Wenn über Flüchtlinge gesprochen wird, tun wir häufig so, als bildeten sie eine homogene Gruppe. Eine Gruppe, die ein ähnliches Schicksal und daher wohl vergleichbare Eigenschaften aufweist. Natürlich gibt es diese Schnittmenge, die man wohl am besten mit Überleben bezeichnen könnte. Flüchtende als Gruppe zu definieren und nicht als Subjekte zu betrachten, macht das Ganze erträglicher. Gruppen sprechen keine emotionale Komponente unseres Selbst an. Einzelschicksale hingegen bewegen die Menschen.

Zahlen und Größen wirken abstrakt, und lassen uns ohnmächtig und klein werden. Wir wissen nicht, wie wir all diesen Menschen helfen sollen. Deshalb benutzt man das Bild als Quelle, um dieses „die“ in seine Gesichter aufzulösen. Bilder sind wichtig, wichtig um zu erkennen, dass es Menschen sind, die für sich alleine stehen. Individuen mit eigenen Geschichten, Schicksalen, Ängsten, Hoffnungen und Träumen.

Keiner wird sich Jahre später an die Zahlen der ertrunkenen Menschen im Mittelmeer erinnern, keiner an die vielen Toten vor Italien, Griechenland und während der Überfahrt in die Türkei. Wir werden uns daran erinnern, dass Menschen nach Europa wollten und mit überfüllten und fahruntüchtigen Booten vor Europa ertrunken sind. Mehr nicht. Aber keiner wird das Bild des an den Strand von Bodrum angespülten kleinen Jungen vergessen. Der Körper, halb im Wasser liegend, leblos an den Strand gespült. Sein Name war Aylan.

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Tote ertrunkene Menschen mit Bildern haben Geschichten, an einen Badestrand gespülte leblose Kinderleichen haben Namen. Es wird immer unterschiedliche Standpunkte geben, ob man solche Bilder zeigen kann, soll oder darf. Ich wünschte, wir alle würden in einer Gesellschaft leben, in der man solche Bilder nicht braucht, um auf Katastrophales in der Welt aufmerksam zu werden, ohne dass es bis zu den nächsten Sensationsnachrichten vergessen ist. Dass wir eine Gesellschaft wären, die emotional keinen Unterschied macht zwischen uns und den anderen.

Eigentlich geht es nicht darum, ob man Bilder von toten Menschen, Kindern aus Kriegsgebieten oder während der Flucht zeigt. Es geht um das Mitgefühl, um das Wachrütteln der Menschen, die diese Bilder brauchen, um aus ihrem Konsumieren herauszukommen. Bei allem Verständnis dafür, sich und seine eigene Ohnmacht zu schützen, dürfen wir nicht weiter so tun, als seien Geflüchtete keine Subjekte mit eigener Vergangenheit und Zukunft. Deshalb möchte ich über fünf junge Männer aus dem Camp in Idomeni schreiben, die mein Herz berührt haben.

Mohammed. Zakarya. Jigar. Ibrahim. Mohammed. Shero. Kriegsflüchtlinge aus Syrien und zwischen 19 und 27 Jahren. Mohammed, Jigar und Shero habe ich durch die Organisation „Hummus Right Projekt – Idomeni“ kennengelernt. Das Hummus-Team versorgt Hunderte von Frauen, Kindern und Männern morgens mit Essen und benötigt neben den freiwilligen Helfern auch im Camp Freiwillige, die die unterschiedlichen Sprachen der Flüchtlinge sprechen und mithelfen, damit die Essensausgabe geregelt und zügig abläuft.

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Natürlich habe ich in den letzten Tagen viele Menschen kennenlernen dürfen und viele ihrer Geschichten gehört, und trotzdem möchte ich über diese jungen Männer schreiben. Warum? Hier in Idomeni erreichte mich die Nachricht eines Freundes, der wahrlich nicht für sein stereotypes Denken bekannt ist. In der Nachricht bat er mich, besonders auf mich aufzupassen – wegen all der Männer. Welches Bild haben selbst Männer von anderen Männern, fragte ich mich. Männer und insbesondere junge, allein geflohene Männer stehen spätestens seit der Silvesternacht in Köln unter besonderer Beobachtung. Dies möchte ich auf keinen Fall so stehen lassen.

