Er berichtete für die ARD aus Johannesburg und New York, aus dem Hauptstadtstudio in Berlin und zweimal jeweils für mehrere Jahre aus Moskau. Heute ist Thomas Roth Chefmoderator der „Tagesthemen“ und einer der prominentesten Fernseh-Journalisten Deutschlands. Dabei gab’s in seinem Elternhaus in Heilbronn keinen Fernseher, dafür aber eine große Bibliothek. Seine Mutter und auch der älteste Bruder waren ausgesprochene Leseratten und so fiel ihm bereits als Gymnasiasten Tolstois Monumentalwerk „Krieg und Frieden“ in die Hände. Diese „gewaltige Erzählung“ habe ihn sofort in den Bann gezogen…

„Als Student habe ich ‚Krieg und Frieden‘ dann noch mal gelesen. Ich habe in Heidelberg unter anderem Germanistik studiert und mich natürlich deshalb auch damit beschäftigt, welchen Einfluss etwa die russischen Dichter auf die großen deutschen Schriftsteller hatten. Bei Tolstoi ist das unverkennbar auf unseren Nobelpreisträger Thomas Mann der Fall. Und später als Korrespondent hab ich immer wieder drin rumgeblättert. Aber ich will eins gleich bekennen: Ich hab so gut wie immer überschlagen, all diese geschichtsphilosophischen Passagen, die das Buch ja auch enthält. Es ist ja oft so, wenn Künstler versuchen, einem die Welt philosophisch zu erklären, geht das meistens schief.“

Der russische Nationalautor Lew Nikolajewitsch Tolstoi hatte seinen Verleger explizit untersagt, sein Werk als Roman zu bezeichnen. Bis heute tut sich die internationale Literaturwissenschaft schwer, das gewaltige Epos genremäßig einzuordnen…

„Das Werk ist einerseits geschrieben wie ein Film mit Schnitt/Gegenschnitt von dem Schlachtfeld, dann wieder zurück nach Hause und schließlich beginnt eine Liebesgeschichte – das hat mich immer fasziniert. Vor allem die Liebesgeschichte von Natascha, die zunächst ja mit Andrej zusammen war, ihn dann aber enttäuschte, weil sie sich in so einen blöden Gecken verliebt hat und die am Ende doch ’ne sehr reife Gattin von Pierre Besuchow wird – eine der anderen Hauptfiguren. Da sind herzzerreißende Szenen drin. Unter anderem wie Andrej Bolkonski ihr am Totenbett vergibt, bevor er stirbt, nachdem er verletzt aus der Schlacht zurückgekehrt war.

Tolstoi geht es nicht nur um den Beweis,
sondern um die Authentizität des Erzählens.

Das sind alles sehr menschliche Aspekte, die mich natürlich, übrigens als Schüler schon von Anfang an fasziniert haben. Aber das Buch erfüllt auch alle Kriterien einer großen Reportage, womit ich mich ja nun wirklich auskenne. Man könnte es auch als dokumentarischen Roman bezeichnen. Tolstoi arbeitet viel mit Dokumenten. Die haben dort immer einen anderen Rang als üblich, weil es nicht nur um den Beweis geht, sondern – und das finde ich an diesem Buch sehr beeindruckend – um die Authentizität des Erzählens. Das ist eine ganz große Kunst.“

Als Thomas Roth im Jahr 1991 erstmalig im Moskauer ARD-Studio als Korrespondent tätig wurde, ging die Sowjetunion nach mehr als 70 Jahren ihrer Existenz gerade dem Ende entgegen. War da von Tolstois Russland aus dem 19. Jahrhundert überhaupt noch etwas vorzufinden?

„Es gibt eine wunderbare Passage in dem Buch, wie Andrej Balkonsky auf dem Weg von Petersburg nach Moskau einfährt. Übrigens der Zar auch. Das bin ich dann natürlich abgefahren und hab gedacht: Siehst du, da sind die reingefahren. Da steht heute noch das eine oder andere Gebäude, das in dieser Zeit entstanden ist und man kriegt plötzlich ’ne bildliche Vorstellung, wie Russland vor der Oktoberrevolution war.“

War die Kenntnis dieses Nationalepos für die Arbeit des politischen Korrespondenten Thomas Roth hilfreich?

