Der Dschungel von Calais ist keine Endstation. Für die meisten der hier wohnenden Flüchtlinge ist er bloß ein letzter, verzweifelter Zwischenstopp auf ihrer abenteuerlichen Reise in die Freiheit. Hammed Khamis hat Yassin, einen jungen Eritreer, getroffen, dem die lebensgefährliche Überfahrt nach England kürzlich gelungen ist. Mit seinsart spricht er das erste Mal über seine Flucht.

 

Hammed: Wie bist Du nach England gekommen?
Yassin: Mit dem Zug.

Wie lange hast Du es versucht?
Zwei Monate. Schließlich bin ich einfach zum Bahnhof.

Zum Bahnhof von Calais?
Ja. Und ich habe mich dort unter dem Zug versteckt.

Wie lange hat es bis England gedauert?
40 Minuten. Das war hart. Sogar im Tunnel ist der Fahrtwind sehr stark.

Wie hat man Dich in England begrüßt? Haben sie Dich verhaftet?
Sicher.

Wo?
In Dover. Für 24 Stunden.

Und dann?
Dann haben sie uns in ein Lager gebracht.

In welcher Stadt?
In Birmingham.

Wie haben sie Dich nach Birmingham gebracht?
Mit dem Bus.

Wie viele Leute sind mit Dir unter diesem Zug geflohen?
Fünf Leute.

Ist an diesem Tag jemand gestorben?
Nein. Aber am Tag zuvor wurde ein Sudanese vom Zug überrollt.

Hast Du auf diese Weise schon Freunde verloren?
Ja. Einer meiner Freunde ist ertrunken.

Wie das?
Er lief vor der Polizei davon. Und weil es Nacht war, sprangen er und ein Sudanese ins Wasser, um sich dort zu verstecken. An einer Stelle, die voller Schilf ist.

Wie geht es nun für Dich weiter? Wirst Du Asyl bekommen?
Ja, meine Frau ist schon hier. Sie ist vor mir gekommen.

Habt Ihr Kinder?
Nein.

Woher kommt Ihr?
Aus Eritrea.

Wie viel hat es Dich gekostet, von Eritrea bis nach England zu kommen?
Ungefähr 6000 Dollar. Ein Onkel hat das bezahlt.

Was hast Du in Eritrea gearbeitet?
Ich war Lehrer. An einer Militärschule.

Warum hast Du Eritrea verlassen?
Weil ich Flugblätter gegen die Regierung verteilt habe. Nachts. Als sie meinen Freund verhaftet haben, der mit mir verteilt hat, wusste ich: Ich muss hier weg.

Was wäre passiert, wenn sie Dich geschnappt hätten?
Sie hätten mich getötet.

Wirklich? Für das Verteilen von Flugblättern?
Meinen Onkel haben sie 1992 verhaftet, und wir wissen immer noch nicht, wo er ist.

Warum wurde er verhaftet?
Weil er gegen die Regierung protestierte.

Wie alt bist Du?
24 Jahre.

Welche Pläne für Deine Zukunft hast Du?
Wenn ich die Chance bekomme, werde ich Politikwissenschaften studieren.

Warum gerade dieses Fach?
Wegen meines Landes. Um für die Rechte der Menschen zu kämpfen. Unsere Leute sterben überall. Warum geschieht das? Warum können wir nicht in Ruhe leben? Warum macht man uns zu Obdachlosen? Egal ob in Eritrea, im Sudan, in Libyen. Darum möchte ich lernen, wie man unsere Situation verbessern kann.

Wie ist Deine Frau nach England gekommen?
Sie hat für eine saudi-arabische Familie gearbeitet und ist mit ihr nach England gekommen. Dort ist sie weggelaufen, um auf mich zu warten.

Hat sie Asyl beantragt?
Ja.

Wie lange hattest Du sie nicht gesehen?
2 Jahre.

Wo ist der Rest Deiner Familie? In Eritrea?
Ja. Mein Vater ist im Gefängnis.

Weshalb?
Sie wollten meine Schwester zum Militärdienst abholen. Das hat er verweigert.

Wie lange ist er schon im Gefängnis?
4 Jahre.

Wie lange muss er noch sitzen?
Das wissen wir nicht. Eritrea ist keine Demokratie.

Gab es einen Prozess?
Nein.

Wie bist Du nach Calais gekommen?
Mit dem Boot nach Italien. Dort habe ich dann Geld für die Fahrt nach Frankreich bezahlt.

Wieviel war das?
300 Euro.

Wie bist Du gereist?
Von Ventimiglia nach Nizza mit dem Auto. Danach mit dem Zug nach Paris.

Und von Paris aus?
Mit dem Zug nach Calais. Umsonst.

Wo hast Du in Deiner ersten Nacht geschlafen? Im Dschungel?
Nein, im Wald. In der Nähe des Bahnhofs.

Hast Du noch Kontakt zu den Leuten aus dem Dschungel?
Leider nicht. Ich habe eine neue SIM-Karte.

Hattest Du auf Deiner Flucht Angst zu sterben?
Nein. Für uns Eritreer bedeuten Leben und Tod dasselbe. Weil das Leben von Kindheit an schwierig ist.

Was meinst Du damit?
Das Leben in Eritrea ist einfach schwer. Schon als Kind. Erst verhaften sie Deinen Vater, dann Deinen Bruder. Und immer so weiter. Und dann der Militärdienst, Dein ganzes Leben lang. Von 16 bis 50 Jahre können sie Dich jederzeit einziehen, egal ob Mann oder Frau.

Was machst Du jetzt den ganzen Tag? Wie ist Dein Leben in England?
Es ist besser als vorher. Aber ich mache mir große Sorgen um meine Familie.

Hast Du in England eine Sprachschule besucht? Oder eine Fortbildung?
Das geht erst, wenn wir unsere Papiere haben.

Gibt es denn keine Freiwilligen, die Euch Sprachunterricht geben?
Doch, aber nur zwei Tage die Woche.

Was machst Du an den anderen Tagen?
Fernsehen und Sport.

Welchen Sport?
Fitness.

Wie lebst Du in England? Mit Deiner Frau?
Nein, sie ist in Cardiff. Ich lebe mit vier anderen in einer Wohnung in Birmingham. Sobald ich die Papiere habe, können wir zusammenziehen.

Wie oft könnt Ihr Euch sehen?
Bislang erst einmal.

Bekommst Du Geld vom britischen Staat?
5 Pfund pro Tag.

Kannst Du arbeiten?
Nein, das ist nicht erlaubt. Und wenn sie Dich bei Schwarzarbeit erwischen, bekommst Du große Probleme.

Gibt es andere Menschen aus dem Dschungel in Deiner Nähe?
Ja.

Pass auf Dich auf. Und grüß mir die anderen.
Das werde ich.

Danke für das Gespräch!

 


Im aktuellen Amnesty Report zu Eritrea heißt es (Im Rückblick auf das Jahr 2014):

„Oppositionsparteien, unabhängigen Medien, zivilgesellschaftlichen Organisationen und nicht anerkannten Religionsgemeinschaften war jede Betätigung untersagt. Die Rechte auf freie Meinungsäußerung und auf friedliche Versammlung waren stark eingeschränkt. Der Militärdienst war obligatorisch und wurde oft auf unbestimmte Zeit ausgedehnt. Tausende gewaltlose politische Gefangene und andere politische Gefangene waren unter extrem schlechten Bedingungen willkürlich inhaftiert. Folter und andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung war an der Tagesordnung. Nach wie vor suchte eine große Zahl von Eritreern im Ausland Zuflucht.“

 

Bild: privat

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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