Nach dem Besuch des historischen Zentrums der Stadt beginnen wir den neuen Tag beim Plaza de la Solidaridad. Heute gibt es dort ziemlich wenig zu sehen, und dennoch ist es der Ort eines Stücks tragischer Geschichte Mexikos.

Wo einst das Hotel Regis stand, befindet sich seit dem 19. September 1985 ein ebenerdiges Grundstück. Ein Denkmal aus mehreren aus dem Boden ragenden Händen erinnert dort an den Zusammenhalt der Einwohner Mexiko DFs nach einem der verheerendsten Erdbeben des Landes. Als um 7:19 Uhr die Erde rumorte, ging man noch von einem „normalen“ Beben aus. Wenige Minuten später liegen viele Gebäude der Stadt in Trümmern. Ich sehe mir Bilder und eine Fernsehaufzeichnung an, welche die letzten Minuten vor der Katastrophe und den Einsturz des Studiogebäudes live zeigt und kann mir dennoch nicht einmal ansatzweise vorstellen, was die Leute vorfanden, die Minuten nach dem Beben in den Trümmern nach Überlebenden suchen mussten.

 

Flexibel und stabil 

Wie ich später vor allem bei den neuen Wolkenkratzern auf der Prachtstraße „Paseo de la Reforma“ feststelle, ist Mexiko nach mehreren verheerenden Erfahrungen in der Vergangenheit sehr stabil gebaut. Die Gebäude weisen alle starke röhrenähnliche Strebenstrukturen auf, die sich über die komplette Höhe erstrecken und dadurch, so lasse ich mir erklären, Schwingungen bestens abfedern. Er erinnert mich auch noch einmal an den Torre Latinoamericana, welchen wir im Zentrum des Plaza de la Solidaridad aus sehen konnten: Hier ist 1985 dank der intelligenten Bauweise angeblich nur ein einziges Fenster zu Bruch gegangen.

Glücklicherweise bleiben wir während unseres Aufenthaltes von jeglichen tektonischen Aktivitäten verschont. Fasziniert lasse ich mir persönliche Erfahrungen von Beben während Juans Schulzeit und Evakuationsübungen erzählen. Von nun an bemerke ich überall in der Stadt die grünen Punkte, die in Ernstfällen als sicherere Sammelstellen dienen. Als wir an einem Schaufenster mit der DVD des Films „San Andreas“ vorbeilaufen, frage ich mich, wer sich hier so etwas ansehen möchte, wenn ihm mehr oder weniger Ähnliches persönlich zu geschehen droht.

 

Paseo de la Reforma 

Der „Paseo de la Reforma“ ist abgesehen von den neuen Wolkenkratzern (welche scheinbar in Rekordzeit gebaut wurden: Juan war zwei Jahre nicht hier und ist selbst erstaunt über die Veränderungen) das „Heim“ des berühmten „Angel de la Independiencia“ und der „Diana Cazadora“. Bei ersterem fällt mir sofort die unterschiedliche Beschaffenheit der Stufen auf, welche mir wieder den sumpfigen Untergrund in Erinnerung rufen. Der Engel ist eines der Monumente, das wächst… die neu hinzugefügten Stufen illustrieren hervorragend die Absenkung der Straße.

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Neben der Börse und einem wunderschönen alten Gebäude, welches einst eine berühmte Szenedisco war und nun von einem riesigen Turm optisch erdrückt wird, sehe ich unzählige Starbucks. Pro Einwohner scheint es mindestens ein Lokal der beliebten Kaffehauskette zu geben. Wir folgen Reforma vorbei am schicken Einkaufszentrum Reforma 222 (mit zwei Starbucks im Inneren) bis hin zum „Parque de Chapultepec“. Während die Fahrspuren einen leichten Schlenker machen, kann man als Passant den ursprünglichen, geraden Weg bis hin zum Castillo de Chapultepec verfolgen.

Mir wird erklärt, dass Maximilian I. (der Kaiser von Mexiko) diese Prunkstraße – orientiert an berühmten europäischen Boulevards (wie die Ringstraße in Wien) – anlegen ließ, um von seinem Schloss aus bequem zum Palacio Nacional zu gelangen. Wer ko, der ko… – auf jeden Fall ein beeindruckender Weg zum Arbeitsplatz. Nicht umsonst ist er nun das Zuhause zahlreicher Botschaften, obwohl es wohl fraglich ist, ob sie wegen der historischen Vergangenheit oder wegen dem aktuellen Stand hier angesiedelt sind. Die Mischung aus moderner Architektur, baulichen Kuriositäten (ein Hotel, welches wie eine alte Jukebox wirkt) und klassischen Elementen ist auf jeden Fall einen ausgedehnten Spaziergang wert.

 

Chapultepec

Dieser endet also nun bei der einst kaiserlichen Residenz. Der Eingang wird von zwei imposanten Löwen geziert, welchen auf den nicht minder imposanten Park vorbereiten. Nicht umsonst wird er Bosque = Wald genannt – mit zwei Seen, dem Schloss, einem botanischen Garten und Kilometern an Rundwegen ist er nicht weniger als genau das. Wir beschreiten die letzten Meter des antiken Paseo und erklimmen den kleinen Berg Chapultepec Hill: Am Heiligen Platz der Azteken, Standort des Schlosses Maximilians und nun das Museo Nacional de Historia, finden wir entsprechend eine Fülle an Informationen vor.

Beeindruckend ist die Ausstellung nicht nur wegen der Architektur der Gebäudes, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Präsentation: Der Besucher steht auf der Terrasse, während er ins Innere des restaurierten Schosses sieht. Der Besuch „von außen nach innen“ ist bei gutem Wetter eine außergewöhnliche Erfahrung, da man gleichzeitig Sonne, tolle Aussichten und Geschichte genießen kann. Bei allem historischen Material sticht jedoch ein relativ zeitgenössisches Deckengemälde von Gabriel Flores heraus, welches einen der sogenannten sechs Kinderhelden, welche während der Schlacht 1847 gegen die Amerikaner ihr Leben ließen, zeigt. Gehüllt in die mexikanische Flagge stürzt er in einer Halle auf den Besucher herab und hinterlässt zumindest bei mir einen bleibenden Eindruck.

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Nach dem Informationsüberfluss beschließen wir, im Park zu entspannen. Wir lassen die zahlreichen Museen und den Zoo links liegen und schlendern, unzählige Stände mit Essen und Souvenirs entlang, bis zum großen See. So wie es aussieht, verpassen wir leider das Open Air Kino während unserer Reise, welches mit dem malerischen Hintergrund und auf dem Wasser atemberaubende Perspektiven bietet. Für heute ziehen wir weiter zum botanischen Garten, in welchem man gemütlich die letzten Sonnenstrahlen genießen kann.

Es wird Zeit für die Abendplanung. Ich bekomme das Restaurant Surtidora Don Batiz im Viertel Polanco ans Herz gelegt, welches wohl recht chic sein soll. Da es in der Nähe des Catamundi liegt, welches wir einen Tag zuvor entdeckt haben (und welches spektakulär ist… besonders die Desserts!), kann nichts schiefgehen. Und ein ruhiger Abend vor der morgigen Überraschung ist durchaus empfehlenswert. Das jedenfalls rät mir Juan, und der muss es ja schließlich wissen…

 

Bilder: Alexander Frühbrodt

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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