Wir fahren über die Ortschaft Sinune nach Sherfedin. Auf dem Weg dahin erzählt mir Adiba, dass die Rückkehrerin von eben, nach monatelanger, qualvoller Haft, wieder nach Hause wollte. Da war aber niemand mehr. Sie hat nur noch ihren Sohn. Niemanden sonst. Von der Regierung um Barazani bekommt sie alle zwei Monate Essen und Trinken für 2 Monate. Ob es wirklich reicht, das habe selbst Adiba sich nicht getraut zu fragen.

Ich habe noch ein wenig Bargeld in der Tasche. Ich hätte es ihr geben können. Doch ich wollte ihr nicht erneut in die Augen sehen. Sie waren so leblos. Dafür war ich zu feige. Es fühlte sich an, als hätte ich sie im Stich gelassen. Mir kommen die Tränen, deshalb setze ich meine Sonnenbrille wieder auf. Adiba legt freundlich ihre Hand auf meine Schulter und sagt mir, dass sie eine kleine Überraschung für mich habe. Vielleicht würde es mich trösten. Sie sagt mir, dass wir einen Zwischenstopp in Sinune machen werden.

Sinune ist der Ort, an dem es die „Sun Girls“ gibt. Das sind die Mädchen und Frauen, vor denen jeder Respekt hat. Ich hatte Adiba auf der Hinfahrt gefragt, ob sie etwas klar machen könne, da ich die Kämpferinnen gern selbst kennenlernen würde. Ich bin unendlich dankbar für diese Möglichkeit.

Vor der Kaserne des Frauenbattalions der Peshmerga werden wir von einem Wagen abgeholt. Gemeinsam mit zwei Kämpferinnen fahren wir auf der Pritsche eines Geländewagens in die Kaserne hinein. Die Mädels schauen erst. Ihre Uniformen sind sehr sauber und gepflegt. Ihre Stiefel sind einwandfrei sauber. Irgendwo ist das normal beim Militär. Irgendwo ist Ordnung und Sauberkeit aber auch eine Sache, bei der Frauen den Männern einfach überlegen sind. Im Inneren der Kaserne angekommen sehe ich immer mehr der Sun Girls. Sie wirken entspannt.

Basma, eine erfahrene Kämpferin, führt uns zu ihrer Vorgesetzten. Vorsichtig versuche ich in den langen Fluren der Kaserne, ihre ernste Miene durch einen Scherz oder ein Kompliment zu lockern. Dass es mir nicht gelingt, sie zum Lächeln zu bringen, beweist mir, dass es hier kein Landschulheim ist, wo man mal eben in den Ferien hin kann.

Basma ist wunderschön. Ihre Haare sind nicht gefärbt. Sie trägt kaum Schminke. Das lässt sie normal wirken. Normal, wie eine junge Frau in ihrem Alter. Doch die Wahrheit ist nicht normal. Ich überlege, wie ich sie befragen kann. Warum sie hier ist, will ich wissen. Sicherlich wäre sie auch gerne woanders. Manchmal ist dies aber eine dumme und unnötige Frage.

Einfache Fragen und Bilder braucht man an so einer Stelle nicht machen. Die kann man bei Reuters für ein paar Euro kaufen.

Oben angekommen begrüßt uns Khattun Khider, die Verantwortliche des Frauenbattalions der Peshmerga, in ihrem Büro. Wir beginnen über das Battalion zu sprechen. Vier Kämpferinnen stehen hinter Khattun, während sie mir erklärt, was sie dazu bewogen hat, sich freiwillig zu melden und die Verantwortung für bald 1800 Kämpferinnen zu übernehmen. Wie  alle anderen, die ich in den letzten Tagen befragt hatte, erzählt sie mir auch Dinge, die keine Zunge und keine Feder beschreiben oder wiedergeben kann.

Khattun hat eine sehr warme Stimme. Die Dinge aber, die sie beschreibt, sind kalt und an Härte nicht zu übertreffen. Als sie beim Schicksal jesidischer Kinder im Genozid von 2014 angekommen ist, löst sich ihr Gesicht in Emotionen auf. Ich unterbreche sie mit einer weiteren Frage, um ihr ein wenig Zeit zu geben, sich zu fangen. Ob sie weiß, warum ich in Sindschar bin, will ich wissen. Khattun verstummt für einen Moment.

Tränen rollen ihr Gesicht herunter. Sie ist zu stolz, sich die Blöße vor ihren Kämpferinnen zu geben. Sie sollen sie nicht schwach sehen. Also hält sie kurz inne und nimmt Luft, ohne sich die Tränen aus ihrem Gesicht zu wischen oder sich zur Seite zu drehen. Sie antwortet mir, dass sie sehr genau weiß, warum ich hier bin. Mein Vorhaben habe sie sehr bewegt. In der Zeit des Genozids haben die Terroristen Tausende von wehrlosen Menschen in die Berge getrieben. Sie verfolgt. Verdursten lassen hat man ihre Leute.

