Einen Monat nach der Bundestagswahl, die nicht nur in den Medien als epochaler Einschnitt in die deutsche Demokratie behandelt wird, ist die Frage nach der deutschen Identität eher drängender denn vernachlässigbarer geworden. Der Einzug der AfD in den Bundestag wird zwar mehrheitlich als Folge eines Protests gegen die aktuelle Politik der Bundesregierung verstanden (60% der Wähler geben an, AfD nicht wegen ihrer Themen, sondern aus Opposition zu den „Altpateien“ gewählt zu haben, die seit Anfang des Jahrtausends tatsächlich alle einmal an der Macht waren, von der CSU und der CDU über die FDP und die SPD bis hin zu den Grünen).

Doch reiner Protest ist in Deutschland eben in zwei Farben wählbar: dunkelrot und blau. Nehmen wir also die (zumindest zugeschriebene) Schnittmenge beider Parteien einmal beiseite (die wir hier der Form halber unter dem Claim „Kleiner Mann gegen die da oben“ zusammenfassen könnten), bleibt am Ende die Frage offen, warum sich 9,2% der Wähler für die Linke und 12,6% der Wähler für die AfD entschieden. Und diese führt uns sozusagen zurück ins Herz der deutschen Frage.

 

Internationalität gegen Identität?

Aus Sicht der „Altparteien“ vereint sowohl die Linke als auch die AfD, dass es sich bei ihren Konzepten im Wesentlichen um einen politischen Rückwärtsgang handelt. Während die einen den weltgeschichtlich längst entschiedenen Klassenkampf der Kommunisten ausfechten wollten, zöge es die anderen heim ins Reich; in welches, blieb der Phantasie des Wählers überlassen. Diese Analyse beider Parteikonzepte ist natürlich dem politischen Wettbewerb geschuldet und wenig zielführend. Denn am Ende standen diesen Herbst nicht Karl Marx oder Adolf Hitler zur Wahl, nicht „Das Kapital“ gegen „Mein Kampf“, sondern zeitgeistige Alternativen zur gegenwärtigen politischen Wirklichkeit, die ihrerseits von beiden Parteien (und ihren Wählern) als bedrückend und überkommen betrachtet wird. Ein sicher ganz zentraler Unterschied der beiden Oppositionsparteien aber ist die Frage, nach welchen Prinzipien diese bessere Zukunft ausgerichtet werden soll.

Das Prinzip der Internationalität, das der Linken seit ihrer Entstehung innewohnt, trifft hier hart und unverhandelbar auf das Prinzip der nationalen Identität. Liegt das Heil der Welt (und konkreter: der EU) nun eher in der wirklichen Gleichstellung aller in ihr wohnenden Menschen – oder in einem Neben- und Miteinander klar unterschiedener Völker? Während sich die AfD durch das mediale Kreuzverhör naturgemäß daran abarbeitet, wo genau die Grenzen ihres Deutschlands zu ziehen sind, hält die Linke diese ganze Diskussion für überflüssig bis gefährlich; „Nie wieder Deutschland!“ ist nicht umsonst ein Kampfbegriff der politisch ganz Linken. Um es vorweg zu nehmen: Natürlich gibt es unter AfD-Politikern ebenso wie unter ihren Wählern waschechte und ganz und gar altmodische Rassisten, für die Andersgläubige oder Andersfarbige eine Bedrohung ihrer DNA darstellt. Dem Großteil dieser neuen Bewegung aber wird man mit dem Vorwurf des Rassismus nicht gerecht; hier geht es längst um eine ganz neue Kategorie.

 

Volk als Entwicklungsprozess

Im Zentrum der „neuen Rechten“ steht die kulturelle Identität, nicht die „rassische“ Zugehörigkeit.  Dies erklärt auch, warum einzelne Migranten keinen Widerstand erfahren, größere Gruppen oder gar Enklaven Zugezogener jedoch als bedrohlich betrachtet und bekämpft werden. Im Zentrum dieser Diskussion steht die kulturelle Aufnahmebereitschaft einer geschichtlich gewachsenen Nation. Wann beginnt sie sich durch die Zugezogenen zu verändern?   Der Widerspruch, der diesem Denken gerechter wird als der Vorwurf des Rassismus ist der Hinweis darauf, dass die „Nation“ als Konzept ein sehr junges Alter besitzt – und selbst der „zufällige Ausschnitt“ eines historischen Entwicklungsprozesses ist; das Deutschland Merkels ist nicht deutscher oder weniger deutsch als das Deutschland Adenauers, Bismarcks oder Ottos I., so kulturell verschieden diese Länder auch gewesen sein mögen.