„Als ich Russland besser kennenlernen konnte, hab ich in Tolstois Werk ungeheuer viel Aktualität entdeckt. Russland hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf den Weg begeben, sich selbst wiederzufinden. Und viele suchen nach ihren Wurzeln in der Literatur des 19. Jahrhunderts und da spielt Tolstoi ’ne große Rolle. Es gibt einen ganz aktuellen Bezug – beginnend bei der Schlacht um Austerlitz bis hin zu Borodino, der Vernichtung Moskaus. Tolstoi beschreibt sehr eindringlich das Elend und diese Flüchtlingstrecks in einem Europa, das sich in wechselnden Koalitionen im Krieg befunden hat. Man kann daraus nur den Schluss ziehen: Nie mehr wieder! Und das Einzige, das uns davor bewahrt, was Tolstoi beschreibt, ist so was wie Friedenspolitik.

Das Einzige, das uns davor bewahrt, was Tolstoi beschreibt,
ist so was wie Friedenspolitik.

Das stand jener Epoche damals leider noch nicht zur Verfügung und die schmutzigsten Schlachten kamen überhaupt noch. Tolstoi ist der erste große Beschreiber dieses Zustandes von Europa aus russischer Sicht. Daraus kann der europäische Leser des Romans von heute nur immer wieder sagen: Nie wieder diesen Rückfall in den alten Nationalismus! Für eine vernünftige europäische Friedenspolitik und eine Integration Russlands in diesen Prozess. Das Gleiche gilt natürlich auch umgekehrt. Da ist, wie ich finde, Tolstoi sehr aktuell.“

Sicher nicht zuletzt auch deshalb, weil die viel zitierte „russische Seele“ ja wohl in allen Epochen dieses Riesenreiches immer dieselbe geblieben ist!?

„Ich bin immer ungeheuer skeptisch, wenn von „russischer Seele“ die Rede ist. Das ist ein Klischee, das überwiegend von den Deutschen gepflegt wird. Das ist beispielsweise bei Engländern oder Franzosen in diesem Maße nicht vorhanden. Vielleicht sind wir aber auch besonders anfällig für die tiefen Empfindungen, die die Russen haben. Das aber hat Tolstoi nicht allzu sehr bedient. Was man aber bei Tolstoi ablesen kann, ist die Beschaffenheit der russischen Gesellschaft damals. Er ist ein bissiger Kritiker des russischen Adels. Und je weiter es auf’s Land hinausgeht, desto schöner wird es. Nach der Tolstoischen Philosophie liegt dort das Reine und Gute.

Ich bin immer ungeheuer skeptisch, wenn von „russischer Seele“ die Rede ist. Das ist ein deutsches Klischee.

Da gibt es beispielsweise ein ganz spannendes Gespräch mit einem Bauern, das Pierre Besuchow führt. In diesem Mann findet er als Ziel der russischen Entwicklung das Gute des einfachen Volkes. Dieser Bauer ist ein ganz nüchterner Mann, der noch den Feudalismus als Leibeigener erlebt hat. Er ist erst 1861 daraus befreit worden. Und er setzt sich damit auseinander, indem er sagt: ‚Wissen Sie, wir haben eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als uns mit den Verhältnissen zu arrangieren, wie sie nun mal sind.‘ Dabei hat er seinen klaren Verstand behalten und das ist etwas, was man im heutigen Russland auch finden kann.“

Würde der heute 64jährige Thomas Roth diesen Roman aus dem vorletzten Jahrhundert auch jener Generation empfehlen, die heute Anfang Zwanzig ist?

„Es ist ein großes Meisterwerk eines wahrlich großen Schriftstellers und Künstlers. Aber das reicht ja vielleicht nicht aus, um bei jungen Leuten Interesse zu wecken. Ich finde, es ist über das große Meisterwerk hinaus eine ungeheuerlich spannende Lektüre, wenn man sich darauf einlassen mag – was Anfangs nicht ganz leicht ist. Wenn einen aber der Sog der Handlung erst mal erwischt, und man sich traut, die geschichtsphilosophischen Passagen ein wenig zu überblättern, dann gerät man in ein wunderbares Szenario. Ich kann jungen Leute nur sagen: Das ist wie MTV aus dem 19. Jahrhundert – total spannend.“

 

Bild: Jürg Vollmer

 

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Written by Gerhard Haase-Hindenberg

Gerhard Haase-Hindenberg ist Schauspieler ("Operation Walküre") und Publizist (»Die Hexe von Gushiegu«, »Der Mann, der die Mauer öffnete«, »Göttin auf Zeit«). Sein neues Buch »Sex ist Kopf« wurde über Nacht zum Bestseller und stand wochenlang in der Spiegel-Bestseller-Liste.

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