„Ich bin kreativ!“ …wie schön das klingt! Wie viele von uns könnten das sagen, doch sie wagen es nicht. Kreativität – das ist so oft verbunden mit großen Namen: Picasso, Mozart, Hitchcock, Shakespeare, Goethe, Madonna. Michelle Schopen geht dem Mythos des Künstlers auf den Grund und stellt ein 12-Wochen-Programm vor, das die eigene Kreativität zu entfesseln hilft.

 

Kreativ zu sein bedeutet, besonders zu sein. Doch sind wir nicht alle besonders? Sind wir kreativ, wenn wir unser Haar in Form bringen? Sind wir schöpferisch, wenn wir ein Kind erziehen? Sind wir inspiriert, wenn wir unser Auto tunen lassen? Sind wir beflügelt, wenn wir die Wohnung herbstlich dekorieren? Kreativität beginnt in unendlichen Möglichkeiten und endet genau da, wo wir ihr die Grenzen setzen: in unserem Kopf. Sie ist ein Teil von uns, ein Teil des Lebens, und sie braucht Raum. Wir können sie wiederentdecken, uns mit ihr in unbekannte Gebiete vorwagen und in ungeahnte Höhen aufschwingen. Alles beginnt mit einer Idee: Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nicht scheitern könntest?

 

Was ist Kreativität?

Sie ist keine Gabe, die nur wenigen verliehen wird. Jeder von uns ist kreativ, das ist unser Schicksal. So wie das Universum an sich schöpferisch ist, sich wandelt, vernichtet und neu gebiert, so wie wir seine Kinder sind, sind auch wir schöpferisch, jeder einzelne von uns. Viele, die kreativ arbeiten, wissen, wie es sich anfühlt, wenn die Inspiration durch sie hindurchfließt, als wäre es elektrischer Strom, der die Pinsel, die Tastatur, die Saiten berührt und uns neue Muster weben lässt, bestehend aus Klang, Farben, Worten. Kreativität ist eine mystische Erfahrung, sie bedeutet, mit der Schöpferkraft, dem Göttlichen, verbunden zu sein. Alles, was wir dazu brauchen, sind geöffnete Kanäle, die wir zuerst wecken und dann pflegen. Denn wer den Weg des Mystikers geht, der kann auch Kunst.

 

Das Drama des Künstlers

Eines Tages wollte Julia nicht mehr. Sie war erfolgreich. Eine Schriftstellerin, Regisseurin, Drehbuchautorin, verheiratet mit Martin Scorsese, in der A-Liga Hollywoods zu Hause. Sie war ebenfalls eine Trinkerin, eine, die so viele Drogen nahm, dass sich die kreativen Schübe mit Paranoia und Psychosen abwechselten. Eine Vollblut-Künstlerin eben, dramatisch und verrückt, so wie wir es in den meisten wahrhaft großen Künstlern zu sehen glauben: in einem Van Gogh, der sich das Ohr abschnitt, einem Beethoven, der sich die Haare raufte und schwerhörig wurde, einer Whitney Houston, in deren Stimmgewalt sich die Tragik ihres Lebens spiegelte, einem Ernest Hemingway, den die Düsternis seiner selbstzerstörerischen Seele auf Papier berühmt werden ließ. Künstler um Künstler, die Schönheit schafften, unsere Augen für eine neue Form der Vollkommenheit öffneten – und daran verbluteten, zerbrachen, sich selbst in Stücke schlugen. Als würde Gott seinen Tribut zollen für die besondere Gabe, die er ihnen verliehen hatte. Doch Julia Cameron wollte neue Wege beschreiten und ihren Tribut auf andere Weise entrichten. Sie beendete ihre Karriere als Alkoholikern, sie schwor dem Drogenkonsum ab und erfand die Künstlerin in sich neu. Keine Künstlerin mehr, die ihre Kreativität in einem zähen Ringen um ihre Gesundheit den Musen abtrotzte, deren Inspiration mit dem Kampf gegen sich selbst konkurrierte. Eine Künstlerin, die sich mit den Musen verbündete statt sie zu schänden. Die lernte, mit den Gezeiten der Schöpferkraft zu schwimmen statt in der Ebbe der Ideen zu verdursten oder in der kreativen Flut zu ertrinken. Ihre Erfahrungen darüber goss sie in ein Buch: Der Weg des Künstlers. Es wurde zum Bestseller, weil Millionen von Menschen sich darin wieder erkannten, weil Künstler damit lernten, dass kreative Meisterschaft und Glück sich nicht widersprechen. Und weil Menschen, die es sich niemals zugetraut hatten, lernten, wie man Kunst macht und damit erfolgreich wird. Es klingt wie ein Wunder, doch das ist es nicht. Es ist eine Herausforderung an uns selbst. Eine Erfahrung, die verlangt, dass wir Tore der Angst durchschreiten. Julia entwarf ein radikales 12-Wochen-Programm der Bewusstwerdung, das unser Innerstes nach außen kehrt.