Mohammed und Jigar halfen mir beim Verteilen von Hygieneartikel in einem Teil des Camps. Als die Situation wegen der vielen Menschen, die keine Tüte bekommen hatten, etwas unruhig wurde, nahmen wir einen Feldweg raus aus dem Camp. Ich hatte zum Dank für ihre Hilfe Hosen, Schuhe und T-Shirts aus dem Warenhaus für sie geholt. Sie zeigten uns einen Platz in der Nähe des Flusses, wo der ältere Bruder und drei andere auf sie warteten.

Als wir an der Lichtung ankamen, kochten sie bereits auf einem Lagerfeuer ihr Abendessen. Es war ihnen wichtig, von Zeit zu Zeit aus dem Camp herauszukommen, denn die Enge erdrückte sie. „Man kann nicht monatelang friedlich zwischen so vielen Menschen leben. Hier leben alle zusammen, die sich in Syrien bekriegen.“ Sie hatten es sich zum Ritual werden lassen, abends an dieser Lichtung gemeinsam zu kochen, zu essen und zu singen. Natürlich ließ ich mir die Gelegenheit nicht entgehen, ihnen dabei Gesellschaft zu leisten und mir ihre Geschichten anzuhören.

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Drei von ihnen waren Brüder, der vierte ein Cousin und zwei hatten sie während der Flucht kennengelernt. Im Camp teilen sie sich ein Zelt mit 10 weiteren Personen. Ihre Gastfreundschaft mit dem Wenigen, was sie hatten, und ihre offene freundliche Art haben mich so nachhaltig berührt, dass ich den Kontakt zu ihnen weiter halten möchte.

Zakarya ist 27. Er ist Konditor und möchte nach Deutschland. Mit seinen Geschwistern und seinen Eltern sind sie vor dem IS über die Türkei nach Griechenland geflohen. Die Eltern sind in der Türkei geblieben. Geblieben, um den drei Söhnen die Hoffnung von einem anderen Leben in Europa zu ermöglichen. Jigar (20) und Mohammed (19) sind seine Brüder. Zwei junge Männer, die jeden Tag im Camp den freiwilligen Organisationen vor Ort beim Ablauf und Verteilen von Essen helfen. Ob es für sie keine Perspektive in der Türkei gäbe, habe ich sie gefragt. Während ich die Frage stellte, wurde mir auch schon die Absurdität klar, denn jeder, der sich intensiv mit der politischen Entwicklung in der Türkei beschäftigt, würde über diese Frage lachen. Ich wollte die Antwort aber von ihnen wissen. Warum wollt Ihr nach Europa?

„Wir wollen leben, leben wie ein Mensch,“ sagten sie. Einfach, fast simpel, aber so klar. „Leben wie ein Mensch“ bedeutet für mich: ein Dach über dem Kopf zu haben, wie ein Mensch behandelt zu werden, eine Perspektive zu bekommen, wieder Hoffnung zu schöpfen und vielleicht auch wieder lieben zu können. „Leben wie ein Mensch“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger, brachte Mohammed, Jigar, Zakarya, Mohammed, Ibrahim und Shero dazu, die Türkei mit einem Boot Richtung Griechenland zu verlassen. 50 Personen waren sie auf dem Boot und wussten bis zum Schluss nicht, ob sie die Überfahrt überleben würden.

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„Jetzt sind wir hier und wissen nicht, was wir machen sollen. Wir haben alles verloren.“ Sie zeigten mir Bilder, von ihrem Leben vor dem Krieg. „Ich bin auch wie du,“ sagte einer von ihnen, als er mir seine Bilder auf dem Handy zeigt. Wer in Istanbul war und nicht nur in den touristischen Straßen, weiß, wie syrische Flüchtlinge in der Türkei leben und behandelt werden. Selbst wenn sie Arbeit finden, werden sie wie Sklaven behandelt, weil man ihre Situation ausnutzt und sie für nicht mal 10 Euro am Tag auf Baustellen, in Großküchen und ähnlichen Situationen arbeiten lässt.

Mit ihren Erzählungen bestätigen sie mir unwissentlich alle Geschichten, die ich über syrische Flüchtlinge in der Türkei gehört hatte. Die einzige Möglichkeit, menschenwürdig zu leben, ist nach Europa zu kommen und zu arbeiten. Was für eine Perspektive werden diese Männer nach weiteren zweieinhalb Monaten in Idomeni oder einem anderen Camp haben? Was zerstören wir durch die Abschottung Europas in ihnen, in uns allen? Jeder Tag, den sie hier im Camp weiter ums Überleben kämpfen, befinden sie sich in einem Krieg. Im Krieg gegen die Menschlichkeit.

 

Bilder: Elif Kahnert

 

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Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

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