Wenn man sich in der Literaturgeschichte der Welt umsieht, handeln die berühmtesten Geschichten ja doch nur von einem Thema: der Liebe. Die Liebe in ihren verschiedensten Formen – unerfüllt, unerwidert, unverbesserlich, unzerstörbar, uns-zerstörend. Menschen neigen dazu, Dinge zu romantisieren, Helden zu glorifizieren und große Gefühle an kleine Geschichten zu dichten. Dinge müssen Sinn ergeben und nachvollziehbar sein – und was könnte ein besserer Grund sein als mangelnde Zurechnungsfähigkeit aufgrund von Gefühlen?

Die besten Beispiele sind die Besteller unserer Zeit: Twilight und Fifty Shades of Grey.
Beide Geschichten sind komplett gleich: Eine unscheinbare, nicht besonders schöne und auch sonst durchschnittliche Frau (die dann aber in der Verfilmung von einer wunderschönen Schauspielerin dargestellt wird, die einfach nur nicht ganz so schön geschminkt ist wie sonst, aber trotzdem 5 Stunden in der Maske braucht) verliebt sich in einen Mann, der schlecht für sie ist. Dieser Mann wehrt sich natürlich gegen sie und seine total ehrlichen und sexy Gefühle, eben weil er schlecht ist für sie.

Und egal, wie literarisch grottig die Bücher oder absurd die ganzen Stories sind – weil Vampire nicht im Sonnenlicht glitzern und stalkende, über Frauen herrschende, gewaltbereite Männer ohne Milliardär zu sein eher einem Profil bei Criminal Minds und nicht dem „Perfect Husband“ entsprechen – alle lieben es, alle lesen es, alle wollen es.
Doch wen wundert es, wenn selbst Ovid in seinen Metamorphosen die Grundlage für Romeo und Julia mit Pyramus und Thisbe lieferte und der Untergang der Titanic nur mit Liebesgeschichte wirklich dramatisch genug ist, um verfilmt zu werden?

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Doch all diese Geschichten trüben den Blick für ein zentrales Geheimnis unserer Natur: Nicht die Liebe ist unser stärkstes Gefühl – sondern die Angst. Liebe ist stark und mächtig und bewegt uns alle, aber über sie wird geredet, weil man mit ihr auch etwas Schönes verbindet. Nicht so mit der Angst, außer wir besiegen sie. Die Angst ist nicht nur stark, sondern auch unterschätzt: Deswegen wundern wir uns immer wieder, wenn Dinge passieren, die alle hätten vorhersehen können, hätte man sie nur ernst genommen.

 

Hätte, hätte, Fahrradkette: Amerika

Was die Angst mit uns macht, sieht man an jedem Einzelnen und auch im Ganzen. Das Zeitgeschehen, mit dem wir Geschichte schreiben, ist so ordinär, dass beim Schreiben das Papier zerreisst und all die Bänder, die wir zwischen uns seit 1945 versucht haben zu knüpfen. In Amerika wird ein homophober Menschen- und Frauenhasser gewählt, einfach weil er die Angst der Menschen genommen und umgeformt hat. Und wir, die Gebildeten, mit unserer unsagbaren Arroganz, hauen einen Anti-Trump-Artikel nach dem anderen raus und denken, dass das reicht. Aber das reicht nicht. Arroganz war noch nie die richtige Antwort auf Angst und Abgrenzung durch Aufzeigen der Differenzen hat noch niemanden zusammengebracht.

Asylbewerber werden mit Flaschen beschmissen und Heime der Zuflucht werden zum Ziel von Brandstiftern. Menschen sitzen, gefesselt von Ängsten, zuhause und schaffen es nicht, die Wohnung zu verlassen. Frauen sitzen in Häusern mit blauen Augen, weil sie blauäuig waren und Angst hatten vor der Einsamkeit. Menschen verhindern Trennungen meist nicht aus Liebe, sondern  aus Angst.

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Angst, niemanden mehr zu finden. Angst, alleine zu sein. Angst, alleine zu sterben. Angst, man sei wertlos. Angst vor der Angst. Tiefer und bohrender als jeder Schmetterling im Bauch jemals kommen könnte. Angst brennt uns nieder und höhlt uns aus und trotzdem funktionieren wir weiter und sind da – als eine Hülle unserer selbst. Das macht sie so gefährlich: Angst ist leise. Angst ist unsichtbar und doch sind die aus ihr resultierenden Handlungen (selbst)zerstörerisch.

