Weimar, Geschwister-Scholl-Straße 8. Im Zentrum des damals neuen Weltgeistes wähnt man sich im teilweise rekonstruierten Direktorenzimmer der heutigen Bauhaus-Universität. Ein kubisches Sofa in sattem Gelb steht auf einem kunstvoll gemusterten Teppich, in Metallstangen eingelassene Leuchtröhren scheinen wie Moleküle zwischen den hohen stoffbezogenen Rauputzwänden zu schweben. Unter der Decke hängt das berühmte Konstrukt aus Soffittenlampen.

Lediglich eine rote Kordel trennt staunende Besucher von der Komposition des Bauhaus-Meisters, Walter Gropius. Hier in dem kleinen Raum im zweiten Stock, saß Gropius und empfing seine Studenten, die später die Bauhaus-Lehren von Chicago bis Tel Aviv verbreiten sollten.

„Diese Möbel dienen als Ergänzung des streng geometrischen Raumkonzepts“ erklärt Kathrin Meyer. Die brünette Studentin aus Dresden studiert im siebten Semester Architektur. Sie begleitet Besucher auf „Bauhausspaziergängen“ durch das historische Bauhaus und deren Hinterlassenschaften im modernen Weimar heute.

Die Sonne scheint grell durch die hohen Fenster. In der heißen Luft schwirren feine Staubteilchen herum. Federleicht und winzig klein. Milliarden Partikel in jedem Kubikmeter Luft. Der Geist der einstigen Bauhaus-Professoren wie Walter Gropius, Hannes Meyer, Lazlo Moholy-Nagy oder Wassily Kandinsky ist noch deutlich spürbar. Auch heute noch strömen jene Schockwellen durch die Räumlichkeiten, die einst das überkommene Kunstverständnis erschütterten. Weimar gilt als Wiege der Bauhausschule, die in Dessau groß wurde und 1933 von Berlin aus die ganze Welt eroberte. 1996 wurden die Bauhausstätten in Weimar und Dessau in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen und haben sich in den letzten Jahren als beliebtes Ausflugsziel etabliert.

„Seit dem Jubiläumsjahr 2009 boomt der Denkmaltourismus“, erzählt die Studentin mit einem verschmitzten Lachen während sie die Besucher durch das berühmte Hauptgebäude führt.

Das Bauhaus in Weimar ist kein Museum, keine Puppenstube und auch kein konserviertes Denkmal.

Mit fast 4000 Studenten und vier künstlerisch-technischen Fakultäten steht die heute internationale Universität auf dem Boden bedeutender Traditionen. Wichtige Kapitel der Kunst- und Baugeschichte in den vergangenen 150 Jahren wurden hier mitgeschrieben. Im „neuen Bauhaus“ werden nach jahrzehntelanger Entwicklung wieder Kunst und Technik in einer Einrichtung zusammengeführt.

Es ist Mittag. Im Innenhof des Hauptgebäudes der Bauhaus-Universität arbeiten Architekturstudenten an ihrer Semesterarbeit. Einem selbstgebauten Grill in Trichterform. Bauhausstudenten experimentieren gern jenseits des Gewohnten. „Grill.Hafen.Rinne“ haben die Studenten diese ungewöhnliche Konstruktion genannt. Spitz zum Dreieck verlaufen zwei Metallplatten. Sie fassen die Holzkohle. Obendrauf werden auf Holzstäben gespießt, Fleisch, Fisch und Gemüse gebraten. Ein Rost ist nicht notwendig. Die Stäbe liegen auf den Kanten der Metallplatten. Materialbeschaffung, Planung, Umsetzung – alles lag allein in den Händen der Studenten. Sie haben nicht nur konstruiert, sondern auch gebohrt und geschweißt.

„Es ist für die Studenten das erste Mal, dass sie das, was sie aufzeichnen, auch umsetzen müssen. Ein hartes Training,“ bescheinigt Betreuerin Dr. Luise Nehrlich. „Aber die angehenden Architekten müssen lernen, auch die Realisierbarkeit ihrer Ideen im Blick zu behalten.“

Über den Linoleumboden der legendären Atelierräume huschen sandalenbestückte Füße in weißen Socken, während angehende Architekten noch an ihren Entwürfen arbeiten. „Das Fotografieren ist ausdrücklich erwünscht“, heißt es in der Führung. Das Bauhaus in Weimar ist kein Museum, keine Puppenstube und auch kein konserviertes Denkmal. So beleben neben Studenten auch eine Vielzahl von Touristen nicht nur an schönen Sommertagen den typischen Unialltag.

