Blut ist dicker als Wasser, sagt man. Erfahrung oder Vorurteil? Michelle Schopen widerspricht: Freunde sind die Familie, die man sich selbst aussucht. Und diese Bande halten nicht selten ein Leben lang.

Es beginnt im Sandkasten, wo wir innerhalb von Minuten neue Freundschaften schließen und kurze Zeit später wieder vergessen. Einige aber bleiben und begleiten uns in die Schule. Sie werden unsere Schulfreunde. Schulfreunde sind etwas ganz Besonderes: Ob wir nun sehr unterschiedliche Lebensentwürfe entwickeln oder unsere Bedürfnisse ähnlich sind, ob wir in der Nähe wohnen oder sich unsere Wege räumlich trennen und wir uns vielleicht jahrelang nicht sehen, die Vertrautheit bleibt und erwacht sofort zum Leben, wenn wir uns wiederbegegnen oder gemeinsame Erinnerungen rekapitulieren. Erinnerungen an Schülerpartys, Klassenfahrten und den Spaß, den wir gemeinsam hatten. Diese intensiven, gemeinsamen Eindrücke aus der Zeit, in der wir vom Kind zum Teenager und schließlich zum jungen Erwachsenen heranreifen, bilden ein Band, das ein Leben lang hält, egal, ob man sich regelmäßig sieht oder nicht.

Nach der Schule geht es weiter mit der Ausbildung, vielleicht einem Studium und einer neuen Stufe der Freundschaft: Einige Freunde verabschieden sich nun aus unserem Leben, andere neue kommen hinzu. Doch jetzt sind es nicht mehr diejenigen, mit denen wir aufgewachsen sind, den Unterricht geteilt und die Dinge getan haben, die Teenager cool finden. Jetzt freunden wir uns mit den Menschen an, mit denen uns besonders viel verbindet, weil wir Vorlieben und Interessen teilen. Was genau es ist, das uns dazu bringt, einem Menschen die Freundschaft anzutragen und einem anderen nicht – es ist ebenso wenig von der Ratio zu erfassen wie die Liebe auf den ersten Blick. Freundschaften passieren einfach. So wie die Liebe.

»Ein Freund in der Not, Ein Freund im Tod, Ein Freund im Rücken.
Das sind drei starke Brücken.«
Deutsches Sprichwort

Wir beenden unsere Ausbildung oder bestehen unser Examen, wir beginnen zu arbeiten. Viele von uns finden den Partner, mit dem sie alt werden und vielleicht eine Familie gründen wollen. Wenn Kinder kommen, dann ändern sich unsere Freundschaften wieder, denn Kinder stellen unser Leben auf den Kopf. Manche Freunde bleiben dann auf der Strecke, zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse geworden. Auf der einen Seite steht die kinderlose Freundin, die ihre Karriere plant und mit ihrem Lover ausgedehnte Reisen unternimmt. Auf der anderen Seite die gestresste Mutter von zwei kleinen Kindern, deren Dasein sich gerade nur noch um die Kleinen dreht. Doch das Leben hat immer einen Ausgleich zu bieten: Es werden neue Freundschaften hinzukommen, die in unsere Lebensphase passen: andere Mütter und Väter. Oder andere Karrierefrauen, die Reisen lieben.

Wir werden älter, lassen die Jugend hinter uns und wissen spätestens in den Vierzigern, dass das Leben nicht ganz so planbar ist, wie wir uns das mit 20 noch vorgestellt haben. Es geht seine eigenen Wege und hält einige Lektionen für uns bereit, mit denen wir nicht gerechnet haben. Das Schöne dabei: Unseren Freunden geht es genauso. Sie sind mitgewachsen, die Freundschaften sind enger geworden, und in den Krisen haben sie sich bewährt. Die echten Freunde sind geblieben. Und nachdem uns die beste Freundin getröstet hat, weil uns der Job unerwartet gekündigt wurde, sind als nächstes wir mit dem Trösten an der Reihe, weil sie sich gerade von ihrem Mann getrennt hat.

»Bei einem Freund darf ich lachen, auch wenn alle meinen, ich müsste traurig sein.
Bei einem Freund darf ich weinen, auch wenn die ganze Welt lacht.«

Helga Schäferling

Wir werden alt, und die Prioritäten im Leben beginnen sich zu verschieben. Die inneren Werte gewinnen gegenüber Äußerlichkeiten immer mehr an Bedeutung. Auch unser Körper funktioniert nicht mehr so reibungslos wie früher. Parallel dazu beginnen die Reihen unserer Freunde, sich zu lichten, erst nur vereinzelt, und viel zu früh, doch mit wachsendem Alter mehr und mehr. Die verbleibenden Freundschaften jedoch sind umso kostbarer. Manche Freunde kennen wir nun schon viele Jahrzehnte lang. Wir kennen sie in und auswendig, wissen von ihren Stärken, ihren Schwächen und haben die tiefe Gewissheit, dass sie uns niemals verlassen werden. So begleiten uns Freunde das ganze Leben lang.

