen, die aber an die Zeit gebunden ist (z.B. über Bewusstseinserfahrungen)
  3. Ein Bestandteil ohne Raum und Zeit

Derzeit können wir über diese drei verschiedenen Bereiche nicht viel Konkretes aussagen und müssen wohl geduldig auf die Flut neuen Wissens warten, das man mit der Auswertung zukünftiger Untersuchungen erwarten darf. Religiöse Menschen werden die 2. und die 3. Ebene vielleicht mit „Gott“ gleichsetzen.

Es ist doch immerhin interessant festzustellen, dass diese „Triade“ („Dreiheit“) quer durch alle Religionen immer wieder auftaucht. Nicht nur im Christentum kennen wir die Dreiheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Auch in der altägyptischen Religion haben wir eine Triade (Osiris-Isis- Horus), im Hinduismus sind es Brahma- Vishnu-Shiva und im Buddhismus die drei Körper des erleuchteten Buddha. Doch das alles sind bloß Namen – leere Muscheln, die die Realität dahinter symbolisieren. Wir müssen uns auf die Suche nach der Beschaffenheit dieser Realitäten machen, und wir müssen dies mit den Werkzeugen und dem kritischen Ansatz der Wissenschaft tun. Die heiligen Schriften, so verehrt sie von ihren Anhängern auch sein mögen, werden uns dabei wenig helfen.

Wie ASW funktioniert

Wie die ASW-Informationen genau verschlüsselt sind, wenn sie im ersten Schritt bei ihrem Empfänger „ankommen“, wissen wir nicht. Bei ihrem Auftauchen im zweiten Schritt sind sie jedenfalls drastisch verzerrt. Diese Störung ist vergleichbar mit normalen Sinnestäuschungen (zusätzlich erschwert durch den Umstand, dass unser Intellekt nicht darauf trainiert ist, nicht-materielle Erfahrungen und Realitäten zu verstehen).

In Visionen kommen die Informationen zum Beispiel verpackt in Licht (elektromagnetische Wellen) unterschiedlicher Wellenlänge an. Unsere Augen sind ausschließlich an Signale angepasst, die von elektromagnetischen Strahlen einer bestimmen Wellenlänge getragen werden. Einige Teile des Spektrums sind für sie unsichtbar, wie zum Beispiel Röntgenstrahlen oder die radioaktive Gamma-Strahlung. Doch selbst die sichtbaren Teile des Spektrums werden nicht als „elektromagnetische Strahlen einer bestimmen Wellenlänge” wahrgenommen, sondern subjektiv als „Licht verschiedener Farben” (und ihre Mischung als „weißes Licht”). Ähnlich verhält es sich beim Hören: Wir nehmen die Signale nicht als bestimmte Vibrationen der Luft wahr, sondern als Hören bestimmter Töne.

Da unser Gehirn an Signale angepasst ist, die von Sinnesorganen kommen, werden ASW-Signale als „in die Sprache der sinnlichen Rezeptoren kodiert” erfahren: die echte Information wird als „Vision gesehen”, als „Stimme gehört“, „Geruch gerochen“ oder auch als Impulse auf Verhaltensreaktionen wahrgenommen. Die ASW-Information wird demnach ausschließlich in Formen wahrge- nommen, die wir aus unserem materiellen Erleben heraus gewohnt sind. Zu diesem Zweck wird die nicht-materielle Realität (unbekannter Natur) in Symbole (Visionen, Stimmen etc.) umgewandelt, und wenn wir über diese dann auch noch zu sprechen versuchen, werden unsere Worte erneut zu Bildern: zu „Symbolen sinnlicher Symbole”.

Es gibt keinen anderen Ausweg aus diesem „Teufelskreis“ als ein neues Weltbild zu entwickeln, das man „mystisch” (=übersinnlich) nennen könnte. Das erinnert an die Zeit, als Physiker begannen, Atome und subatomare Teilchen zu erforschen. Wir wissen, dass unsere Sinne, zusätzlich zu den bereits erwähnten Begrenzungen, auf Objekte ausgerichtet sind, die in der Größe nicht zu stark von unserem eigenen Körper abweichen – ungefähr von einem Samenkorn zu einem weit entfernten Berg. Wir sehen weder Atome noch Bakterien, und können auch die Krümmung der Erde sinnlich nur sehr mühsam erfassen.

Wir haben uns daran gewöhnt, die Objekte unserer Umwelt nach einem Bezugssystem zu klassifizieren, welches Philosophen „naiven Realismus” nennen. Physiker, die versuchen, Atome zu untersuchen, mussten hierfür ein ganz neues Weltbild entwickeln: ein „mathematisches” Bild der Welt, in dem die untersuchte Realität in der Sprache mathematischer Formeln beschrieben wird (konventionelle Worte sind dann unnötig
und werden nur noch dazu verwendet, um Laien, die komplexe Mathematik nicht ver- stehen, eine vereinfachte Beschreibung zu liefern. Experten brauchen folglich nur noch mathematische Formeln, um sich über die untersuchten Objekte zu verständigen.

Es gibt bezüglich der ASW noch weitere Fehlerquellen, die schon Francis Bacon († 1626) als Hindernisse auf dem Weg zur Wahrnehmung und zum Verständnis der physikalischen Welt ausmachte. (Er nannte sie „Idole“.) In ASW-Studien haben sie sich als noch hartnäckiger (und gefährlicher!) als in unserem Alltag erwiesen. Dazu gehören:

  1. Täuschungen aufgrund von Unachtsamkeit, Wunschdenken oder Leichtgläubigkeit, die dazu führen können, gewünschte Fakten überzubewerten oder unerwünschte Tatsachen zu übersehen.
  2. Täuschungen, die ihren Ursprung in Voreingenommenheit und Vorurteilen haben, aber auch in dem, was wir gelernt oder von bewunderten Menschen gehört haben.
  3. Täuschungen, die tief in der Gesellschaft, in der wir leben, verwurzelt sind, und die wir als selbstverständliche Wahrheiten akzeptieren, ohne sie zu reflektieren, wie Gewohnheiten, Moral und Glaubenssysteme, in denen wir groß geworden sind.

Unterschiede zwischen den Religionen

Als vor Tausenden von Jahren im primitiven Menschen das erste Mal der Wunsch erwachte, die Welt besser zu verstehen (zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in der Absicht, einfacher an Nahrung zu kommen und Gefahren effektiver zu verhindern), lernte er, die ihn umgebende Natur zu beobachten und zu verstehen. Natürlich beurteilte er dabei alles, was er sah, von seinem eigenen Standpunkt heraus. So begann er zu glauben, die Welt um ihn herum sei ebenso organisiert wie die menschliche Gesellschaft, in der er lebte. Dadurch war alles um ihn herum lebendig mit einer Schar intelligenter Wesen, die, obwohl (als Geister) unsichtbar, die Ereignisse der Natur kontrollierten.

Alles war lebendig. Es gab Baumgeister, Flussgeister, Tiergeister und auch Geister, die Krankheiten erzeugten. Das war das erste Weltbild, das magische Weltbild. Dieser frühe Mensch wusste, dass alles, was er in Händen hielt, von jemandem gemacht worden war. Da war es nur natürlich anzunehmen, dass die ganze Welt ebenfalls von einem mächtigen, unsichtbaren Wesen „geschaffen” worden war.

Hier mag der Ursprung liegen jenes unbestimmten Gefühls (welches später von flüchtigen ASW-Einblicken noch bekräftigt worden sein mag), jenseits (oder „hinter”) dieser (materiellen) Welt befände sich eine andere, verborgene, nicht-materielle Welt, doch in dieser Phase der bloßen Sicherung der eigenen Existenz wäre es wohl verfrüht, von tiefen spirituellen Motiven zu sprechen (von gewissen Zeremonien im Rahmen des schockierenden Todeserlebnisses einmal abgesehen). In der Zwischenzeit versuchte der Mensch die Natur zu beeinflussen, indem er sich mit den vermeintlichen übernatürlichen Wesen gut stellte, glaubte er doch für die Erfüllung seiner Wünsche auf deren Wohlwollen angewiesen zu sein.

