Nahezu unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit findet in der libanesischen Hauptstadt Beirut eine kleine Revolution statt. Der Libanon, der den „arabischen Frühling“ im Gegensatz zu seinen Nachbarländern nahezu ungerührt überstand, gerät nun angesichts einer ausufernden Müllkrise in eine existenzielle Krise. Der Plot dieses politischen Thrillers ist leicht erzählt: Weil sich die verfeindeten politischen Gruppierungen, die nur scheinbar von religiösen Überzeugungen getrennt werden, nicht über einen neuen Platz für eine Müllkippe einigen können, wächst in der Hauptstadt Beirut seit Monaten der Müll wie die Sorgen der Bewohner in schwindelerregende Höhen.

Die Initiative „You stink!“ („Ihr stinkt!“) hat den Ärger der Bürger zum Anlass genommen, ihre Systemkritik medienwirksam auf die Strasse zu tragen. Seit Wochen finden immer größer werdende Demonstrationen statt, die in den Medien des Landes mit Spannung (und größtenteils in Live-Übertragungen) verfolgt werden. Eine bunte Mischung aus Studenten, Arbeitern, Akademikern und Aktivisten geht angesichts der für alle sichtbaren Unfähigkeit der politischen Entscheidungsträger gegen landesweite Korruption und sektiererische Politik auf die Barrikaden. Die Demonstranten scheren sich im Gegensatz zur herkömmlichen Verwaltung des Landes nicht um konfessionelle Grenzen: Christen – Maroniten wie Orthodoxe – und Muslime – Schiiten wie Sunniten – gehen gemeinsam gegen das Scheitern der Regierung von Ministerpräsident Tammam Salam auf die Straße.

Mit Transparenten wie „Some trash should not be recycled“ über einem Bild der politischen Elite des Libanon fordern sie – neben einer Lösung des gegenwärtigen Müllproblems – inzwischen auch einen Rücktritt der Regierung, neue Parlamentswahlen und einen Wechsel des Systems. Was als lokales Problem begonnen hat, beginnt sich inzwischen auch in anderen Regionen des Libanon zu einer echten Protestwelle zu formieren. Im Gegensatz zur Zedernrevolution 2005 oder dem Libanonkrieg 2006 bilden diesmal nicht ausländische Gegner, sondern hausgemachte Probleme den Kitt für ein durch und durch säkulares Empörungsgefühl. Der sogenannten „Regierung der nationalen Einheit“ steht so zum ersten Mal in der Geschichte des 1943 gegründeten Libanon ein „Volk der nationalen Einheit“ gegenüber. Die Unfähigkeit der ersteren, notwendige Entscheidungen für die Zukunft des Landes zu treffen, zeigte sich zuletzt in der Unfähigkeit des Parlaments, sich auf einen gemeinsamen Präsidenten zu einigen.

Am heutigen Sonntag spitzte sich die Lage innerhalb weniger Stunden dramatisch zu. Was mit regulären Protesten der „You stink!“ Kritiker vor dem Sitz der Regierung begann, eskalierte innerhalb des Nachmittags durch eine Unterwanderung der friedlichen Demonstranten durch – wie zu vermuten steht – bezahlte und gewaltbereite Störenfriede. Der Versuch, die Demonstrationen vor laufender Kamera zu desavouieren, scheiterte ebenso medienwirksam an der Entscheidung der Aktivisten, die Demonstration kurzerhand auf den Place des Martyrs zu verlegen. Dieser Entscheidung war ein Ultimatum des Militärs vorausgegangen, zunächst mit Wasserwerfern, dann mit Tränengas und zuletzt mit scharfer Munition gegen gewaltbereite Demonstranten vorzugehen. Zurück blieben Hunderte von jungen Männern, die mit brennenden Reifen, Holzscheiten und Steinen den Müll in Beirut minütlich vergrößern, gegen den sie vorgeblich auf die Straße gegangen sind.

Als Kaiser Vespasian eine Steuer auf die Latrinen der Stadt Rom erhob, begründete er dies mit dem berühmt gewordenen Spruch „Geld stinkt nicht“. Welch Glück für die älteste arabische Demokratie, dass der Schaden, den die Korruption im Zedernstaat derzeit anrichtet, den endgültigen Gegenbeweis für die zynische Weisheit erbracht hat. Geld, das Politik macht, stinkt – manchmal bis zum Himmel!

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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