„I am not animal! I am not animal!“ Die Worte der eritreischen Demonstrantin gestern auf der Autobahn gehen mir bis heute früh nicht aus dem Kopf. Selbst beim Frühstück beeinflussen diese Erlebnisse meine Gedanken.
 Natürlich ist diese Frau kein Tier. Doch die Lage und die Handhabung der Menschen dort im Camp lässt ihre Aussage schnell einen Sinn bekommen.

Die Menschen im Camp werden so lange sich selbst überlassen, bis sie sich bereiterklären, Fingerabrücke bei den Behörden abzugeben. Und wenn sie das tun, müssen sie in dem Land bleiben, in dem sie dies getan haben. In Frankreich kann ein Asylverfahren bis zu 18 Monate dauern. Für einen Mann, der seine Familie in einem Kriegsgebiet zurücklassen musste, ist jeder Tag eine unerträgliche Last, die er so schnell wie möglich ablegen will. Das erklärt mir Munir, ein Sudanese, der in seiner Heimat in Darfur zwei Kinder und eine Frau hat.

Munir sieht so freundlich aus, während er das sagt, ganz im Gegensatz zu mir. Denn ich muss an all die Bilder denken, die ich von Darfur aus dem Fernsehen kenne. Wenn ich eine Frau und zwei Kinder dort hätte, dann wäre ich sicher nicht so gefasst wie Munir. Ich würde vor Sorge um sie sterben.
 Das tut Munir wahrscheinlich auch gerade, während er mir seine Sorgen schildert. Seine Augen haben sich leicht mit Tränen gefüllt, als es um seine Kinder geht.
 Und ich wünschte, es gäbe etwas, dass ich für Munir tun könnte, um ihm zu helfen. Aber ich kann nicht. Also bleibt mir nur, ihn ganz fest und innig zu umarmen und ihm alles Gute zu wünschen.

Ich begleite Munir noch ein wenig durchs Camp.
 Vor seinem „Zuhause“ finde ich heraus, dass Munir in einem Zelt in den Dünen vom Camp schläft.
 Ich erinnere mich an den unsinnigen Vorwurf einiger Menschen in den sozialen Netzwerken, die Flüchtlinge seien wohl feige, weil sie ihre Frauen und Kinder nicht mitgebracht hätten. Diese Frage will ich komplett aus künftigen Diskussionen gestrichen wissen. Wer kann ernsthaft behaupten, es sei ein Hinweis auf Feigheit, wenn ein Mann seine Frau und seine Kinder nicht noch mehr gefährden will und lieber zu Hause lässt, als sie auf dem Weg durch das gefährliche Libyen oder über das mittlerweile zu einem Massengrab mutierte Mittelmeer in ernste Gefahr zu bringen.

Mit jedem Satz, den Munir spricht, wird mein Hals ein wenig dicker. Munir hat nur eine einzige Lage Kleidung. Das heißt, dass er nur das besitzt, was er am Körper trägt. Seine Hose und seine Jacke sind von den zahlreichen Versuchen, die Gleise am Nato-Zaun zu erreichen, zerrissen. 
Als ich dies wahrnehme, überkommt mich ein erniedrigendes Gefühl von Scham und Reue. Ich ziehe meine Jacke aus und reiche sie Munir. Er kann sie nicht ablehnen. Wenigstens die Jacke nimmt Munir. Es ist unglaublich, dass diese Menschen selbst in einer solchen Situation nicht schlecht denken oder handeln. Welcher Europäer würde in einer solch prekären Lage noch Bescheidenheit ausstrahlen? Ich selbst kenne keinen.

Wer Unrecht duldet, ohne sich dagegen zu wehren,
macht sich mitschuldig.  (Mahatma Gandhi)

Als ich danach durch die Dünen trotte, um mich ein wenig zu besinnen, habe ich nur noch einen einzigen Gedanken: 
Ich muss das veröffentlichen. Es muss an die Öffentlichkeit kommen, was die Menschen hier auf ihren geschundenen Herzen tragen. 
Meine Freunde, meine Nachbarn, mein komplettes Umfeld soll erfahren, dass es solch einen ungerechten Ort ganz in der Nähe von uns gibt. 
Wir müssen etwas machen. 