Manche Menschen haben ein Talent, sie zu finden. Sie knüpfen leicht Kontakte und pflegen einen großen Freundeskreis. Andere wiederum haben nur einige wenige Freundschaften, die dafür besonders innig sind. Und es gibt auch Menschen, die gar keine Freunde haben. Man hat schon davon gehört, von diesem oder jenem beklagenswerten Menschen, der so zurückgezogen lebte und niemanden an sich heran ließ. Es sind die großen Ausnahmen, die uns daran erinnern, wie wichtig echte Freunde sind.

Und dass sie zu unserem Leben einfach dazugehören. So wie Trinkwasser oder ein Bett zum Schlafen. Sie sind immer da, ohne dass man sich groß Gedanken macht. Sie begleiten uns, während wir die Dramen unseres Lebens durchleiden, uns verlieben und wieder entlieben. Sie halten uns im Arm, wenn wir uns den Schmerz über eine enttäuschte Liebe von der Seele weinen und freuen sich mit uns über das, was uns glücklich macht. Sie stehen uns in jeder neuen Partnerschaft und bei jedem Job mit Rat und Tat zur Seite. Sie helfen uns, unsere Probleme zu lösen. Und das Wichtigste überhaupt: Sie spiegeln und regulieren uns. Weil sie uns lieben, sagen sie uns, wo wir uns daneben benehmen. Weil sie uns so schätzen, muten sie uns ihre ehrliche Meinung zu, auch wenn wir sie nicht gerne hören wollen. Und ihre eigenen Macken – die muten sie uns auch zu.

»Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt in der Wüste; wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden. Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis, nichts wiegt seinen Wert auf.«
Altes Testament (Sir 6: 14-16)

Nicht nur deshalb können Freunde zuweilen unglaublich anstrengend sein. Und doch gehören langjährige, treue Freundschaften zu den größten Liebesbeziehungen unseres Lebens. Echte Freunde sind unsere Wahlfamilie. Die Familienmitglieder, die wir uns selbst aussuchen durften, weil sie uns verstehen und wir uns in ihrer Gegenwart unvergleichlich gut fühlen. Weil sie zu uns halten, weil sie uns lieben, weil sie uns die Meinung geigen und wir ihnen manchmal Bemerkungen verzeihen, die in jeder Partnerschaft eine handfeste Krise auslösen würden. Weil wir mit ihnen den Spaß unseres Lebens haben und auf eine Weise unbeschwert sein können, die weder in unserer Familie noch beim Partner so möglich ist. Sie weben das Sicherheitsnetz unseres Lebens. Denn während wir jene großen Dramen auf der Bühne unseres Lebens durchleben, Herzschmerz und Glück erfahren, werden wir von unseren Freunden und Freundinnen getragen. Still und selbstverständlich bilden sie ein stabiles Netz, auf dem wir tanzen oder springen können – und das uns auffängt, wenn wir fallen.

Nicht für alle Menschen sind Freundschaften schön und konstruktiv. Manche von uns leben ihre Beziehungsdramen mit ihren besten Freunden. Sie erfahren Betrug, Treuebruch, Verrat. Und so schlimm diese Erfahrungen an sich schon sind – wenn sie von einem guten Freund kommen, dann sind sie vernichtend. Noch vernichtender als in einer Liebesbeziehung, in der man schneller damit rechnet, weil man weiß, dass dort ganz andere Kräfte am Werk sind. Wenn unser Sicherheitsnetz reißt, dann wird es gefährlich, denn dann verlieren wir den Halt.

Doch auch wenn es Freunde geben mag, an denen wir uns reiben oder unschöne Lektionen lernen: Es gibt zugleich immer welche, mit denen es gut läuft, und entspannt. Die uns einfach nur guttun und unsere Welt ein Stück bunter machen, wenn wir uns mit ihnen treffen. Mit jedem Freund verbindet uns etwas Einzigartiges. Manche begleiten unser Leben so lange und intensiv, dass sie zu einem Bruder oder einer Schwester geworden sind. Wir feiern mit ihnen, laden sie zu allen unseren Festen ein und verbringen sogar die Weihnachtstage zusammen. Das einzige, was wir manchmal vergessen, ist, ihnen Danke zu sagen. Dafür, dass es sie gibt und dafür, dass sie immer für uns da sind. Denn echte Freundschaften sind eben doch nicht selbstverständlich. Sie sind ein Geschenk. Zuweilen das größte, das uns das Leben zu bieten hat.

 

Bild: marusya21111999

 

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Written by Michelle Schopen

Michelle Schopen ist seit 25 Jahren in den Medien tätig, zuerst als TV-Aufnahmeleiterin und Autorin, seit 2003 als freie Journalistin zu den Themen Psychologie, Gesellschaft, Kultur und Spiritualität.

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