Wir können von Glück reden. Noch keine hohen Kosten. Da hatten andere mehr Pech. Die dreijährige Tochter einer Freundin hat in einem ihrer Wutanfälle die Vorhänge zerschnitten. Die waren gerade frisch genäht. Der Sohn einer Bekannten hat beim Frühstück ihr Smartphone in die Kaffeetasse geworfen. Dabei freut sie sich immer so auf ihren morgendlichen Kaffee. Danach hat er mit Wachsmalstiften den Fernsehbildschirm angemalt. Und das, obwohl er gerade eine Tafel zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Die Kratzer vom Fernseher gingen nicht wieder ab. Die Tochter einer Kollegin hat das Handy im Backofen versteckt. Es wurde unbemerkt zusammen mit einem Marmorkuchen auf 180 Grad gebacken, und hat das im Gegensatz zum Marmorkuchen, der sehr lecker war, nicht verkraftet.

Unsere Geräte sind noch alle heile. Unser Sohn hat zwar schon mal den Fernseher umgeworfen, aber der hat das überlebt. Und überhaupt. Früher wäre so was nicht passiert. Der Erfinder der Flachbildschirme hat wahrscheinlich keine eigenen Kinder. Unterm Strich sieht es also gut für uns aus. Klar, wir haben die Glühbirnen locker geschraubt, das Warmwasser abgedreht, die Herdknöpfe abgezogen, die Klorolle versteckt und alle unteren Schrankfächer leer geräumt. Aber so was verursacht ja keine Kosten. Das passierte zum Glück nicht alles auf einmal, sondern nach und nach. So konnten wir uns langsam dran gewöhnen.

Zuerst räumte unser Sohn alle erreichbaren Schränke aus und warf die Sachen durch die Gegend. Wir stellten alles hoch auf die Schränke. Mein Mann kommt noch dran, ich nicht. Dann erwischte ich unseren Sohn dabei, wie er minutenlang die Klospülung laufen ließ. Das machte er öfter, und ich ließ ihn das meistens eine Weile machen, ich will ihm ja nicht jeden Spaß verderben. Aber dieses Mal hatte er vorher die Klorolle ins Klo gestopft, und als ich das Bad betrat, schwappte das Wasser gerade über die Brille und verbreitete sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit im Badezimmer.

Hätte ich es nicht so eilig gehabt, die Wassermassen zu stoppen, hätte ich ein schönes Foto fürs Erinnerungsalbum schießen können. Unser Sohn, wie er auf dem Klodeckel steht, mit einer Hand die Spülung drückt, und dabei hoch zufrieden den Wasserfall beobachtet, der zwischen Deckel und Brille hervor quillt. Ein Seemann auf seinem Masten hätte nicht stolzer auf die schäumenden Wogen blicken können.

Seitdem verstecken wir die Klorolle. Sie steht oben auf einem Regal. Mein Mann kommt noch dran. Für mich ist es schwierig. Ich muss sie anstupsen und auffangen. Die Herdknöpfe ziehen wir direkt nach dem Kochen ab, weil unser Sohn sonst den Herd auf volle Temperatur stellt. Wir wollen ja nicht, dass das Haus abbrennt. Wenn wir es nach dem Kochen mal vergessen, dauert es keine zwanzig Minuten, bis unser Sohn unser Versäumnis bemerkt hat und tut, was er tun muss. Er hat offenbar einen Sensor für elterliche Vergesslichkeit.

 

Vom Glück weicher Fingernägel

Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist: Das Licht an und aus zu knipsen. Er macht das dreißig Mal hintereinander. Ursache Wirkung, das findet er klasse. Wir haben deshalb alle Glühbirnen locker geschraubt, die sind ja so teuer. Abends, wenn unser Sohn endlich im Bett liegt, sind wir meistens zu erschöpft, die Trittleiter vom Dachboden zu holen und die Birnen wieder fest zu schrauben, darum lassen wir sie einfach so.

Händewaschen ist auch ein großes Hobby von ihm. Er macht das, wenn wir ihn lassen, stundenlang. Mit warmem Wasser. Ich habe irgendwann klein beigegeben und meinen Mann das Warmwasser abdrehen lassen. Er hat mir immer mit der Wasserrechnung gedroht. So schlimm wie bei anderen war es bei uns bislang noch nicht, sagen wir, wenn wir abends nach der kalten Dusche im dunklen Wohnzimmer sitzen. Wirklich große Kosten hatten wir noch nicht. Mein Mann zündet eine Kerze an. Richtig gemütlich ist das.