Aydan Özoguz‘ Bemerkung, eine „spezifisch deutsche Kultur sei nicht identifizierbar“, ist ebenso sehr Teil der deutschen Kultur wie all der Protest, der gegen sie entfacht wurde. Das Infragestellen der eigenen Kultur, der eigenen Identität ist ein spezifisches Merkmal der Haltung der Moderne, die nicht nur in Deutschland ihre Spuren hinterlassen hat. Deutsch nach 1945 ist eben nicht nur der Alte Fritz, Alexander von Humboldt und die Gebrüder Grimm – es ist auch Thomas Mann, Hannah Arendt und Theodor Adorno. Wir sind, was unsere Identität betrifft, mehr, nicht weniger geworden. Und diese wachsende Identität, diese ständige Neuverhandlung über Bedeutung und Aberglaube, Anspruch und Wirklichkeit sollte offen diskutiert werden und nicht zum Anstoss einer Scheindebatte verkommen, in der am Ende „Nazi“ gegen „Anatolierin“ verhandelt werden.

 

Fränkischer Patriotismus gegen deutschen Nationalismus

In meinem Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit schrieb ich, dass es im Grund mehrere Deutschländer gäbe. Dieser damals auf die Historie gemünzte Hinweis gilt auch in einem geschichtlich betrachtet horizontalen Sinne. Die deutsche Identität sei vor allem, hierauf verweist Aydan Özoguz in ihrem Artikel, an die deutsche Sprache gebunden. Was ist dann mit Österreich oder Teilen der Schweiz oder Belgiens, mag man entrüstet behaupten? Sind diese etwa „deutsch“, eben weil sie es ebenso sprechen wie ihre Nachbarn, die Bundesbürger? Gerade das Beispiel dieser kleineren Staaten (alles ehemalige Mitglieder des Alten Reichs) zeigt, dass Identität nur zum Teil an die Sprache gebunden ist. Die andere Seite der Medaille ist die regionale Verwurzelung.

Und hier kommen wir zur Hauptthese meines heutigen Beitrags: Patriotismus im Sinne des Nationalstaats ist ein theoretisches Konzept. Und wie jede Idee, die nicht vollständig aus der Realität abgeleitet wird, besitzt sie die zerstörerische Kraft der reinen Lehre wie der Ketzerei. Real, das heißt von Empfindungen gedeckt ist in der Regel nicht die nationale, sondern die regionale Zugehörigkeit. Wenn wir also von deutscher Identität sprechen, so sprechen wir in erster Linie von bayerischer, sächsischer oder hessischer Identität – nicht von dem Gefühl, Deutscher zu sein. Wie radikal die Liebe zur Region ist, zeigen Identitäten, die ihre politische Eigenständigkeit zum Teil schon seit Jahrhunderten verloren haben, sei es die rheinländische, die fränkische, die schwäbische oder eben die katalanische, wie ein Blick auf die Ereignisse des Wochenendes zeigt.

 

Heimat in einer globalen Welt

Es ist Zeit, sich einzugestehen, dass der Nationalstaat ein verführerisches, aber schwer greifbares Konzept des 19. Jahrhunderts ist. Die Zukunft der Europäischen Union kann nicht in einer Verbrüderung von Nationalstaaten bestehen, denn diese haben jene Verbrüderung über Jahrhunderte erfolgreich verhindert. Wie sehr die Zukunft der EU darunter leidet, dass nationale Egoismen gegen das Interesse des gesamten Kontinents ausgespielt werden, zeigt sich an allen Ecken und Enden. Mehr von dieser Rezeptur wäre das Ende, nicht die Zukunft der EU.

Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach, das Europa der Regionen, das schon heute Wirklichkeit ist, in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen. Was möchte ich in dem Umfeld, das ich auch wirklich unter Kontrolle habe, verbessern oder bewahren? Der politische Einsatz des Bürgers für seine Stadt, seine Region ist längst Wirklichkeit – ganz im Gegensatz zu den Kämpfen für die nationale Identität, die am Ende ja doch „denen da oben“ überlassen wird. Zugleich ist der Spagat zwischen lokaler Zugehörigkeit und internationaler Gemeinschaft eine der guten deutschen Traditionen, auf die wir in der Tat stolz sein können. Sie ist die Quintessenz aus dem tausendjährigen Deutschland, das Björn Höcke so medienwirksam beschwor. (Mehr zu diesem Gedanken hier).

Wer besorgte Bürger erreichen möchte, sollte sie nicht als „weiße ostdeutsche Männer“ bezeichnen, die ein grundsätzliches Problem mit Ausländern haben. Ihre Analysen und Vorschläge mögen bestreitbar sein, aber die Angst, die sie damit zum Ausdruck bringen, ist real. Lasst uns darüber diskutieren, was Heimat in einer globalen Welt sein kann, wie Identitäten zu wahren und weiterzuentwickeln sind und was wir voneinander lernen können, ohne uns zu Lehrmeistern aufzuschwingen. Damit der Tag der Deutschen Einheit nicht zur Floskel wird. Damit die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint…

 

Bilder: Et Mikkel (animierte Karte); 089photoshootings (Titelbild)

 

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Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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