Hier lernte er beispielhaft, was sich im Umgang mit seinen „unsichtbaren Nachbarn” als hilfreich erwies: Immer, wenn er etwas unternehmen wollte (zum Beispiel eine Jagd), versuchte er Methoden (die späteren „Riten”) anzuwenden, die er für wirksam hielt, um freundliche Beziehungen zu ihnen aufzubauen. In Gebeten flehte er die unsichtbaren Wesen um Hilfe an, versuchte, mit ihnen eine Art Handel zu treiben, sie (durch Opfer) zu bestechen oder sie mit der Durchführung magischer Rituale, von denen er glaubte, dass sie für sie unangenehm seien, zum Handeln zu zwingen oder zu bestrafen. Mit der Zeit lernte er zu meditieren, und Priester oder Schamanen (darauf spezialisiert, Kontrolle über diese unsichtbaren Wesenheiten zu erlangen) erlernten Hypnosetechniken: Der Mensch entdeckte veränderte Bewusstseinszustände. Nun war es ihm möglich, auch ASW-Eindrücke zu erlangen.

 

Warum das alles nicht nur die Welt der Religionen, sondern auch unsere eigene Weltsicht ganz entscheidend geprägt hat und warum so etwas Irrationales wie Außersinnliche Wahrnehmung am Ende zu einem gesunden Realismus führt, erfahren wir im zweiten und letzten Teil dieser Mini-Serie von Milan Rýzl.

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Berührt das Wesentliche! https://seinsart-magazin.de/beruehrt-das-wesentliche/ https://seinsart-magazin.de/beruehrt-das-wesentliche/#respond Mon, 04 May 2020 21:00:22 +0000 https://seinsart-magazin.de/?p=8102 Weltweit versuchen sich Menschen darin, dem Shutdown ihres Lebens Humor abzutrotzen – sei es mit Videos ihrer Kinder oder Tiere – oder mit nachgestellter Kunst wie bei @tussenkunstenquarantaine. Was kann das sein, „seinart“ in Zeiten einer Pandemie?

Eine lange Pause liegt zwischen heute und der regelmäßigen Bespielung von seinsart, das sich bei seiner Gründung vor bald 5 Jahren auf die Fahnen geschrieben hat, mit seiner Arbeit das „Wesentliche zu berühren“. Unser Projekt, ein Online-Magazin ganz neuer Art, besaß bei seinem Auftakt weder einen Businessplan noch eine clevere Vermarktungsstrategie. Alles, was wir hatten, war ein kleines Team begeisterter Autor*innen – und eine Handvoll Texte, die anlässlich der Live-Schaltung am 14. Juli 2015 online gehen konnte. Nicht ganz umsonst hatten wir den 14. Juli als unser Gründungsdatum auserkoren: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit sollten auch die Pfeiler unserer Arbeit werden – im Team wie in unserer Sicht auf die Welt.

Fünf Jahre später hat sich die Welt, in der wir leben, fundamental verändert. Und das nicht erst seit der großen Pandemie, die seit einigen Wochen alles für sich reklamiert: unsere Aufmerksamkeit, unseren Alltag, die Nähe zu unseren Liebsten. Vom Merkel’schen „Wir schaffen das“ bis hin zum Coup d’Etat der AfD in Thüringen vergangenen Herbst, von der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA bis hin zur globalen Wirtschaftskrise infolge von Corona, vom Brexit-Referendum bis hin zum Ermächtigungsgesetz eines Viktor Orbán zieht sich eine Spur der Verwüstung durch alles, was uns in politischer Hinsicht als unverrückbar schien.

Die klassischen Bösewichter der Weltpolitik schienen plötzlich ganz harmlos neben dem Feind in unserem eigenen Bett – und das unabhängig von der eigenen Perspektive. Ob man diesen nun in den „Altparteien“ oder in den neuen Rechten vermutete: Von ganz links nach ganz rechts setzte sich die Überzeugung durch, man lebe in gefährlichen Zeiten. Dass es am Ende einem Virus gelingen würde, dieser Gefahr einen Namen zu verleihen, auf den sich fast alle einigen konnten – auch das wäre im Jahr 2015 wohl getrost als Science Fiction oder Weltverschwörungstheorie durchgegangen.

Berührt das Wesentliche! | seinsart
Wie berührt man das Wesentliche?

Wenn sich seinsart nun aus dem Off zurückmeldet, so tut es dies auch, um sich selbst auf den Prüfstand zu stellen. Haben wir in all diesen Jahren wirklich das Wesentliche berührt? Oder haben wir unsere Mission irgendwann aus den Augen verloren, auch wenn wir für unsere Inhalte beinahe den Grimme Online Award bekommen hätten – und in guten Monaten gerne mal sechsstellige Klickzahlen verzeichnen konnten? Ich denke, die Antwort lautet: Ja und Nein. Auch sie gibt es nicht als alternativlose Wahrheit, auch sie ist eine Frage von Standpunkt und Erwartungshaltung.

Als wir uns gründeten, wählten wir bewusst keinen thematischen Schwerpunkt, der es sicher erleichtert hätte, uns als junges Nischenmagazin im Netz zu etablieren. seinsart als Fanzine für sinnliche Sportgymnastik? Oder als Online-Blog für luxemburgische Landhausbesitzer? Uns interessierte im Gegenteil gerade das „Ganzheitliche“, das so vielen Bewegungen oder Medien zu fehlen schien: seinsart eben oder die Kunst zu leben. Dieser Ansatz war es auch, der unsere Rubriken bestimmte: anstelle von Ressorts galt es, Antworten auf die großen Lebensfragen zu formulieren; Diskussion, Verwerfung und Neufindung inklusive. Alles außer Dogma.

Im Verlauf unserer Geschichte führte die Diversität unserer Autor*innen immer mehr dazu, dass wir – ganz ohne Absicht – plötzlich doch so unsere Schwerpunkte entwickelten. Dazu gehörten zweifellos Politik, zwischenmenschliche Beziehungen und mehrteilige Reportagen aus verschiedenen Winkeln dieser Welt. seinsart wurde über Nacht von einem Lebenskunst-Projekt zu einem engagierten Magazin – das sich immer mehr für die Diskussion gesellschaftlicher Entwicklungen zu interessieren begann. Und so verwundert es wohl kaum, dass neben dem Kreis unserer Fans auch unsere Gegner wuchsen – und mit teilweise schmutzigen Methoden gegen uns vorgingen. Ihr wisst schon: Über drei Dinge soll man niemals reden: Religion, Politik und Krankheit.

Berührt das Wesentliche! | seinsart
seinsart – das ist: Alles außer Dogma.

Wie aber vom Wesentlichen schreiben, ohne diese drei Kampfthemen zu berühren? Und wäre das überhaupt noch wesentlich? Diese Frage treibt uns seit dem Ende der regelmäßigen Berichterstattung auf seinsart um – und kehrt nun, in Zeiten des Lockdowns, mit besonderer Wucht zurück. Ist das Wesentliche wirklich der Streit um die richtige Religion – oder nicht viel eher das zeitlose Gedicht von Rumi, das nicht nur den Sufi, sondern auch den Christen wie den Atheist zu berühren versteht? Ist das Wesentliche also Kampf und Kritik und Auseinandersetzung und Diskussion – oder im Gegenteil die gemeinsame Suche nach dem, was verbindet und Brücken in eine bessere Zukunft zu schlagen versteht?

