Man könnte das Camp am Rand des griechischen Ortes Kara Tepe auch für eine kleine verträumte Feriensiedlung halten. Unter knochigen Olivenbäumen döst eine Gruppe älterer Männer. Kinder rennen schreiend einem gelben Ball hinterher. Und hinter alldem: blaues Meer und strahlende Sonne.

„Es ist wie Urlaub hier“, sagt der 27-jährige Rasul und lacht. „In Aleppo hatten wir ein gutes Leben. Dann kamen die Terroristen“, sagt er. „Hätte ich warten sollen, bis die Terroristen meine Mädchen abschlachten?“ fragt er. Hinter ihm schaut eine seiner drei Töchter aus dem Kunststoff-Container. 6000 Dollar habe er für sich, seine Mutter, seine Kinder und die acht Kilometer lange Überfahrt bezahlt. Der einzig verbliebene Besitz seiner Familie hängt nun an einer Wäscheleine zwischen zwei alten Olivenbäumen. „Nach Deutschland,“ sagt er auf die Frage, wohin er in Europa wolle. Wie fast alle hier.

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200 bis 300 Flüchtlinge leben in dem, was nur auf den ersten Blick wie eine Feriensiedlung aussieht. Syrische Familien müssen sich hier registrieren, bevor sie Lesbos verlassen dürfen. Die meisten bleiben nicht länger als ein oder zwei Tage. Als immer mehr syrische Flüchtlinge in die Vorgärten und auf die Fußwege griechischer Dörfer drängten, hätten griechische Behörden die Registrierungsstelle hier eingerichtet, erzählt Bob, der für die britische Hilfsorganisation Oxfam hier Essen verteilt. Hilfe von der griechischen Regierung bekommen die Flüchtlinge auch hier in Kara Tepe nicht.

„Stopp, hier geht es nicht weiter,“ fährt mich Mahmoud an – oder wie er lieber genannt werden möchte: der Tiger (siehe Titelbild). Auch er ist mit seiner Familie aus Aleppo geflohen. „Die Bomben sind im Nachbarhaus eingeschlagen, also sind wir gegangen,“ erzählt der 7-Jährige so selbstverständlich, wie es wohl nur jemand kann, der den Großteil seines Lebens im Krieg verbracht hat. Dass ich schließlich doch weiter darf, verdanke ich dem Umstand, dass der eingetroffene Essenstransporter Mahmoud von mir ablenkt.

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Dafür, dass die Flüchtlinge hier in Kunststoff-Hütten statt auf dem Boden übernachten; es mehrmals täglich etwas zu essen gibt, die Menschen neue Kleidung bekommen, sind Hilfsorganisationen wie Save the Children, Oxfam oder die Starfish Foundation verantwortlich. Selbst einen eigenen Bereich, in dem Frauen Schutz finden können, gibt es hier. Betrieben wird auch er nicht von griechischen Behörden, sondern von der südafrikanischen Hilfsorganisation Action Aid. Lediglich am Ausgang des Camps sieht man ein paar Griechen: Es sind die Taxifahrer, die darauf warten, die Flüchtlinge für teils überteuerte Preise zum Hafen bringen zu können.

 

Bilder: Fabian Köhler

Written by Fabian Köhler

Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist schreibt er gern über und noch viel lieber aus Nahost. Auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist.

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