Es beginnt immer mit einer Idee. Da hinten, könnte das nicht? Irgendwo dort, wo die einzelnen Wellen nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Etwas links vom Schiff der Küstenwache. Na dort, der kleine weiße Fleck: Ist das nicht…? In einem von unzähligen Fällen formt sich der Verdacht dann tatsächlich zu den Konturen eines Schlauchbootes. Oder besser zu einem schmalen weiß-grau-orange-farbenem Schimmern, das irgendwie nicht hineinpasst, in dieses ruhige einfarbige Meer.

Nur acht Kilometer ist die türkische Küste hier bei Eftalou entfernt. Wer gut schwimmen kann, würde es bei gutem Wetter bestimmt hinüber schaffen. Ein paar Kilometer entfernt tut es die Fähre für 30 Euro pro Person tatsächlich. Nur für die Syrer, Iraker, Afghanen und die vielen anderen, deren Konturen die Wellen so langsam preisgeben, gilt das Angebot von „Lesvos Ferries“ nicht.

12265687_10207423852501949_770986516797416223_o

 

Noch sind die orange-farbenen Kreise, die sich aus dem Meer erheben, kaum voneinander zu unterscheiden. Winkt da jemand mit seiner Schwimmweste? Ein Segelboot steuert von Osten zu, und begleitet das Boot solange, bis aus dem orange-farbenen Schimmern Menschen werden. Den Schlauch-Teil vom Schlauch-Boot sieht man kaum. So tief liegt das im Wasser, was nie dafür gedacht war, 40 Menschen auf einen anderen Kontinent zu bringen. Ein alter Mann steht auf, fängt an zu winken, lacht laut und wird von seinen Mitfahrern wieder nach unten ins Boot gezogen. Noch immer kann eine Welle alles beenden.

Drei Männer springen ins Wasser. Vielleicht, weil sie glauben, das Boot sei für die anderen sicherer, wenn sie das letzte Stück schwimmen. Vielleicht einfach aus Vorfreude. Ein Arm mit Smartphone am Ende streckt sich aus der Schwimmweste heraus. Das erste Selfie aus Europa. Zwei gelbe Rettungsschwimmer springen ins Wasser und ziehen das Boot auf den europäischen Schotter.

12240941_10207423848981861_3713617878761065062_o

 

„Babys, Babys,“ ruft eine junge Frau im Neoprenanzug. Immer mehr Hosen werden nass. Das Gesicht eines Jungen weint so klein, dass es unter der Schwimmweste kaum zu sehen ist. Ein Mann mit Helm schreit, die Traube aus Anwohnern und Helfern möge ein Gasse frei machen. Auf einer Trage liegt eine Schwangere in goldener Rettungsdecke aber ohne Bewusstsein. Ein Vater umklammert noch immer panisch seine Tochter, als wolle er ganz sichergehen, dass nicht doch noch jemand die beiden auseinanderreißt.

Der alte Mann, der eben noch lachte, kniet jetzt wimmernd am Strand. Eine iranische Jungsgruppe verteilt „High Fives“. Eine Mutter hört nicht auf, die Gesichter ihrer drei Kinder abzuküssen. Zwei syrische Schwestern knipsen Selfies vor dem leeren Schlauchboot. Auf einem Felsen sitzen Vater, Mutter und Kind noch immer so eng umschlungen wie im Schlauchboot beieinander. Jemand fragt, ob dort hinten, rechts neben dem Schiff der Küstenwache: Ist das nicht…? Daneben bricht ein blondes Mädchen in rosa Warnweste heulend in den Armen eines Kollegen zusammen. Es beginnt immer mit einer Idee. Und es endet immer mit Tränen. Nicht nur für die Flüchtlinge.

905687_10207423850701904_6138571225766693742_o

 

Bilder: Fabian Köhler

Written by Fabian Köhler

Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist schreibt er gern über und noch viel lieber aus Nahost. Auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>