 

Das älteste Gefühl der Welt

Angst ist Instinkt. Jedes Lebewesen hat einen Fluchtinstinkt und einen Selbsterhaltungstrieb – beide sind verbunden mit der Angst vor Leid und dem Tod. Wir opfern alles und jeden, nur um uns selbst zu retten. Autofahrer lenken automatisch von sich weg, deswegen überlebt meist der Fahrer und der Beifahrer stirbt. Das ist keine Bösartigkeit, das ist einfach menschlich. Was es nicht unbedingt besser macht.

Doch wie antwortet man auf eine Frage, die niemand gestellt hat? Zumindest nicht mit einer Antwort, die jeder gerade gibt: Unverständnis. Es hat keinen Sinn, den Kopf zu schütteln und die Augen zu verdrehen, wenn Menschen Dinge denken oder tun, die abweichend von dem sind, was wir glauben. Das Problem ist vielleicht mangelnde Bildung, aber vor allem ist es die Arroganz, die wir dem anderen gegenüberbringen. Ein Gespräch funktioniert besser vis-a-vis anstatt hinter dem Rücken des anderen.

Ich kann meiner Freundin natürlich erzählen, wie schrecklich dumm jemand ist, weil er einfach nicht über das Wissen oder die Erfahrung verfügt, die ich gerade habe. Damit helfe ich aber niemandem, außer mir selbst, um mich gut zu fühlen, weil ich mehr weiß. Man, bin ich geil, ich weiß mehr als der, der ist ja eh doof. „Der“ sind in diesem Falle aber ein paar mehr als ich dachte und „der“ ist dann der nächste Trump-Wähler, AfD-Wähler, Flaschenschmeißer, Anzünder, Frauenschläger, Vergewaltiger, Mörder. „Der“ kann es nur so weit schaffen, weil ich es vorzog, zu lachen anstatt einen Dialog zu eröffnen. Vis-a-vis.

 

„Angst essen Seele auf“

Wir reden über gleiche Chancen für alle. Bildung in der dritten Welt. Und während Malala sich dafür in den Kopf schießen lässt und trotzdem weiterlebt und trotzdem weiterkämpft, schaffen wir es nicht einmal, über den eigenen Schatten zu springen und ein Gespräch zu führen, um all die Schatten der Vergangenheit ein für alle mal hinter uns zu lassen. Eine alte Liebe. Eine zerstörerische Freundschaft. Rassismus, Hass, Dunkeldeutschland, Dunkel-Welt.

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Die Probleme sind vor Ort und nicht woanders. Man muss nicht in fremde Länder reisen, um zu beweisen, dass man ein toller Mensch ist. Und sich mit schwarzen Kindern fotografieren zu lassen, um danach ins Flugzeug zurück ins schöne Deutschland und weiche Bett zu fliegen, um „voll die Experience“ gemacht zu haben, laut Instagram, neben Food- und Fashionpics.

Alle haben Angst. Vor Ausländern, vor Inländern, vor Hunden oder Spinnen oder Flugzeugen oder Überfremdung oder Enge oder Dunkelheit oder Geräuschen. Vor gebrochenem Herz und gebrochenen Versprechen. Vor dem Alleinsein, vor Menschenmassen, vor Einsamkeit in Menschenmassen. „Angst essen Seele auf“: Sie frisst uns auf – und wenn wir uns nicht dagegen wehren und reflektieren und anderen bei ihrer Selbstreflexion helfen, dann sind wir alle mit daran Schuld, wenn Menschen mit Steinen beworfen werden in einer Gesellschaft, die vorgibt, bunt und tolerant zu sein, während die Zukunft, die ich sehe, ein sattes Schwarz ist.

 

Bilder:  Unsplash

 

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Written by Tara Wittwer

Tara ist Wahlberlinerin, Wahlantidiäterin, mag Pizza und Ponies. Sie schreibt gerne zu lange Texte über zu tiefe Gefühle, behauptet aber felsenfest, Vorzeigemisanthrop zu sein. Deswegen schreibt sie sonst auch gerne auf ihrem Fäschnbloooog über Stil und Co.

2 comments

  1. 10.11.2016
    Der Mensch hat sich eben aus der Natur entwickelt.
    Das können wir nicht abschütteln. Gefahren lauern überall:
    Tiere, Menschen, Unwetter, Politiker, Viren, auch Freunde usw.
    Instinktiv sind wir so programmiert, dass wir uns schützen.
    Sonst wären wir und die Tierwelt längst ausgestorben.
    Schöner Text.

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