Seit Einführung der neuen Wundertablette gegen Aids steigt die Zahl der Syphiliserkrankungen in Deutschland und anderen westlichen Ländern rasant an. Obwohl die Anzahl der HIV-Neuinfektionen nach wie vor hoch ist, scheint die Angst vor dem Immunschwächevirus allgemein gesunken zu sein. Immer mehr sexuell aktive Menschen sind bereit, auf den Einsatz von Präservativen zu verzichten, was zum Leidwesen von Ärzten und Safer-Sex-Aktivisten mit einem dramatischen Anstieg an übertragbaren Geschlechtskrankheiten, im Fachjargon „Sexually transmitted infections“ (STI) genannt, einhergeht.

Mitten in diese Entwicklung platzte vor kurzem eine Kampagne mit dem Namen „Wir machen´s ohne“, in der sich HIV-positive Personen dazu bekennen, mit ihren Sexpartnern ungeschützten Verkehr (also Sex ohne Kondom) zu haben, da sie sich durch die neue Anti-Aids-Tablette als ausreichend geschützt betrachten. Die Aktion wurde in den Medien und im Homosexuellenmilieu kontrovers diskutiert und insbesondere von Gesundheitspolitikern und Safer-Sex-Aktivisten kritisch aufgenommen. Von der Deutschen Aidshilfe wurde sie dagegen völlig undifferenziert bejubelt.

Die bloße Einnahme einer Tablette als „Safer Sex“
– nur eben ohne Kondom.

Tatsächlich senkt die neueste Generation der Aidstherapie (u. a. mit dem Medikament Truvada) die Virenlast im Blut des Patienten unter die Nachweisgrenze. Voraussetzung dafür ist eine vorschriftsmäßige Einnahme. Damit der Patient nicht infektiös ist, müssen die Tabletten regelmäßig, dauerhaft und täglich um die gleiche Uhrzeit eingenommen werden. Vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten schützt die Therapie nicht. Dies wird jedoch von den Initiatoren der Kampagne völlig ausgeblendet und sie versuchen sogar, den Begriff „Safer Sex“ umzudeuten. Demnach sei die bloße Einnahme der Tablette schon „Safer Sex“ – nur eben ohne Kondom. Dies ist ungefähr genauso absurd, als würde eine Frau die Anti-Baby-Pille einnehmen und verkünden, sie schütze sich so vor Geschlechtskrankheiten. Die neue Anti-Aids-Tablette schützt (mit Ausnahme von „Hiv“, wie HIV neuerdings genannt wird) genausoviel vor STI oder ungewollten Schwangerschaften, wie die Anti-Baby-Pille Frauen vor Aids (und anderen Krankheiten) beschützt – nämlich gar nicht!

Deshalb muss ganz klar gesagt werden: Sex ohne „Gummi“ ist kein Safer Sex! Um sich vor Hepatitis C, Syphilis, Tripper, Feigwarzen, Chlamydien und anderen Bakterien und Keimen, ja auch vor HIV zu schützen, bieten Kondome nach wie vor den besten Schutz. Insbesondere HIV-negative Personen sollten davor gewarnt werden, sich auf den selbsterklärten HIV-Status ihres potenziellen Sexpartners zu verlassen. Ob der andere die Tabletten vorschriftsmäßig einnimmt oder zwischendurch auch mal vergisst, ob er überhaupt in Therapie oder negativ ist, kann im Moment des Stelldicheins niemand überprüfen. Man sollte nicht vergessen, dass Menschen das Blaue vom Himmel herunterlügen, um an Sex zu kommen. Das fängt beim Familienstand an und hört beim Gesundheitszustand auf. Der Satz „Ich bin unter der Nachweisgrenze“ hat heute ungefähr so viel Gehalt wie der leidselige Spruch „Ich habe neulich erst einen Test gemacht“ in den 90er Jahren.

Kein Grund zur Entwarnung und zur Propaganda für Sex ohne Präservative.

Es besteht also kein Grund zur Entwarnung und es ist auch nicht angebracht, Sex ohne Präservative zu propagieren. Natürlich bleibt es die Entscheidung jedes Einzelnen, was er möchte und was nicht. Und wenn Menschen, die tatsächlich negativ oder unter der Nachweisgrenze sind, einvernehmlich miteinander ungeschützten Verkehr haben möchten, ist dies okay. Selbstverständlich muss auch für die Akzeptanz von HIV-positiven Menschen in der Gesellschaft geworben werden, was ein erklärtes Ziel der Kampagne „Wir machen´s ohne“ ist. Aber bitte nicht zu dem Preis, durch unvollständige Informationen die Erfolge der Safer-Sex-Kampagnen zunichte zu machen. Damit es nicht am Ende heißt, „wir machen´s ohne Verstand“.

Vor allem junge, homosexuelle Männer werden zunehmend von Anhängern des „Barebackings“ (Analverkehr ohne Kondom) unter Druck gesetzt, auf Präservative zu verzichten. Und in der Schwulenszene kursiert das Gerücht, dass viele (männliche) Mitarbeiter der Aidshilfe gar kein Interesse mehr an der Propagierung von Safer Sex hätten. Vor diesem Hintergrund hat die Unterstützung der Aidshilfe für „Wie machen´s ohne“ ein „Geschmäckle“.

Auch dem letzten Depp dürfte klar geworden sein, dass Aids keine „Schwulenkrankheit“ ist.

Als vor ein paar Jahren die Sängerin Nadja, Mitglied der Popgruppe No Angels, vor Gericht gezerrt und öffentlich gebrandmarkt wurde, erhielt das Thema HIV-Prävention einen Aufmerksamkeitsschub, der inzwischen leider wieder verpufft ist. Die Popsängerin wurde damals angeklagt, einen Mann beim ungeschützten Sex in einer Diskothek mit HIV infiziert zu haben. Der Autor dieser Zeilen ist der Meinung, dass die Künstlerin dafür zu hoch bestraft wurde (zwei Jahre auf Bewährung und 300 Arbeitsstunden). Denn schließlich wollte der von ihr mutmaßlich geschädigte Mann den Sex ohne Kondom und hat eine 50-prozentige Mitschuld. Das einzig Gute an der Sache war, dass durch den Skandal auch dem letzten Depp klar geworden sein dürfte, dass Aids keine „Schwulenkrankheit“ ist. Und vielen jungen, unerfahrenen Menschen sollte klar geworden sein, dass man die Krankheit niemandem ansehen kann. Auch ein Mensch, der gesund und umwerfend attraktiv aussieht (wie Nadja), kann das Virus in sich tragen. Und davor schützen nun mal am besten Kondome.

Von Bareback-Aktivisten wird oft eingewandt, dass auch Präservative keinen hundertprozentigen Schutz vor Infektionen böten. Das ist richtig. Denn ein Kondom kann reißen und eine Übertragung (z. B. von Syphilis) kann auch am Penisschaft oder oral stattfinden. Aber letztendlich sind solche Argumente auch Ausreden, das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Denn das Infektionsrisiko ist mit „Gummi“ trotzdem um ein Vielfaches geringer als ohne. Und einen hundertprozentigen Schutz vor Krankheiten bieten nun mal nur sexuelle Enthaltsamkeit oder eine monogame Beziehung.

 

Bild: Ben_Kerckx

Written by E. M. Hohenborg-Varel

E. M. Hohenborg-Varel ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist in Berlin. Seit 2014 schreibt er jeden Monat die Kolumne "Post von Hohenborg-Varel".

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>