Mit Begeisterung führt Kathrin Meyer die Besucher nicht nur über den Campus, sondern auch zum Haus am Horn. Das erste Musterhaus der Bauhaus-Schule, 1923 nach einem Entwurf vom Maler Georg Muche gebaut, ist der Vorgänger der Meisterhäuser in Dessau. „Es sollte ein Teil einer Wohnsiedlung unweit von Goethes Haus werden“, erklärt die Studentin. Die Bauhaus-Künstler hatten an diesem Hang eine ganze Siedlung geplant. Aus finanziellen Nöten wurde nur dieses eine Gebäude realisiert, das in den Nachkriegsjahren und selbst nach der Wende nur aufgrund des akuten Wohnungsmangels vom Abriss verschont blieb.

Wer nicht artig ist, kommt ins Bauhaus!

Ein abschüssiger Weg führt hinunter in das Tal des Parks an der Ilm. Diese von Goethe mitgestaltete Parkanlage erinnert an einen Englischen Garten. Großflächige Wiesen und Schatten spendende Bäume umzäunen die durch den Park fließende Ilm. Überall liegen Jung und Alt auf Decken und genießen die wärmende Sonne. Hunde nutzen das kühlende Nass der Ilm, Enten schnattern den hingeworfenen Brotkrumen entgegen. Studenten grillen und trinken Bier aus Flaschen. So wie es immer war. Mit etwas Phantasie kann man sich das Campusleben der Studenten der Zwanzigerjahre vorstellen, die ihr Feierabendbier auch hier im Ilmpark genossen.

„Früher waren die Bauhäusler der Bevölkerung von Weimer ein Dorn im Auge,“ verrät die Studentin verschmitzt. „Das Bauhaus stinkt,“ hieß es, wenn Spaziergänger den glatzköpfigen Bauhaus-Guru Johannes Itten und seine Schüler im Ilmpark beobachten konnten. Die Gruppe umwehte stets eine Knoblauchfahne, wenn sie nackt mitten im Park ihre Atemübungen zelebrierte. Ungezogene Kinder wurden damals ermahnt: „Wer nicht artig ist, kommt ins Bauhaus!“

Hastig steuert die Studentin an Goethes Gartenhaus vorbei auf die kleine Ilmbrücke zu. Ein paar Stufen und man gelangt in den oberen Teil des Parks. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein Eckbau zu sehen. Das berühmte Gebäude, durch das Henry Van der Velde den Aufbruch in die Moderne symbolisierte.

Das Innere der ehemaligen Kunstgewerbeschule präsentiert sich heute weitgehend so, wie es vom Bauhaus gestaltet wurde. Mit einer Wandbemalung von Herbert Bayer sowie einiger rekonstruierter Wandbilder und Reliefs des Bauhauslehrers Oskar Schlemmer im Nebengebäude.

Lautes Klappern von Pferdehufen und Kutschen dringt aus den alten Gassen und lädt die Besucher auf eine akustische Reise in die Zeit Goethes ein. Doch in Weimar weht nicht nur der Geist von Schiller durch die Straßen, auch der „Spirit der Bauhäusler“ ist deutlich zu spüren und inspiriert die Studenten noch heute.

Sie wollen das Erbe weiterleben und weiterdenken, anstatt musealisiert zu werden. Das ist zumindest die Botschaft, die Campusbesucher dieser Tage empfängt. „Bad Weimar. Kurortsteil Museumsstadt Weimar“ steht auf einem gelben Ortsschild, das Studierende auf dem Vorplatz des Van der Velde Baus aufgestellt haben. Ein weiteres Graffiti bringt den nötigen Umgang mit gelebter Bauhausgeschichte auf dem Punkt. Auf dem betonierten Platz vor dem Haupteingang ist in knallgelb zu lesen: „Tradition heißt die Glut zu schüren, nicht mit der Asche zu schmücken“.

Bild: sailko

Written by Birgitta Wallmann

Birgitta Wallmann ist selbstständige Rechtsanwältin und Journalistin. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirschaftslehre in Mainz rief sie das Schreiben, weshalb sie sich bis 2014 an der Freien Journalistenschule Berlin ausbilden ließ.

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