Wir möchten diese Frage nicht selbst beantworten. Wir möchten sie viel eher Dir stellen, die bzw. der Du seinsart in den vergangenen 5 Jahren zu dem gemacht hast, was es ist: eine Plattform für Menschen, die auf der Suche sind – neugierig, engagiert, und auch ein bisschen abgedreht. Schreib uns – auf Facebook, auf Twitter, auf Instagram, was Dich wirklich interessiert. Was erscheint Dir wesentlich – nicht nur angesichts von Covid19, aber natürlich auch. Was willst Du lesen, was willst Du sehen, und – vielleicht am spannendsten: Was willst Du selbst dazu beitragen… filmen… fotografieren?

Nicolas und das Team von seinsart freuen sich darauf, von Dir zu lesen. Was immer Dir auf der Seele brennt – steck uns damit an!

اين جهان كوه است و فعل ما ندا
باز گردد اين نداها را صدا

Die Welt ist ein Berg, und alles, was man je von ihr zurückbekommt, ist der Widerhall der eigenen Stimme.

(Dschalal ad-Din al-Rumi)

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Wenn Geschichte passiert https://seinsart-magazin.de/wenn-geschichte-passiert/ https://seinsart-magazin.de/wenn-geschichte-passiert/#respond Sat, 09 Nov 2019 15:52:56 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8077 Es ist der 9. November. Wieder einmal. Ein Tag wie jeder andere, ein Samstag, ein Tag, an dem das Frühstück so spät gelegen ist, dass man es auch neudeutsch Brunch nennen könnte. Ein Tag, an dem wir aufstehen und Freunde treffen, die übers Wochenende zu uns rausgekommen sind, weil wir auf dem Land wohnen, weil man hier der großen Stadt entkommen kann, der wir alles verdanken und die wir immer weniger ertragen.

Und doch ist es nicht irgendein Tag, wenn man wie wir auf dem Land wohnt und Gäste aus der Stadt empfängt, an einem Tag wie diesem. Es ist der Tag, ohne den wir alle, unsere Freunde und wir, nicht hier wären, ja nicht einmal zusammen, ja nicht einmal in dieser Ecke der Welt. Es ist ein Tag, an dem diese Ecke der Welt weiter entfernt für uns wäre als die Kanaren oder irgendein Robinson Club in Tunesien, in dem ein Herbsttag wie dieser vermutlich idyllischer wäre, zumindest aber wärmer.

Als der 9. November 1989 noch jung war, waren wir es auch, irgendwo im Süden der Republik, an Orten, die sich ähnelten und die wir für die Welt hielten, weil sie es war, weil der Osten uns fern und wir den Machthabern, die ihn umklammert hielten, Feinde schienen, die es zu bekämpfen galt. Ein paar Jahre zuvor war meine Mutter mit mir mitten durch einen Wald an einen Stacheldraht gefahren. Ich erinnere mich, wie wir ausstiegen, weil der Zaun den kleinen Weg überquerte. Da drüben, sagte sie mir, wohnen unsere Verwandten. Ich begriff, dass einer von uns eingezäunt worden war, doch ich wagte mich nicht zu fragen, wer – sie oder wir.

Als nun, an einem 9. November, wenige Jahre später, in unserem Wohnzimmer der Fernseher lief und meine Mutter wie von Sinnen auf der Couch in Staunen geriet, da verstand ich nicht, was die Bilder aus der völlig überfülllten Stadt mit diesem Ausflug in den Wald zu tun haben sollte. „Schau genau hin, da passiert Geschichte”, rief meine Mutter erregt, und ich stahl mich davon, um mit einer umgestülpten Vase und einem ägyptischen Kopf Museum zu spielen.

Wenn wir heute, 30 Jahre später, den Regen auf unser brandenburgisches Dach prasseln hören und im Kamin das Holz in Flammen aufgeht, das wir in unserem Garten vor ein paar Wochen geschlagen haben, dann ist das nicht nur gemütlich und schön, sondern auch Geschichte wie jener Abend, da meine Mutter so aufgeregt und ich so entspannt gewesen bin, weil ich gesehen hatte, dass irgendwo da draußen Tausende von Menschen glücklich waren, einfach, weil sie mit ein paar seltsam aussehenden Autos in einem riesigen Stau zu stecken schienen.

Dieser Tag, den wir gemeinsam erlebt und je nach Alter oder Perspektive vor dem Fernseher, auf der Straße oder in der Sauna verlebten, ist Schuld an unserem ganz individuellen Glück, das wir im Rausch der großen Empörung nur selten spüren können. Die Welt, so scheint uns, wird immer schlechter, immer unsicherer, immer ungerechter. Vielleicht sollten wir Tage wie diese nicht nur dazu nutzen, Fahnen zu schwenken, die Versäumnisse der Vereinigung zu beklagen oder desillusioniert von Fahnen und Wende in unsere Saunen zu kriechen oder zu Spielen, die uns vor der Geschichte bewahren, die da geschieht.

Vielleicht sollten wir statt dessen ganz kurz innehalten und uns fragen, was wir heute täten, an jenem 9. November 2019, an dem höchstens der unseligen Reichsprogromnacht oder der längst vergessenen Revolution von 1918 zu gedenken wäre, wäre da nicht, ja wäre da nicht dieser 9. November 1989 über uns gekommen wie der 14. Juli über Paris. Und plötzlich lege ich für einen Augenblick mein Spielzeug beiseite und sehe meine Freunde an, die hier neben mir, mit mir in diesem brandenburgischen Idyll ein Stück Geschichte sind, jene Geschichte, die wir diesem Datum verdanken und die wir gemeinam, jeden gewöhnlichen Tag und jede gewöhnliche Nacht, ein bisschen mitgestalten, weil andere uns die Möglichkeit dazu gaben – vor genau 30 Jahren.

 

Bild: schaerfsystem (Cover)

 

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Das Ende der Unschuld: Ghetto-Version https://seinsart-magazin.de/der-hass-den-du-gibst/ https://seinsart-magazin.de/der-hass-den-du-gibst/#respond Sat, 13 Jul 2019 14:45:14 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8070 Ein sonniger Tag, Jugendliche spielen draußen auf der Straße. Die Familie Carter sitzt am Tisch, der Vater mit seinen Kindern, der Jüngste noch auf dem Schoss der Mutter. Doch was ein angenehmes Zusammensein zu Mittag sein könnte, ist eine bitterernste Unterhaltung. Denn Familienoberhaupt Maverick erklärt seiner 9-jährigen Tochter Starr und deren 10-jährigem Bruder Seven nicht, dass sie gute Noten schreiben sollen oder Ähnliches. Er erklärt ihnen Überlebensregeln – Überlebensregeln im Umgang mit weißen Polizisten.

Alleine die Tatsache, dass ein Schwarzer seine Familie vor weißen Gesetzeshütern warnen muss, ist erschütternd. Noch stärker trifft dieser Monolog, wenn man in die ehrfürchtigen Gesichter Kinder sehen muss, die in so jungen Jahren auf die harte Realität vorbereitet werden müssen. Das Ende der Unschuld, die Ghetto-Version.

Bereits nach diesem Intro ist klar, dass die Verfilmung des Romanbestsellers „The Hate U Give“ von Angie Thomas kein Film sein wird, der den Zuschauer kalt lässt. War die letzte Welle an Young-Adult Filmen stets zwischen Fantasiewelten und Liebesgeschichten angesiedelt, beschäftigt sich George Tillman Jr. Jugendbuchadaption mit einer harten Wirklichkeit für viele Schwarze in den USA.

