Nach fünf Kilometern habe ich schon fast die ganze Promenade von Calais einschließlich ihrer neuen Einwohner, den Flüchtlingen, gesehen.



Wenn Du länger als eine Minute keinen Flüchtling mehr gesehen hast, dann bist Du nicht mehr in Calais.

Es ist jetzt circa 14 Uhr. Meine Schultern schmerzen von dem Rucksack, den ich trage. Mein Arm ist vom Ziehen des Rollkoffers gefühlte zwei Meter länger geworden. Und ich bin komplett durchgeschwitzt.

Die Urlauber und Einheimischen schauen mich noch immer skeptisch an. Das gefällt mir gar nicht. Bei einem der vielen Kreisverkehre sehe ich ein Journalistenteam, wie es aus dem Auto heraus die Flüchtlinge fotografiert, als wären sie Tiere auf einer Safari. Die Flüchtlinge versuchen noch schnell, ihre Gesichter zu verdecken. Da fällt mir etwas ein, wie ich die Blicke der Passanten von mir abwenden kann. Ich hole meine Kamera aus der Tasche und schraube das Weitwinkelobjektiv darauf. Wie rasch ein technischer Gegenstand Rollen verändern kann.

Welcher Flüchtling läuft schon mit einer Spiegelreflex durch Calais?

Meine neue Identität funktioniert. Ein alter Franzose gibt er mir den Hinweis auf ein Hostel ganz in der Nähe. Im Foyer unterhalte ich mich mit dem Portier über die Lage der Flüchtlinge und warum sie nicht ins Hostel dürfen. Mein Zimmer ist gleich fertig. Das wird aber auch Zeit. Ich will nur noch unter die Dusche und dann ein wenig schlafen.

Während ich meinen Blick über den Boden streifen lasse, betritt auf einmal ein Hipsterschuh und eine Hipsterhose das Hotel. Nur wenige Sekunden später haben sie mich erreicht und eine eine schwarze Tasche mit einem Kamerastativ werden neben dem Schuh abgelegt. Bingo. Den haue ich jetzt an.

Der Fuß gehört übrigens zu Volkan Duman aus Amsterdam. Volkan ist Niederländer mit türkischem Migrationshintergund, studiert irgendetwas mit Film und will eine Art Doku über den Dschungel machen. Das ist klasse. Während ich mich mit diesem überaus freundlichen Mann unterhalte, kommt sein Begleiter ins Foyer gelaufen. Der sieht echt witzig aus. So ein langer schlacksiger Holländer mit einem blonden Zopf stellt sich mir als Jasper vor.

Jasper ist bestimmt zwei Meter groß. Und er ist voll cool drauf.

Ich frage die beiden, ob wir nicht zusammen in den Dschungel gehen sollen. Sie begrüßen meinen Vorschlag mit einem Handschlag. Für die Interviews kann ich übersetzen und die Taxikosten können wir uns auch teilen. Eine klassische Win-win-Situation, würde ich sagen.

Doch die beiden wollen jetzt gleich los. Das ist heftig. Ich bin total fertig. Aber ich bin, ehrlich gesagt, auch heiß darauf, dieses Lager kennenzulernen, das die Menschen den Dschungel von Calais nennen. Schnell bringe ich meine Sachen aufs Zimmer und kehre nur mit meiner Kamera ausgestattet zurück zu Jasper und Volkan.

Der Dschugel liegt genau wie das Hostel am Meer. Wir müssen nur irgendwie den Hafen umgehen, dann sind wir da. So sieht es zumindest auf der Karte aus.  Im wirklichen Leben sind das etwa acht Kilometer. Auf dem Weg treffen wir immer wieder auf kleine Gruppen von Flüchtlingen. Und alle haben das selbe Ziel: England. Und zwar auf dem Dach eines Zuges.

Sie sagen uns, dass wir einen Teil der Strecke mit dem Bus zurücklegen können. Dies tun wir dann auch. Auf der Fahrt dorthin stellt sich heraus, dass Jasper und Volkan Weltreisende sind. Jasper ist 26 Jahre alt. Und Volkan ist erst 24. Vor sowas habe ich immer sehr viel Respekt.

Jasper wird mir immer sympathischer. Ständig hält er irgendwelche Flüchtlingsgruppen auf der Straße an und unterhält sich mit ihnen. Er schenkt fast jedem der Flüchtlinge eine Zigarette. Jasper redet mit Eriträern, Äthiopiern und Sudanesen. Er hat eine starke Ausstrahlung, wenn er in aller Freundlichkeit ein wenig Anerkennung und Respekt in Richtung gebrandmarktes Herz schenkt. Die Flüchtlinge regagieren positiv auf ihn und lachen und scherzen, bevor sich unsere Wege trennen.