Wer Unrecht duldet, ohne sich dagegen zu wehren, macht sich mitschuldig, wusste schon Mahatma Gandhi – und tat.

Ich entschließe mich mit allen Menschen im Camp zu reden. Groß, klein, stark, schwach, jung, alt soll jetzt durch meine Feder in die Welt sprechen. Keiner, den ich kenne, soll die Möglichkeit haben zu sagen, er/sie habe nicht gewusst, wie schlimm es ist, was diese Menschen durchlebt haben und noch immer durchleben. 
Mir ist klar, dass ich bei diesen Interviews Federn lassen werde, aber das ist mir egal. Wer einen Mann mit einer Geschichte, wie Munir sie hat, zum Lachen bringt, der kann guten Gewissens sagen, dass es sich gelohnt hat, hier in dieses Lager zu kommen und sein Schicksal mitzubekommen.

Bei den sanitären Anlagen treffe ich auf die Hamburger Jungs. Sie haben zwei kleinen Mädchen und eine kleinen Jungen angehalten und eine Erlaubnis für ein Interview bekommen. Die Kinder können nur Arabisch. Also komme ich genau richtig, um das Interview für sie zu führen. 
Die Szene fängt ganz lustig und froh an. Sebastian verteilt Süßigkeiten an die Kinder und tollt mit ihnen umher. 
Leo stellt sich in Position, um das Gespräch zwischen mir und Abdelrahman aufzuzeichnen.

In einem kurzen Gespräch finde ich heraus, dass Abdelrahman zehn Jahre alt ist und aus Darfur kommt. Souverän wie ein Erwaschsener erzählt er mir von sich und seiner Familie. Er ist erst seit zwei Tagen im Camp. Und sie haben noch immer keinen Schlafplatz. Neu angekommene Flüchtlinge müssen in einem Refugium in der Nähe der Volontäre unterkommen. Dort sind Männer nicht von Frauen getrennt. Und es riecht sehr schlecht da drinnen. Es gibt nur eine Option, wonaders zu schlafen: unter freiem Himmel…

Abdelrahman redet sehr frei und selbstbewusst. Das kenne ich irgendwoher: Niroz. Ich muss an ihr Domeez-Camp in Kurdistan denken. Zwei Menschen, die überhaupt niemandem etwas getan haben, leben in solch unwürdigen Verhältnissen. Und sie haben beide Wünsche, die in meiner Welt, der europäischen Welt, grundlegend sind. Es ist mir sehr unangenehm, dies herauszufinden.
 Also frage ich Adbulrahman, ob er mich zu seinen Eltern bringen kann, damit wir auch mit ihnen sprechen können.

Zu meinem Vater kann ich Dich gerne führen. Er ist da hinten auf der Suche nach Material, um uns eine Hütte zu bauen. Meine Mutter ist leider tot.  (Abdelrahman)

Ich merke, wie das Getuschel der deutsch-sprachigen Zuhörer des Interviews im Hintergrund verstummt. Sie haben zwar nicht verstanden, was der Junge eben gesagt hat. Aber sie sehen, dass es irgendetwas Erschütterndes sein muss, weil ich gerade mit den Tränen ringe. Ich darf nicht zulassen, dass er mich so traurig sieht. Deswegen versuche ich, ihn auf ein anderes Thema zu lenken. 
Ich erzähle ihm, dass ich aus Deutschland komme und dass ich bald wiederkommen werde. Was ich ihm denn dann aus Deutschland mitbringen solle. Einen Fußball, Spielzeug, Schokolade?

Abdelrahman beißt wider in den Apfel und zuckt mit den Schultern. 

