Der siebte Teil unserer Serie „7 Jahre – 7 Tage” zum 7. Jahrestag der ägyptischen Revolution – Erstveröffentlichung am 04.11.2013.

 

Nicht nur im Werbefernsehen wird gerne auf die 5000jährige Geschichte Ägyptens verwiesen. Sinn und Zweck der behaupteten Kontinuität – für die man auch gerne mal die tiefen kulturellen und religiösen Brüche des Landes übersieht – ist das Versprechen einer andauernden Identität, die auf Touristen eine anziehende, auf Einheimische eine pathetisch-rückenstärkende Wirkung entfalten soll. Eine Folge dieser geschichtsphilosophischen Gegenwartsbetrachtung ist auch die immer wieder zu lesende Bezeichnung Mohammed Mursis als „erstes frei gewähltes Staatsoberhaupt in 5000 Jahren ägyptischer Geschichte“.

Man mag von der Politik Mursis halten, was man will, doch mit dieser Aussage muss sich jeder politische Gegner auseinandersetzen, will er sich nicht den Vorwurf der Polemik gefallen lassen. Wenn Mursi heute morgen also zu Beginn seines Prozesses dem Richter entgegnete: „Ich bin Ihr rechtmäßiger Präsident und Sie sind nicht rechtmäßig!“, so war dies nicht nur ein Affront, der wie beabsichtigt eine Unterbrechung der Verhandlung zur Folge hatte, sondern auch ein nicht von der Hand zu weisendes Argument. Mohammed Mursi ist 2012 für die Dauer von 6 Jahren zum Staatsoberhaupt des Landes gewählt worden und damit, zumindest moralisch, sein einzig legitimer Präsident.

Die Übergangsregierung, durch einen Militärputsch an die Macht gekommen und mit Massenprotesten feigenblattähnlich legitimiert, soll sich in der Bevökerung noch immer großer Beliebtheit erfreuen. Doch kann dieses Stimmungsbild einen Regierungsstil legitimieren, der sich in erster Linie mit der Verhaftung des Staatsoberhaupts, der Ermordung seiner Anhänger und des Verbots seiner Regierungspartei hervorgetan hat? Weshalb wiegen die Toten, die in Mursis Regentschaft ums Leben kamen, so viel schwerer als jene Hundertschaften, die im Sommer dieses Jahres durch die Hand des Militärs ihr grausames Ende fanden?

Ägypten, so scheint es, hat in der Tat eine 5000 Jahre alte Tradition: Der Wunsch nach einem Pharao, einem gütigen Patrioten mit eiserner Hand, scheint stärker zu sein als der Wunsch nach einer modernen und pluralistischen Gesellschaft mit jenen Idealen, die der arabische Frühling einst so vehement gefordert hatte. Folterung, Meinungsmonopol des Staates, Armut? Geschenkt! Oder wie ist es zu verstehen, wenn sich die heutigen politischen Alternativen auf fundamentalistische Religiöse oder die nicht weniger militanten Sisi-Groupies* verengt zu haben scheinen?

Als Präsident Sadat 1981 von 57 Schüssen niedergestreckt worden war, rief der islamistische Attentäter den laufenden Kameras entgegen: „Ich habe den Pharao getötet!“ Die geplante islamische Volksrevolution aber wurde durch die rasche Reaktion des Militärs und ihren Oberbefehlshaber Mubarak im Keime erstickt.

Totgesagte leben ja bekanntlich länger. 30 Jahre und eine Volksrevolution später ist die Wiederkehr des Pharao nur noch eine Frage der Zeit.

* „Um ehrlich zu sein, (Sisi) braucht uns gar nicht aufzufordern oder zu befehlen, etwas zu tun. Ein Zwinkern dieser Augen oder Schnippen dieser Finger genügt, dass wir seinem Ruf folgen. Und wenn er seinen Stall auf vier Ehefrauen auffüllen möchte, stehen wir bereit. Aber selbst wenn er uns nur als gefangene Sexsklavinnen benutzen möchte, werden wir uns nicht zieren.“ (Ghada Sherifin in der einst liberalen „Egypt Independent“)

 

Bild: kremlin.ru

 

Alle Teile der Serie „Requiem auf eine Revolution“:

Teil 1  |  Kein Fest für den Pharao
Teil 2  |  Der ferne Westen
Teil 3  |  Ein Kilo Kebap
Teil 4  |  Revolutionsdefizit
Teil 5  |  Kein Grund zu feiern
Teil 6  |  Die Verlagerung der Ohnmacht
Teil 7  |  Die Rückkehr des Pharao

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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