Mit Weltverschwörungen ist das so eine Sache. Viele von ihnen sind faszinierend, und sie entsprechen dem Wunsch der Menschen, verborgene Zusammenhänge zu begreifen und mehr Einblicke in eine immer komplexer werdende Wirklichkeit zu gewinnen. Längst ahnen wir, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Doch seien wir einmal ehrlich: Diese Fähigkeit haben wir uns durch den Fortschritt unserer Zivilgesellschaft hart erkämpfen müssen.

Verschwörungstheorien sind im Idealfall das Ergebnis eines neugierigen Geistes und guter Informationsquellen. Dass nicht jeder Schluss, der aus dieser Kombination gezogen wird, auch valide ist, steht außer Frage. Mein liebstes Beispiel sind die Massenvernichtungswaffen im Irak. Wären Verschwörungen im globalen Sinne möglich, hätten die US- amerikanischen Truppen natürlich Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden. Die Peinlichkeit, Lügen bei der Vorbereitung dieses Kriegs eingestehen zu müssen, hätten der Regierung Bush sicherlich Grund genug geliefert, die Faktenlage nach dem Einmarsch imagefördernd zu fälschen. Doch dies ist nicht geschehen. Wir können uns denken, warum. Weil es eben nicht möglich ist, derartige Verdrehungen der Wirklichkeit im großen Stil geheimzuhalten. Irgend ein Leck ist irgendwo immer.

Wer sich wirklich für Verschwörungen interessiert, sollte sich vielmehr an den offen zutage liegenden Fakten orientieren. Ich brauche keinen Edward Snowden oder Bradley Manning, um zu bemerken, dass wir uns mitten in einem Krieg um die totale Kontrolle befinden.

Das Zauberwort der Gegenwart lautet Transparenz. Parallel zum Protest gegen die Transparenz des einzelnen Bürgers vor der Exekutive findet in der gesamten Gesellschaft eine unvergleichliche Bereitschaft zur Selbstenthüllung statt. Ich muss kein Verschwö- rungstheoretiker sein, um mir die Frage gefallen zu lassen, welche politischen Interessen hinter Facebook und der Massenbenutzung GPS-basierter Mobiltelefone stehen. Echte Verschwörungen haben nichts mit Geheimhaltung und dunklen Hinterzimmern zu tun. Echte Verschwörer haben längst erkannt, was einstmals als politische Grundüberzeugungen für die Verwirklichung von Idealen galt: Möchtest du Menschen dazu bringen, dass sie ein Schiff bauen, so schenke ihnen die Sehnsucht nach dem Meer.

Verschwörungstheorien im globalen Sinne lassen den Fakt außer Acht, dass einfache Gangster-Geschichten meistens nur im Tatort funktionieren. inklusive der entsprechenden Moral: Der Täter wird gefangen. Echte Täter tragen keine Pistolen und dunklen Sonnenbrillen; sie schießen auch nicht, sie lassen schießen. Die besten Täter haben längst die Kunstfertigkeit erlernt, das Opfer davon zu überzeugen, dass Selbstmord für ihn die beste Lösung ist.

Der globale Krieg gegen Terror und gegen die Bürger des eigenen Staates wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Die für einen Geheimdienst wichtigsten Informationen, die Gedanken eines Menschen und sein genauer Aufenthaltsort, waren nur mit einem immensen Personenapparat zu bewerkstelligen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR legt ein beredtes Zeugnis von diesen Bemühungen um die totale Kontrolle ab. Die Einführung der Mobiltelefonie und der sozialen Medien ist im Sinne ihrer Auswirkungen nur mit der Einführung von Maschinen vergleichbar. Es handelt sich, zumindest dem Ergebnis zufolge, um eine geniale Effizienzsteigerung menschlicher Arbeitsfähigkeit, in diesem Falle der Geheimdienstmitarbeiter. Um es auf den Punkt zu bringen: Sag Menschen, dass sie unbeobachtet sind, und sie denunzieren sich selbst.

Wie wertvoll soziale Netzwerke und die darin kommunizierten Daten für Geheimdienste sein können, hat erst kürzlich ein Recherche-Coup der Nachrichtenagentur Associate Press (AP) ergeben. Seit 2010 existierte auf der Insel Kuba ein eigener Twitter-Klon namens ZunZuneo. Fast 40.000 Nutzer schickten sich über diese kostenlose Plattform regelmäßig private Nachrichten zu – bis im Sommer 2012 plötzlich Schluss war mit dem unverfänglichen Gezwitscher auf der Karibikinsel. Eine herbe Enttäuschung für die stark von Zensur betroffene Bevölkerung. Wie sich nun herausstellte, war das angeblich kommerzielle kubanische Programm in Wirklichkeit Teil einer perfiden Geheimdienststrategie zur Schwächung der kubanischen Regierung: Von der US-amerikanischen Entwicklungshilfeagentur USAid geplant und finanziert sollte es dazu beitragen, die Bevölkerung gegen die unliebsame Castro-Regierung aufzuwiegeln – ganz im Sinne der Rolle von Facebook während der arabischen Revolution. Wie immer man zu der Menschenrechtslage in dem kommunistischen Inselstaat stehen mag: Authentischer demokratischer Wandel sieht anders aus.

So mysteriös das plötzliche Ende des ZunZuneo-Projekts auch ist – eine Lehre hält es schon heute für uns parat: Der alte Schlachtruf der 68er – »Das Private ist politisch!« – hat sich als unheimliche Realität erwiesen. Umso wichtiger wird es sein, einen kritischen Blick auf das eigene digitale Verhalten zu werfen; »nichts zu verbergen« hat nur der, der für seinen Staat keine Rolle mehr spielt – und das sind in der Regel Verstorbene. Für diese einfache Wahrheit braucht es keine Verschwörungstheorie; es reicht gesunder Menschenverstand.

 

Bild: Germany2799

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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