Was wir derzeit in Deutschland erleben müssen, ist eine schwere menschliche Katastrophe. Im ganzen Land gehen Menschen aus Angst vor Fremden auf die Straße und gefühlt wird jeden Tag irgendwo ein Brandanschlag auf eine geplante Flüchtlingsunterkunft verübt. Diese Gewalt geht nur von einer Minderheit aus, und zum Glück ist die Welle der Hilfsbereitschaft weit höher, aber Vorurteile und Misstrauen gegenüber Fremden sind in allen Gesellschaftsschichten präsent und können jederzeit hervorbrechen. Es stellt sich die Frage, woher all diese Angst und all dieser aufbrandende Hass kommt, zumal wir alle wesentlich an den Ursachen dieser Flüchtlingstragödie die Schuld mittragen.

Nun kann man sich natürlich hinstellen und sagen: Was habe ich mit alldem zu tun – und sich zurücklehnen, aber so einfach ist das in einer globalisierten Welt leider nicht mehr. Dazu ein paar Gedanken:

 

Waffen sind zum Töten da

Deutschland gehört zu den fünf größten Waffenexporteuren der Welt, rechnet man die Lizenznehmer deutscher Rüstungsfirmen mit ein, rangieren wir sogar unter den Top 3. In so ziemlich allen bewaffneten Konflikten auf der Welt kommen die beliebten deutschen Kleinwaffen zum Einsatz. Derzeit haben wir fast 50 Bürgerkriege, Kriege und andere bewaffnete Konfliktherde auf der Welt, deren Opfer zu 90% durch Kleinwaffen getötet oder verletzt werden.  Die UNO und sämtliche Hilforganisationen sind sich in einem Punkt einig und zwar, dass von Kleinwaffen eine der größten Gefahren für die moderne Gesellschaft ausgeht.

Kleinwaffen sind die Geißel unserer Zeit. Laut der Hilfsorganisation Oxfam werden jährlich geschätzt 12 Milliarden Patronen weltweit produziert – vielleicht auch wesentlich mehr. Legt man zugrunde, dass 90% aller gekauften Patronen auch abgefeuert werden, dann werden pro Sekunde weit über 300 von ihnen verschossen. Im Moment leben ca. 7,3 Milliarden Menschen auf der Welt; mit all der verfügbaren Munition können wir jeden Menschen mehrfach töten, wofür es keine vernünftige Entschuldigung gibt.

Ähnliches lässt sich auch über Atomwaffen sagen, denn auch dieses Arsenal kann die gesamte Erde hundertfach in Schutt und Asche legen. Die Logik des kalten Krieges, die für dieses Wettrüsten verantwortlich war, kann man eigentlich nicht verstehen, außer man lässt gelten, dass Männer in Machtpositionen gern die Gewissheit haben wollen, dass ihr Gemächt das größte in der Runde ist – und eine Atomrakete ist ein verdammt großes Gemächt in dieser Logik; aber das nur am Rande.

Von den geschätzten 500 Millionen Kleinwaffen, die weltweit ihre blutige Ernte einholen, stammt jede zehnte aus Deutschland.

Ca. 10 Millionen G3-Gewehre von Heckler & Koch sind weltweit im Einsatz und auch andere deutsche Exportschlager im Kleinwaffensegment können mit ähnlichen erschreckenden Zahlen aufwarten. Von den geschätzten 500 Millionen Kleinwaffen, die weltweit ihre blutige Ernte einholen, stammt jede zehnte aus Deutschland. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, schrieb Paul Celan in seiner Todesfuge, und leider haben diese Worte nichts an ihrer Aktualität verloren. Menschen fliehen vor Krieg, Zerstörung, Massenvergewaltigungen und Hinrichtungen und sie tun dies vernünftigerweise in Richtung vermeintlichen Wohlstands und Friedens.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sie in die Länder ziehen müssen, die mit ihren Waffen Teil der Zerstörungsmaschinerie in ihren Heimatländern sind. Wenn unsere Politiker Waffenexporte mit sogenannten Sicherheitsinteressen oder Selbstverteidigungsbedürfnissen begründen, dann ist das eine Lüge und Selbstbetrug. Niemals in der Geschichte der Menschheit haben Waffen dazu geführt, Frieden zu schaffen; stets wurden damit Menschen getötet oder verletzt, Schwache unterdrückt und Nationen vernichtet.

