Calais. Unsere kleine Gruppe um Hammed Khamis und den Pianisten Andreas Kern erkundet die kleine Stadt an der französischen Nordküste, die im Laufe dieses Jahres einen so zweifelhaften Ruhm erlangt hat. Das Wetter ist trüb, eine Mischung aus Regen und Trostlosigkeit, gefangen in Wolken aus grauer Pappmaché. Die Zeitungen sind voll vom Wahlerfolg des Front National. Empörung auf dem Papier über die Empörung via Papier, weit entfernt von den Krawallen im Camp, die von Zeit zu Zeit von jungen Gesinnungsgenossen des FN provoziert werden.

Wir werden freundlich empfangen. Heute morgen, noch vor Sonnenaufgang, war das ganz anders. Schon kurz vor Calais standen Wagen der Gendarmerie und Männer in Uniform die gesamte Autobahn entlang mit gezogener Waffe und Blaulicht. Optisch die Einfahrt in ein Kriegsgebiet, entlang an den in Zelten eingeigelten Flüchtlingen des Dschungels und immer wieder an einzelnen Gruppen Gescheiterter auf dem Rückweg vom Tunnel ins Camp. Die Jugendherberge verweigert unsere Aufnahme mit Hinweis auf den staatlich verordneten Notstand. Am Ende nimmt uns ein zwielichtig scheinendes Hotel im Zentrum der Stadt auf. Der Teppichboden im Hotel versammelt Erinnerungen an bessere Zeiten aus vier Jahrzehnten, während draußen im Morgengrauen der Schmutz der Straße gefegt und beiseite gewaschen wird.

Der Anlass unserer Reise, eine musikalische Begegnung im Dschungel von Calais zwischen neuen und alten Europäern, dringt erst allmählich in unser Bewusstsein. Noch stehen organisatorische Fragen im Vordergrund; wann wird das Klavier geholt, wo stellen wir es unter? Wie verhindern wir sein Versinken im Boden des Camps, gegen den wir uns mit Gummistiefeln gewappnet haben? Die Proben mit den Musikern vor Ort sind für morgen angesetzt; wer übernimmt die mitgebrachten Instrumente, die uns Unterstützer aus Berlin wie Karim vom AtelierCevik oder der Musiker Simon Manly zur Verfügung gestellt haben? Wie koordinieren wir unseren Pianisten und jene Berufsmusiker des Konservatoriums, die von französischer Seite dazustoßen werden?

Über all dem die spannende Frage, die uns allen ins Gesicht geschrieben wird: Welche der Gerüchte über den Dschungel aus den vergangenen Tagen wird sich bei unserer Ankunft bewahrheiten? 10.000 Flüchtlinge? Große Teile zerstört? Die Dünen weggebaggert? Alles wie gehabt?

Es ist kurz vor Mitternacht. Das Camp liegt hinter uns und mit ihm seine Gerüche, die Feuchtigkeit und der Schlamm. Wir lassen den Tag Revue passieren – bei einem Glas Rotwein und Muscheln. Hammed, unser Dschungelführer, bekommt Gewissensbisse. Wie können wir uns das schmecken lassen, wenn nur drei Kilometer von hier dieser Wahnsinn tobt? Andreas widerspricht: Davon zu wissen und dagegen zu kämpfen schließt ein Ritual nicht aus, das uns diese Rite de Passage erträglicher macht.

Vor drei Stunden saßen wir noch beim Afghanen zu einem Glas Tee, Reis mit Kichererbsen und den Kopf voller Bilder. Ahmed aus Kuwait, der heute erst angekommen ist nach drei Wochen Irrfahrt durch den Irak, Syrien, die Türkei und Europa. Warum er nicht nach Deutschland wolle? Sein jüngerer Bruder sei bereits in England, er wolle nach dem Rechten sehen. Er lächelt. Der junge Mann sieht aus, als hätte er lange kein Rechtes mehr gesehen, höchstens Rechte, bei seinem Einzug in Calais.

Der Dschungel, eine Weltenmaschine

Nachdem wir uns von unseren neuen Bekannten verabschiedet und den Dschungel verlassen haben, vorbei an all den Zäunen und den Blaulichtern, den Unglücklichen und den Ausflüglern, zeigt uns Hammed den Tunnel und den Tatort seiner Flucht vor der Polizei. Es ist kalt, eiskalt, selbst ein paar Minuten unter dem Flutlicht im nassen Gras ist kaum zu ertragen. Wir fliehen zurück in den Wagen und ich notiere: „Der Dschungel, ein Land in der Fremde. Menschen an Menschen, Zelte an Läden und Buden – und Lächeln, immer noch, mit Jacken in Streifen und Sandalen im Schlamm. Der Dschungel, dieses Außerhalb in Atemreichweite, Geschichten von gebrochenen Armen und geheilten Träumen. Unser erster Besuch in einer Weltenmaschine. Die ersten Musiker an Bord. Und Dankbarkeit mit Tee und etwas Reis.“

Es wird Zeit fürs Hotel. Das Essen, die Gespräche, das Internet: Alles war besser im Dschungel als hier in der Brasserie, dem Lächeln von Celine zum Trotz oder deswegen. Vor dem Fenster gehen ein paar Flüchtlinge vorbei. Ob auf dem Weg zum Tunnel oder zurück in den Hafen der Hoffnung, war ihnen nicht anzusehen.

Der Dschungel, eine Weltenmaschine

 

Bilder: Nicolas Flessa

 

Hier gehts weiter zu Tag 2: Hinter der Plastikplane lauert ein Wunder

 

Ein Team des Fernsehsenders arte hat uns bei unseren Vorbereitungen begleitet. Der Beitrag ist im Rahmen des arte Journals am Sonntag, den 13. Dezember 2015 ab 19:10 Uhr auf arte zu sehen – und danach noch 7 Tage in der Mediathek des Senders.

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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