Man sollte Kindern nicht das Regiment in der Familie überlassen, sagt er. Nein, sollte man nicht, sage ich, ist nicht gut für sie. Das überfordert sie, wenn sie merken, dass sie das Zepter in der Hand haben. Ich würde mir jetzt gerne einen Kurkuma Latte auf dem Herd kochen, aber ich weiß, dass ich im Dunkeln die abgezogenen Herdknöpfe nicht finde, also lasse ich es. Vielleicht tut’s auch Wasser. Das ist ja schön kalt.

Im Halbdunkel sieht man unsere schwedenrote Kommode. Die Knäufe sind abmontiert: Knäufe nach innen in die Schubladen gedreht, Schrauben nach vorne. Wir bekommen die Schubladen jetzt nur noch mit Mühe auf. Unser Sohn hat jeden Tag mehrmals die Klamotten ausgeräumt und die Socken neu zusammen gestellt. Er war da sehr kreativ. Mein Mann hatte in seinen Sportsocken kleine Kindersocken stecken und meine Strümpfe waren ganz verschwunden. Sie waren, wie sich viel später heraus stellte, zwischen die Puppenkleider unserer Tochter geraten, und da sie mit denen eine Zeitlang nicht spielte, fiel das nicht auf. Erst als ich mir neue Strümpfe gekauft hatte, kam unsere Tochter erstaunt mit den verschwundenen an. Seitdem besitze ich sehr viele Socken.

Wenn wir die Kommodenschubladen aufziehen wollen, müssen wir mit dem Fingernagel hinter den Schraubenkopf fassen. Und dann kräftig ziehen. Das tut ziemlich weh. Ist aber kindersicher. Unser Sohn bekommt seinen Fingernagel nämlich nicht hinter den Schraubenkopf. Unser Glück, dass er noch so weiche Fingernägel hat.

 

Es ist nicht leicht, drei zu sein

Diskussionen über Kindersicherungen führen wir nur halbherzig. Jedes Kind, das etwas auf sich hält, hat innerhalb weniger Tage raus, wie man eine Kindersicherung aufmacht. Unsere Tochter hat für die Schranksicherungen zwei Wochen gebraucht, unser Sohn zwei Stunden, seitdem hängen sie kaputt an den Schränken und der Schrankinhalt fristet sein Dasein oben auf den Schränken. Jungen sind eben noch ein anderes Kaliber als Mädchen, sagen wir. Eine Freundin musste das auf einem Geburtstag erfahren. Die eingeladenen Mädchen saßen brav auf dem Teppich und schauten sich Bilderbücher an, ihr Sohn dagegen ging in die Küche und stellte sich auf die Backofenklappe. Die war für so eine Belastung nicht ausgerichtet und brach ab.

So was regelt ja die Haftpflichtversicherung. Man darf natürlich seine Aufsichtspflicht nicht verletzen, aber meine Freundin war nur kurz auf der Toilette gewesen und die gastgebende Mutter hatte den brav auf dem Teppich sitzenden Mädchen erklärt, dass man Bilderbücher nach innen zuklappt, nicht nach außen, die brechen sonst durch. Am selben Tag (der Sohn unserer Freundin lässt ihr selten Zeit zum Luft holen) stand sie vor ihrer Wohnungstür und fand den Schlüssel in ihrer Handtasche nicht mehr. Entweder war er ihr heraus gefallen, oder sie hatte ihn auf dem Geburtstag verloren, oder ihr Sohn hatte ihn vor dem Verlassen der Wohnung aus ihrer Tasche geholt. Sie tippte auf Letzteres, und rief den Schlüsseldienst.

Der Schlüssel fand sich im gelben Sack. Was? Du hast keine Kindersicherungen an deinen Mülleimern?!, fragen wir im Chor, als sie uns am nächsten Tag auf dem Spielplatz davon erzählt. Doch, hatte ich, sagt sie kleinlaut, aber die hat er kaputt gebrochen. Ich brauche keine Kindersicherungen an unseren Mülleimern. Die Deckel klappern so laut, dass ich es überall in der Wohnung höre, sogar beim Staubsaugen. Ich komme dann angerannt und fische aus dem Müll wieder heraus, was unser Sohn für wegwerfreif befunden hat. Keine wirklich wertvollen Sachen. Meistens Spüllappen, Schuhe, Mützen, die ein oder andere CD.

