Stellen Sie sich einen alten Mann vor, der im Restaurant von Tisch zu Tisch geht, seine Arme hinter dem Rücken verschränkt, sich hinunter zu den Gästen beugt und ihnen, während sie sich gerade ihren Kaffee oder Tee mit einem Teelöffel Zucker versüßen wollen, zuraunt: „Zucker ist ihr Mörder.“ Dieser Mann war mein Großvater. Als passionierter Dermatologe beschäftigte er sich in seiner Praxis auch mit Hautproblemen durch Fehlernährung und Allergien. Er entsagte dem weißen Gift vollkommen, fing an, sich mit fernöstlichen Philosophien zu beschäftigen und forderte seine Familie dazu auf, im Winter mit nackten Füssen im Garten durch den Schnee zu treten.

Das war vor mehr als sechzig Jahren. Während er mit ernstem Gesicht versuchte, fremde Menschen von seiner Mission zu überzeugen, bereitete meine Großmutter weiterhin in guter norddeutscher Tradition die köstlichsten Nachspeisen vor: Griessbrei mit Zimt und Zucker, Himbeerquark, Zucker-Ei, Käsekuchen. Dass Zuckerkonsum ungesund und ja, sogar tödlich sein kann, wissen wir alle. Essen tun wir ihn trotzdem – entweder bewusst, indem wir unsere Speisen süßen, oder unbewusst, denn in mehr oder weniger allem, was wir täglich zu uns nehmen ist – Zucker.

In meinem „Sugar Free Diary“ berichte in den kommenden zehn Wochen, wie es sich anfühlt, von Zucker loszukommen. Zumindest größtenteils. Und Gluten, das böse Klebereiweiß, nehme ich für ein paar Wochen auch noch gleich dazu. Ich habe mich nicht etwa freiwillig dazu entschieden, das würde ich niemals tun. Denn ganz entgegen der Passion meines Großvaters liebe ich den Geschmack von Süßem und das nicht etwa, indem ich haufenweise Naschereien in mich hinein schaufele. Nein, meine Sucht versteckt sich hinter einer einigermaßen abwechslungsreichen Ernährung. Bloß dass diese sich hauptsächlich in der Matrix Weizenmehlprodukte, Milchprodukte, Obst und Brot bewegt.

So wie bei den meisten Menschen. Denn die Deutschen, so sagt es die WHO, verbrauchen im Jahr 35 Kilo pro Kopf, Tendenz steigend. Das sind 100 Gramm pro Tag oder plastischer ausgedrückt: circa 25 Löffel täglich. Zwei Drittel davon stecken in den sogenannten „versteckten Zuckern“, die sich in Brot, Fertigwaren, Saucen und Softgetränken befinden.

An meinem Beispiel kann man diesen halb versteckten Zuckerkonsum wunderbar durchdeklinieren. Morgens geht es los: Müsli ohne Obst? Da bekomme ich schlechte Laune. Für mich muss es sich morgens frisch und knusprig anfühlen und das geht am besten mit einer großen Schüssel Crunchymüsli mit Joghurt und einem geschnittenen Apfel; einen frischen Toast mit Erdbeermarmelade – selbstverständlich Bio – schiebe ich noch hinterher. In jeder dieser Zutaten steckt irgendeine Art von Zucker.  Meine sonstigen Essgewohnheiten? Die einer durchschnittlich ernährungsbewussten, beruflich stark eingebundenen, zwischen Arbeitsplatz und Kita hin und her pendelnden Großstädterin, die für aufwendige Kocherei keine Zeit hat, aber schon irgendwie gesund leben will.

Kreative Pastagerichte ja, einfallslose TK-Pizza nein. Zeitsparende Fertigsaucen willkommen, schnödes Billigfleisch beim Asiaten? Niemals. Einkaufen im Biomarkt? Viel zu teuer, Biolabels im Discounter hingegen erleichtern das Gewissen. An einem perfekten New York Cheesecake oder attraktiven Cupcakes komme ich so gut wie nicht vorbei. Aber an einem leckeren Salat mit einer leckeren Vinaigrette und Schafskäse auch nicht. Hingegen habe ich noch nie eine ganze Tafel Schokolade beim Fernsehen in mich hinein gefuttert.

Mein Set an Gerichten, auf die ich seit Jahren zugreife, bewegt sich schätzungsweise zwischen fünf und sieben Hauptspeisen. Und außerdem finde ich, dass Selberbacken etwas für Halbtags-Muttis aus dem Prenzlauer Berg mit einem Coworking Space ist, den sie zweimal die Woche für ihre Achtsamkeitsprojekte nutzen, oder für coole Mitte-Mädchen, die zu Chiasamen-Cheesecake und Erdnuss-Grünkohl-Scones ein Start-up gegründet haben. Beides trifft auf mich nicht zu.

Soviel zu meinem Essverhalten vor der Diagnose. Dass ich seit mehr als fünfzehn Jahren an einem Reizdarm leide, habe ich mit selbst ausgedacht. Ich habe im Internet recherchiert und die Symptome passten: Mehr oder weniger täglich ein aufgeblähter Bauch wie im 7. Monat, dazu brauche ich vor allem Morgens immer eine Toilette in der Nähe. Stellen Sie sich einfach einen Luftballon vor, den Sie aufgeblasen loslassen. Richtig, ich bin der Luftballon. Sie können sich nicht vorstellen, wie man sich als so eine Art von Luftballon fühlt?

