Es geht wieder los. Wir machen wieder etwas. Denn es ist wieder etwas passiert, das nicht totgeschwiegen werden darf. Diesmal geht es aber nicht um ein autonomes Flüchtlingslager, in das jeder hin kann, um zu helfen. Diesmal geht es nicht darum, in ein sicheres Land wie Frankreich zu fahren. Da, wo ich morgen hinfahren werde, kann man nicht einfach aussteigen aus einem Zug oder einem Bus.

Am Donnerstag fliege ich in den Irak. Ich will eine Geschichte von Freundschaft und Notwendigkeit erzählen. Eigentlich ist da eine private Sache zwischen mir und einer guten Freundin. Tamara ist Jesidin. Genau wie der beste Freund meines Vaters. Gute Leute, egal welche Religion sie haben. Im August 2014 kam es im Irak erneut zu einem Genozid am Volk der Jesiden. Unbewaffnete und friedliche Menschen wurden ermordet, vertrieben und anderswie unterdrückt. Allein wegen ihrer Religion. Und die ganze Welt hat dabei zugesehen.

Da, wo ich morgen hinfahren werde, kann man nicht einfach aus einem Zug oder einem Bus aussteigen.

Manche sagen, dass den Jesiden nicht geholfen wurde, weil diejenigen, die es entscheiden, keinen Vorteil darin sehen. Das macht die ganze Geschichte nur noch grausamer. Ich selber muss dabei an meine Kindheit denken. In dem Viertel, in dem ich aufgewachsen bin, waren alle im selben Alter Freunde. Niemand hat nach Rasse, Beruf der Eltern oder Hautfarbe gesehen. Wir waren alle gleich. Und wenn einem von uns etwas angetan wurde, dann waren alle anderen außer sich vor Wut.

Wütend bin ich jetzt auch. Nicht nur wegen des Mordens des IS an der Volksgruppe der Jesiden. Ich bin auch wütend auf die Kommune, die entschieden hat, dass Tamara keinen deutschen Pass bekommen kann. Sie war zwei Jahre alt, als ihre Familie über Georgien nach Frankfurt am Main gekommen ist. Nach dem Abitur hat sie eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau gemacht und lebte ein ganz normales Leben. Doch einen deutschen Pass, den solle sie nicht bekommen. Warum? Sie sei eine Kurdin aus Georgien. Als wäre das nicht genug, darf sie mit dem Pass, den sie hat, nicht ausreisen. Für Tamara bedeutet das nicht nur Verzicht auf Urlaube im außereuropäischen Ausland; es kommt auch einer empfindlichen Einschränkung in ihrer Religionsausübung gleich.

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Denn Tamara ist vor kurzem Mutter geworden. Sie hat ein wundervolles kleines Mädchen zur Welt gebracht. Die Religion der Jesiden erfordert, ihr Kind mit dem heiligen Wasser aus der weißen Quelle in Lalisch zu taufen. Dazu müsste sie in den Irak. Weil das nicht geht, werde ich es für sie tun. Eigentlich geht das niemanden etwas an. Es ist privat. Aber das mit dem Wasser weiß ich nicht von Tamara. Ich weiß es durch eine Recherche für einen Artikel, den ich im letzten Jahr veröffentlicht habe. Darin ging es um den Genozid im Schindschar-Gebirge im Irak. Den 74. Genozid an diesem Volk.

Genozid setzt sich aus den beiden lateinischen Wörtern genus (Herkunft) und cadere (metzeln) zusammen. Das bedeutet nicht weniger, als dass man Menschen wegen ihrer Herkunft tötet. Dies ist nach den Genfer Völkerrecht seit 1948 ein Verbrechen, das niemals verjährt. Wenn es wieder in Vergessenheit gerät, was dort im Schindschar-Gebirge geschehen ist, dann könnte es bald wieder passieren, so wie sich vieles in der Geschichte dieser Menschen seit Jahrtausenden wiederholt.

Die Religion der Jesiden erfordert, ihr Kind mit dem heiligen Wasser aus der weißen Quelle in Lalisch zu taufen. Dazu müsste sie in den Irak. Weil das nicht geht, werde ich es für sie tun.

Deswegen habe ich mich entschlossen, das Ganze öffentlich zu machen. Ich habe verschiedene Redaktionen nach einer Zusammenarbeit gefragt. Die Zeitungen lehnten es ab. Es sei zu persönlich. Selbst wenn man daraus eine Dokumentation machen würde. Niemand hat reagiert. Nicht einmal die Kurden selbst. Wieder die gleiche Scheiße, wie damals, als ich nach Calais wollte. Also habe ich angefangen, selbst nach einer Finanzierung zu suchen. Die Leute vom „Neuen Deutschland“ in Berlin haben 500 Euro beigesteuert. Ohne etwas dafür zu verlangen. Einfach so. Ein Gitarrist aus der Schweiz spendet seine Gage. Dem hatte ich im Irish Pub im Berliner Europacenter vor ein paar Monaten von meinem Vorhaben erzählt.

