Dieser Tag ist noch nicht vorbei. Wir fahren jetzt zu einem unterirdischen Tunnelsystem, welches die Leute vom IS in wenigen Monaten ausgegraben haben müssen. Als unser Fahrzeug dort auf einer dieser unbelebten Straßen hält, bitte ich meine Begleiter um eine Minute Bedenkzeit. Ich kenne diese Tunnel aus Gaza. Wenn man da zu voreilig reingeht, geht man Gefahr, in eine Sprengfalle im Inneren des Tunnels zu laufen. Die Kämpfer, die den Tunnel gegraben haben, machen dies oft, um dem Gegner keinen Zugang zur anderen Seite zu bieten.

Oberst Alaa erklärt mir, dass die Tunnel alle geräumt wurden. Dafür gibt es in Shingal ein amerikanisches Unternehmen, das MAG. Die Mines Advisory Group ist eine international tätige Nichtregierungsorganisation, die Minen, leichte Waffen und Munitionsrückstände in aktuellen und ehemaligen Konflikt- und Krisengebieten räumt. Sie helfen den Jesiden, die Tunnel und Ruinen von explosivem Material zu bereinigen. Irgendwann komme dann der Aufbau der Stadt. Irgendwann können die Menschen aus Shingal in ihre Heimat zurück.

Überredet. Obwohl ich ein mulmiges Gefühl im Bauch habe, folge ich ihm in ein Gebäude. Dort liegt der Eingang zum Tunnelsystem. Etwa zwei Meter tiefer bewege ich mich wie die anderen gebeugt – von einem kleinen Licht aus meinem Handy geführt – durch diesen in Felsen geschlagenen Tunnel. Manchmal trete ich dabei auf etwas Weiches. Ich traue mich nicht immer, nach unten zu sehen, um zu ergründen, was das gerade war. Die Luft wird immer dünner. Oberst Alaa und Adiba verlieren sich im Gespräch. Und ich verliere mich in den Ereignissen, die sich hier abgespielt haben müssen.

Auf dem Boden sehe ich jede Menge Konservendosen, Decken, Kleidung und alles, was man zum Überleben braucht. Mein Blick identifiziert eine Packung Damenbinden. Frauen kämpfen nicht für den IS. Das heißt also, dass sie es selbst hier getan haben. Das Unaussprechliche. Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen gegen seinen Willen so etwas antun – und dann noch in dieser Lage? Eine Mischung aus Hass und Wut baut sich in mir auf. Dafür ist jetzt aber keine Zeit. Adiba geht knapp zwei Meter hinter mir. Sie darf es nicht sehen. Es reicht, was sie in den vergangen Jahren alles sehen musste.

Schnell versuche ich die Binden mit einem kleinen Teppich, der daneben lag, zu verdecken. Doch ich schaffe es nicht. Nun stehen wir zusammen vor dieser Packung Damenbinden und schauen auf den Boden. Adina weiß, was sich hier zugetragen hat. Ich kann nur mutmaßen. Für Hass reicht beides. Doch Hass ist eine nutzlose Bürde, die man nicht zulassen darf. Vielleicht haben sie das hier getan, um die Menschen, die es mitbekommen, zu brechen, um Hass in ihren Herzen zu schüren. Warum sonst sollten Menschen Dinge tun, die nicht einmal Tiere untereinander tun?

Mein Blick identifiziert eine Packung Damenbinden. Frauen kämpfen nicht für den IS. Das heißt also, dass sie es selbst hier getan haben.

Ein paar Meter weiter wartet kniend Oberst Alaa. Er richtet seine Taschenlampe auf den Boden, um uns an die 20 Spritzen zu zeigen. Damit habe man sich ein Mittel injiziert, welches den Stuhlgang einschränkt. Sie müssen in Bedrängnis gewesen sein. Durch die vielen Bomben der Amerikaner sei hier vieles instabil geworden. Der Oberst treibt uns an, wir sollen uns beeilen. Das kommt mir entgegen. Ständig muss ich daran denken, wie ich reagieren würde, wenn das Ding hier an einer Stelle einstürzt oder wenn unser Licht ausgeht. Das hier ist ein Labyrinth. Hier muss man nicht länger verweilen, als es nötig ist.

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Ein paar Meter weiter erkenne ich ein Licht. Ein Ausgang. Wir gehen nach oben ans Tageslicht und stellen uns an die Straße. Ich setze mich auf den Bordstein vor ein ehemaliges Geschäft und gehe in mich. Die haben die Häuser durch Tunnel miteinander verbunden. Gingen von Haus zu Haus. Kämpften von Haus zu Haus. Und wenn es dann durch die Bomber hier oben zu heiß wurde, gingen sie einfach in ihre Tunnel und warteten darin. Warum? Fragen überkommen mich. Was ist hier so wichtig, dass man es einnehmen muss? Und warum muss man den Jesiden dafür weh tun? Sie sind ein friedliebendes Volk. Ihre Religion verbietet das Töten. Genau wie meine!

