Während gestern in Istanbul das erste World Humanitarian Summit begann, zu dem auch Angela Merkel erschien, soll heute in Idomeni die Räumung beginnen. Die Räumung der Gleise steht dabei im Vordergrund, denn die Griechen wollen den Güterverkehr zwischen Griechenland und Mazedonien wieder aufnehmen.

Immer wieder muss ich auf die fast normal gewordene Sprache hinweisen, die wir dabei benutzen, wenn wir von ‚Räumung‘ sprechen oder über ‚Räumung‘ schreiben. Auch wenn es für uns mittlerweile zu fast jeder Demonstration oder Wiederstandsbewegung dazugehört, sprechen wir hier von der Räumung eines Lagers an der Grenze von Griechenland zu Mazedonien, in dem Menschen nach der Flucht gestrandet sind mit ihrer Hoffnung auf ein Überleben in Europa.

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Seit Wochen kursieren Gerüchte, dass der letzte „Schandfleck Europas“ geräumt und alle noch verbliebenen Geflüchteten in offizielle Camps gebracht werden sollen. Die offiziellen Camps erkennt man am NATO-Zaun; wen genau diese Zäune schützen sollen, kann sich jeder selbst denken. Es wird dann keine Bilder mehr geben von Menschen, die auf ein Weiterkommen hoffen. Keine Bilder mehr von Kindern, die zwischen Matsch und Müll in Zelten sitzen, keine Bilder mehr von kranken und schlecht versorgten Menschen.

Viele, mit denen wir, die dort gewesen sind, sprechen, glauben es uns nicht. Nach der ersten Nacht im Auto vor dem Camp traf ich vier junge Menschen, die wie Touristen vor dem Idomeni-Ortseingangsschild Bilder machten und dann vom Camp, den Zelten und den Kindern. Auf die Frage, ob ich sie mal alle zusammen fotografieren könne, wollte ich wissen, warum sie hier seien und ob sie freiwillige Helfer sind.

Sie verneinten und erzählten mir, sie seien Studienkolleg*innen, die es nicht glauben konnten, dass es in Europa solche Bedingungen gäbe. Und da man die offiziellen Camps nicht betreten dürfe, hatten sie sich bei diesem Zwischenstopp in ihrer Urlaubszeit davon überzeugen wollen, dass es „so schlimm nicht sein könne“ und die Presse und die ganzen aufgeregten Freiwilligen sich nur selbst wichtig machten.

Auf meine Frage, was sie jetzt nach ihrem Besuch darüber dachten, fragte einer der Studenten, wo sie die nächsten Tage am besten helfen könnten. Wenn Idomeni geräumt wird so wie Calais, dann wird es aus dem öffentlichen Interesse verschwinden. Europa möchte nicht jeden Tag vor Augen haben, welche beschämende und menschenverachtende Flüchtlingspolitik es betreibt.

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Nun sollen die letzten 4000-5000 Menschen, die noch im Camp geblieben sind, umverteilt werden. Es gibt sogar Gerüchte, einige würden sofort in die Türkei zurückgebracht. Die Menschen im Camp kennen alle kuriosen Behauptungen. „Das sagen sie schon, seitdem wir hier im Camp sind. Wir haben keine Angst. Wir sind vor den Bomben geflohen, haben ein fast gesunkenes Boot auf der Überfahrt überlebt“.

Auch wenn es unterschiedliche Zahlen zu den verbliebenen Geflüchteten in Idomeni gibt, berichteten verschiedene Zeitungen über den Entschluss der griechischen Regierung, die Polizei mit der Räumung des Camps ab heute Vormittag zu beauftragen. Die Bemühungen seitens der griechischen Regierung, die Geflüchteten davon zu überzeugen, das Camp freiwillig zu verlassen und sich in die umliegenden „millitary Camps“ zu begeben, sind gescheitert. Die meisten, die es bis nach Idomeni geschafft haben, lebten bis zum Schluss mit der Hoffnung, doch noch weiter nach Mitteleuropa reisen zu können.

Diese Hoffnung verschwand spätestens dann, als die Polizei damit begann, weitere Essenlieferungen ins Camp zu verhindern. Die ohnehin wenigen Nichtregierungsorganisationen, die noch in Idomeni aktiv waren, sollen das Camp verlassen, Journalisten und Übertragungswagen von Fernsehsendern wurden schon in den letzten Tagen durch Polizeikontrollen nicht mehr ins Camp gelassen. Europa möchte sein Flüchtlingsproblem unter Ausschluss der Öffentlichkeit lösen – wieder einmal nach seinem ganz eigenen Verständnis von Menschenwürde.

