Ich weiß nicht, ob das so ein Generationen- oder ein Menschending ist. Aber ich weiß, dass ich früher noch bei meinen Freunden geklingelt habe (weil ich einfach wusste, wo sie wohnten), um zu fragen: „Kommst du spielen?“

„Zum Essen bist du Zuhause!“ war meine Zeitzone, nicht die 19 Minuten Pause bei Candycrush, um neue Leben zu sammeln, in denen man sich zwangsweise irgendwie unterhalten muss. Ich bin auf Bäume geklettert anstatt dagegenzuknallen, wenn mein Smartphone mir verspricht, hier ein Pikachu zu finden.

In der Zwischenzeit bin ich die geworden, die zustimmt, wenn jemand seufzend ein „Früher war alles besser“ von sich gibt, auch wenn ich mich erschreckt frage, ob auch das ein Generationen- oder ein Menschending ist.

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Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die meisten Menschen keine Körper- sondern Gefühlskläuse sind, wobei ich hoffe, dass „Kläuse“ der anerkannte Plural von Klaus ist. Der Gefühlsklaus kann auch Nina oder Lara-Marie heißen und hat längst den altbekannten „Körperklaus“ abgelöst. Denn es ist nicht nur Standard, an Tischkanten zu knallen, sondern auch an emotionale Mauern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir zu viel oder zu wenig fühlen. Mehr sein wollen als wir sind oder mehr sind, als wir uns zutrauen. Wir sind unser eigenes Krisengebiet und wenn wir was fürchten, dann oft die Nächte mit uns allein.

Wir sind unser eigenes Krisengebiet und wenn wir was fürchten, dann oft die Nächte mit uns allein.

Und weil wir uns so schön selbst belügen können, suchen wir uns echte falsche Freunde, die das ebenfalls tun und wundern uns trotzdem jedes Mal aufs Neue, wenn Chantalle dann mit unserem Kevin durchbrennt, weil die beiden „voll nicht ehrlich waren“.

Das liegt vor allem auch daran, dass Nettigkeit nicht so weh tut wie Ehrlichkeit. Aber erstere bringt uns nunmal oft nicht weiter, wovon all die Teilnehmer bei „Deutschland sucht den Superstar“ ein Liedchen singen können (nein, bitte nicht!), die völlig verheult die Jury verlassen, obwohl ihre Freunde geschworen haben, sie könnten ach so gut singen.

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Falsches Lob ist auf einmal mehr wert als ehrliche Kritik, nur weil sie sich für den Moment besser anfühlt. Aber ein „Ja, ganz toll“ geht auch schneller als sich wirklich mit dem Leben des anderen auseinanderzusetzen – und trotzdem denken die meisten, dass der „Ja-toll“-Mensch der bessere Freund ist als der „Zieh-das-Kleid-lieber-nicht-an“-Mensch.

Wenn ich jemanden haben will, der mir sagt, dass die zwei Pizzen und die 500g Packung Eis mit Brownie-Stücken doch gar nicht so schlimm sind, weil Tomatensoße ja eigentlich gesund ist, dann gucke ich in den Spiegel. Ich brauche und möchte ehrliche Menschen um mich herum haben. Die sich Zeit für mich nehmen.

 Ich brauche und möchte ehrliche Menschen um mich herum haben. Die sich Zeit für mich nehmen.

Wo wir bei Problem Nummer zwei angekommen wären: Weil wir so sehr damit beschäftigt sind, ständig auf etwas Besseres zu warten – seien es Partner, Job oder schlichtweg Abendplanung –, ist es fast unmöglich geworden, sich irgendwie zu treffen. Oder irgendwo. Oder überhaupt. Und mit Treffen meine ich tatsächlich so in echt, im Real Life, mit Anfassen (bitte nicht zu fest drücken, ich hab Joghurt im Rucksack) und Gesprächen, die tiefer gehen als die Ausreden via Whatsapp lang sind, wenn es „leider schon wieder nicht geklappt hat“.

