Ich war letztens das erste Mal bei einem Freund zu Hause und habe das typische Ikea-Bild schon aus der Ferne erkannt. Ich hatte das auch mal. Paris, schwarz-weiß, der Eiffelturm in Gold. 39 Euro 95 und die Stadt der Liebe hängt in deinem Wohnzimmer, über dem Expeditregal – pardon, Kallax. Aber das Bild war nicht das Bild war nicht das Bild, denn ein Schriftzug prangte darüber – unordentlich, mit schnellen Pinselstrichen, „einfach so geschrieben“, weil es einfach so wahr ist: „Ceci n’est pas Paris“ – Das ist nicht Paris.

Und alle so „Hä?“, weil niemand versteht, dass das nicht Paris ist. Doch du kannst nicht durch die Straßen gehen, du kannst dir keine Macarons kaufen, du siehst niemanden – weil wir jetzt bitte alle in Klischees denken – der ein Baguette in einem Ringelshirt durch die Straßen trägt, die nach Milchkaffee und junger Liebe riechen.

Du siehst nur ein Bild von Paris. Einen einzigen Blickwinkel. Und er ändert sich nicht, egal, wann du es ansieht, ob 2010 oder 2016 oder heute oder morgen früh, wenn deine Wohnung nach Milchkaffee riecht. Das geht natürlich alles zurück auf das Bild „La trahison des images“ (Der Verrat der Bilder) von René Magritte. Ein Bild, auf dem eine Pfeife abgebildet ist und auf dem steht: Das ist keine Pfeife. Weil es keine Pfeife ist. Und ja. Es ist keine Pfeife. Auch wenn es so aussieht.

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Manchmal sehen Dinge einfach so aus als ob sie etwas sind, ohne es wirklich zu sein. Frauen, wunderschön, und doch ist alles, was sie können, nur darüber reden, wie hässlich andere sind. Männer, gutaussehend, doch sie brüsten sich nur damit, wie viele Brüste sie schon gesehen haben. Liebe, bergflussfarben, und doch, beim näheren Hinsehen, war es vielleicht einfach nur ein Tümpel, nicht tief, nicht klar, und irgendwie fühlt man sich dreckiger als vorher und niemand kam je zu deinen Tiefen hinab getaucht, sondern ist einfach nur schnell durchgelaufen.

Nur weil wir denken, wir lieben, heißt das nicht, dass wir lieben.

Die wahre Bedeutung der Liebe erkennen wir oft nicht im ersten Augenblick, sondern im letzten. Dann, wenn es drauf ankommt, sich umzudrehen, kopfüberzuspringen, tiefer zu tauchen, Luft anzuhalten, Unterwasserliebe. Dann, wenn die meisten sich doch lieber Gummistiefel anziehen, damit die Füße nicht nass werden, damit nichts haften bleibt von einem selbst und es schnell, schnell, schnell vorüber ist.

Die wahre Bedeutung der Liebe erkennen wir oft erst, wenn die meisten sich lieber Gummistiefel anziehen, damit nichts haften bleibt von einem selbst und es schnell, schnell, schnell vorüber ist.

Vielleicht sieht es aus wie Liebe, aber das ist es nicht. Du siehst nur ein Bild, einen Blickwinkel, und es ändert sich nicht, wenn Du nicht dazu bereit bist, es anders zu betrachten. Du kannst dich nicht gut durch sie fühlen, wenn du heulend auf dem Badezimmerboden liegst, und sie riecht nicht nach Milchkaffee, sondern nach schalem Bier, das du in dich runterkippst. Dabei hasst du Bier, aber noch mehr hasst du es, nach Hause zu gehen und wieder nicht verstanden zu werden, dabei redest du seit langem viel zu laut, sodass sogar die Nachbarn dich hören.

Du kannst sie nicht fassen, denn du kannst ihn nicht fassen, weil er dir entglitten ist, schon lange, und du kannst es nicht fassen, dass das alles vielleicht nicht Liebe war, auch wenn es danach aussah.

Und ja. Nur weil es wie Liebe aussieht, ist es noch keine Liebe. Nur weil es wie Paris aussieht, kannst du nicht durch die Straßen gehen und sowieso, wie kannst du in der Stadt der Liebe sein, wenn es keine Liebe ist. Nur weil es wie eine Pfeife aussieht, kannst du sie nicht rauchen, dabei rauchst du viel zu viel, jetzt gerade, und du bist heiser davon oder vom Weinen oder von beidem.

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Und nein. So kompliziert ist das gar nicht. Man muss nur beginnen, anders zu denken und das anzunehmen, was wir eigentlich schon wussten, in Sprichwörtern verpackt, mit Schleifen drum – bunten, großen Warteschleifen, damit wir erst später erkennen, was uns früher das Herz gebrochen hätte: Der Schein trügt. Es ist nicht immer das, wonach es aussieht.

Und es ist nicht immer jeder glücklich, wenn er lacht, und nur weil die Sonne scheint, ist es vielleicht trotzdem Nacht und überhaupt: Es ist keine Liebe, wenn man einfach weitermacht. Und manchmal ist es Liebe, obwohl es nicht danach aussieht, aber es morgens, in Paris oder Berlin, nach Milchkaffee riecht, obwohl man gar nicht damit gerechnet hätte.

Und ja. Manchmal kann man das dann nicht fassen. Und zieht die Gummistiefel aus. Und Kopfsprung.

 

Bilder: macadam13  (Paare); Tara Wittwer (Ceci n’est pas Paris)

 

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Written by Tara Wittwer

Tara ist Wahlberlinerin, Wahlantidiäterin, mag Pizza und Ponies. Sie schreibt gerne zu lange Texte über zu tiefe Gefühle, behauptet aber felsenfest, Vorzeigemisanthrop zu sein. Deswegen schreibt sie sonst auch gerne auf ihrem Fäschnbloooog über Stil und Co.

3 comments

  1. 6.2.2017
    Viel um den Kopf herum gedacht. Ein Ding, tausend Sichtweisen, die Phantasie ist unendlich. Nur sie ermöglicht Kreativität, gibt schöpferische Kraft, Technik, Wissenschaft. Auch Illusionen. Oft hört man: Rückhaltlose Aufklärung, volle Transparenz. Aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann? Träume ohne Peter Pan?
    Viel Tiefe, Hintergrund – typisch Tara. Thema Liebe ist wohl das schwierigste überhaupt. Niemand wird es wohl je ergründen.

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