Nach dem vorörtlichen Einstand geht es nun in die große Stadt. Wir haben nur drei Tage für Mexico City, aber wir sind gewillt, das Maximum an Eindrücken herauszuholen. Einst „Mexico D.F.“ (Distrito Federal), wird die Hauptstadt seit 2016 nun „Ciudad de México“ genannt und das neue Logo CDMX erstrahlt in schwarz-rosa überall in der ganzen Stadt. Überhaupt ist alles entweder rosa, weil die offiziellen Taxen alle in die Nationalfarbe getaucht sind, oder grün-weiß-rot: Am 16. September wurde die Unabhängigkeit Mexikos gefeiert; die offiziellen Gebäude und einige Straßen bleiben jedoch noch einen ganzen Monat mit der Flagge geschmückt.

 

Erlebnis öffentlicher Nahverkehr

Am ersten Tag nehmen wir die Metro. Um jedoch zur Endstation der Linie 2 in Cuatro Caminos zu gelangen, müssen wir uns zuerst ein Uber-Taxi bestellen. Schon vor dem Erlebnis „öffentlicher Nahverkehr“ ist klar: Uber wird uns den kompletten Trip hindurch begleiten. Nicht nur sind in der Metropole immer eine Vielzahl von privaten Fahrern in der Nähe und bieten den komfortabelsten Service – Tür zu Tür. Die Bequemlichkeit ist in den Augen eines Europäers auch ausgesprochen billig. Bei Kosten von fünf bis zehn Euro bei Trajekten von bis zu einer Stunde Fahrtzeit fällt die Wahl der Fortbewegung leicht.

Nichtsdestotrotz wird mir die Metro gezeigt. Zuerst müssen wir durch ein Labyrinth von Ständen mit Essen, Klamotten und Raubkopien aller Art über ein ausgeklügeltes Über- und Unterführungs-System zum Schalter: Tickets gibt es hier noch ausschließlich aus Menschenhand. Nach einem Fahrkartenkauf im Cent-Bereich bin ich guter Dinge, was sich während der ersten Fahrt auch nicht ändert. Bei der zweiten und dritten Fahrt des Tages aber – zur Rush Hour – ändert sich meine Begeisterung schlagartig; von dem unbeschreiblichen Gedränge tragen wir nicht nur zahlreiche blaue Flecken, sondern auch ein zerrissenes Shirt davon.

Jedem Besucher von Mexiko-Stadt sei an dieser Stelle herzlichst davon abzuraten, wochentags gegen 18 Uhr die Metro zu betreten. Wer noch Zweifel hat, sollte mit Hilfe der Google Bildersuche unter „metro mexico lleno“ einen Blick riskieren, was ihn erwartet. Da mir mein Fotoapparat am Herzen liegt, wagte ich es nicht, ihn herauszuholen.

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Der mexikanische rechte Winkel

Wir beginnen unsere Tour bei „Bellas Artes“. Das beeindruckende Theater zeigt auf nicht minder beeindruckende Weise das große Problem des historischen Zentrums Mexikos: es versinkt. Errichtet auf einem ehemaligen See, sind eine Großzahl von Gebäuden so schwer, dass sie nun bereits einige Meter unter dem Nivel der Straße liegen. Wie beim „Bellas Artes“ sind daher überall in der Stadt viele Stufen und Rampen zu sehen, die Zugang zu alten Gebäuden gewähren. Und vor dem Theater muss man sich nur einmal umdrehen, um direkt auf der anderen Straßenseite zu sehen, dass es auch noch unglücklicher für ein Gebäude laufen kann.

Wenn ein Haus versehentlich teilweise auf solidem Untergrund errichtet worden ist, dann kippt es im Laufe der Zeit einfach komplett oder teilweise um. Das ist vermutlich der Grund, warum es scheinbar keine rechten Winkel gibt. Ob nun ganze Häuser gekippt sind, teilweise abfallen oder gleichzeitig kippen und abfallen … in der einen oder anderen Sehenswürdigkeit hat man beim Betreten kein wirklich entspanntes Gefühl.

