Wenn Musiklegenden sterben, dann tun sie dies leise, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sind sie jünger, dann scheiden sie gerne an einer Überdosis aus dem Leben. Sind sie älter, dann sterben sie wie jeder normale Mensch auch: an Krankheiten. Doch nach ihrem Tod beginnt ein faszinierendes Phänomen: ein weltweiter Webhype, der sich mit jedem Todesfall wiederholt – in letzter Zeit gleich dreimal:

Am 28. Dezember des letzten Jahres starb Motörhead-Frontman Lemmy Kilmister an Krebs. Nur einen Tag nach Kilmisters Beerdigung erlag David Bowie einem Krebsleiden, gegen das er zuvor 18 Monate lang gekämpft hatte – ohne dass die Welt davon wusste. Der Tod des Musikers Prince kam noch überraschender. Er starb drei Monate später im Alter von 57 Jahren. Todesursache: ungeklärt. Zum Zeitpunkt ihres Todes hatten alle drei Musiker den Zenit ihrer Karriere schon lange überschritten.

Motorhead-IMG_6368Es ist Jahrzehnte her, dass sie mit ihren Songs und ihrer Selbstdarstellung die Musikwelt revolutionieren. David Bowie wurde in den 1970ern als kreatives Genie gefeiert, Prince in den 1980ern als Exzentriker der Pop-Musik, Lemmy Kilmister im selben Jahrzehnt als Rock ‘n‘ Roll-Urgestein der damals lautesten Band der Welt. Mit den Jahren wurden sie zu lebenden Legenden, zu einem festen Bestandteil unserer Pop-Kultur, ein jeder auf seine Weise. Immer beliebt, doch nicht mehr Thema der Schlagzeilen. Bis sie starben. Denn in dem Moment, in dem die Nachricht über den Tod bekannt wurde, brach der Hype los.

 

Kondolenz als Tsunami im World Wide Web

Noch vor 15 Jahren hätten sich Fans in diesem Falle einschlägige Musikzeitungen und neue CD’s gekauft, sie hätten mit ihren besten Freunden über den Tod ihres Lieblingsmusikers gesprochen, ganz Hartgesottene vielleicht sogar die Trauerfeier und anschließend das Grab besucht. Heute hingegen ist das ein Nebenschauplatz, die zentrale Anlaufstelle ist das World Wide Web. Von dort aus verteilt sich die Todesnachricht innerhalb von ein paar Stunden über den ganzen Globus wie ein Tsunami, der in jeden PC hineinflutet, egal, wo dieser steht oder wem er gehört.

Zeitungen weltweit informieren online über Tod und Leben der Stars. Andere berühmte Musiker reagieren auf Twitter und ihren eigenen Websites mit erschütterten Statements auf die Todesnachricht, die Presse bündelt sie und verbreitet sie auf ihren Websites weiter. Auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken verlinken sich in Windeseile die Fans, die Kondolenzbeiträge vermehren sich im Minutentakt. Und immer wieder Betroffenheit, Trauer, tiefste Anteilnahme.

maxresdefaultWas ist es also, das Menschen aus Argentinien, Japan, Indien, Dubai oder Deutschland mit einem Schlag zusammenschweißt? Sie kommen aus unterschiedlichen Kulturen, haben unvereinbare Lebensgeschichten oder Weltanschauungen und trauern doch gemeinsam um einen Menschen, der weder politische Leitfigur noch religiöser Hoffnungsspender war, sondern einfach nur ein Musiker. Einer, den sie nie persönlich gekannt haben und für den manche dennoch mehr Liebe fühlen und echtere Tränen vergießen als für die nahe Verwandtschaft.

 

Von der inneren Stimmgabel zum Soundtrack unseres Lebens

Es liegt wohl an den inneren Stimmgabeln in uns. Jener undefinierbaren Seelenkraft, die unsere Lieblingsmusik zu einem Teil der eigenen Identität werden lässt und bisweilen zur größten Liebe unseres Lebens. Wird die innere Stimmgabel von Tönen getroffen, dann gehen wir in Resonanz. Die Musik verstärkt unsere eigenen Gefühle und lässt uns ein Stück von uns selbst erkennen oder wieder erkennen – vor allem in der Zeit, in der wir es am nötigsten brauchen, erkannt zu werden: in der Pubertät. Wer sich einmal mit seinem ganzen Wesen in einer bestimmten Musik wiedererkennt, der bleibt dabei. Auch dann noch, wenn die Teenage-Jahre lange vorüber sind.

Deshalb wohl findet man in allen Nachrufen im Grunde dasselbe: Dankbarkeit für die Musik und für die Veränderungen zum Guten, die sie in das eigene Leben gebracht hat. Dankbarkeit für den entscheidenden Impuls, den man brauchte, um selbst zum Instrument zu greifen. Dankbarkeit für die passende Untermalung in dem Moment, als man der ersten großen Liebe den ersten, langen Kuss abrang. So verändert die Musik abseits der Massen im Verborgenen das Leben Tausender, manchmal Millionen von Menschen, liefert ihnen den Soundtrack ihres Lebens und verwebt sich so mit ihren Erfahrungen und Erlebnissen, dass sie ein Stück eigene Geschichte wird. Ein Stück von uns selbst.

PrinceUnd so treffen sich jedes Mal nach dem Tod einer berühmten Pop- oder Rocklegende Menschen im Netz, deren Stimmgabel zu irgendeiner Zeit von deren Musik berührt worden sind. Sie trauern gemeinsam um einen Musiker, der ihre innerste Sprache verstanden und gesprochen hat, obwohl sie ihr ganzes Leben lang kein einziges Wort mit ihm gewechselt haben. Prince war vergleichsweise jung, als er alleine, im Fahrstuhl, zusammenbrach. David Bowie und Lemmy Kilmister starben im Kreis ihrer Familien. Sie gehörten zu den musikalischen Pionieren einer Generation, die wie keine andere im letzten Jahrhundert die Musikwelt revolutioniert hat, die Klänge und Melodien hervorbrachte, die unsere Kultur weltweit entscheidend veränderten.

 

Vereint in Trauer und Dankbarkeit

Eine Generation im Herbst ihres Lebens, die nun langsam, nach und nach, von der Weltenbühne abtritt. Kilmister und Bowie gehören zu den ersten. Doch auch die anderen werden folgen, unausweichlich. Wahrscheinlich ebenso still und verborgen, im Moment des Todes ohne das Auge der Öffentlichkeit. Doch danach werden sie aufs Neue Millionen von Stimmgabeln treffen und die Welt für eine kurze Zeit in ihrer Trauer und Dankbarkeit vereinen.

 

Bilder: YouTube/boumediene adjadj (Titel), Rama (Kilmister), New Jersey 101.5 (Bowie), Nicolas Genin (Prince)

 

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Written by Michelle Schopen

Michelle Schopen ist seit 25 Jahren in den Medien tätig, zuerst als TV-Aufnahmeleiterin und Autorin, seit 2003 als freie Journalistin zu den Themen Psychologie, Gesellschaft, Kultur und Spiritualität.

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