Als wir aus dem Bus heraus auf eine Landkarte schauen, finde ich heraus, dass dort, wo ich Anwar getroffen habe, das eine Ende von Calais ist und das Camp genau am anderen liegt. Noch zwei Kilometer. Es gibt nur noch eine letzte Industriestraße, die ganz hinten an ihrem Ende in einer Brückenunterführung mündet. Und dahinter beginnt der Dschungel.

seinsart | Jaspering (Tag 4 in Calais)

 

Welcome to the Jungle




Je näher wir an die Unterführung herankommen, um so dichter werden die Abstände zwischen den Flüchtlingsgruppen. Zum Tunnel brauchen sie drei Stunden. Zu Fuß versteht sich. Und drei Stunden zurück. 99% der Flüchtlinge kommen nicht weiter als ich und Anwar vor ein paar Stunden. Kurz vorm Tunnel werden sie auf der Autobahn von der Polizei angehalten. Die Beamten sagen den Flüchtlingen dann auf unterschiedlichsten Wegen, wie Scheiße sie sie finden, bevor sie sie dann zurück in ihr Lager schicken.

Diese Begegnungen kann man den Rückkehrenden deutlich an ihren Gesichtern ablesen.

Der Dschungel wächst hier seit 2012. Er liegt an der weltlichen Seite des Hafens neben der Autobahn, die zur Autofähre führt. Dort steigen auch immer Flüchtlinge in die LKWs, wenn diese durch einen Stau zum Stehen kommen. Dazu aber an einer anderen Stelle mehr.

Die Sonnenuntergänge an dieser Stelle sind wunderschön anzusehen. Wenn da nur dieser immer höher wachsende Stacheldrahtzaun nicht wäre, könnte man schon fast von einer romantischen Aussicht sprechen.

Als ich vorne den Haupteingang des Camps erreiche, empfängt mich eine Brise Meerluft. In ihr verbergen sind diverse Essenzen. In den folgenden Tagen sollte sich herausstellen, dass es dort nicht nur nach verbranntem Plastik, offenem Feuer oder orientalischer Küche riecht. Es riecht auch nach Frust, Wut und Verzweiflung. Diese Gerüche kennt man nur, wenn man schon einmal in einem Slum war.

Denn genau das ist das Camp, welches die Leute den Dschungel nennen. Meiner Auffassung nach handelt es sich hierbei um eine Kommune mit fünf verschiedenen Slums; ein afghanischer, ein pakistanischer, ein iranischer, ein sudanesischer und ein afrikanischer Slum – das Habasch-Viertel mit seinen Eritreern und Äthiopiern.

Wir beschließen, unsere Kameras nicht offen am Körper zu tragen, sondern sie irgendwie in unsere Kleidung zu integrieren. Dies tun wir aus Respekt von den Geflüchteten. Sie sollen sich nicht wie Tiere vorkommen, die man im Zoo besucht, weil man noch nie so eine exotische Spezies gesehen hat.

An diversen Verkaufsläden und Imbissen vorbei treffen wir auf eine Gruppe pakistanischer Jungs, die Cricket spielen. Gleich dahinter im afghanischen Viertel spielt eine Gruppe von ca. 20 Jungs Volleyball.

Überall tönt die Musik der jeweiligen Kommune. Ständig huscht ein Flüchtling auf einem Fahrrad an uns vorbei, als müsste er dringend zur Arbeit. Aber wer gibt diesen armen Teufeln schon Arbeit. Das ist verboten. Dieses Verbot macht die Leute erfinderisch. Sie haben ihre eigenen Läden. Einer ist Friseur, ein anderer weiß, wie man schnell und günstig eine Hütte baut, und noch ein anderer betreibt eine Shisha-Bar.


Mein kleiner Bruder fände das vermutlich total gut. Er würde versuchen, sich in irgendeiner Weise an diesem außergewöhnlichen Geschehen zu beteiligen. Aber die Menschen, die hier leben müssen und eigentlich woanders hin wollen, finden das bestimmt nicht gut.

Der Dschungel von Calais ist sowas wie ein Festivalgelände.
Nur ohne Witze.