Im Zentrum der Geschichte steht die junge Starr, die in zwei Welten gleichzeitig aufwächst. Auf der einen Seite lebt sie mit ihrer Familie in einem berüchtigten Schwarzenviertel, auf der anderen Seite besucht sie eine Privatschule mit reichen weißen Mitschülern. Zu Hause versucht sie, ihre genau einstudierte, glatte Art aus dem Unterricht nicht zu übernehmen. Dort wiederrum will sie auf keinen Fall durch ihr sonst selbstbewusstes Auftreten aufzufallen. Kein Aufsehen erregen, auf keiner der beiden Seiten. Somit wird ihr Alltag durch ständige Selbstkontrolle beherrscht.

Doch dieses fragile Gleichgewicht gelängt nach einer verheerenden Nacht aus den Fugen: Nach einer Party muss sie mit ansehen, wie ihr Jugendfreund Kahlil von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wird. Obwohl sie in der Theorie von ihrem Vater vorbereitet ist, überrollt Star eiskalt die soziale Ungerechtigkeit nach den Schüssen: Es ist unklar, ob der Täter überhaupt vor Gericht gestellt werden wird, sowohl Presse als auch Ermittler stürzen sich lieber auf die kriminelle Vergangenheit des Opfers als auf die Umstände seines Todes.

Während ihre Mutter Lisa versucht, Starr aus der Schusslinie zu ziehen, bekräftigt sie die Wut ihres Vaters Maverick in der Entscheidung, vor einer Grand Jury auszusagen, um eine Anklage gegen den Schützen zu erwirken. Doch diese Entscheidung tritt eine ungeahnte Lawine für die ganze Familie los:

Maverick wird von seiner Vergangenheit eingeholt, die durch ein kompliziertes Familiengeflecht näher mit Kahlils kriminellen Machenschaften verbunden ist, als den Carters lieb sein kann. Seven wird Opfer körperlicher Gewalt und die Anfeindungen seitens der Polizei als auch aus den eigenen Reihen gewinnen an Intensität. Als schließlich Schüsse auf ihr Haus abgefeuert werden, hat sich etwas in Starr selbst verändert: Das unauffällige Mädchen sieht sich gezwungen, aus seiner eigenen selbst auferlegten Rolle auszubrechen und sich seiner Umwelt (entgegen)zustellen. Ob sie es will oder nicht, sie muss Stellung beziehen – bei Ihren vermeintlichen Freunden, ihrer Familie und nicht zuletzt einer ganzen Bewegung, die sie mit ihrem Augenzeugenbericht unterstützt.

Das eine von solchen Themen geladene Geschichte trotz zahlreicher eindringlicher Momente nicht zu einem Trauerspiel gerät, liegt vor allem an Amandla Stenbergs großartigem Spiel. In einem Interview spricht sie von „zeitgenössischen Rassismus“, welcher das Leben ihrer Figur umgibt. Wie alle Darsteller kann sie selbst auf viele persönliche Erfahrungen zurückgreifen, welche ihrer Darstellung mehr Tiefe verleihen als nur pures Talent es kann. Daher ist auch schnell klar, was den Film besonders auszeichnet: Es ist die tiefe Menschlichkeit, mit welcher er seine Geschichte erzählt.

Stenberg ist das Herz und Zentrum des Geschehens. Die Verknüpfung aller Geschehnisse geben ihrer Figur eine angenehm realistische und logische Entwicklung, die sich in jedem Schritt nachvollziehen lässt und sich nicht in übertriebenen Gesten zeigt. Fein balanciert sie Angst, Wut und Mut und zeichnet so das Bild eines intelligenten Mädchens, dass weiß, wo ihre Limitationen liegen und was sie bewegen kann (und muss). Sie ist eine junge Frau, die nicht an ihren Lebensumständen bricht – sie wächst an ihnen und ist durch ihre traumatische Vergangenheit, von der wir langsam erfahren, sogar an ihnen gewachsen. Allen Widrigkeiten zuwider ist sie eine starke und lebensfrohe Person, die den liebevollen Rückhalt ihrer Familie nutz, um Kraft für ihre tägliche Maskerade zu schöpfen.

Dies funktioniert besonders gut, weil ihre Familiensituation und soziale Einbindung in die Schule ebenfalls differenziert dargestellt werden. Russell Hornsby spielt ihren Vater mit bestimmter Härte, tiefer Zuneigung und hart erlernter Weisheit. Daneben glänzt Regina Hall als Mutter Lisa, die fest entschlossen ist, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Wie ihr Mann – oder auch wegen ihm – hatte sie s nicht immer leicht, ist aber fest gewillt, ihrem Motto treu zu bleiben und stets nach vorne zu sehen.  In kleineren Rollen brillieren Anthony Mackie als bedrohlicher aber dennoch menschlicher Dealer und K.J. Apa als Starrs (weißer) Freund.

Seine Lauflänge von 128 Minuten nutzt „The Hate U Give“ für einen Rundumschlag von wichtigen sozialen und menschlichen Themen, die angesprochen werden: Neben der Polizeigewalt, sozialen Missständen und dem Aufruf zur Zivilcourage schwenkt er auch bei unterschwelligem und inversem Rassismus, Gewalt innerhalb der schwarzen Gemeinschaft und für Jugendliche existenzielle Fragen vorbei. Auch wenn nicht jede Station so intensiv ist wie das Intro, trifft der Film sehr genau den richtigen Ton und hat eine beeindruckende Leichtigkeit, alles organisch ineinander zu verweben.

Zwar ist anzumerken, dass die juristischen Folgen der Schüsse – der eigentliche Angelpunkt der Geschichte und Auslöser der Eskalation des Konflikts –  gegen Ende hin aus dem Fokus verloren werden und der Epilog vielleicht etwas geschönt ist. Doch an seinem Höhepunkt findet der Film noch einmal die Wucht der ersten Szene zurück, wenn der Film für Folgen der Gewaltspirale eine beinharte Visualisierung findet. Die komplette Bedeutung des Kredos THUG LIFE (= The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody) des Rappers Tupac Shakur, an welchen der an welchen der Titel angelehnt ist, wird dem Zuschauer lange nicht mehr aus dem Sinn gehen.

Regisseur George Tillman, Jr. erwähnt im Making Of, dass er bereits beim Titel wusste, dass es sich hier „um etwas Echtes“ handelt. Eine ungekünstelte Geschichte, die Diskussionen anregen will und wird. Mit seiner Verfilmung ist ihm ein ebenbürtiges Werk gelungen, welches seinen eigenen hohen Ansprüchen, der Vorlage und den facettenreichen Thematiken gerecht wird.

Hoffentlich inspiriert er viele Diskussionen – getan hat er es bereits mit diesem Artikel.

„The Hate U Give“ erscheint am 11.7. überall zu kaufen. Unbedingt ansehen.

Titel The Hate U Give
Veröffentlichung 11.07.2019
Altersfreigabe FSK ab 12 freigegeben
Länge 128 Minuten

Bild: 20th Century Fox Home Entertainment

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Süß war gestern: Mein Jahr ohne Zucker und Gluten https://seinsart-magazin.de/suess-war-gestern-mein-jahr-ohne-zucker-und-gluten/ https://seinsart-magazin.de/suess-war-gestern-mein-jahr-ohne-zucker-und-gluten/#respond Thu, 10 Jan 2019 12:20:44 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8054 „Arm hoch – und jetzt gegenhalten!“ herrscht mich der Osteopath an. Ich liege auf einer Patientenliege und habe den linken Arm in die Höhe gestreckt, bereit, auf das nächste Kommando zu reagieren. Ich soll erst mit aller Kraft gegen drücken und dann – kurz nachdem der Befehl „jetzt“ kommt  – den Arm ganz spontan fallen lassen. Der Osteopath hat eine dicke, leicht beschmierte Brille und seine Praxis ist ausgesprochen gut beheizt. Jedenfalls schwitze ich, was bei mir nur äußerst selten vorkommt. Aufgrund eines andauernden Surren im Ohrs habe ich mich an ihn gewandt, ganzheitlich, immer eine gute Sache, wenn man das Gefühl hat, irgendwie stimmt insgesamt was nicht. Das Eingangsgespräch lief allerdings ganzheitlich betrachtet in die völlig falsche Richtung: „Reizdarm, Darmsanierung, glutenfrei, ohne Zucker, seit einem Jahr ?…Mmh“, machte der Naturheilkundler als ich von meiner Ernährungsumstellung berichtete und schaute mich aus seinen dicken Brillengläsern vielsagend an.

