Kurz nach meinem ersten Besuch in Idomeni bin ich noch einmal hingeflogen. Einmal dagewesen, lässt es einen nicht mehr los. Die Besonderheit dieses Ort besteht darin, dass Idomeni ein autonomes Camp ist, kein staatliches. Die Geflüchteten werden dort durch die griechische Polizei geduldet. Ein weiterer Unterschied ist, dass wir – die Volunteers, Fotograf/innen und Journalist/innen – zu den staatlichen Camps in der Regel keinen Zutritt bekommen. Aktivitäten und Essenversorgung werden dort durch griechische Organisationen oder durch NGOs getragen. Nur wenige Journalist/innen bekommen nach Antragstellung die Möglichkeit, solche offiziellen Camps zu besichtigen und in diesem Rahmen Fragen an seine Bewohner/innen zu stellen.

Idomeni hingegen ist ein Ort, an dem Geflüchtete und Freiwillige Hand in Hand arbeiten. Es ist nicht ein „wir für euch“, sondern ein gelebtes „wir alle zusammen“. Ich denke, das macht dieses Camp zu dem, was es ist. Den Geflüchteten die Möglichkeit zu geben, selbst Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, gibt ihnen Hoffnung. Jene Hoffnung, die in Idomeni in den letzten Tagen immer unmöglicher scheint.

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Vor einigen Tagen wurden im Camp mehrsprachige Flugblätter verteilt, in denen die Geflüchteten gebeten wurden, Idomeni freiwillig zu verlassen. Sie würden danach in offizielle Camps gebracht. Ihre Sicherheit sei dort gewährleistet. Das hat für viele Spekulationen gesorgt, da man vermutete, dass all jene, die sich für das Bleiben entschieden, unter Anwendung von Gewalt aus dem Camp „geräumt“ würden. Bis zu dem Tag, an dem ich anreiste, ging das Gerücht um, die NATO würde am Sonntag das Camp räumen, da sich die griechische Polizei weigerte.

Obwohl diese Information aus einem guten Kontakt stammt, blieb es an dem besagten Sonntag ruhig. Dass Idomeni in den nächsten Wochen geräumt werden soll, ist hingegen in mehreren Zeitungsartikeln veröffentlicht worden und inzwischen mehr Fakt denn Gerücht. Viele im Camp geben nichts mehr auf diese Ankündigungen, die jeden Tag erzählt werden. Die Skepsis, sich unnötig oder falsch beeinflussen zu lassen, ist zu groß. Deshalb warten die meisten ab. Sie geben die Hoffnung nicht auf, Mazedonien könnte die Grenze doch wieder öffnen.

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Die Aussicht auf einen solchen Akt der Humanität jedoch schwindet von Tag zu Tag. Seit meinem letzten Besuch in Idomeni sind drei Wochen vergangen, und mein erster Rundgang durch das Camp erschreckt mich. Auf dem Zufahrtsweg am Anfang des Camps standen vorher viel mehr Zelte – mitten im Schlamm. Auch nahe der mazedonischen Grenze auf den Wiesen standen viel mehr Zelte als heute. Die, die Idomeni verlassen haben, sind zum Großteil in die offiziellen Camps umgezogen. Durch Nachfragen erzählt man mir aber auch, dass nicht wenige versuchen, auf eigene Faust weiter zu reisen, weil sie wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Camp geräumt wird.

Wer es bis nach Idomeni geschafft hat, hat schon eine ausführliche Fluchtgeschichte hinter sich. Für uns sind sie vielleicht in Idomeni Gestrandete. Sie selbst aber bergen die Auslöser, Bedingungen und Verluste einer ganzen Fluchtgeschichte in sich. Nach all dem, was diese Menschen in Kauf genommen haben, erscheint es ihnen unmöglich, diesen letzten Ort der Hoffnung zu räumen und einfach aufzugeben.

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Und für alle, die sich fragen, ernsthaft fragen, warum die restlichen vielleicht 7000-8000 nicht einfach in die offiziellen Camps gehen, möchte ich sagen: Ihre Frage ist berechtigt, wenn Sie mir im Gegenzug meine Frage antworten. Welche Perspektive haben die Menschen in diesen von NATO-Draht umgebenen, hermetisch abgeriegelten Camps? Wie lange sollen sie dort bleiben? Ich befürchte, Sie kennen keine Antwort. Dann werden Sie verstehen, warum die Menschen in Idomeni bleiben.

 

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Bilder: Elf Kahnert

Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

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