Diese absurde Situation gewinnt mir ein höhnisches Lächeln der Verzweiflung ab. Ich muss tatsächlich lächeln. Mein Verstand reicht nicht aus, um das Ganze hier zu fassen. Das kann doch nicht wirklich deren Ernst sein. Nachdem ich mich einigermaßen geordnet habe, bitte ich Oberst Alaa, mir eine Moschee zu zeigen. Verdutzt erklärt er mir erneut, dass es hier keine Muslime mehr gibt. Ich würde dort niemanden finden. Das will ich auch nicht. Ich will einfach nur für die Menschen beten, ein Totengebet für sie sprechen. Für diejenigen, die getötet wurden. Für diejenigen, die vertrieben oder entführt wurden. Ich möchte Gott um Frieden für alle Menschen bitten, die an diesen Orten etwas aus ihrer Geschichte verloren haben.

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Vor einer der hiesigen Moscheen lesen Oberst Alaa und ich die Graffiti an den Wänden. Da steht dann sowas wie „Wir bleiben bestehen“. Wer bemalt denn in einer Moschee die Wand? Und warum? Für so etwas habe ich keine Geduld. Über Oberst Alaas Schulter hinweg schaue ich auf eine verbrannte Gebetskanzel. Vorne auf dem Boden liegen Bücher. Wahrscheinlich Gebetsbücher. Ich schaue Oberst Alaa bittend an. Er nickt und erlaubt mir, die Bücher mitzunehmen. In Shingal wird sie niemand mehr brauchen.

Wir fahren zurück zum Stützpunkt, wo ein Kämpfer mit heißem Tee auf uns wartet. Der Oberst erklärt mir in seinem Büro, dass er mir zeigen will, dass er mich nicht hasst. Darum gebe er mir die Gelegenheit, diese religiösen Schriften, meist Korane, zu nehmen und sie zu verwalten. Als ich hinausgehe, um die Bücher aus dem Wagen zu nehmen, sehe ich drei der Kämpfer vor einer kleinen Feuerstelle. Sie gießen hin und wieder etwas Bennbares darüber. Als ich näher an die Feuerstelle herantrete, bestätigt sich mein Verdacht. Sie verbrennen die Korane. Mein Blick trifft den Blick des Kämpfers, der eben noch lächelnd eines der Bücher ins Feuer gelegt hat. Es wird eng.

Tut er es aus Hass? Verbinden sie das mit mir? Diese Situation kann jetzt leicht eskalieren. Doch ich habe Glück. Der junge Kämpfer kommt auf mich zu und fasst mir freundschaftlich auf die Schulter. Er weiß, dass ich der deutsche Moslem bin. Genau wie er weiß, dass ich in den Irak gekommen bin, um einen interreligiösen Dialog zu finden. Aufrichtig versichert er mir, dass er dies nicht aus Hass macht. Die Bücher brauche hier niemand mehr. Es könne nur passieren, dass man sie in einem unwürdigem Umfeld wiederfindet. Daher verbrenne man sie. Ich bin beruhigt, denn er hat Recht.

Meiner Erziehung nach verbrennt man religiöse Texte, um sie nicht in die falschen Hände gelangen zu lassen. Dabei ist es egal, welcher Religion diese Texte angehören. Dafür bin ich ihm und seinen Begleitern sehr dankbar. Ich bin ihm aber auch dankbar dafür, dass er darauf verzichtet hat, mich zu diskriminieren oder zu beleidigen. Hier mitten im Nirgendwo, hier wo ich der Einzige bin, der nicht zu ihnen gehört, bin ich komplett ausgeliefert. Die Gespräche mit Oberst Alaa und seinen Männern haben mir diese Bedenken jedoch genommen.

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Wie verabschiedet man sich von solch noblen Menschen? Was sagt man ihnen, um sich zu bedanken? Ich bin jetzt schon drei Tage hier. Bisher habe ich nur 15 Euro ausgegeben. Die Jesiden haben alles für mich bezahlt. Sie haben mich in ihren Häusern schlafen lassen, mir Essen gegeben, mich herumgeführt und all diese Narben auf ihren Herzen erneut geöffnet, damit ich sie sehen und davon berichten kann. Genau dafür bin ich ich hier. Das sage ich Oberst Alaa, nachdem ich ihn als letzten seiner Männer umarme. Ich werde von Euch erzählen. Ihr werdet nicht vergessen werden. Das verspreche ich bei meiner Ehre.

 

Videos und Bilder: Hammer Khamis

 

Wasser für Tamara – der gesamte Blog:

Wasser für Tamara (Blog) | seinsart

Teil 1  |  Kein Wasser für Tamara
Teil 2  |  Die Fixerin
Teil 3  |  Die Geister der Unbeschreiblichen
Teil 4  |  Zwischen Facebook und der Front
Teil 5  |  Gräber der Schande und der Scham
Teil 6  |  Im Labyrinth des Grauens
Teil 7  |  Still wie die Hölle
Teil 8  |  Khattuns Tränen
Teil 9  |  12.000 Brüder

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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