 

Das Klima wandelt sich

Auch in der Rangliste der Klimasünder ist Deutschland leider unter den Spitzenreitern zu finden, so schafft es das Land zwar weltweit nur auf Platz 6 der größten CO2-Emittenten, in Europa sind wir aber unangefochten auf Platz 1. Es gibt Szenarien, nach denen der Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten um bis zu 60 Meter steigen könnte, wenn in Folge der Erderwärmung Teile der Polareisdecke schmelzen. Selbst wenn man dieser pessimistischsten aller Prognosen nicht folgt und nur mit 30 Metern Anstieg des Meeresspiegels rechnet, wird das die Weltgemeinschaft auf eine sehr harte Bewährungsprobe stellen.

Schon jetzt spüren Inselbewohner und Küstenanrainer in den Ozeanen der Welt den langsam steigenden Meeresspiegel, weil ihre angestammte Heimat langsam versinkt, prominentestes Beispiel ist dafür derzeit Bangladesh. Sie sind die ersten, die unseren Energiehunger mit dem Verlust ihrer Heimat bezahlen. Zehn Länder, darunter auch Deutschland, sind verantwortlich für über 60% des weltweiten CO2-Ausstoßes und der daraus resultierenden Erderwärmung.

Industrieschwache Länder in der dritten Welt, die keine nennbaren CO2-Emissionen haben, treiben wir in Armut und Verzweiflung. Wer hierzulande angesichts dessen immer noch Armuts- bzw. Wirtschaftsflüchtlinge von Kriegsflüchtlingen und in ihren Ländern politisch Verfolgten trennen will, der begeht nicht nur menschlich einen großen Fehler. Was auch immer die Fluchtgründe von Menschen sind, die sich dazu entschließen, zu uns zu kommen, sie sind legitim und in jedem Einzelfall gründlich zu prüfen, denn es geht um Menschenleben; diese sollten in einer sich zum Humanismus bekennenden Gesellschaft alle den gleichen Stellenwert haben, egal welche Hautfarbe, Religion oder Herkunft man hat.

An Smartphones, Computern und anderen elektronischen Luxusgütern klebt das Blut von Millionen Menschen.

Die selbsternannten Wutbürger, die sich derzeit überall im Land berufen fühlen, das christliche Abendland zu verteidigen, werden vielleicht schon bald nicht nur mit Flüchtlingen aus dem Ausland konfrontiert sein, denn steigende Meeresspiegel werden auch hierzulande einen Exodus aus den Küstenregionen zur Folge haben. Mit welcher Begründung will man dann diese Binnenflüchtlinge abwehren? Vielleicht muss man dann prähistorische Stammesgrenzen geltend machen, um sich von „den anderen“ abzugrenzen.

Der Energie- und Rohstoffhunger der Industriestaaten ist trotz aller anderslautenden Absichtserklärungen noch immer unersättlich; vor allem in den Entwicklungsländern werden die dafür benötigten Rohstoffe geraubt. Die Gewinnung seltener Erden ist ein blutiges Geschäft von Konzernen und Staaten, für die Menschenleben nichts zählen. An Smartphones, Computern und anderen elektronischen Luxusgütern klebt das Blut von Millionen Menschen, die bei der Gewinnung seltener Erden oder durch bezahlte Kriege um diese Erden ihr Leben lassen mussten.

