Unser Ziel ist eine ehemaliges Polizeistation. Wir erreichen sie in der Dämmerung. Die Peshmerga haben diese in eine Art Kaserne umfunktioniert. Hier können sie schlafen, duschen, kochen und ihr Handy laden. Wir auch. Denn wir sind nun ihre Gäste.

Wir werden dem befehlshabenden Oberst vorgestellt. Oberst Qassem erklärt mir, dass es eine Ausnahme ist, nach Shingal reingelassen zu werden. Es gibt keine Zivilisten in Shingal. Es gibt hier nur Kämpfer und Rückkehrer. Warum das so ist, das würde er mir morgen zeigen lassen. Ich bitte ihn, mich an die Front und zu den Massengräbern gehen zu lassen. Ungerne willigt er ein. Dies sei kein Tourismusziel für Abenteurer, sondern ein strategisch wichtiger Ort, der mit allen Mitteln gehalten werden muss. Der IS ist an manchen Stellen nur einige hundert Meter entfernt und kann mit Scharfschützen töten.

Ich bin sehr aufgeregt. Ein unsicheres Gefühl stabilisiert sich in mir. Ich danke ihm erneut für seine Gastfreundschaft und bitte ihn darum, mich in meinen Raum zurückziehen zu können.

Einer trug oben eine Uniform und unten Lackschuhe.

Unsere Gastgeber haben für uns einen Raum mit Matratzen auf dem Boden bereitgestellt. Auf jeder Matratze liegen zwei Decken und ein Kissen. Auf einem Stuhl vor einer großen dunkelroten Couch steht eine Kiste Wasser. Es ist das gleiche Wasser, das in Tekkals Film thematisiert wird. Klares Quellwasser. In Einheiten zu 200 ml abgefüllt. Eine davon haben sich jesidische Menschen in der Zeit des Genozides zu zehnt teilen müssen.

Ein Flüchtling, den ich in Berlin zu dem Thema befragt hatte, erzählte mir, dass die meisten nur ihre Lippen damit benetzt haben, um den anderen kein Wasser wegzunehmen. Und ich habe jetzt eine Kiste mit rund 50 Einheiten davon. 50 Einheiten „Life“, 50 Einheiten Leben.

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Tausende Menschen sind 2014 verdurstet. Das ist absurd. Immer wieder denke ich darüber nach, warum dies nicht verhindert wurde. Während ich Adiba dabei zusehe, wie sie sich neben mir und Qassim, dem Fahrer, einrichtet, muss ich erneut an ihr Schicksal denken. Bestimmt ist auch jemand aus ihrer Familie unter den Verdursteten.

Ich schäme mich für jede Sekunde, die ich zu lange unter der Dusche verbracht habe.

Mit meinen Badesachen gehe ich in die Dusche. Das Wasser, das aus dem Hahn spritzt, ist genauso kalt wie die Luft hier. Seine Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Damit kann ich nicht duschen. Also wasche ich mich mit der Hand und schaue dabei im Bad umher. An den Wänden wurde viel übermalt. Irgendwas war hier an die Wand geschrieben.

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Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer treffe ich einen jungen irakischen Übersetzer, der gerade seine Schicht beendet hat und ebenfalls duschen will. Wir grüßen einander und unterhalten uns kurz. Er fragt, ob ich der deutsche Moslem sei, der für seine jesidische Freundin hierhergekommen sei. Er fragt aber auch, ob ich wisse, dass diese Station, in der ich heute übernachten werde, für anderthalb Jahre vom IS besetzt war. Da wo du eben geduscht hast, hat auch einer von denen geduscht. Da wo du gleich schlafen wirst, haben auch sie geschlafen. Genau hier haben sie es getan. Das Unbeschreibliche.

Da wo du gleich schlafen wirst, haben auch sie geschlafen. Genau hier haben sie es getan. Das Unbeschreibliche.

Ich versuche zu schlafen. Aber es ist zu kalt. Ich versuche mich mit irgendwas abzulenken. Internetzugriff habe ich nicht. Ich schau Bilder in meinem Handy an. Ich schaue meine Freunde auf den Bildern an. Ich schau ganz lange in ihre Gesichter. Plötzlich fühle ich mich unsicher. Ich weiß nicht genau, wo ich hier bin. Wie weit der Angreifer ist. Können sie an uns rankommen? Immerhin wollen sie das hier alles wiederhaben. Weitermachen. Mit dem, was unaussprechlich ist.

Alles was ich jetzt noch fühlen kann, ist Angst. Dieses Gefühl von Wehrlosigkeit kenne ich nicht. Was mache ich, wenn es hier zu einer Kampfhandlung kommt? Was ist, wenn hier irgendwas in die Luft fliegt? Das habe ich noch gehabt. Es ist wie in einem dieser Träume, wo man nicht schnell genug laufen kann, aber trotzdem nie ankommt.

Adiba lacht mich an, während sie einschläft. Vielleicht lacht sie mich aber auch aus, weil sie gemerkt hat, dass ich nicht mehr so selbstsicher rüberkomme wie noch einige Stunden zuvor. Wie soll ich denn nun schlafen? Wie kann ich meine Augen schließen in dieser Ungewissheit?

Ihre Geister fliegen immer noch in diesen Räumen umher.

 

Bilder: Hammed Khamis

 

Wasser für Tamara – der gesamte Blog:

Wasser für Tamara (Blog) | seinsart

Teil 1  |  Kein Wasser für Tamara
Teil 2  |  Die Fixerin
Teil 3  |  Die Geister der Unbeschreiblichen
Teil 4  |  Zwischen Facebook und der Front
Teil 5  |  Gräber der Schande und der Scham
Teil 6  |  Im Labyrinth des Grauens
Teil 7  |  Still wie die Hölle

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

1 comment

  1. Deine Erzählungen von der Reise haben mich sehr berührt, aber ich kann sie wirklich nur stückweise lesen. Sobald man Menschen von dort kennt, geht das nicht so einfach.
    Vielleicht können ja bald viele Menschen von diesem faszinierenden Volk erfahren. Ich hoffe, dass wir hier ein Gefühl dafür bekommen, wie wertvoll es ist, dass es Kulturen auf der Welt gibt, die so anders sind als die europäische, und damit so bereichernd.

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