Eines sei vorangestellt: Ich habe keineswegs die Absicht, die Qualität des diesjährigen Oscar- Favoriten La La Land in Frage zu stellen. Vielmehr möchte ich eine Empfehlung aussprechen, die alleine auf der filmischen Qualität meines Vorschlags beruht, der diesen Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Dem Ausgang aller bisheriger Preisverleihungen dieses (Film-)Jahres nach ist es nämlich sehr wahrscheinlich, dass „La La Land“ am 24. Februar seine Mitstreiter bei den Oscars überschatten wird. Was sehr schade wäre – mindestens für „Hidden Figures“.

Denn dass „Hidden Figures“ die Qualität besitzt, selbst im Mittelpunkt zu stehen, wurde nicht zuletzt durch die Nominierung als „Bester Film“, sondern auch bei den gerade verliehenen SAG Awards (den Preisen der Schauspielergilde Hollywoods) bewiesen: Hier wurde die komplette Besetzung soeben in der Kategorie „Bestes Schauspielensemble” bedacht. Doch es geht (nicht nur) um Preise und/oder kommerziellen Erfolg. Manchmal sind Filme bei ihrer Veröffentlichung einfach aktueller denn je – viel mehr, als dies bei Produktionsbeginn eigentlich klar war. Sie sind nicht nur die Geschichte, die sie erzählen. Sie sind Metapher, Erinnerung, Aufruf zum Handeln.

 

Metapher, Erinnerung, Aufruf zum Handeln

„Hidden Figures“ ist – trotz guter Intention schon in der Planungsphase – eher unwillentlich so ein Film. Er ist es, was die gesellschaftliche Situation,  die politische Situation und  die Kunst angeht. Und ganz nebenbei ist er auch noch mitreißende Unterhaltung für alle, die sich für all das so gar nicht interessieren.

Erzählt wird die Geschichte dreier afro-amerikanischer Frauen: Katherine Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe). Zu Beginn der sechziger Jahre sind die Mathematikerinnen der NASA daran beteiligt, als Geschichte geschrieben wird und dem Astronauten John Glenn als erstem Amerikaner die Weltumrundung gelingt. Während sie als „menschliche Computer“ unverzichtbar für das Raumfahrtprogramm sind, werden sie wegen Hautfarbe und Geschlecht gleich doppelt – mal mehr, mal weniger deutlich – diskriminiert. Wie der deutsche Untertitel „Unerkannte Heldinnen“ bereits verrät, ist der Weg zum Erfolg kein leichter – und die Verdienste werden oft erst (zu) spät gewürdigt. Und doch verfolgen alle drei Protagonistinnen ihre Träume mit unbeirrtem Willen, Intelligenz und Kampfesgeist.

Hidden Figures | seinsart

„Hidden Figures“ ist ein ausgesprochen positiver, herzwärmender Film, der nicht nur von dem starken Spiel der drei Hauptdarstellerinnen, sondern auch von den gut besetzten Nebendarstellern lebt. Besonders Kevin Costner verleiht seiner Figur eine besondere Wärme, die niemals aufgesetzt wirkt.

 

Nuanciertes Spiel und erfreulich selten manipulativ

Dass alle (weißen) Charaktere eine mehr oder weniger positive beziehungsweise politisch korrekte Entwicklung in Hinsicht auf ihre Sichtweisen der Rassen- oder Geschlechtergrenzen an den Tag legen, mag ein Statement für die Weltsicht der Filmemacher sein. Angesichts der taktvollen Inszenierung ist es erfrischend, ohne erhobenen Zeigefinger die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß, Mann und Frau zu sehen. Der Film ist erfreulich selten manipulativ und zeigt Grenzen schlicht wie sie sind und manchmal sogar humorvoll, ohne belehren zu wollen, was nun „richtig“ und „falsch“ sei.

Das nuancierte Spiel der Besetzung lässt Raum für eigene Interpretationen, welche emotionalen Auswirkungen die Vorgänge haben. Die Stärke von „Hidden Figures“ liegt in der Menschlichkeit und Authentizität seiner Figuren. Man kann dem Streifen vielleicht eine gewisse Leichtigkeit selbst in kritischen Momenten vorwerfen, was jedoch in Anbetracht der Genrewahl („Hidden Figures“ lässt sich besser in die Kategorie Komödie als Drama einordnen, sollte man sich denn zwischen den beiden Stereotypen entscheiden müssen) und dem generellen Tonfall durchaus gerechtfertigt ist.