Die traurige Wahrheit: Den meisten von uns ist das einfach egal; wir kaufen uns trotzdem jedes Jahr das neuste iPhone oder einen noch größeren Fernseher. Wir wissen um all die furchtbaren Zustände in der Produktion dieser Geräte, aber unser Kaufverhalten beeinflusst dieses spürbar wenig. Es ist, wie es einer der Flüchtlinge in Calais so unschön auf den Punkt gebracht hat: „Wir glauben, wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa.“ Ein Menschenleben in der Ferne hat einen spürbar geringeren Wert. Wir sind voll und ganz damit beschäftigt, uns all das von uns verursachte Leid auf Distanz zu halten, aber höhere Zäune an den Außengrenzen der EU entbinden uns nicht von der Verantwortung für unsere Mitmenschen, deren Leid wir verursachen.

 

Wir sind nicht ein Volk, sondern Menschen

„Deutschland den Deutschen“ oder „Wir sind das Volk“ musste man in letzter Zeit wieder öfter in der Öffentlichkeit hören. Selbst wenn man rassistische Ideologien zur Grundlage nimmt: Diesen vielbeschworenen Deutschen gibt es in der Realität nicht. Seit der Steinzeit und wahrscheinlich noch viel früher ist Europa ein multikultureller Schmelztiegel; Kriege, Naturkatastrophen und andere einschneidende Ereignisse führten immer wieder zu Wanderungen einzelner Volksgruppen über den Kontinent, die meist friedlich mit der einheimischen Bevölkerung verschmolzen.

Ähnlich verhält es sich mit Deutschland, das als Staatsgebilde wesentlich jünger ist als viele glauben mögen; vom 1000-jährigen Reich kann nicht mal im historischen Rückblick die Rede sein. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die europäische Landkarte ein bunter Flickenteppich kleiner und kleinster Staaten, die ihre Herrschaft aus feudalen Adelsstrukturen des frühen Mittelalters ableiteten. Kriege, Bündnisse oder gar Heiraten ließen Länder verschwinden oder neue entstehen. Leidtragende all dieser Auseinandersetzungen waren immer die einfachen Menschen, die – zum großen Teil Analphabeten – in feudalen Strukturen ihr Leben fristen mussten; kaum jemand erreichte damals das 30. Lebensjahr.

Ich weiß nicht, welches Idealbild diese ewig Gestrigen da immer vom Deutschen Volk heraufbeschwören wollen – oder nach welchen altgermanischen Tugenden sich heutige Menschen richten sollten. Ich möchte nicht als analphabetischer Leibeigener jemandes Willkür ausgesetzt sein, nur weil er die meisten und größten Waffen hat; ich denke auch, dass nach reiflicher Überlegung niemand solche Zustände zurück möchte.

Der Reichtum und die Macht dieser wenigen war immer
mit dem Blut der vielen anderen bezahlt.

Romantische Verklärung der Vergangenheit gehört wohl zum Leben dazu; nicht umsonst feiern historische Romane immer größere Erfolge, auch auf der gegenwärtigen Buchmesse in Frankfurt. Wer träumte als Kind nicht davon, mal der Prinz oder die Prinzessin zu sein? Doch der Reichtum und die Macht dieser wenigen war immer mit dem Blut der vielen anderen bezahlt. Es gibt keine reinrassigen Deutschen, genauso wenig, wie es Rassen an sich gibt. Die völkische bzw. rassenideologische Bewegung ist eine Erfindung weniger Verblendeter und entstammt dem 19. Jahrhundert. Ihr Ziel war kein authentisches Geschichtsbild, sondern die Schaffung eines aus Versatzstücken der Historie zusammengezimmertes, rassistisches und menschenfeindliches Weltbild zur Mehrung des eigenen Vorteils.