 

Der Wegweiser zu erfüllter Kreativität nach Julia Cameron

Die Morgenseiten

Schreiben Sie jeden Morgen auf, was Sie bewegt. Es ist nicht wichtig, in welcher Form Sie es schreiben, denn bei dieser Übung geht es darum, dass Sie alles, was Sie belastet oder Ihren Alltag bestimmt, zu Papier bringen. Seien sie banal, seien Sie kritisch, lassen Sie Ihren inneren Zensor zu Wort kommen, um ihn kennenzulernen – dies ist der wichtigste Schritt, um Ihre Kreativität zu befreien!

Der Künstlertreff

Verabreden Sie sich einmal pro Woche mindestens 2 Stunden mit Ihrem inneren Künstler, nehmen Sie seine Bedürfnisse wahr und erfüllen Sie sie, egal, ob es sich um einen langen Spaziergang, den Besuch einer Kunstgalerie oder eine Meditation handelt.

Der Kreativitätsvertrag

Schließen Sie mit sich selbst einen Vertrag ab, in dem Sie sich verpflichten, sich über einen bestimmten Zeitraum hinweg ganz auf Ihre Kreativität einzulassen.

 

Ein 12-Wochen-Programm, um Ihre Kreativität zu erwecken

Schritt 1: Aktivieren Sie Ihre Kreativität und gewinnen Sie an Sicherheit

Sind Sie ein Schattenkünstler? Einer, der immer davon geträumt hat, aber zu schüchtern war, die Kunst zu leben? Oder ein dramatischer Künstler, der glaubt, Kreativität würde nur durch Qual in Form gegossen? Nehmen Sie sich eine Woche Zeit, um die vielen negativen Glaubenssätze in sich zu entdecken, schreiben Sie sie auf und entwickeln Sie positive Affirmationen. Aus: »Ich kann kein erfolgreicher Künstler sein, weil meine Ideen nicht gut genug sind.« wird dann »Wenn ich etwas erschaffe und dabei zuhöre, werde ich geführt werden.«

Schritt 2: Entdecken Sie Ihre Identität als Künstler

Werden Sie sich bewusst, wie oft Sie sich und Ihr Wirken selbst angreifen. Achten Sie eine Woche lang darauf, wie Sie Ihr Leben inszeniert haben, um Kreativität zu vermeiden: Umgeben Sie sich mit Menschen, die Chaos und Unruhe in Ihr Leben bringen oder inszenieren Sie Lebensumstände, die schöpferisches Arbeiten vermeiden? Träumen Sie lieber von dem, was in zwei Jahren sein könnte, statt im Jetzt zu sein? Welchen Stellenwert schenken Sie Ihrer Spiritualität? Beobachten Sie sich liebevoll und führen Sie zehn kleine Veränderungen zum Positiven durch.

Schritt 3: Eigenmacht gewinnen

Wut ist eine gewaltige Kraft. Setzen Sie sie ein, um etwas Kreatives zu schaffen, lassen Sie sich von Ihrer Wut auf sich selbst oder andere zu neuen Ideen antreiben. Erlauben Sie sich, an die höhere Macht der Schöpferkraft zu glauben. Vertrauen Sie darauf, dass Sie von ihr geführt werden und beginnen Sie, wieder zu beten!

Schritt 4: Integer werden

Lassen Sie zu, dass der Prozess, den Sie eingeschlagen haben, Ihr Leben verändert. Lassen Sie alte Strukturen los! Sie können niemand anderen retten. Sie können nicht in großem Umfang Überstunden machen und dabei offene Kreativkanäle behalten. Sie können nicht für Menschen da sein, die Sie missbrauchen! Vertrauen Sie Ihrer eigenen Wahrheit und wagen Sie, über einschneidende Veränderungen nachzudenken.

Schritt 5: Die eigenen Grenzen erkennen

Welchen Preis zahlen Sie dafür, nicht zu wachsen? Wie begrenzt ist Ihre Vorstellung von dem, was Sie wirklich erreichen können? Wagen Sie es, unverschämt zu träumen. Schaffen Sie sich Raum für sich. Ihre Kreativkraft braucht die Möglichkeit zur Ruhe. Seien Sie liebevoll zu sich selbst, statt sich für andere aufzuopfern.

Schritt 6: Ihr Wert als Künstler

Erlauben Sie sich Luxus und Reichtum in Ihrem Leben. Dies kann mit Geld, aber auch in immateriellen Gütern geschehen: Steigern Sie Ihren inneren, kreativen Wert. Erlauben Sie sich etwas, das für Ihren inneren Künstler besonders kostbar ist. Zum Beispiel, eine besondere Schallplatte, ein guter Malkasten oder ein spezielles Papier. Erlauben Sie sich den Luxus von Zeit und Ruhe, den Luxus eines eigenen, guten Platzes für Ihre Kreativ-Werkzeuge in Haus oder Wohnung.