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Wir, die wir die Ereignisse vor Ort täglich über WhatsApp oder die sozialen Netzwerke mitverfolgen, werden ein Gefühl der Ohnmacht und der unbestimmten Verzweiflung nicht los. Ist das die Art, wie wir als Menschen miteinander leben wollen? Ja, vielleicht haben wir wenig Einfluss auf das, was passiert, aber meine Erfahrung der letzten Monate hat mir gezeigt, dass es durchaus viele sind, die etwas ändern möchten. Die ein Zeichen setzen möchten. Doch das Entstehen von vielen losen Hilfsorganisationen führt auch dazu, dass jeder seine eigene Suppe kocht.

Kanalisierung und Bündelung der Aktivitäten, um möglichst viele Menschen anzusprechen und nachhaltige Aktionen durchzuführen, sind in den letzten Wochen nahezu zum Stillstand gekommen. Angesichts einer scheinbar immer optimistischer werdenden jungen Generation (DIE ZEIT vom 15. Oktober 2015) stellt sich die Frage, für wen dieser Optimismus eigentlich gilt. Für uns im Westen, die abermals vor der Verantwortung davonlaufen, die Situation von Geflüchteten zu verbessern? Die stattdessen mit Regierungen wie der Türkei Verhandlungen eingehen und uns erpressbar machen von einem Mann, der in einem nur scheinbar demokratischen Land die Alleinherrschaft anstrebt? Die ihm und seiner Regierung drei Milliarden Euro versprechen, damit er die „Flüchtlingswelle“ von Europa fernhält, um dann sagen zu können: „Wieso bleiben diese Menschen nicht einfach in der Türkei“?

Wer kontrolliert, wo das Geld bleibt und auf welche Weise sich die türkische Regierung für die Geflüchteten einsetzt? Wer den Mut hat, in die Türkei zu reisen und zu diesem Thema Recherchen anzustellen, wird sich schnell ein eigenes Bild davon machen können. Auch wenn oftmals davon gesprochen wird, in den „military Camps“ würde es den Menschen gut gehen, sie hätten Wasser, ärztliche Versorgung, Essen usw., vergessen viele, dass der Zugang Außenstehenden oft nicht gewährt wird. Keiner hat Einblick, unter welchen Bedingungen die Menschen dort verharren müssen, ohne Perspektive auf Veränderung.

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Wie in einem vorangegangenen Artikel bereits zum Ausdruck gebracht, ist die Würde eines Menschen auch dann nicht gegeben, wenn wir ihnen eine Grundversorgung durch Essen und Trinken gewähren, sie in Zelten unterkommen lassen und sie zugleich in geschlossene Camps verfrachten. Selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben sieht nach meiner Auffassung des Grundgesetzes anders aus. Apropos Grundgesetz: Gestern vor 67 Jahren wurde unser Grundgesetz verabschiedet, dessen erster Artikel wie folgt lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Ob die Regierung Deutschlands sich daran hält oder dieses großzügig auslegt, steht auf einem anderen Papier. Die Frage, die sich nach so einem Tag weiterhin stellt, lautet: Wie wollen wir leben? Humanität, Empathie und Nächstenliebe sollten nicht nur Forderungen bleiben. Wir sollten uns auch nicht täuschen lassen, weil man uns im Fernsehen adrette Unterkünfte und Frau Merkel in der Türkei ein „Vorzeige“-Flüchtlingscamp zeigt. Setzt man sich ernsthaft mit dem Thema auseinander, erkennt man schnell, dass vieles von dem, was angeblich als Hilfe bei den Flüchtlingen ankommt, nicht der Wahrheit entspricht.

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Berichten zufolge liefen die ersten Vorbereitungen, um das Camp ab heute Morgen zu räumen, bereits am gestrigen Nachmittag an. Hundertschaften der griechischen Polizei zeigen Präsenz, um den Willen der letzten noch verbliebenen Vertriebenen zu brechen und mit Bussen in andere Camps zu fahren. Europa und Deutschland hätten noch vor Wochen ein Zeichen setzen können, als die Möglichkeit bestand, alle aus Idomeni herauszuholen. Es gab sogar Kommunen, die bereit gewesen sind, Menschen aufzunehmen, doch diese sind an unserem bürokratischen System gescheitert.

Für all jene, die jetzt aufschreien, es seien auch Wirtschaftsflüchtlinge darunter, möchte ich noch einmal klarstellen, dass ausnahmslos alle, die ich in Idomeni kennengelernt habe, aus den Kriegsgebieten in Syrien stammen. Wir haben diese und andere Menschen, die nach Krieg und Flucht eine entsetzliche Zeit hinter sich haben, mehr als einmal im Stich gelassen. Ich hoffe für all jene, die in den letzten Tagen den verzweifelten letzten Versuch gewagt haben, über unübersichtliche, gefährliche Wege weiter nach Europa zu gelangen, dass sie auf Menschen, Grenzsoldaten, Polizisten und Einwohner treffen werden, deren Menschlichkeit sich noch nicht an den glatten Zäunen der NATO verabschiedet hat.

 

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Bilder: Tim Lüddemann

Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

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