Irgendeine Ausrede hat man immer parat, weil man sich alles irgendwie offen halten will. So ist aus dem früheren „Ja, gerne!“ ein vages „Vielleicht“ geworden. Weil sich das Leben ja vielleicht schlagartig verbessert – oder eben nicht. Man hält sich alle Türen offen und zur Not auch alle Fenster, während die hinteren mit lautem Rumms schon zuschlagen, weil der Durchzug zu stark ist.

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Oft hält man sich seine Freunde von früher aus reiner Bequemlichkeit – oder schlichtweg, um das eigene Ego aufzupolieren. Das ist ein bisschen wie „Schwiegertochter gesucht“ im echten Leben – Sendungen, die man sich in seiner dunkelsten Stunde, auf die man nicht stolz ist (bitte nicht verurteilen, ich habe Jogurt im Rucksack), angeguckt hat, um selbstgefällig sagen zu können: „Ha, wenigstens bin ich nicht SO!“ Während man eigentlich noch viel schlimmer ist, weil man sich so etwas aus eben diesen Gründen anguckt. (… Gibt es noch andere Gründe?)

Auch ich war schon ein Egolappen. Ich habe dazu gedient, das Licht eines anderen Egos heller strahlen zu lassen, nur durch meine Existenz: Menschen, von denen ich dachte, sie lieben mich, haben zu mir herabgeschaut und sich in schweren Zeiten daran erinnert, wenigstens nicht so wie zu sein ich. Und auch ich habe das schon getan. Freunde angeguckt, bei Problemen geholfen und irgendwo versteckt gedacht, dass mir sowas ja nie passieren könnte, Gott sei Dank, ha ha!

Menschen, von denen ich dachte, sie lieben mich, haben zu mir herabgeschaut und sich in schweren Zeiten daran erinnert, wenigstens nicht so zu sein wie ich.

Und weil wir alle, oder vielleicht auch nicht, irgendwie gar nicht so selbstlos sind, wie wir in den Kommentarspalten einschlägiger Nachrichtenmagazine auf Facebook immer behaupten, wenn mal gerade wieder jemand was von einer Minderheit, einem Krieg oder einem kranken Kind gepostet hat, ist es schwierig, wahre Freundschaft zu erkennen.

Dabei könnte es doch eigentlich so einfach sein. Mal ein „Ich komme gerne zu dir, egal was kommt“ anstatt ein „Ich weiß noch nicht, kommt drauf an.“ Mal ein „Drück mich ruhig feste, scheiß auf den Joghurt, ich trag ja nicht mal Rucksäcke!“ Oder ein „Du bist schön, aber das Kleid steht dir trotzdem nicht“ anstatt ein „Äh ja klar, gut siehst du aus!“

Dinge sagen, die der Person etwas nützen anstatt ihr nur zu gefallen. Mehr machen anstatt wollen und mal die Fenster schließen und die Heizung anmachen. Kostet vielleicht mehr, an Überwindung, an Zeit. Aber es lohnt sich, wenn es endlich warm wird.

 

Bilder: natureaddict (Handyjungs), tiphbeg (Meer), unsplash (Titel, Mädchen)

 

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Written by Tara Wittwer

Tara ist Wahlberlinerin, Wahlantidiäterin, mag Pizza und Ponies. Sie schreibt gerne zu lange Texte über zu tiefe Gefühle, behauptet aber felsenfest, Vorzeigemisanthrop zu sein. Deswegen schreibt sie sonst auch gerne auf ihrem Fäschnbloooog über Stil und Co.

1 comment

  1. Liebe Tara,
    Du wirst viel Geröll schaufeln müssen, bis Du einen
    Diamanten findest.
    Nach langer Krankheit weiß ich, dass ich Freunde habe.
    Oder auch nicht. Aber da muss ich durch. Trost : Es bleibt
    niemandem erspart im Leben.
    Ich gratuliere Dir zu Deinen Erfolgen.

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