Immer dann, wenn sich das Gefühl von Ankommen in mein Leben schleicht oder das absolute Gefühl von bedingungsloser Freiheit in mir schwingt, fühle ich gleichzeitig ein Gefühl von Ohnmacht und Kontrollverlust. Die synchrone Verbindung von Glück und Schmerz ist eine Erfahrung, die sich als Konstante in meinem Leben hält. Vielleicht ist es sogar das einzige gleichbleibende und dadurch vertraute Gefühl, das ich als solches festhalte und mit niemandem teilen möchte.

Der ewige Versuch, diese Eitelkeit aufzugeben, gelingt mir einfach nicht, denn der Schmerz ist ein Teil von mir und in seiner Klarheit eine Schönheit, die ich nicht aufgeben kann. Vermutlich ist es für viele schwer nachzuvollziehen, wieso Menschen mit traumatischen Erfahrungen an ihrem Schmerz festhalten. Vielleicht ist es eine Art ungewollte Symbiose, die man eingeht, denn ich kenne den Schmerz und er kennt mich. Jeder Versuch, das von außen her zu verstehen, ist von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Und doch drängt sich manchmal etwas zwischen mich und meinen Schmerz, das alles daran setzt, diese Symbiose aufzuhebeln und ein viel schöneres Gefühl wie Vertrauen einzupflanzen.

Und plötzlich sind sie wieder da, die Schatten aus der Vergangenheit.

Wie immer ohne Ankündigung, aber niemals ohne Grund. Eigentlich sind es auch keine Schatten, sondern Anteile von mir, die wie ein Wasserfall eine Klippe runterstürzen, um als einzelner Tropfen an einem Felsen zu zerspringen. Es kommt im Ganzen, unvorstellbar in seiner Schönheit, und das mit Wucht, baut sich auf und stürzt herunter, um wieder in der Flut des Normalen aufgelöst dahinzufließen.

Stell Dir vor, Du siehst diesem Wasserfall zu, bewunderst die Kraft, die Schönheit der Menge, mit der er herabstürzt. Vielleicht bewunderst Du sogar das Drumherum, das den Fall in seiner Schönheit ergänzt. Vielleicht fragst Du Dich sogar, wo das Wasser herkommt und wo es hinfließt, aber doch sicher nicht, mit welcher Kraft jedes einzelne Molekül unten im Nichts verschwindet.

Wenn Du der Tropfen bist, der sich aus dem Ganzen trennt, dann bist Du nicht bloß ein Tropfen, sondern die Summe aller Tropfen, die nur zusammen als Ganzes mit ihrer Kraft ihre Wirkung entfalten.

Wenn Dich meine wilde Metapher nicht erreicht, gebe ich Dir ein anderes Bild. Denk einfach an Schmerzen bei gleichzeitiger Leere. Je leerer Du Dich fühlst, desto größer werden die Schmerzen. Wobei Schmerzen noch zu klar ist in seiner Beschreibung. Jeder kennt sie, hat eine Vorstellung, an welcher Stelle und wie intensiv sie sein können. Was aber, wenn man den Schmerz weder lokalisieren noch in seinem Ausmaß wahrnehmen kann? Als eine Art generalisiertes Ich?

An dieser Stelle begrüßen wir alle Dr. Freud, der uns mit seiner Ausführung des Ich und des Über-Ichs begleitet, aber uns auch an seiner Expertise über die Verdrängung teilhaben lässt.

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Ohne einen Exkurs in die Psychoanalyse  zu starten, ist Verdrängung immer als Abwehrmechanismus zu verstehen, der tabuisierte und für die Person bedrohliche Erlebnisse von der bewussten und zugänglichen Wahrnehmung ausschließt. Selbst wenn man sich erinnern möchte, muss man tonnenweise Steine abtragen, bevor man an das kaputte Fundament gelangt.

Wenn wir schon beim Thema sind: Nein, ich verdränge nicht, niemals!