„Es wäre sehr nett von Dir, wenn Du mir Kleidung aus Deutschland mitbringen könntest. Ich besitze nur diese, die ich jetzt anhabe.“ Das war zu viel. Der kleine Junge, der hier gerade vor mir steht, ist noch immer ganz locker. Ich nicht. Ich will einfach nur noch, dass Leo aufhört zu filmen. Nur ganz kurz, dann kann ich eben schnell in den Dünen verschwinden. Abdelrahman hat sich auf seiner langen Reise aus dem Sudan 24 Stunden lang gerade machen müssen, um dann hier in diesem Slum ein neues Zuhause zu finden. Das ist nicht fair.

Neben uns steht ein kleines Mädchen, das mich die ganze Zeit verblüfft ansieht. Sie ist, ganz anders als ich, völlig gelassen. 
Ihre Hautfarbe ist ganz schwarz. Abdelrahmans Leute haben sie irgendwie mit hierher gebracht. 
Kann es sein, dass sich diese Leute, die gar nichts haben, auch noch um andere kümmern, die noch weniger haben? 
Ich weiß nicht, ob ich es über mich bringe, herauszufinden, was in der Vergangenheit dieser kleinen nubischen Prinzessin passiert ist. Gut, dass Sebastian da ist. Er entschärft die Situation schnell und ermöglicht uns, die Szene zu verlassen.

Das Ferienhaus

Leo hat alles mitbekommen. Und er hat eine Idee: Er schlägt mir vor, mal etwas anderes als diese traurigen und demotivierenden Geschichten zu suchen. Um die Ecke sei eine Art Sensation im Camp, die aber keiner so wirklich kennenlernen durfte, weil der Urheber dieser Sensation keine Interviews gibt.
 Als wir dort ankommen, stelle sich heraus, dass es sich tatsächlich um eine Sensation handelt. 
Zwischen all den Dünen stehe im weißen Sand vor einem zweistöckigen Haus, das an ein Ferienhaus an der Costa Brava in Spanien erinnert. Es hat sogar eine Veranda mit Meerblick. Und das Ganze mitten im Dschungel. 
Wer hat das gebaut? Und wie kam es dazu? 
Das Ding sieht aus wie ein Hohn, wie es so schön und prächtig inmitten all dieser Müllhalden steht.

Ich gehe direkt zum Haus und klopfe auf die hölzernen Latten, um mich anzukündigen. Der Bewohner kann auf jeden Fall Arabisch; denn das Haus befindet sich im sudanesischen Viertel. Wa-ʿalaikum as-salām, erwidert mir eine Stimme aus dem Inneren des Hauses in der zweiten Etage. Ich stelle mich als Hammed aus Deutschland vor und frage, ob ich kurz hereinkommen kann. Das Fenster geht auf und ein sehr junger farbiger Mann mit Rasta-Zöpfen lächelt mich mit einladender Hand nach oben zu sich in sein Heim.

Amjad (30), so heißt er, ist Lybier. Bevor der Krieg in seiner Heimat war, ging es ihm sehr gut dort. Er arbeitete in Benghasi als Schmied und hatte nie mit irgendetwas Probleme. Bis der Krieg kam.
 Während Amjad mir aus seiner Vergangenheit erzählt, wirkt er sehr gelassen. Er spricht sehr cool und höflich. 
Amjad ist ein gut aussehender Mann. Hier in Deutschland würde er sicher rasch eine Partnerin finden, um zu heiraten und eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Amjad lacht mich freundlich, aber verneinend an, um mir beizubringen, dass Flüchtlinge nicht so denken wie Europäer. Sie haben ganz andere Wünsche – wie Bildung, Wasser, Strom, Respekt, Menschenwürde, die wir nicht mehr zu schätzen wissen, weil sie bei uns grundlegend und selbstverständlich sind. 
Zum Glück nimmt er mir meine kleine Entgleisung nicht übel.

Wer aus dem Camp in Calais wieder nach Hause kommt und noch seine Schuhe anhat, der hat nicht genug gegeben.

