In einem Imbiss in der Calaiser Innenstadt sitzen wir nun und essen Kebab-Sandwiches. Dort bemerke ich immer wieder vorbeikommende Gruppen von Flüchtlingen. Alle gehen in eine Richtung. Zum Zug. Zum Tod. Zur Freiheit. Zu einem neuen Leben.

Ich bekomme ein schlechtes Gewissen, hier draußen im Imbiss zu sitzen und zu essen, während all diese Menschen, wahrscheinlich mit leerem Magen, ihrem Schicksal entgegengehen. Flüchtlinge dürfen übrigens nicht in jedes Restaurant in Calais. Das hat mir ein Wirt gestern gesteckt, als er mich beim Eintritt in sein Lokal abweisen wollte. Nachdem ich eine heftige Beleidigung losgeworden war, versuchte er mir zu erklären, dass es schlecht fürs Geschäft sei, Flüchtlinge in seinem Lokal zu haben. Mir vergeht der Appetit bei dem Gedanken an diesen Hund.

Zurück im Auto fahre ich mit den Jungs am Calaiser Rathaus vorbei. An seiner Fassade sehe ich die französische Trikolore in all ihrer Pracht in der Brise des Meeres wehen. Das erinnert mich an meinen Französischunterricht in der 7. Klasse, in dem man uns die Metaphorik der ihrer drei Farben lehrte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das fand ich damals sehr berührend. Ein tolles Motto für ein Land, das so multikulturell ist wie Frankreich.

Doch warum zählt es nicht für die Menschen vom Dschungel? Ist der Dschungel denn kein Teil von Frankreich? Ich habe eine Idee. Wenn ich wieder in Berlin bin, werde ich zu meinen Freunden aus der Punkszene gehen. Ich werde sie bitten, mit mir nach Calais zu kommen, um die Flagge am Rathaus der Stadt auf Halbmast zu hissen. Jeder wird wissen, warum dies geschehen ist. Oder besser noch: Wir ergänzen sie um einen Trauerflor für all die Menschen, die durch das Fehlen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ums Leben gekommen sind.

 

Gewalt liegt in der Luft

Zwei Stunden und einen Mittagsschlaf später klingelt mein Handy. Jarek, der Filmregisseur, ist dran. „Wir sind unten vorm Hostel, komm!“ Weiß der was, das ich nicht weiß? Egal, Schuhe an und los. Es dämmert schon, als wir den Haupteingang des Camps unter der Brücke erreichen.

Im Camp ist viel mehr los als heute Nachmittag. Die Volontäre sind weg. Vor den Läden wurden Generatoren in Betrieb gesetzt. Mit jedem von ihnen laden an die 20 bis 30 Menschen ihr Handy auf und hören dabei Musik aus ihrer Heimat über einen riesigen Lautsprecher. Leo und Basti sind noch am Auto. Sie haben am Eingang Freunde getroffen und unterhalten sich. Wie fatal das für ihr Filmprojekt ist, würde sich gleich herausstellen.

Nachdem Jarek und ich durch das afghanische Viertel gelaufen sind, bemerken wir eine Ansammlung von etwa 100 Personen in der Nähe der Plastikkirche. Gewalt liegt in der Luft. Wir beeilen uns. Am Eingang zum Vorhof der Kirche erblicken wir Unbeschreibliches. Der komplette Innenhof ist mit Menschen gefüllt. Draußen stehen noch einmal um die 100 Männer und Frauen.
Drei Männer und drei Frauen aus der Habasch-Gemeinde laufen mit einem brennenden Strohbesen um ein ca. 2,5 Meter großes Kreuz herum. Sie signalisieren singend, dass sie es gleich in Brand setzen werden. Ich erstarre; meine Gänsehaut versetzt meine Wahrnehmung in Zeitlupe. Jarek schaut mir fassungslos in die Augen. Wer nicht dabei war, kann nicht drüber reden.