Im Camp fällt mir auf, dass es kaum Frauen gibt. Ich muss an die Nooe-Nazis in Deutschland denken, die den Flüchtlingen Feigheit und Egoismus unterstellen, weil sie zuerst die Männer schicken. Also beginne ich zu fragen. Die Flüchtlinge erzählen mir von einer ehemaligen Jugendherberge, in der man Frauen und Kinder unterbringt. Dort wird auch mehrmals am Tag Essen vergeben. Dieses Areal ist nur für Flüchtlinge zugänglich. Es liegt gleich neben dem Dschungel. Und dieser liegt direkt an der Atlantikküsten in den schönsten Dünen.

seinsart | Jaspering (Tag 4 in Calais)

 

Die Plastikkirche

Vorbei an Wasserstellen kommen wir in das Habasch-Viertel. Hier wohnen die Habasch. Das ist eine Stammesgruppe aus Eritrea und Äthiopien. Viele unter ihnen sind Christen.

Die Habasch leben ihre Religion sehr intensiv und emotional aus. Sie haben sogar eine Kirche in ihrem Viertel errichtet. Sie besteht aus einem Holzgerüst, das mit weißen Plastikplanen überzogen ist. Das Kreuz über dem Eingangsbereich reckt sich ca. 12 Meter in die Luft. Draußen vor der Kirche gibt es sogar eine Glocke, mit der sie die Menschen zum Gebet rufen.

Nach ein paar kurzen Fragen treffe ich auf einen Mann, den man mir als den Verantwortlichen vorstellt. Sein Name ist Eli. Wahrscheinlich heißt er Elias. Ich will aber nicht weiter bohren, weil ich gehört habe, dass hier auch Menschen leben, die in ihren Heimatländern gesucht werden.

Eli ist 34jähriger Eritreer. Er erklärt mir alles zu der Kirche. Er ist sehr freundlich und zuvorkommend. Ein Foto darf ich dennoch nicht von ihm machen. Noch nicht. Aber ich soll Eli in den kommenden Tagen noch besser kennen lernen.

Einmal habe ich ihn gefragt, ob er glaubt, dass Jesus vielleicht farbiger Hautfarbe war. Eli lacht mich wieder nur freundlich an.

Es ist doch egal, wie Jesus ausgesehen hat.
Hauptsache ist, dass es ihn gegeben hat.  (Eli)


Eli ist jetzt mein Freund. Darauf bin ich sehr stolz. Denn solchen Menschen wie Eli haben ganz einfache Wünsche. Und sie sind immer ehrlich. In meiner Welt sind diese Attribute unbezahlbar. Also frage ich Eli, was ich ihm oder seiner Gemeinde aus Deutschland mitbringen kann, wenn ich das nächste Mal dort hinkomme.


Er antwortet mir, dass er sich wünscht, dass er niemals von meiner Rückkehr erfahren wird, weil er am liebsten schon morgen nicht mehr hier sein würde. Ich weiß nicht, wie ich diese bittere Wahrheit beantworten soll. Zum Glück ist Jasper zur Stelle. Er nimmt Eli am Arm und bittet ihn darum, uns die Kirche von innen zu zeigen. Glück gehabt.

Vor dem Eintritt bekreuzigt sich Eli und sich die Schuhe aus. Innen erklärt er uns, was es mit der Kirche auf sich hat. Im Inneren der Kirche sieht man alles, was es auch in einer normalen deutschen Kirche zu sehen gibt. Allerdings sehr komprimiert.

seinsart | Jaspering (Tag 4 in Calais)

 

Im Inneren der Kirche

Sie haben dort Weihwasser, einen Alter, Gebetsbücher in verschiedenen Sprachen, Bilder der Heiligen, Jesus- und Marienfiguren und sogar Stützhocker für alte Menschen. Ich bin beeindruckt.

Aber eines beeindruckt mich noch viel mehr. Es ist so still im Inneren der Kirche. Und das mitten im „Dschungel“. Das ist eine tolle Erfahrung. Am liebsten würde ich mich auf die Teppiche im Inneren der Kirche legen, um ein wenig zu schlafen. Und wahrscheinlich hätte damit auch niemand ein Problem.

Aber Jasper hat schon wieder einen Flüchtling in ein Gespräch verwickelt. Und so versuchen wir zu dritt, ein paar Informationen aus ihm herauszukitzeln. Der Ort, den sie errichtet haben, um Gott zu erreichen, wird zu einem Platz der Begegnung mit den Menschen.

Bilder: Hammed Khamis

Hier geht es zu Tag 3: Treue Freunde und Trittbrettfahrer
Hier geht es zu Tag 5: Auf der Flucht

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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