Und ich komme hierher, um einem jesidischen Kind Wasser zu holen. Dafür werde Gott mich belohnen. Wieder fließen Tränen aus ihren Augen. In meiner Jacke habe ich noch ein Taschentuch. Damit habe ich mir noch selbst einige Stunden vorher die Tränen aus dem Gesicht gewischt. Ich reiche es Khattun. Wortlos nimmt sie es an und schickt sich an, ihr Gesicht zu trocknen.

Das Taschentuch hätte ich gerne wieder. Denn das, was in ihm ist, ist mir heilig.

Khattuns Tränen sind gefüllt mit Menschlichkeit und Courage. Sie sind ein Zeugnis von Mut und Selbstlosigkeit. Sie ist genau richtig an der Stelle, die sie hier vertritt. Doch auf der anderen Seite hat sie sich diesen Job hier nicht selbst ausgesucht.

Khattun war in ihrem früheren Leben Sängerin. Sie zeigt mir Bilder und einen Song, den sie mal veröffentlicht hat. Ich muss an meine Cousine denken. Sie wollte auch immer Sängerin werden. Ihr Schicksal hat sie ebenfalls einen anderen Weg gehen lassen. Wieder gutmachen kann ich es nicht. Aber wiederkommen, das kann ich. Ob ich etwas mitbringen kann, frage ich in die Runde.

Was wünschen sich die Mädchen? Worüber würde man sich hier freuen? Was kann ihnen ihre Zeit hier ein wenig angenehmer machen? Niemand verlangt etwas. Im Gegenteil, Khattun fragt mich wieder, ob ich vielleicht noch etwas brauche. Ich muss an Tamara denken, sie hat mir immer wieder erzählt, dass Jesiden gut und positiv sein müssen. Ich verstehe es jetzt umso mehr.

Mir fällt etwas ein, das ich doch gerne von ihr erbitten möchte. Ich will sie fotografieren. So viel wie möglich. Ich möchte die Öffentlichkeit von den Sun Girls erzählen. Jeder soll wissen, dass es sie gibt. Jeder soll ihre Geschichte erfahren. Wissen, dass sie noch immer da in dieser Kaserne sind. Auf ihren Einsatz warten. Jeder soll wissen, dass diese Frauen, die niemanden etwas getan haben, vielleicht morgen gegen den Feind kämpfen werden. Morgen vielleicht werden sie personifizierter Unmenschlichkeit in die Augen sehen. Jeder soll wissen, dass diese Mädchen keine Angst haben.

Sie wollen ihr Recht, ihre Rache oder einfach nur das verteidigen, was sie bedingungslos lieben. Sie wollen ihre Familien oder besser gesagt das, was noch von ihnen übrig geblieben ist, schützen. Das geht mir durch Kopf, als ich die Mädchen einzeln mit der Kamera fotografiere. Jedesmal, wenn mein Blick einen ihrer Blicke trifft, bitte ich Gott in meinem Inneren, meinem Gegenüber das zu schenken, was in ihrem Herzen ist. Was sie sich wünscht.

Immer wieder habe ich in den Medien von den Sun Girls gehört oder gelesen. Jetzt stehe ich inmitten von 13 von ihnen. Eine sieht aus wie meine Schwester. Die andere erinnert mich an meine Cousine. Eine andere blickt mich an wie meine Nichte. Einige dieser Mädchen sehen aus wie meine Verwandten. Ich muss an diesen internationalen DNA-Test denken, den man damals gemacht hat, um Rassismus und Diskriminierung einzudämmen. Meine Familie stammt auch aus dieser Region. Ein Cousin meines Vaters heißt mit Nachnamen sogar Sincar. Das kann doch kein Zufall sein.

Zum Abschied gelingt mir durch meine Bitte, sie zu fotografieren, etwas, das mir mit meinen Scherzen zuvor nicht gelungen war: Sie lächelten. Ein größeres Geschenk hätten mir diese außergewöhnlichen Frauen nicht auf meinen Heimweg mitgeben können.

 

Bilder: Hammed Khamis

Wasser für Tamara – der gesamte Blog:

Wasser für Tamara (Blog) | seinsart

Teil 1  |  Kein Wasser für Tamara
Teil 2  |  Die Fixerin
Teil 3  |  Die Geister der Unbeschreiblichen
Teil 4  |  Zwischen Facebook und der Front
Teil 5  |  Gräber der Schande und der Scham
Teil 6  |  Im Labyrinth des Grauens
Teil 7  |  Still wie die Hölle
Teil 8  |  Khattuns Tränen

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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