Es war mein Fehler, ich hatte ihn auf eine spannende Spur geschickt, die er jetzt offensichtlich dringend verfolgen wollte: Meine Darmprobleme. „Legen sie sich mal hin“, lautete der Befehl. Was folgte, war Kinesiologie. Eine Bewegungslehre, bei dem davon ausgegangen wird, das bei bestimmten Beschwerden, bestimmte Muskelgruppen geschwächt und so bestimmte Energieflüsse gestört werden. So habe ich seine ungeduldig genuschelte Erklärung jedenfalls verstanden. Und schon lag ich flach. „Irgendwie klappt das bei Ihnen nicht“, der Osteopath wurde merklich ärgerlich. Ich stammelte irgendwas von „überrumpelt“, da hatte ich schon eine handvoll kleine Steinchen auf dem Bauch liegen, die er jetzt mit einem sichtlich erleichterten Blick anlächelte. „ Sie haben Parasiten!“ rief der Osteopath begeistert und schrieb mir eine Mixtur von fünf chinesische Kräuter auf, die ich bei einer speziellen Apotheke bestellen sollte. Eilig stieg ich von der Liege und ging nach nach Hause.

Das ganze Jahr über hatte ich mich mehr und manchmal auch ein kleines bisschen weniger aufgrund einer kompletten Darmsanierung an meine neue Ernährungsumstellung gehalten. Kein offener Zucker und auch den versteckten Zucker so gut es geht vermeiden. Das hieß nicht nur den bekanntlich schädlichen, weißen Industriezucker weglassen. Es hieß auch den braunen Rohrzucker, Ahornsirup und was die Biokiste noch so alles als „besseren“ Zucker verkaufte, wieder wegstellen. Genauso wie Fruktose in Form von Früchten, Marmelade und Fruchtjoghurts. Für einen Süßfrühstücker wie mich eine echte Herausforderung. Dazu: Um alles, was mit Weizengluten zu tun hat, einen Bogen machen. Keine Pasta, keine Pizza und kein Toast. Keine vegetarischen Ersatzprodukte, die gerne auf Weizenbasis hergestellt werden und kein – ja, das war am härtesten – Kuchen.

Der Erfolg stellte sich erst nach mehreren Monaten ein. In dieser Zeit habe ich nie an meiner Entscheidung gezweifelt. Neben einer besseren Haut, hatte sich vor allem mein Blutzuckerspiegel entscheidend stabilisiert. Mit zitternden Fingern, trockenem Mund und stinkend schlechter Laune in den Späti rasen und mit schwacher Stimme ein Bounty verlangen, um nicht mit Kind und Einkaufstüten in der Hand urplötzlich umzufallen? Vorbei. Peinlich-plötzliches Aufspringen bei einer Essenseinladung, nachdem der Teller Nudeln mit Gorgonzolasauce gerade eben verdaut war und in ICE-Geschwindigkeit durch meinen Dickdarm ins Besucherklo rauschte? Nie mehr passiert. Knallharter Bauch, aufgedunsen wie im siebten Monat mit schmerzhaften Blähungen und Stechen im Unterbauch? Nur noch ganz selten. Das Weglassen der beiden aggressiven Darmflora-Killer Zucker und Weizengluten hatte mir insgesamt gut getan, meine Beschwerden hatten merklich abgenommen – ganz verschwunden waren sie allerdings nicht.

Deswegen machte mir die „Diagnose“ des Osteopathen natürlich zu schaffen. Kamen nach Reizdarm und Fehlbesiedelung nun die Tiere?  Klang wie in einem schlechten Remake von „Alien“ , aber bitte nicht in meinem Bauch. Ich war mal wieder verunsichert. Trotz der positiven Erfahrung mit dem Thema bewusste Ernährung muss ich zugeben, dass es aufwendig ist, sich zuckerfrei und glutenfrei zu ernähren. Schaut man sich auf anderen Blogs und in anderen Communitys um, geht es zu 90 Prozent um Diäten, wie etwa die Low-FODMAP-Diät, bei der man bestimmte, vom Dünndarm schwer absorbierbare Nahrungsmittel weglässt oder allgemeine Diättipps, die über humorlose Spinat-Grünkohl-Smoothies und ein paar einsamen Nüssen auf dem extradicken Pancake vesuchen, Gewichtsreduktion zum Lifestyleevent zu machen. Auch die sogenannten Muttiblogs bedienen die Sparte „gesundes Essen“, da tauchen dann die angesagten Bananenbrote mit Dinkelmehl oder der fluffige Couscous mit Paprikagesichtern auf. Und entgegen meiner heimlich gehegten Erwartungen bin ich bis jetzt auch noch kein hipper Foodie, der auf Instagram als bezahlter Micro-Influencer Food Porn im ganz großen Stil betreibt. Wie vor der Umstellung habe ich ein Set von circa zehn Gerichten, die „gehen“, den Rest kaufe ich mir zusammen. Nach Rezept Brotbacken zum Beispiel, hat sich für mich zu einer unüberwindbaren Hürde erwiesen. Keine Lust, keine Zeit, keine Ideen.

Dafür kenne ich sämtliche glutenfreien Schnellbackmischungen und Pasta-Ersatzprodukte in- und auswendig. Statt zur Kochnudel oder zum Foodienerd zu mutieren, war ich eine Art Produkttesterin geworden: Sämtliche Schleckereien, wie etwa mit Reissirup gezuckertes Morgenmüsli, glutenfreien Brötchen, Backmischungen für minimal gezuckerten Käsekuchen, Pfannkuchen, Müsliriegel, fruktosefreie Marmelade und anderen Zutaten zur gluten- und zuckerfreien Ernährung wie Hirse, Quinoa, Linsennudeln und Reissmilch kaufe ich tatsächlich im Biomarkt oder in der noch immer hochfrequentierten Drogerie. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dieser Markt wächst und monatlich neue schick designte Packungen in die Regale spült, die irgendein Superfood versprechen und damit wohl auch ein neues, super Leben. Ich habe also gar keine Zeit, mich um etwaige Tiere in meinem Inneren zu kümmern. Für mich gilt mehr denn je: Süß war gestern und mit halbgaren Diagnosen lasse ich mich nicht mehr abspeisen.

Rezept:

Leckeres Porridge mit Mandel, Reissirup und Zimt

Zutaten:
– Glutenfreies Porridge aus dem Biomarkt
– Reissdrink
– 1 halber Apfel
– eine handvoll Mandeln
– Reissirup
– Zimt

Porridge und Reisdrink in der gewünschten Menge im Topf erhitzen, 5 min. köcheln lassen.
Mit einem halben Apfel, der handvoll Mandeln anrichten, Zimt darüber streuen, fertig!