Oft auch Spielsachen. Wenn er etwas kaputt macht, wirft er es sofort weg. Er ist da gnadenlos. Die Schaufel vom Bagger ist abgebrochen? Müll! Aber da kann man doch trotzdem noch mit spielen, sage ich. Putt! Müll!, sagt er. Neuen kaufen! Machen wir nicht, sage ich. Er wirft sich dann auf den Boden und schreit. Ich setze mich neben ihn und streichel ihn. Mit Ablehnung wird er ganz schwer fertig. Für Erklärungen ist er nicht zugänglich. Es ist nicht leicht, drei zu sein.

Zum Glück sind das alles nur Phasen, versichern wir uns gegenseitig auf dem Spielplatz. Unsere Großen haben die Phase ja auch hinter sich gebracht. Und sind jetzt in einer anderen Phase. Pubertierende Kinder hat noch keiner von uns. Wenn ich Gesprächsfetzen von anderen Eltern mitbekomme, muss ich sagen: Wir sind noch nicht soweit. Vielleicht machen wir vorher einen Kurs mit.

 

Warum Kinder letztlich Geld sparen helfen

Manchmal habe ich das Gefühl, unser Sohn will unser Familienleben bewusst boykottieren. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass alle Glühbirnen locker geschraubt sind, er zieht auch dauernd die Jalousien nach unten. So stehe ich auch tagsüber, wenn eigentlich strahlender Sonnenschein ist, im Dunkeln. Ich ziehe die Jalousien wieder hoch. Er zieht sie wieder runter. Hat wahrscheinlich was mit Selbstwirksamkeit zu tun. Da hilft nicht mal, ihm in meiner Not mit dem Entzug von Privilegien zu drohen. Wenn du die Jalousien jetzt noch einmal runterlässt, gibt es heute Nachmittag kein Eis! Er zieht sie trotzdem runter.

Wenn ich dann nachmittags genug Mumm finde, ihm tatsächlich kein Eis zu geben, und das bei voller Kühltruhe, bin ich eben eine „doofe Mama“. Neulich wollte er sogar eine neue Mama kaufen. Mama Müll schmeißen. Neue Mama kaufen. Wenn irgendwas nicht mehr funktioniert, will er es auswechseln. Und er hat ja Recht. So eine an den Haaren herbei gezogene Konsequenz, bei der Ursache und Wirkung auch noch Stunden auseinander liegen, ist pädagogisch vollkommen sinnlos. Ich schaue mal, ob mir was anderes zu unserem Jalousienproblem einfällt. Vielleicht montieren wir die Jalousienbänder einfach ab.

Im Grunde sparen wir durch ihn sogar Geld, sagt mein Mann, und gießt mir Wein ein (den hat er im Keller gefunden, da sind die Glühbirnen nicht locker gedreht). Wegen ihm kaufen wir uns nämlich kein neues Auto. Weil wir uns sonst immer ärgern würden, wenn er etwas kaputt oder dreckig macht. Mit einem alten Auto kann man da ganz entspannt drüber hinweg sehen. Neulich hat er den Türöffner aus der Türverkleidung gerissen. Macht echt nichts. Ist ja ein altes Auto. Und die dreckverklebte Rückseite des Beifahrersitzes, an der er immer seine schmutzigen Schuhe abstreift, fällt in einem alten Auto auch viel weniger auf als in einem neuen. Das ist doch was. Man spart durch Kinder letztlich noch Geld. Strom, Warmwassergebühren, man fährt sein altes Auto länger, was will man mehr.

Und, was man auch nie vergessen darf, das sagt uns Johanna auf dem Spielplatz immer wieder (Johanna ist die mit der Backofenklappe und dem Schlüsseldienst): Solange die lieben Kleinen nur Gegenstände beschädigen und nicht sich selbst, kann man von Glück reden. Wir nicken. Da sind wir uns alle einig. Und jeder von uns kennt mindestens eine Geschichte, bei der ein Kind bei seinen Einfällen mehr oder minder großen Schaden genommen hat. Da geben wir lieber alle Fernseher, Backöfen, Handys und Türverkleidungen dieser Welt her. Solange wir nur jeden Abend wieder unser unversehrtes Kind ins Bett bringen können. Schlafend sehen sie ja so niedlich aus.

 

Bild: PublicDomainPictures

 

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Written by Sandra Niermeyer

Sandra Niermeyer schreibt Kurzgeschichten, Erzählungen und Kolumnen. Sie erhielt mehrere Literaturpreise, u.a. den Würth-Literaturpreis der Tübinger Poetik-Dozentur und den Marlen-Haushofer-Literaturpreis der Stadt Steyr.

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