So kam tatsächlich ein wenig zusammen. Aber für eine zweite Person reicht es leider nicht. Also muss ich wieder allein los. Wieder das selbe Problem. Genau wie damals vor Calais und der Reise in den Dschungel.

Aber ich werde mich davon nicht abhalten lassen, diese Geschichte zu erzählen. Das ist sicher. Ich begann, mir im Internet Videos anzusehen, wie andere es gemacht haben. Die meisten, die vor Ort im Irak gearbeitet haben, hatten starke Redaktionen oder NGOs, die sie finanzieren, im Rücken. Da sieht man am Ende immer, dass etwas nach einem roten Faden abgearbeitet wurde. Eine Reportage schreibt sich von selbst. Wenn man versucht, sie zu inszenieren, stört es meiner Meinung nach das ganze Ergebnis.

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Da ist mir ein Dokumentarfilm aufgefallen. Der hat alles ganz frei und ungezwungen gezeigt. So will ich es auch. Also kontaktierte ich den Regisseur des Film. Viel hatte ich mir nicht erhofft. Er, der in diesem Blog nicht genannt werden will, antwortete mir zwei Tage später. Er stimmt mir zu, dass meine Geschichte erzählt werden muss, und will mir mit seinen Kontakten vor Ort helfen. Ob ich schon einen Fixer hätte. Einen erfahrenen Fahrer bräuchte ich auch. Um nach Scherfedin zu kommen. Wenn ich das so mache, wie er es mir rät, dann gebe es auch einen Sponsor. Auch jemand, der nicht genannt werden will. Warum auch immer.

Es kam mir vor, als wäre ich am Set eines Kriegsfilms in Hollywood gelandet.

Scherfedin war mir bei meinen Recherchen entgegangen. Das fiel mir auf, als ich es mir auf Google Maps ansah. Scherfedin liegt im autonomen kurdischen Gebiet im Nordirak. Da kann man nicht einfach so hinfahren. Man braucht Genehmigungen und Empfehlungen der Behörden und Organisationen vor Ort. Gemeinsam mit meinem jesidischen Freund Rizgan Güden aus Kalkar, Tamaras Eltern und ein paar Unterstützern verschaffte ich mir all die erforderlichen Papiere, um bis nach Shingal zu kommen.

Jetzt ging alles ganz schnell.

Fahim Khalaf aus Bad Oeynhausen kämpft schon seit zwei Jahren in Shingal. Sein Vater ist der oberste General einer 12.000 Mann starken Peschmerga. Er bietet volle Unterstützung an.  Als ich am nächsten Tag zusammen mit gefühlt 30 Ex-Marines aus dem Flieger in Erbil steige und diese klare irakische Luft einatme, wird er von einem Transporthubschrauber durch die abenteuerliche Kulisse eskortiert. Es kam mir vor, als wäre ich am Set eines Kriegsfilms in Hollywood gelandet.

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Im Hotel lerne ich die Fixerin Adiba kennen. Ich stelle mich als Hammed vor. Wir verabreden uns, morgen in der Früh in Richtung Shingal zu fahren. Ich fahre zuerst nach Shingal, wo es passiert ist. Dann kann ich mir ein besseres Bild von all dem machen, was dort geschehen ist und in anderen Ecken des Landes noch immer geschieht.

Abends denke ich beim Einschlafen an meine Freunde und meine Familie. Alle waren dagegen und haben versucht, mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Einer meiner Jungs, für die ich hier in Berlin übersetze, nicht. Er hat sich sogar angeboten mitzukommen. Er hat mich verstanden, als ich ihm erzählte, dass ich nicht damit leben kann, nichts getan zu haben.

Männer, die meinen Namen tragen, haben Tamaras Leuten weh getan. Aber nicht in meinem Namen. Das will ich nicht. Deswegen fliege ich dahin. Wäre es andersherum gewesen, wäre Tamara auch für mich dorthin gegangen. Ich weiß es.

 

Bilder: Hammed Khamis

 

Wasser für Tamara – der gesamte Blog:

Wasser für Tamara (Blog) | seinsart

Teil 1  |  Kein Wasser für Tamara
Teil 2  |  Die Fixerin
Teil 3  |  Die Geister der Unbeschreiblichen
Teil 4  |  Zwischen Facebook und der Front
Teil 5  |  Gräber der Schande und der Scham

 

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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