 

Mehr zuckerfreie und glutenfreie Gerichte auf Instagram unter www.instagram.com/zuckerblock

 

Bilder: silviarita (Cover); Cosima Grohmann (im Text)

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Sprache ist keine Waffe https://seinsart-magazin.de/sprache-ist-keine-waffe/ https://seinsart-magazin.de/sprache-ist-keine-waffe/#respond Tue, 23 Oct 2018 00:31:50 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=8032 Vielsprachigkeit ist kein exotisches Phänomen. Im Gegenteil. Weltweit betrachtet gibt es eine größere Anzahl mehrsprachiger als einsprachiger Menschen. Wenn in Europa nun darum gerungen wird, Kinder früher mit Fremdsprachen vertraut zu machen, sollte nicht nur auf Institutionen vertraut und die berufliche Qualifikation in den Fokus des Spracherwerbs gestellt werden.

 

Historisch betrachtet ist individuelle Mehrsprachigkeit fast immer das Ergebnis frühkindlicher Praxis in einem gemischtsprachigen Umfeld. Eine Erinnerung an das Alexandria des frühen 20. Jahrhunderts mag als anschauliches Beispiel für die Umstände dieses beiläufigen Spracherwerbs dienen: „Die Kinder gehen (…) in eine französische Schule. So wird französisch für die Mädchen die erste Sprache, in der sie lesen und schreiben lernen. Zu Hause sprechen sie italienisch. (…) Nebenan leben griechische Nachbarn. So wird auch griechisch ganz selbstverständlich eine Sprache der Kinder. Arabisch, die Sprache der Ägypter, lernen sie nur vom Personal.“ (zitiert nach: „Von hier bis Alexandria! Nach Erinnerungen der Marie-Luise Nagel“)

Der koloniale Beigeschmack dieser Schilderung ist nicht ganz zufällig. Die im Nachhinein von zahlreichen westlichen wie nahöstlichen Autoren gepriesene Mehrsprachigkeit der europäisch dominierten Städte rund ums östliche und südliche Mittelmeer waren nicht die Folge eines historisch gewachsenen Pluralismus, sondern europäischer Expansionspolitik. Zugleich war sie fruchtbarer Nährboden einer gelebten Multikulturalität, die in der Gegenwart fast unwirklich scheint. Persönlichkeiten wie Dalida, die als eine in Kairo geborene Tochter italienischer Einwanderer nach ihrer Wahl zur Miss Egypt Karriere als französische Sängerin in Paris machen und arabischsprachige Rollen in den Filmen ägyptischer Regisseure mit libanesisch-griechischer Abstammung spielen konnte, scheinen zum schillernden Tableau einer untergegangenen Welt zu gehören.

Denn obwohl auch in Europa durch Flucht und Migration eine andauernde Diversifizierung der hiesigen Populationen zu verzeichnen ist, bleibt es in den meisten Fällen bei einer sogenannten territorialen Mehrsprachigkeit. In vielen Fällen ist dieses Leben nebeneinander statt miteinander das Ergebnis eines schlichten Pragmatismus; wo der Erwerb einer neuen Sprache nicht nötig ist, unterbleibt er. Doch eine tiefere Ursache für die neue sprachliche Enge auf beiden Seiten ist auch ein kultureller Chauvinismus, der nicht allein durch zusätzlichen Sprachunterricht ausgeräumt werden kann. Wo Sprache von den einen als Mittel der Abgrenzung und von den anderen als Mittel der Exzellenz instrumentalisiert wird, bleiben der tiefere Sinn und Nutzen echter Mehrsprachigkeit auf der Strecke.

Sprache ist keine Waffe, die es zu laden gilt; ihre vornehmste Eigenschaft ist es, uns zu verbinden und zu verwandeln, und das ganz nebenbei. Bevor wir also unsere Kinder mit Chinesisch im Kindergarten für den Kampf in einer globalen Wirtschaft rüsten, sollten wir sie dazu befähigen, durch alltägliche Begegnungen mit dem Fremden verbindende Freuden und Interessen zu entdecken. Sprache und Entwicklung sind wechselseitig voneinander abhängig. Diese alte Weisheit galt nicht nur in Alexandria, sie gilt auch heute noch in Chemnitz und Neukölln.

 

Bild: libellule789

 

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Das Büro der Zukunft https://seinsart-magazin.de/das-buero-der-zukunft/ https://seinsart-magazin.de/das-buero-der-zukunft/#respond Fri, 08 Jun 2018 16:51:40 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=7998 Immer globaler, immer mobiler, immer digitaler. Die Digitalisierung verändert Wertschöpfung und Arbeitswelt dramatisch. Starre Arbeitsplatzkonzepte lösen sich ebenso auf wie strenge Hierarchien, fixe Arbeitszeiten und -orte. Mittels neuer Technologien und flexibler Arbeitsformen wird geleistet, wann und wo der Markt es erfordert, global und oft rund um die Uhr. Desk Sharing, Teamarbeit und die stärkere Flexibilisierung der Arbeitszeiten verändern deshalb zunehmend die klassische Bürowelt; die Organisationsflexibilität erhöht sich immer mehr. „Die Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen, die die Eigenverantwortung der Mitarbeiter stärken und sie so produktiv und kreativ wie möglich sein lassen“, sagt Coach Gloria Alvaro von der Organisationsberatung Leitwandel GbR in Wiesbaden.

Zu diesem Ergebnis kommen inzwischen auch einige wissenschaftliche Studien, wie z.B. die aktuelle Studie „Office 21 – Zukunft der Arbeit“ des Fraunhofer Instituts. Nach Auffassung der Forscher zeichnet sich moderne Wissensarbeit nicht nur durch den intensiven Einsatz moderner Informationstechnologie aus, sondern auch durch eine entsprechende Arbeitsinfrastruktur, die neben den individuellen Tätigkeit, auch die Teamarbeit und die Produktivität unterstützen müsse. Denn nur wer sich bei der Arbeit wohl fühlt, arbeitet effizient und bringt auch optimale Leistung. Das wusste auch schon Autofabrikant Henry Ford. Inzwischen teilen diesen Gedanken auch viele andere Konzerne und setzen zunehmend auf das emotionale Wohlbefinden ihres Personals.

Eigenverantwortung und Kreativität fördern

Kein Wunder also, dass nicht nur die weltweit bekannten Techkonzerne aus dem Silikon Valley zur allgemeinen Wohlfühloffensive aufrüsten, denn auch hierzulande gewinnt diese Haltung deutlich an Kontur und bekommt immer mehr strategische Bedeutung. Während einige Betriebe mehr auf den Spieltrieb der Mitarbeiter setzen und mit Tipis und bunten Karussells deren Kreativität fördern, setzen andere mehr Luxus und gestalten exklusive Wohnlandschaften. Großzügige Mulitspaces mit Chill-out-Ecken, bequemen Sofas und coolen Besprechungsräumen, die aussehen wie aus dem Designkatalog. Schließlich ist Bürodesign auch ein Teil der Markenbildung und deshalb ein wichtiges Asset, um sich von der Konkurrenz abzusetzen.

Gemein ist jedoch allen: das Privatleben wird mehr und mehr an den Arbeitsort verlagert. Denn einen entscheidenden Vorteil hat das Arbeiten in der Komfortzone für die Unternehmen: Keiner verlässt sie früher als nötig. Denn nicht nur die bekannten Internetriesen propagieren nämlich, „Du musst gar nicht mehr vom Arbeitsplatz weg, wir haben alles für Dich”, so die Arbeitspsychologin Prof. Dr. Anna Steidle, „den Friseur, den Wäscheservice, das Hotelzimmer, den Biogarten, das Fitnessstudio.“ Was gestern in Dave Eggers Besteller „ der Circle“ noch wie ein surrealer Albtraum klingt, wirkt heute seltsam harmlos. Es gibt viele Varianten. Aber wie sieht das Büro der Zukunft denn nun aus?