 

Der Alptraum des Filmemachers

Noch ein oder zwei Runden um das Kreuz, dann geht das Kreuz in Flammen auf. Plötzlich steht Eli, der Priester, vor mir. „Filmt bitte! Filmt, solange und was ihr wollt. Wir haben euch beobachtet. Ihr seid gute Menschen. Ihr habt jedem geholfen.“ Danke, Basti. Du hast die Menschen pausenlos zum Krankenhaus hin- und hergefahren. Und jetzt bist du nicht einmal dabei, während wir deinen Ruhm ernten.

Jarek senkt seinen Kopf. Er weiß genau, dass er den Höhepunkt der Zeremonie verpassen wird, wenn er nun loszieht, um Leo mit der Kamera zu holen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als die Feier mit dem Handy aufzunehmen. Ich trete näher, um mich noch stärker mit der sakralen Kraft dieses Augenblicks zu verbinden.

Jarek filmt mit dem Handy. Alle singen das gleiche Lied. Sie sind glücklich. Während ich in ihre Gesichter sehe, spüre ich darin Hoffnung und Lebensmut. Was immer dieses Fest, das sie Meskel nennen, bedeuten mag: Es nimmt den Menschen den Frust und die Verzweiflung, die sie mir gestern und heute noch entgegengebracht haben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Plötzlich geht es los. Das Kreuz fängt Feuer und geht in lodernden Flammen auf. Nicht einmal ein Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce kann so viel Begeisterung in Menschen auslösen. Die Szene brennt. Und die Feiernden wiederholen immer und immer wieder dasselbe Lied. Ich danke Gott, dass ich einen solchen Moment mit den Bewohnern des Dschungels teilen kann und hier bin, um mit ihnen zu tanzen und zu singen.

Eine halbe Stunde geht die komplette Energie der Feiernden auf die Kirche über. Und wir spüren jede Sekunde in unserem Rückenmark. Jarek steht seine Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Dieser Abend wäre zweifellos ein Höhepunkt seines Films geworden. Ich nehme ihn in den Arm. Am Ende zählt, dass er dieser fremden und sakralen Feier beigewohnt hat. Er gibt mir Recht.

 

Mima und das fehlende Paar Schuhe

Auf dem Weg nach draußen treffen ich Mima aus Eritrea. Er heißt eigentlich Salomon. Mindestens zwei Mal hat er mich schon nach Schuhen gefragt. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Also lade ich ihn auf ein paar Bier ein. Voller Vertrauen erzählt mir der 21-Jährige seine Erlebnisse von der Reise nach Calais. Er war schon ein Dutzend Mal auf dem Zug in Richtung England. Das gefällt mir nicht. Ich erzähle ihm von Deutschland und wie gut das Leben bei uns in Berlin ist. Er findet Gefallen an meiner Vision, ihn nach Berlin zu bringen. Aber was ist, wenn man sein Asylgesuch ablehnt? Diese wichtige Frage kann ich ihm leider nicht beantworten.

Wer weiß, was ihn erwartet, wenn er wieder in sein Land zurückkehren muss. Schuhe habe ich keine mehr. Ich hatte nur zwei Paar dabei. Eines habe ich einem Sudanesen gegeben, weil er nur Pantoffeln trug. Das andere trage ich an meinen Füßen. Ich verspreche ihm das nächste Paar. Mima wirkt ein wenig enttäuscht. Heute wird nicht das erste Mal sein, dass ich mein Wort breche.

Auch wenn Mima inzwischen etwas angetrunken ist, spüre ich seine Freundlichkeit und seine Ehrlichkeit. Es ist eine Schande, dass er hier leben muss. Jungs wie er gehören in ein anständiges Ausbildungsverhältnis oder auf die Universität. Nicht in ein autonomes Camp, wo sie sich nachts den Arsch abfrieren, weil sie versuchen, auf irgendeinen Zug zu springen.

Etwas später kehren wir zu Basti und Leo zurück, um ihnen von unserem Erlebnis zu erzählen. Dann machen wir uns müde und erschöpft auf unseren Weg zurück ins Hostel. Zu diesem Zeitpunkt konnten wir noch nicht ahnen, wie viel Kraft wir brauchen würden, um den morgigen Tag im Camp zu überstehen…

 

Bild: Hammed Khamis

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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