Nun, chronische Magen-Darm-Probleme führen bekanntermaßen zu Gereiztheit, Abgeschlagenheit, Rückenschmerzen, Mangelerscheinungen aller Art. Man fühlt sich, als würde der Großteil der Nahrung einfach durch einen hindurchfallen. Nahrungsaufnahme wird zum Abwegungs-Mantra: „Ist das Vollkornsandwich mit Edamer und Seitanschnitzel heute zu schwer?“  oder das Gegenteil: „Werde ich davon auch satt?“ Denn wenn die Nahrung gefühlt nie richtig „hängen bleibt“, ist man eigentlich auch nie für längere Zeit auf dem gesunden Level: Entweder Luftballon oder der Blutzucker ist ganz weit unten.

Nach ein paar halbherzigen Anläufen, Licht in die dunklen Windungen meines Darm zu bringen, habe ich mich mit dem Zustand abgefunden, „irgendwie eine schlechte Verdauung zu haben.“ Bis zum dem Zeitpunkt, als meine Symptome auf einmal ein halbes Jahr lang ganz verschwunden waren, nur um dann, mit umso größerer Macht, zurückzuschlagen. Ich beschloss also noch einen Anlauf zu nehmen und mich komplett durchchecken zu lassen. Laktose-, Fruktoseintoleranztest, Glutenunverträglichkeit. Ein Schritt, den ich schon viel früher hätte unternehmen müssen, denn seitdem ich das Ergebnis auf dem Tisch liegen habe, ist nichts mehr wie vorher.

Das war vor einer Woche. Ich komme ein letztes Mal auf meinen Darm zurück: Er ist fehlbesiedelt. Und zwar massiv. Mit Pilzen. Das ist der Moment, bei dem sich die Leute meistens leicht angeekelt wegdrehen. Seit dem erfolgreichen Buch von Guilia Enders „Darm mit Charme“ wissen wir ja, dass Darm und Verdauung eines der letzten großen Tabus sind, die wir so mit uns mit schleppen. Immerhin bis zu 7,5 Meter davon. Glaubt man den Diagrammen auf dem Bildschirm meiner Ärztin, leide ich unter einer Fruktose-indiziierten sogenannten Dünndarmfehlbesiedelung, hervorgerufen durch Antibiotikabehandlungen, Stress und Fehlernährung.

Die gute Nachricht: Laut Testergebnissen keinerlei Unverträglichkeiten, kein lebenslanges Versagen von all den leckeren, süßen, weizenmehlgetränkten, praktischen Gerichten – oder etwa doch? „Die ersten zwei Wochen essen Sie bitte gar keinen Zucker, Gluten und raffinierte Kohlenhydrate“, ermahnte mich die Ärztin und schob mir einen Zettel mit Ernährungsanweisungen über den Tisch. Die Nachricht schlug ein wie ein Pastateller mit Gorgonzolakäse. „Was ist mit meinem Obstfrühstück?“ fragte ich tonlos.

„Apfel auf nüchternen Magen? Das ist natürlich bei Ihnen genau das Falsche“, klärte sie mich auf. „Apfel enthält mit den höchsten Fruktosegehalt von allen Obstsorten.“ Aus einem mir ganz und gar unerfindlichen Grund lächelte sie sogar ein bisschen. „Aber dann darf ich ja sowas wie Reissirup auf meinen Jogurt geben, oder?“ versuchte ich es fast schon aufmüpfig. „Auf keinen Fall, sie haben keine Fruktoseintoleranz, sondern müssen komplett auf Zucker verzichten. „Auch auf Glukosezucker. Aus denen und den raffinierten Kohlenhydraten, also auch vielen Weizenmehlprodukten, produziert Ihr Körper Zucker und daraus entstehen die Pilze.”

Mir wurde schwindelig. Für einen kurzen Moment stiegen Tränen in mir auf, nicht nur, weil mir jemand gerade den wichtigsten Stoff entzog, mit dem ich durch einen Alltag mit Arbeit, Kleinkind, Haushalt, Einkaufen, der Pflege von sozialen Kontakten, einer intakten Beziehung, ausreichend Sport und Entspannung und Zeit, in der ich mit mir allein bin, kommen muss. Nein, ich dachte auch an die Zeit nach den zehn Wochen. Denn: Wenn das Zeug meinen Körper einmal kaputt gemacht hat, wird es es wieder tun.

Ich wollte kein aufgeblasener Luftballon mehr sein. Und Durchlauferhitzer schon gar nicht: Ich musste zuckerfrei leben. Würde ich zu einer Lightversion meiner Chiasamen-Start-up-Girls werden oder womöglich ernsthaften Spaß am Kochen entwickeln? Und würde sich die große Anstrengung einer Ernährungsumstellung auszahlen und der aufgeblasene Luftballon endlich befreit und leicht in den Himmel steigen? In diesem Moment begriff ich, dass mein Experiment begann.

 

Bild: StockSnap (Titel); Cosima Grohmann (Food)

 

Alle Teile von „My Sugarfree Diary“ hier auf #seinsart:

Teil 1  |  Mein aufgeblasener Luftballon
Teil 2  |  Kalter Entzug! Meine erste Woche ohne Zucker und Gluten
Teil 3  |  Auf dem Weg ins Reich der Chiasamen

 

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Written by Cosima M. Grohmann

Cosima M. Grohmann hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte studiert und arbeitet als Redakteurin in einer Berliner Agentur. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für den Tagesspiegel, die zitty, die Frankfurter Rundschau und fluter.de zu Themen, die das Leben schöner machen und besser aussehen lassen.

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