Produktivität durch Nichtstun

Der aktuelle Trend geht ganz klar zum non-territorialen Büro. Das sind Büroräume ohne einen fest zugewiesenen Arbeitsplatz. Ausgestattet mit einem persönlichen Rollcontainer (Tender) können die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz stattdessen, je nach Vorliebe und aktueller Projektanforderung, täglich oder aber auch stündlich neu auswählen. Unternehmen wie Otto oder Vodafone machen es schon vor. Der Mitarbeiter entscheidet selbst, wann und wo er arbeiten möchte. Statt des klassischen Schreibtischensembles mit PC, Bildern und Topfpflanze steht ihm eine Auswahl an multi-funktionalen Arbeitsflächen zur Verfügung: großzügige, offene Bereiche (Open Spaces) mit freien Schreibtischen, verglaste Konferenzräume, Think Tanks für das hoch konzentrierte Arbeiten oder die kleine Runde zum Brainstorming, aber auch ruhige Lounges, die der Entspannung, aber auch der projektübergreifenden Kommunikation dienen sollen.

„Die Mitarbeiter sollten die Freiheit haben, sich einen Ort zu suchen, der für ihre Arbeit im Moment gerade richtig ist. Das kann auch ein Spontanmeeting mit anderen Abteilungen in der Coffee-Bar sein; daraus entsteht Kreativität“, bestätigt Gloria Alvaro. Aber auch das Nichtstun ist erwünscht, denn es gilt im Büro von morgen als ein wesentlicher Teil des essenziellen Produktionsprozesses. Es geht dabei aber nicht um die gewöhnliche Zigarettenpause oder die Zeit, die gerne in den Social-Media Kanälen vertrödelt wird. Es geht um das entschlossene Ausruhen. Leere Zeiten, das absolute Nichtstun. Ein wesentlicher Produktionsfaktor.

Der Weg zum Schreibtisch wird zur Reise nach Jerusalem

„Außerdem gibt es auch Tätigkeiten, wo man etwas lesen oder auch nachdenken muss; auch dafür muss man Räume zur Verfügung zu stellen, so Alvaro. Das klingt erst mal gut. Allerdings kalkulieren die Unternehmen bewusst weniger Schreibtische ein als es Mitarbeiter gibt. „Wer zu spät kommt, spielt die Reise nach Jerusalem“, so Gloria Alvaro. Das führe auch im Büro zu einem Verhalten, dass viele auch aus dem Urlaub vom Hotelpool kennen; der tägliche Kampf um den besten Platz. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und am Ende gruppieren sich doch immer wieder die gleichen Mitarbeiter am gleichen Ort.“

Die Frage, welche Perspektiven uns in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmärkten erwarten, ist aktueller denn je. Wie werden sie sich entwickeln? Und ganz klar entsprechen neue Arbeitswelten nicht nur den zeitgemäßen Ansprüchen der Mitarbeiter an das Wo und Wann ihrer Arbeit, sondern ermöglicht Unternehmen eine effizientere und vereinfachte Organisation. Und jede Verbesserung in der Arbeitswelt sollte dazu führen, dass die Mitarbeiter leistungsfähiger werden. Bestenfalls ohne es zu merken. Allerdings sind Organisationen auch von Menschen gemacht und leben erst durch ihr Verhalten und ihre Kultur, aber auch ganz besonders durch den Umgang mit neuen Strukturen und Denkweisen.

Egal ob im Home Office, im Großraumbüro oder im Think Tank: Eigenverantwortlich und autonom zu arbeiten, bedeutet auch immer wieder neue Entscheidungen zu treffen. Das ist für viele neu und manch einer muss das erst noch lernen.

 

Bild: rawpixel

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150 Jahre Hirschfeld: Happy Birthday, Einstein des Sex! https://seinsart-magazin.de/hirschfeld-150-jahre-einstein-des-sex/ https://seinsart-magazin.de/hirschfeld-150-jahre-einstein-des-sex/#respond Mon, 14 May 2018 14:38:38 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=7982 Im Pariser ‚Eldorado’ war der Mann mit dem gewaltigen Schnurrbart und der kunstvoll gebundenen Fliege wohlbekannt. Die ‚Damenimitatoren’, die in diesem Etablissement auftraten, hatten sich für ihn einen liebevollen Kosenamen ausgedacht: Tante Magnesia. Ab dem Frühsommer 1933 erschien jener Gast regelmäßig im ‚Eldorado’ – jedoch nie in Frauenkleidern, wie später gerüchteweise verbreitet wurde. In jener Zeit etablierte sich für die Kunstform der ‚Damenimitatoren’ der Genrebegriff ‚Travestie’, abgeleitet von dem Wort Transvestit.

Heute kennt jeder dieses Wort, aber kaum einer weiß, dass es von Dr. Magnus Hirschfeld, wie Tante Magnesia mit bürgerlichem Namen hieß, erfunden wurde. Viele Jahre vor seinem Pariser Exil hatte es der Arzt und Sexualforscher für den Titel einer Publikation kreiert: „Die Transvestiten – Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem kasuistischem und historischem Material“.

 

Sexualforschung

Seine Dissertation schrieb Magnus Hirschfeld im Jahr 1892 noch über „Erkrankungen des Nervensystems im Gefolge der Influenza“. Doch schon ab 1897 gilt er nach heutiger Zeitrechnung als Begründer der Schwulenbewegung. Sein in diesem Jahr neu gegründetes „wissenschaftlich-humanitäres Komitee“, dessen Vorsitzender er schließlich 32 Jahre blieb, reichte die erste Petition gegen den § 175 im Reichstag ein. Politisch war dem kein Erfolg beschieden, doch das Thema Homosexualität wurde im Parlament beraten und war damit schlagartig ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Fortan war es das hauptsächliche Forschungsgebiet des Dr. Magnus Hirschfeld, womit er auch ein zutiefst humanes Ziel verfolgt hat: »Per scientiam ad justitiam« wird zu seinem Lebensmotto, was in seinem Fall mit »durch Wissenschaft zur Emanzipation« übersetzt werden kann.

Einfach aber war das nicht in jener Zeit und Rückschläge stellten sich zwangsläufig ein. So brachte ihm eine statistische Befragung zur sexuellen Orientierung unter Studenten und Metallarbeitern im Mai 1904 eine Verurteilung wegen Beleidigung ein, aber auch die kritische Distanzierung einiger Mitglieder seines „wissenschaftlich-humanitären Komitees“. Im Mai 1919 gründete Hirschfeld als weltweit erste Einrichtung für Sexualforschung, das ‚Institut für Sexualwissenschaft’ in Berlin, was bald zu einer Anlaufstelle für Transvestiten und Transsexuelle wurde. Im Jahr darauf wurde der inzwischen weltberühmte Sexualforscher nach einem Vortrag in München bei einem Überfall völkischer Rowdies schwer verletzt. Hirschfeld aber setzte seine Forschungen fort und gab 23 Jahre lang ein „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ heraus. Die dem zugrundeliegende Theorie fasste er so zusammen: „Wir verstehen unter sexuellen Zwischenstufen Männer mit weiblichen und Frauen mit männlichen Einschlägen.“

Hirschfeld machte jene „Zwischenstufen“ an körperlichen Merkmalen, Charakter und Begehren einer Person fest, die er als angeboren und unveränderlich definierte. Geschlechtlich gemischte Typen, von denen er nicht weniger als 81 Grundtypen ausmachte, seien die Regel. Manche seiner wissenschaftlichen Theorien mögen angesichts eines medizinisch-biologischen Blickwinkels heute befremdlich wirken, sein bleibender Verdienst aber liegt darin, dass er die Homosexualität vom Makel der Widernatürlichkeit befreit hat, wie es bis dahin gültige Annahme war. Nicht zuletzt dafür hat ihm der schwule Autorenfilmer Rosa von Praunheim im Jahr 1999 mit „Der Einstein des Sex“ ein filmisches Denkmal gesetzt.

