Im Deutschen Bundestag scheint sich ein parteiübergreifender Konsens zum Thema Ehe zwischen allen, die sich lieben und füreinander sorgen wollen, abzuzeichnen. Wenn diese Abstimmung tatsächlich noch vor der Sommerpause und somit vor der Wahl kommen sollte und nicht allein mit linker Mehrheit durchgesetzt würde, wäre dies ein starkes Zeichen aller Demokraten für die Ausweitung universeller Menschenrechte.

Die wichtigsten Gegner dieser „Ehe für alle“ sind derzeit all jene, die die Ehe für ein religiöses Sakrament halten, deren Regeln einzig und allein auf göttlicher Offenbarung beruhen. Es lohnt sich jedoch darauf hinzuweisen, dass diese Vorstellung genau das widerspiegelt, was landauf und landab als religiöser Fundamentalismus (und typisch islamisch) gebrandmarkt wird. Der Wunsch, aus Liebe heraus Verpflichtungen füreinander einzugehen, ist legitim und weit älter als die christliche Religion. Dieser Wunsch ist etwas Universelles, auch wenn seine Realisierung – historisch betrachtet – tatsächlich eine neuartige Sensation darstellt.

Es ist kein Kulturverlust und kein gesellschaftliches Selbstmordprogramm, dazu beizutragen, dass liebende Verbindungen eine Form erhalten, die ihnen eine gewisse Rechtssicherheit verleiht. Liebe ist niemals sicher, das wissen Heterosexuelle ebenso wie Homosexuelle; aber eine Gesellschaft, die sich auf die Fahnen schreibt, keinen Unterschied aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder der sexuellen Orientierung zu machen, kann sich nicht länger mit einer Zweiklassenehe zufrieden geben. Hier geht es nicht um inhaltliche Gleichmacherei, sondern um Chancengleichheit und um Respekt.

Martin Schulz hat die Entscheidung, die Ehe für alle noch vor der Wahl durchzusetzen, sicher aus wahltaktischen Gründen gefällt. Er vollendet damit aber auch das Erbe einer SPD, die seit den 1970er Jahren für gesellschaftlichen Fortschritt steht und die mit Rot-Grün zu Beginn des neuen Jahrtausends in Deutschland die eingetragene Lebenspartnerschaft für alle etablierte. Ob er nach der Wahl dazu noch die Chance hätte, steht aktuellen Umfragen zufolge wohl eher in den Sternen.

 

Nachtrag vom 30. Juni 2017: Mit den Stimmen von 70 Abgeordneten aus der Union (inklusive Ursula von der Leyen und Peter Altmaier) und der Bundestagsmehrheit von Rot-Rot-Grün wurde die „Ehe für alle“ am letzten Tag der Legislaturperiode 2013-2017 in Deutschland politische Wirklichkeit. 

 

P.S. Für alle, die ihn noch nicht kennen sollten, hier der legendäre „Offene Brief an Dr. Laura“, der zum Thema religiöse Kritik an der homosexuellen Liebe einen humorvollen Standard gesetzt hat:

Liebe Dr. Laura,

vielen Dank, dass Sie sich so aufopfernd bemühen, den Menschen die Gesetze Gottes näher zu bringen. Ich habe einiges durch Ihre Sendung gelernt und versuche das Wissen mit so vielen anderen wie nur möglich zu teilen. Wenn etwa jemand versucht seinen homosexuellen Lebenswandel zu verteidigen, erinnere ich ihn einfach an das Buch Moses 3 (Leviticus) 18:22, wo klargestellt wird, dass es sich dabei um ein Gräuel handelt. Ende der Debatte. Ich benötige allerdings ein paar Ratschläge von Ihnen im Hinblick auf einige der speziellen Gesetze und wie sie zu befolgen sind.

a) Wenn ich am Altar einen Stier als Brandopfer darbiete, weiß ich, dass dies für den Herrn einen lieblichen Geruch erzeugt (Lev. 1:9). Das Problem sind meine Nachbarn. Sie behaupten, der Geruch sei nicht lieblich für sie. Soll ich sie niederstrecken?

b) Ich würde gerne meine Tochter in die Sklaverei verkaufen, wie es in Exodus 21:7 erlaubt wird. Was wäre Ihrer Meinung nach heutzutage ein angemessener Preis für sie?

c) Ich weiß, dass ich mit keiner Frau in Kontakt treten darf, wenn sie sich im Zustand ihrer menstrualen Unreinheit befindet (Lev. 15:19-24). Das Problem ist, wie kann ich das wissen? Ich hab versucht zu fragen, aber die meisten Frauen reagieren darauf pikiert.

d) Lev. 25:44 stellt fest, dass ich Sklaven besitzen darf, sowohl männliche als auch weibliche, wenn ich sie von benachbarten Nationen erwerbe. Einer meiner Freunde meint, das würde auf Mexikaner zutreffen, aber nicht auf Kanadier. Können Sie das klären? Warum darf ich keine Kanadier besitzen?

e) Ich habe einen Nachbarn, der stets am Samstag arbeitet. Exodus 35:2 stellt deutlich fest, dass er getötet werden muss. Allerdings: bin ich moralisch verpflichtet, ihn eigenhändig zu töten?

f) Ein Freund von mir meint, obwohl das Essen von Schalentieren, wie Muscheln oder Hummer, ein Gräuel darstellt (Lev. 11:10), sei es ein geringeres Gräuel als Homosexualität. Ich stimme dem nicht zu. Könnten Sie das klarstellen?

g) In Lev. 21:20 wird dargelegt, dass ich mich dem Altar Gottes nicht nähern darf, wenn meine Augen von einer Krankheit befallen sind. Ich muss zugeben, dass ich Lesebrillen trage. Muss meine Sehkraft perfekt sein oder gibt es hier ein wenig Spielraum?

h) Die meisten meiner männlichen Freunde lassen sich ihre Haupt- und Barthaare schneiden, inklusive der Haare ihrer Schläfen, obwohl das eindeutig durch Lev. 19:27 verboten wird. Wie sollen sie sterben?

i) Ich weiß aus Lev. 11:16-8, dass das Berühren der Haut eines toten Schweins mich unrein macht. Darf ich aber dennoch Fußball spielen, wenn ich dabei Handschuhe anziehe?

j) Mein Onkel hat einen Bauernhof. Er verstößt gegen Lev. 19:19 weil er zwei verschiedene Saaten auf ein und demselben Feld anpflanzt. Darüber hinaus trägt seine Frau Kleider, die aus zwei verschiedenen Stoffen gemacht sind (Baumwolle/Polyester). Er flucht und lästert außerdem recht oft. Ist es wirklich notwendig, dass wir den ganzen Aufwand betreiben, das komplette Dorf zusammenzuholen, um sie zu steinigen (Lev. 24:10-16)? Genügt es nicht, wenn wir sie in einer kleinen, familiären Zeremonie verbrennen, wie man es ja auch mit Leuten macht, die mit ihren Schwiegermüttern schlafen? (Lev. 20:14)

Ich weiß, dass Sie sich mit diesen Dingen ausführlich beschäftigt haben, daher bin ich auch zuversichtlich, dass Sie uns behilflich sein können. Und vielen Dank nochmals dafür, dass Sie uns daran erinnern, dass Gottes Wort ewig und unabänderlich ist.

Ihr ergebener Jünger und bewundernder Fan
Jake

 

Bild: Mm.Toronto

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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