Am liebsten würde ich einfach DANKE schreiben.

Aber die meisten Menschen verstehen dieses Wort nicht mehr. Viele verstehen es als eine Art Floskel. Ich selbst bin sehr dankbar – für all das, was in den letzten Monaten um mich herum geschehen ist. Deswegen denke ich, dass es nicht gerecht wäre, sich mit einem einzigen Wort von euch zu verabschieden.

Als ich im letzten Jahr im August in den Dschungel nach Calais aufbrach, um mich für die Menschen dort stark zu machen, haben dies viele belächelt. Sie hatten Recht, wenn sie sagten, dass ich da nichts mehr holen kann. Aber sie lagen falschen in Bezug auf das, was sie in meiner Absicht zu erkennen glaubten.  Ich bin nicht nach Calais gefahren, um dort etwas zu holen. Ich bin da hin gefahren, um etwas zu geben.

Ich bin nicht nach Calais gefahren, um dort etwas zu holen.
Ich bin da hin gefahren, um etwas zu geben.

Normalerweise versagt man, wenn man ohne Geld an solch einen Ort fährt. Der Zweifel meiner Kritiker aber hat mich gezwungen, alle Herausforderungen des Dschungels auszuhalten – inklusive Tränengas und Knüppelorgien. Daher geht mein erstes Dankeschön an all die Leute, die mir von dieser Reise abgeraten haben.

Es haben mir Leser aus Südafrika, den USA, Griechenland, Belgien, England, Frankreich oder Italien geschrieben. Sie konnten von dort aus sehen, was in Calais los ist. Ohne eine Redaktion, die meine Laune und Ungeduld handhaben kann, wäre dies nie möglich gewesen. Dafür danke ich meinem Chefredakteur Nicolas Flessa.

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Ich muss aber auch einem ehrenlosen Verein und einem unprofessionellen Berliner Verlag danken, dass sie mich und all die Menschen, die für die Flüchtlingssache kämpfen, betrogen haben. Sie damit nicht durchkommen zu lassen, hat mir die fehlende Kraft gegeben, die letzten Meter zu gehen.

Dieser Kanake darf den Preis nicht bekommen. Man sollte ihm mit einem Baseballschläger in die Fresse hauen und ihn dann in einem Gummiboot nach Hause schicken.  (AfD-Anhänger)

Nach der Nummer mit dem Pianisten Andreas Kern und dem Klavier in Calais haben mir knapp 50 Menschen in Europa ihr Haus angeboten, wenn ich in der Nähe sei und eine Unterkunft brauchte. Sie haben gelesen, dass ich draußen schlafen musste.

Das haben auch die Mitarbeiter des Grimme-Instituts gelesen. Sie haben auch gelesen, dass ich deswegen selbst im Dschungel schlafen musste. Das hat mich quasi von innen heraus berichten lassen. Dafür kam die Nominierung für den Online-Award.

Mehr kann man meiner Meinung nach in meinem Status nicht erreichen. Das Bundesverdienstkreuz ist sicherlich eine tolle Würdigung. Doch ich bin nicht nach Berlin gekommen, um Bundespräsident zu werden.

Ich bin nicht nach Berlin gekommen,
um Bundespräsident zu werden.

Wer auch immer die Leser waren, die meine Arbeit beim Grimme-Institut vorgeschlagen haben: Sie sollen wissen, dass ich in diesem einen Moment, in dem mich das Grimme-Institut angerufen hat und mir mitgeteilt hat, dass ich zu den 28 Nominierten gehören, die man aus 1200 Vorschlagen ausgewählt hat, vor Glück geheult habe wie ein kleines Mädchen.

13530649_1195667427130818_812892336_nDer Grimme-Online-Award bezeugt den Nominierten, dass sie qualitativ hochwertige Arbeit geleistet haben. Die Projekte, die dort nominiert waren, behandeln wichtige Themen wie Homophobie, das Thema Flucht, Trisomie, Obdachlosigkeit und noch viel mehr Dinge, die für die Öffentlichkeit einsehbar gemacht werden müssen.

Unterstützung kam aus allen Ecken. Ein ganz herzliches Dankeschön an die Leute von der Spendenaktion um Özlem Güven. Ein Dankeschön an das ARTE-Team aus Brüssel und den Pianisten Andreas Kern.

Die Menschen, die in den sozialen Netzwerken geholfen haben, sollen wissen, dass ich nachts immer geschaut habe, wer sich alles mit dieser skurrilen Geschichte befasste. Ich danke selbst denen, von denen ich nicht weiß, dass sie es mir und meiner Redaktion gegönnt haben.

Jede Redaktion, die über meine Sache berichtet hat, bekommt diese Hilfe zurück, versprochen. Ihr bekommt alle eine Flasche heiliges Wasser aus dem Irak.

Ich könnte hier viele einzelne Namen schrieben. Viele Unterstützer haben es verdient, hier genannt zu werden. Ich würde aber sicherlich einige vergessen. Das wäre nicht gerecht. Deswegen will ich an dieser Stelle an die Geflüchteten erinnern, die noch im Dschungel sind.

Als ich neulich bei einem Vortrag von ihnen erzählte, hat man kräftig applaudiert. Für mich. Das will ich aber nicht. Den Applaus kann ich nicht annehmen, denn er gehört mir nicht. Er gehört den Menschen, die ich in Calais zurück lassen musste. Den Menschen, die dort ihr Leben gelassen haben. All die Menschen, die dort geholfen und geschwitzt und geschlagen wurden, haben diesen Applaus verdient. Nicht ich. Ich muss applaudieren. Denn ich habe dort viel gelernt.

Wegschauen heißt zustimmen.  (Hammed Khamis)

Wer mich kennt, weiß, dass ich das mit den Knüppeln und dem Gas nicht offen lassen werde. Calais ist für mich noch nicht abgeschlossen. Es ist noch eine Rechnung offen …

Nächstes Jahr hole ich den Helm des Kaisers. Sagt mir nur, wohin ich ihn bringen soll!

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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