Und wenn sich ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften auch heute noch auf die Bibelstelle bei Leviticus beziehen, demzufolge es „ein Gräuel“ sei, wenn „ein Mann bei einem Manne liegt wie bei einer Frau“, so bedienen sich andere im innerjüdischen Diskurs bei Hirschfelds Forschungsergebnissen. Die amerikanische Medizinerin und Historikerin Felice-Judith Ansohn etwa tut dies und betont in ihrem Essay ‚Juden und Homosexualität’: „Der Einwand, Homosexualität sei gegen die menschliche Natur, hält einer Prüfung heutiger sexualkundlicher Erkenntnisse ebenso wenig stand wie die Behauptung, es handle sich um eine Krankheit.“

 

Weltreise

In einem Alter, in dem andere sich eine midlife-Krise leisten, begab sich Magnus Hirschfeld im Jahr 1931 auf eine Reise rund um den Globus. Dabei interessierte er sich für nahezu alles, was ihm in Nordamerika, Asien und im Orient begegnete: unterschiedliche Kulturen und Geschlechterverhältnisse, außergewöhnliche Ehesitten oder fremde Fruchtbarkeitsriten. Er informierte sich über vermeintliche Sexualkuriositäten, über die gesellschaftlichen Ursachen solch abweichenden Verhaltens und das jeweilige Sexualstrafrecht.

Diese Weltreise machte ihn zum Eugeniker und damit zu einem Teil jener Bewegung, die in Anlehnung an die seinerzeit populäre Vererbungslehre, die sozialen Probleme der Menschheit auf biologische Weise lösen wollte. Gleichzeitig erkannte er, dass die triviale Rassenlehre der Nazis zum genauen Gegenteil, nämlich zur Intoleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen führen musste. In weiser Voraussicht entschloss sich Magnus Hirschfeld, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Über die Stationen Wien und Ascona ging er schließlich ins Pariser Exil, kurz nachdem in Berlin Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war.

 

Bücherverbrennung

Die Nazis hatten den Überraschungscoup minutiös geplant. Am frühen Samstagmorgen des 6. Mai 1933 – bereits vier Tage vor der öffentlich inszenierten Bücherverbrennung – schlugen sie im weltberühmten ‚Institut für Sexualwissenschaft’ zu. Hundert Nazi-Studenten der Hochschule für Leibesübungen erschienen in Charlottenburg. Unterstützt von einem SA-Trupp und unter dem Trara einer mitgebrachten Blaskapelle wurden wertvolle Bücher und Schriftstücke zunächst auf einen Lastwagen und dann am 10. Mai ins Feuer auf dem Opernplatz geworfen.

Galt diese zerstörerische Aktion dem Homosexuellen Hirschfeld oder dem jüdischen Institutsgründer oder beiden? Der Arzt Ludwig Levy-Lenz hatte noch eine ganz andere Vermutung. Noch wenige Monate zuvor hatte er am Institut für Sexualwissenschaft praktiziert und daher wusste er, dass dort auch viele Nationalsozialisten behandelt worden waren. In den Aufzeichnungen des Instituts waren folglich Informationen zu finden, an deren Bekanntwerden sie nicht interessiert sein konnten. Magnus Hirschfeld sah in einem Pariser Kino Aufnahmen von der Verbrennung seiner Schriften in Berlin. Ein Jahr später eröffnete er in der Avenue Charles Floquet Nr. 24 gemeinsam mit dem französischen Arzt Edmond Zammert ein “Institut des sciences sexologiques”.

Die fruchtbare Zusammenarbeit aber währte nicht lange. Am 14. Mai 1935 starb Magnus Hirschfeld im südfranzösischen Nizza. Es war sein 67. Geburtstag.

 

Bild: rihaij (Titel)TuendeBede (Im Text)

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Ein Opernhaus für die Markgräfin https://seinsart-magazin.de/bayreuth-ein-opernhaus-fuer-die-markgraefin/ https://seinsart-magazin.de/bayreuth-ein-opernhaus-fuer-die-markgraefin/#respond Thu, 10 May 2018 19:32:19 +0000 http://seinsart-magazin.de/?p=7973 Bayreuth ist nicht nur der Ort der Richard Wagner-Festspiele! Auch das berühmte Markgräfliche Opernhaus dort erstrahlt jetzt wieder in neuem Glanz nach sechsjähriger Sanierung (für Kosten von fast 30 Millionen Euro inklusive technischer Aufrüstung). Es gehört zu den wenigen – und das ist ein Glücksfall der Geschichte – fast unbeschadet erhaltenen originalen barocken Theaterbauten des 18. Jahrhunderts und wurde im Jahr 2012 in die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt aufgenommen. Das Komitee der UNESCO war überzeugt vom Weltrang dieser Festarchitektur.

Mit der – schon zur Einweihung im September 1748 aufgeführten – Oper „Artaserse“ von dem zu dieser Zeit berühmtesten Opernkomponisten Johann Adolf Hasse wurde auch nach der Restaurierung am 12. April in Anwesenheit des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) das Opernhaus feierlich eröffnet, und die Berliner Philharmoniker unter dem Dirigenten Paavo Järvi ließen es sich nicht nehmen, das diesjährige Europakonzert am 1. Mai in diesem kulturgeschichtlich bedeutsamen Ort zu geben.

Markgräfin Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth (1709-1758), preußische Königstochter von Friedrich Wilhelm I. und Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, die aus politisch bedeutsamen Gründen in die enge Provinz nach Bayreuth verheiratet wurde, ließ dieses Opernhaus anlässlich der Hochzeit ihrer einzigen Tochter Elisabeth Friederike Sophie mit dem Herzog Carl Eugen von Württemberg errichten. Die kunstbesessene Markgräfin selbst war hochmusikalisch, komponierte, inszenierte, verfasste als Autorin Libretti und brachte internationale Ensembles an den Hof.

So schaffte sie es auch, die damals führenden italienischen Theaterarchitekten Giuseppe Galli Bibiena und seinen Sohn Carlo nach Bayreuth zu holen. Der im 17. Jahrhundert entwickelte Theaterbau in freitragender Holz- und Fachwerkkonstruktion mit einem in eine steinerne Gebäudehülle gesetzten Logenhaus wurde innerhalb von nur vier Jahren gebaut.

Durch eine aufwendige Reinigung der Holzoberflächen von den Ablagerungen der Insektenschutzmittel und Übermalungen des 20. Jahrhunderts konnte die ursprüngliche hellere Farbigkeit in Grün-, Blau- und Goldtönen wieder gewonnen und ein barockes Theatererlebnis authentisch nachempfindbar geschaffen werden. Ornamentale Malerei mit illusionistischen Effekten, lachende Putten, verschnörkelte Fruchtkörbe, Muschelmotive und Blütengirlanden, die die korinthischen Säulen umranken, Skulpturen der Götter und Musen der Künste bezaubern den in den Zuschauerraum eintretenden Besucher.

Der Deckenplafond mit dem Götterhimmel unter der Schirmherrschaft des Gottes Apoll fasziniert ebenso wie die spektakuläre Fürstenloge gegenüber der Bühne unter einem sich vorwölbenden Baldachin mit dem Brandenburger Adler und der Königskrone als Hinweis auf die königliche Abstammung der Markgräfin. Das Proszenium mit einer perspektivisch imponierenden, durch Gassen sich ausweitenden Tiefe wurde in der originalen Größe wieder hergestellt und ein in den 1930er Jahren installierter Einbau entfernt.

Das Opernhaus lässt sich jetzt sowohl beim Museumsbesuch erleben, wird aber auch während des Sommers wieder bespielt. Allerdings ist es aus Gründen des Denkmalschutzes im Winter geschlossen.

 

Bilder:

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