Dieser nationalistische und völkische Unsinn mündete in den Ersten Weltkrieg und später in den Zweiten Weltkrieg; als Folge dieser Kriege besaßen die Siegermächte sogar noch die Frechheit, Grenzen durch Afrika und den Nahen Osten am Reißbrett mit dem Lineal zu ziehen, ohne Rücksicht auf die ansässigen Menschen und Kulturen zu nehmen. Die Folgen dieser der Kolonialzeit entstammenden Arroganz der Mächtigen spüren wir noch immer, denn ein Großteil der Konflikte heute geht auf diese Grenzziehungen zurück.

Genetisch stammen wir alle von den selben Vorfahren ab. Äußere Merkmale wie Hautfarbe sind lediglich Anpassungen unserer genial reagierenden Spezies an bestimmte Lebensräume. Menschen, die über Generationen in Äquatornähe leben, entwickeln nun mal auf Grund der erhöhten Sonneneinstrahlung vermehrt Pigmentzellen in der Haut; das nennt man Evolution und hat nichts mit rassistischen Ideen und weißem Herrenmenschentum zu tun. Wir sind alle Menschen, egal wo wir herkommen und welche Sprache wir sprechen.

 

Wir sollten wie Bienen sein

Die technische und industrielle Entwicklung der letzten 100 Jahre ging so rasant vonstatten, dass heute kaum noch jemand in der Lage ist, all diese uns umgebenden Errungenschaften zu verstehen. Immer mehr Denkleistung geben wir an Maschinen und Geräte in unserem Alltag ab, wobei wir immer abhängiger von ihnen werden. Man ist nur noch damit beschäftigt Geld zu verdienen und verliert sich nach und nach in einer immer komplizierter werdenden Welt.

Ausdruck dieses Verlorenseins ist die immer stärker werdende Sehnsucht nach Individualität; wir lassen uns tätowieren, ziehen verrückte Sachen an und umgeben uns mit extravagantem Schnick-Schnack; alles nur um zu existieren und ein klein wenig aus der Masse herauszuragen. Sehenden Auges steuert unsere Gesellschaft in den Abgrund, denn eine Welt egozentrischer Individuen kann sich auf lange Sicht nicht halten. Menschen sollten sich in Demut üben und sich ein Beispiel an den Bienen nehmen.

Eine Welt egozentrischer Individuen kann sich
auf lange Sicht nicht halten.

Ein Bienenvolk ist eine demokratische Gesellschaft, in der jede Biene ihre Aufgabe zum Wohle aller anderen erfüllt. Keine Biene strebt danach, die anderen zu beherrschen oder mehr Honig zu besitzen als die anderen; warum auch? Bienen wärmen sich gegenseitig, wenn es kalt ist, sie ernähren und sie beschützen sich und ihre Königinnen sind die ersten Diener des Staates. Aber ihre größte Tugend ist wohl, dass sie ihre Lebenswelt nicht zerstören, sondern im Gegenteil sogar dafür sorgen, das sie sich vermehrt und gedeiht.

Nicht nach Geld und Macht sollten wir streben, sondern nach Gemeinschaft aller Menschen. Wenn wir Menschen es schaffen würden, nur halbwegs so demokratisch und rücksichtsvoll mit unseren Mitmenschen und unserer Umwelt umzugehen, wie uns Bienen das Tag für Tag vorleben, wäre die Welt wahrlich ein schönerer Ort. Ich würde gern behaupten, dass ich die Hoffnung hege, dass dieser Zustand irgendwann erreichbar ist. Derzeit sieht es mir mehr danach aus, dass wir unsere Chance erst dann erkennen, wenn wir sie schon beinahe vertan haben; aber ich lasse mich gern von der Welt eines Besseren belehren.

Apes debemus imitari et, quaecumque ex diversa lectione congessimus, separare, deinde adhibitia ingenii nostri cura et facultate in unum saporem varia illa libamenta confundere.

 Literaturemfehlungen zum Thema Bienen:

Bild: Waugsberg

Written by Henri Diekmann

Henri Diekmann ist Germanist und Altphilologe. Der bekennende Humanist schreibt und forscht zu den Themen Geschichte, Literatur der Frühen Neuzeit und Gräzistik.

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