Als wir die berühmte Kathedrale am Plaza de la Constitución besuchen, wird mir meine Frage nach der Lösung dieses Problems beantwortet: Weil ausgerechnet eines der wichtigsten Wahrzeichen der Stadt nicht komplett auf solidem Untergrund errichtet wurde – meist auf antiken Tempeln, die nach der Eroberung einfach überbaut wurden, stand nur einer der Türme stabil, während sich der Rest der Kathedrale langsam absenkte. Das Ergebnis waren auseinanderdriftende Türme, was durch das Entfernen des festen Untergrundes und das gezielte Absenken auf die Höhe des Gebäudes gelöst worden ist. Auf meine Frage hin, warum diese Technik nicht auch auf den Rest der Gebäude angewendet wird, erhalte ich die erwartete Antwort: die Kosten.

Die Auswirkungen des Konzeptes des „Überbauen“ lassen sich direkt ums Eck der Kathedrale in der Calle Moneda neben dem Palacio Nacional bestens betrachten: Die hügelige Topographie ist laut der Information der Fremdenführerin ebenfalls der heterogenen Beschaffenheit des Untergrundes geschuldet. Als letzten Beitrag dazu werfen wir einen Blick auf und in die „Ex Teresa Arte Actual“. Neben kostenlosen Ausstellungen gibt es dort einen gehörigen Schwindeleffekt gleichzeitig inklusive.

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An einem der zahlreichen Essenstände gönnen wir uns ein Paar Quesadillas und da es nach schlechtem Wetter aussieht, besuchen wir die aktuelle Ausstellung zur Sexuellen Freiheit im Museo del Estanquillo, an dem wir zuvor vorbeigelaufen sind. Neben einer Vielzahl von Fotos aus der jüngeren Vergangenheit gibt es Nachhilfe in mexikanischen Tratsch-Geschichten über den „Baile de los 41“, einem großen Skandal vor über 100 Jahren. Bei besagtem „Tanz“ wurde eine Feier teils als Frauen verkleideter Männer von der Polizei „gesprengt“ – wobei jedoch angeblich einer der Beteiligten dank seiner Verwandtschaft zur politischen Elite in der aufgescheuchten Menge verloren ging.

Wir werfen einen letzten Blick von der Dachterrasse des Gebäudes auf die Stadt, bevor ein monsunartiger Regen über uns hereinbricht. Das Unwetter sitzen wir im malerischen Innenhof des Azul Histórico ab, welcher überdacht den Tropfen strotzt und eine wohlige Atmosphäre bietet. Shops im Hof und die geschützte Dachterrasse des Hotel Downtown im selben Komplex sind ebenfalls einen Blick wert.

Die Stadt der unrechten Winkel | seinsart

Über kleine Straßen gelangen wir zum Postamt, welches schlichtweg atemberaubend schön ist. Für einen kurzen Moment möchte man die Effizienz von eMails verdammen, wenn man den antiken Glanz betrachtet, den das Gebäude versprüht (siehe Titelbild).

Wenig später stoßen wir auf einen Stand mit Fotos der 43 vermissten Studenten, die vor genau zwei Jahren entführt wurden. Zum ersten Mal spüre ich das „Mexiko aus den Nachrichten“, fern der Perfektion privater Siedlungen, historischer Bauten aus dem letzten Bond Film „Spectre“ oder Restaurants mit köstlichen Spezialitäten. In den Gesichtern der Leute, die an die Opfer erinnern, sehen wir unfassbare Trauer. Und Wut. Ich erinnere mich daran, dass im April eigentlich eine internationale Kommission den Fall klären wollte – aber keine befriedigenden Antworten liefern konnte.

Nun ist sie also auch bei den Touristen angekommen, bei mir: Die Mahnung, Korruption und Gewalt nicht zu vergessen. Wir verweilen einen Moment, sehen uns die Fotos an und lesen die Texte über die (wenigen konkreten) Informationen, die es gibt – und weit mehr Fragen, die bleiben. Was ist tatsächlich passiert? Wie weit sind Behörden in den Fall verwickelt? „Beschämend“ ist das, meint Juan, dass so etwas in „seinem“ Land passiere. Mexiko ist viel viel mehr als Gewalt und Korruption. Aber sie einfach auszublenden, würde uns ebenso in die Irre führen wie das Mexiko der Tagesschau. Mit einem sonderbaren Gefühl ziehen wir schließlich weiter. Juan hat recht… Wir haben noch viel zu sehen.

 

Bilder: Alexander Frühbrodt; César Rodríguez Becerra (Metro)

Written by Alexander Frühbrodt

Alexander Frühbrodt arbeitete nach seinem Medienstudium für internationale Filmproduktionen. Der Marketingbeauftragte von seinsart schreibt als freier Autor über kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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