Bis zum Vorhang sind die Bilder doch recht klar. Es ist wie in einem Theaterstück. Wenn sich der Vorhang nach links und rechts für einen Moment verabschiedet, sind wir Zuschauer eines Schauspiels, dessen Interpretation ganz uns überlassen ist. Je meisterhafter die Inszenierung desto mehr Kritiken und Deutungen drängen sich uns auf, und doch werden wir nie ergründen, was uns der Verfasser sagen wollte, nie erfahren, mit welchen eigenen Interpretationen die Schauspieler der Inszenierung ihre eigene Handschrift verliehen.

Wir, die Zuschauer, glauben das Schauspiel verstanden zu haben ohne darüber nachzudenken, wie wir uns selbst auf die Bühne gebracht haben. Gib es zu, beim Lesen hast Du immer an Dich gedacht. An Deinen eigenen Schmerz und Du dachtest zu wissen, was ich Dir zu sagen versuche. Ich möchte ehrlich sein, ich weiß es selbst nicht. Es ist nur eben so, dass sich der Vorhang bei einer Fahrt mit eingeschränkter Sicht plötzlich hebt und wir eben dieses Schauspiel sehen. Dann stehst Du genau dort im Nichts, kannst weder Deinen Standort bestimmen noch Deinen Weg als den richtigen identifizieren.

Und während Dir das klar wird, merkst Du, dass Dein Weg eine Autobahn und egal, wie Du Dich entscheidest, Deine Fahrt nur geradeaus weiter zu gehen scheint. Dich überfährt das beklemmende Gefühl von Aussichtlosigkeit, das Du zur Genüge kennst. Weiterfahren? Anhalten? Die Ausfahrt nehmen? Oh nein, nicht doch, es ist nicht hoffnungslos. Fahr erstmal auf den nächsten Parkplatz und hol tief Luft.

Ich neige nicht zu Illusionen; wir stehen wirklich auf einer Autobahn, die Luft wird dünn sein, wir werden uns verspäten und andere verärgern. Aber sitzen wir nicht gerade am Steuer? Halten wir doch einfach an! Wir können dann immer noch weiterfahren oder die Ausfahrt nehmen. Mach ein Kreuz, um Deinen Standort zu markieren. Nur um Dich selbst wiederzufinden, wenn der Vorhang unverhofft wieder aufgeht und Du ein Stück siehst, das Du in die Schluchten Deines Unter-Ichs verbannt hast. Egal wie tief diese Schlucht ist, der Vorhang ist oft mächtiger und wirft uns einen Strick zu, an dem sich die Schatten nach oben ziehen.

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Mein letzter Vorhang öffnete sich letztes Jahr. Es war ein milder Sommermorgen am Strand. Die Wucht des Olympus umgab das Meer, das so endlos und ewig erschien. Kleine Wellen schlugen gegen die Felsen, in dessen Anhöhen nach einer Sage Poseidons Fenster zu sehen ist… Morgens ist das Meer dort so leicht, dass Du nicht schwimmen kannst, weil es Dich durch das Wasser trägt. Ich fühlt mich in einer embryonalen Einheit mit dem Meer, bis mich das Wasser, das mich kurz vorher noch getragen hatte, zu ertränken versucht.

Bilder schossen mir mit einer Schnelligkeit durch den Kopf, dass mir schwindlig und schlecht wurde. Die Schlucht hatte sich ein stückweit geöffnet und bildete einen Strudel; der „Filmstreifen hing in immer gleichen Schleifen fest“. Es war nicht Zeus, der mich rettete, sondern Poseidon, der mich aus dem Meer wieder an den Strand spülte. Ich bin ihm nicht mal dankbar, denn er ließ mich so lange alleine im Meer untergehen, bis er mich nur noch mit seinem Dreizack retten konnte, der sich zu tiefen Narben in meine Haut brannte.

Das Glück und der Abgrund sind nicht getrennt voneinander. Sie liegen nebeneinander und bilden vielleicht sogar eine Einheit.

Weißt Du, warum es Schatten aus der Vergangenheit heißt? Vermutlich weil die Gebilde in ihrer Struktur eben nur noch schemenhaft erkennbar sind. Schemen, die von Zeit zu Zeit zu unvorstellbar gewaltigen Bildern wachsen. Eben aus dem Nichts, aber nicht ohne Grund.

 

Bild: Unsplash; Elif Kahnert

 

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Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

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