Schritt 7: Lernen Sie das Zuhören

Je aufmerksamer Sie sich selbst zuhören, desto mehr nehmen Sie Ihre Intuition ernst. Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl und handeln Sie danach. Springen Sie über Ihre alten Grenzen und riskieren Sie etwas!

Schritt 8: Äußere und Zeitblockaden

Sie sind nie zu alt oder zu jung, um kreativ zu sein. Machen Sie sich bewusst, dass ein kreativer Akt nie wirklich vollendet ist und Sie Erinnerungen an die Vergangenheit oder Befürchtungen über die Zukunft nutzen, um sich selbst zu blockieren. Denken Sie daran: Der Anfang einer jeden kreativen Arbeit ist das Schwerste. Wenn Ihnen also plötzlich noch zehn Kleinigkeiten im Haushalt einfallen, die dringend erledigt werden müssen, dann setzen Sie sich stattdessen endlich an den Artikel oder Ihre Staffelei und verbinden sich mit Ihrer ureigenen Schöpferkraft.

Schritt 9: Innere Blockaden

Ein blockierter Künstler ist nicht faul – er ist gefangen. Ihr Unvermögen, mit Ihrer Kunst jetzt zu beginnen, ist keine Unfähigkeit – Sie haben Angst. Eine Angst, die manchmal weiter reicht, als Sie jetzt glauben. Viele blockierte Künstler haben im Elternhaus Ablehnung erfahren: Ihre Bilder waren nicht gut genug, mit Kunst kann man kein Geld verdienen. Wenn Sie später Künstler werden, dann ist dies zugleich ein Akt der Rebellion gegen Ihr Elternhaus. Machen Sie sich bewusst, dass sie NICHT verlassen werden, wenn sie nun kreativ arbeiten. Geben Sie Ihrem inneren Künstler Liebe und Vertrauen, damit er seine Angst vor Versagen heilen kann. Entscheiden Sie sich bewusst dafür, Ihren inneren Künstler zu heilen.

Schritt 10: Gefahren und Selbstschutz

Kreativität ist eine göttliche Kraft, die durch uns hindurchfließt. Manchmal kann uns dieser Fluss Angst machen, denn er bringt kontinuierliche Veränderung. Wir können ihn nicht kontrollieren. Um die Kontrolle wieder zu gewinnen, beginnen wir, unseren Fluss zu blockieren – und es gibt so viele Mittel, dies zu tun. Was essen Sie? Macht Ihre Ernährung Sie müde oder fit? Lassen Sie sich von Liebeskummer und anderen negativen Gefühlen aus dem Fluss herausziehen? Die Macht zwanghafter Gedanken verhindert unsere Eigenmacht als Künstler und nimmt uns die Chance, aus eigener Kraft eine Besserung herbeizuführen.

Schritt 11: Stabilität und Eigenständigkeit

Jeder Künstler erlebt Phasen, in denen das Einkommen kleiner ist und die Aufträge spärlicher. Schließen Sie daraus nicht auf Ihren Selbstwert. Geld beweist weder Ihre Glaubwürdigkeit noch Ihren Wert als Künstler! Machen Sie Sport, um aus dem Kopf herauszukommen und stellen Sie sich einen Altar für Ihren Künstler auf, einen Rückzugsort, an dem Sie sich mit Ihrer Spiritualität und Schöpferkraft verbinden können.

Schritt 12: Vertrauen und Empfänglichkeit gewinnen

Der Kern jeglicher Kreativität liegt im Vertrauen. Die Schöpferkraft ist geheimnisvoll. Am Anfang liegt alles im Dunkel, es muss sich finden. Auch wenn Sie einen vorgeschriebenen Rahmen haben, wissen Sie zu Beginn der Arbeit dennoch nicht, wie Sie ihn füllen werden. Vertrauen Sie dem Fluss, üben Sie das Einlassen, wagen Sie es, eine Idee auszubrüten und aus dem Dunkel Ihres Unterbewusstseins aufsteigen zu lassen. Schenken Sie Ihrer Phantasie, Ihrer Intuition und der Schöpferkraft, die durch Sie hindurch fließt, Ihr Vertrauen, dann werden Sie etwas erschaffen, dessen Raum oder Dimension Ihnen vorher nicht einmal bewusst war – jedes Mal wieder!

Written by Michelle Schopen

Michelle Schopen ist seit 25 Jahren in den Medien tätig, zuerst als TV-Aufnahmeleiterin und Autorin, seit 2003 als freie Journalistin zu den Themen Psychologie, Gesellschaft, Kultur und Spiritualität.

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