Der Film fasst trotz seiner eben geschilderten Leichtigkeit mitten in die Wunde unserer Zeit: Der gefährliche Trend zur Abgrenzung gegenüber anderen Religionen oder Nationalitäten blüht auf persönlicher wie staatlicher Ebene. Sei es der aktuelle Einreisestopp in die USA für Leute mit muslimischen Hintergrund, der statt der Hautfarbe die Leute über einen religiösen Kamm schert. Oder der starke Zuwachs für rechte Parteien als Antwort auf das Flüchtlingsproblem, das im Grunde gar nicht in den Flüchtlingen selbst liegt, sondern darin, warum und wovor sie fliehen. Oder, auf einer wirtschaftlichen Ebene, der Brexit. Wenn jede Gruppe für sich alleine kämpft: Wie weit wäre die NASA wohl ohne ihre schwarzen Mitarbeiter gekommen? Ins All vielleicht schon, aber sicher nicht so schnell.

 

Referenz für wichtige Veränderungen in der Traumfabrik Hollywood

Nie wirbt der Film für die Gleichberechtigung mit der einfachen Antwort, lässt aber die Verdienste und Qualitäten der farbigen Figuren für sich sprechen, um für Einigkeit und damit Stärke und Fortschritt zu werben.

Dass der – offensichtlich auf der Seite seiner schwarzen Heldinnen stehende – Streifen nie zum „Gegenschlag“ wird, ist ein besonderer Augenmerk für den respektvollen Umgang zwischen den Parteien. Wer für seine Sache kämpft, muss auch seinen Gegner respektieren, um seine Nachricht zu überbringen. Starker, aber korrekter Umgang führt in einem der Handlungsstränge bis hin zu einer (kleinen) Zerschlagung gesetzlicher – und diskriminierender – Limitationen. Gerade jetzt, wenn jedem per sozialem Netzwerk eine Möglichkeit zu sofortigen publikumswirksamen Meinungsäußerung gegeben ist, wird diese Tugend auf beiden Seiten meist vollkommen vergessen. Dem prominentesten Beispiel, Donald Trumps Twitteraktivitäten, kann man leider auch unpassende Antworten (beispielsweise die groben Beschimpfungen seiner Frau) entgegenhalten, die auch nicht wirklich von Souveränität und dem Willen eines Ausgleichs zeugen.

Hidden Figures | seinsart

Zu guter Letzt ist der Film auch eine Referenz für wichtige Veränderungen in der Traumfabrik Hollywood selbst. Nachdem letztes Jahr die Academy Awards starker Kritik ausgeliefert waren und wegen Rassismus mit dem Hasthag #OscarsSoWhite markiert worden sind, so ist die Nominierungsliste dieses Jahr gemischter denn je. Gleichzeitig ist er eine weitere wichtige Demonstration für mögliche Rollen der Frau. Er ist ein Paradebeispiel dafür, dass weibliche Hauptdarsteller auch außerhalb bekannter Franchises wie „Die Tribute von Panem“ und „Star Wars“, um einige aktuelle Beispiele zu nennen, erfolgreich ein großes Publikum anziehen. Ebensowenig brauchen sie die Hilfe eines starken männlichen Pendants, sei es für gleichberechtigte Rollenverteilung wie beispielsweise bei Emma Stone, die sich die Leinwandpräsenz in „La La Land“ nahezu perfekt zu fünfzig Prozent mit ihrem männlichen Co-Star Ryan Gosling teilt. Und die vielleicht wichtigste Erkenntnis: All das mit farbigen Darstellerinnen, die nicht aussehen, als wären sie alle einem Catwalk Casting entsprungen.

 

Ein Film, der weltweit Aufmerksamkeit verdient

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels hat der Film in den Vereinigten Staaten bereits 104 Millionen Dollar eingespielt – im Rest der Welt jedoch nur knappe 800.000 Dollar. Fairerweise muss man allerdings sagen, dass er in vielen Ländern seinen Starttermin noch vor sich hat. Insofern hat sich von der Segregation bis zur Kinodominanz dreier Afro-Amerikanerinnen bereits viel getan.

Nun gilt es zu hoffen, dass „Hidden Figures“ auch hierzulande die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Denn die Qualität des Filmes ist, eine wichtige Geschichte zu erzählen und gleichzeitig den Zuschauer dafür emotional empfänglich zu machen und zu unterhalten. Das Oscar-nominierte Drehbuch (die Adation des Buches „Hidden Figures: The Untold Story of the African American Women Who Helped Win the Space Race”von Margot Lee Shetterly) ist von den universellen Botschaften Akzeptanz, Toleranz, Zusammenhalt und Respekt geprägt.

Im Mai letzten Jahres – knapp fünfzig Jahre, nach ihrem (ersten) entscheidenden Beitrag für die US-amerikansiche Raumfahrt – widmete die NASA Katherine Johnson ein Forschungszentrum. Es ist also nicht zu spät, an die Kraft dieser Werte zu glauben.

 

Bilder: 20th Century Fox

 

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Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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