Auf einem Gaskocher macht uns Amjad einen Tee. Im Hintergrund läuft über einen Bluetooth-Lautsprecher ein Reggae-Song nach dem anderen.
 Amjad lacht viel über mich, weil er immer wieder meine Verblüffung wahrnimmt. 
Dieser Mann hat mit seinen eigenen Händen ein Haus von zwei Etagen aus Holzpaletten gebaut. Und das in 24 Tagen. Das Haus hat eine Treppe zum oberen Bereich und eine Küche mit einer richtigen Spüle im unteren Bereich. Eine Schiebetür und ein nach vorne hin eingelassenes Fenster sind die Highlights an diesem Bau.

Als ich mich umdrehe, sehe ich, dass Amjad sogar eine Lampe angebracht hat. Eine richtige Lampe, die über ein Kabel aus einer alten Autobatterie versorgt wird. „Wenn ich richtiges Werkzeug gehabt hätte, hätte ich es auch in fünf Tagen geschafft.“

Amjad ist ein richtig toller Typ. Ich wünsche ihm alles Gute. Aber das ist nicht alles. Mein Gedanke, wieder hierherzukommen, ist nun so gut wie besiegelt. Amjad wird von mir einen guten deutschen Werkzeugkoffer bekommen. Irgendwer, den ich kenne, hat einen solchen in der Garage rumliegen, da bin ich mir ganz sicher.
 Dann kann er vielleicht für die anderen Menschen im Camp ein Haus bauen. 
Dann müssen kleine Kinder wie Abdulrahman nicht mehr mit fremden Menschen in einem Refugium, das aus einer Plastikplane und ein wenig Holz besteht, nächtigen müssen.

Ich werde das Werk vom Amjad meinen Freunden zeigen. Vielleicht hat jemand eine Idee, wie man dprt eine kleine Siedlung für die Menschen bauen kann. 
Vicky ist schließlich Architektin. Sie hat auch gleich angeboten, das Ganze zu konzipieren.

 Für diesen Tag habe ich genug. 
Ich suche die anderen im Camp. Sie sind immer vorne bei den Afghanen. Da geht das meiste ab, weil sie Läden und Lokale haben. Eigentlich rauche ich nicht. Aber heute war es sehr anstrengend, hier zu sein. Ich muss eine rauchen, dann geht es mir besser.

Vorne am afghanischen Restaurant kaufe ich mir Zigaretten. Die Schachtel sieht aber ein wenig anders aus. In den Kiosken stopfen Pakistaner zu dritt Zigaretten. Die haben da so große XXXXL Eimer mit Tabak und wickeln Zigaretten zu einem Preis von 10 Cent pro Stück in eine Alufolie. Ich kaufe zehn Stück und setze mich auf einen Stein, um zu rauchen.

Jarek und die anderen erscheinen am anderen Ende der Straße in ihrem Pkw. Der ist schon wieder mit Kranken gefüllt, die Sebastian unentwegt zum Krankenhaus hin und her fährt. Ihre Gesichter verraten, dass sie heute auch viele heftige Geschichten erlebt haben. Aber sie tun Gutes. Gutes zu tun, ist niemals umsonst. Wie sollen all die Geflüchteten den 5-7 Kilometer langen Weg in die Krankenhäuser schaffen, wenn sie, wie viele von ihnen, gebrochene Beide haben, weil sie vom Zug gefallen sind?

Als ich auf dem Heimweg meinen Kopf ins die Stütze dahinter fallen lasse, flüstert mir Jarek ins Ohr: „Wir fahren da gleich wieder hin. Ich habe noch nicht genug. Heute passiert etwas Heftiges. Das spüre ich.“ 
Ehrlich gesagt spüre ich das auch. Also bin ich dabei, was auch immer heute noch kommen wird. Jarek hat diesen Satz nicht umsonst gesagt.

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Bilder: Jarek Duda, Hammed Khamis

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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