Das vermeintlich rettende Europa beginnt mit meterhohen Zäunen, Stacheldraht und behelmten Polizisten. Moria heißt das Flüchtlingslager, das eigentlich einmal ein Armee-Stützpunkt war und nun täglich für Tausende von Flüchtlingen zum unfreiwilligen ersten Aufenthalt auf Lesbos wird.

Bis zu 2000 Menschen werden pro Tag durch das Camp geschleust. Bis zu 4000 Flüchtlinge leben gleichzeitig in dem Lager, das eigentlich für 400 gedacht war. Im Minutentakt spucken Taxis und Busse vor dem bewachten Eingang neue Afghanen und Iraker aus. Für Syrer gibt es ein eigenes Camp, ein paar Kilometer weiter südlich beim kleinen Fischerdorf Kara Tepe. Griechische Behörden begründen die Trennung damit, frühzeitig Flüchtlinge von „Wirtschaftsmigranten“ trennen zu wollen. Für die meisten Flüchtlinge beginnt die Ankunft in Europa nicht nur hinter Stacheldraht, sondern auch mit ihrer ethnischen Separation.

seinsart | Willkommen im Knast

Der 27-jährige Mahdi ist einer der vielen, die nicht das Glück hatten, einen der wenigen Wohncontainer in Moria zu ergattern. Vor zwei Jahren hat er Kabul und seine Speditionsfirma zurückgelassen. In Europa bleibt ihm und seiner Familie ein Lagerfeuer und ein Camping-Zelt im Olivenhain. Hunderte Flüchtlinge schlafen hier am Rand des überfüllten Camps auf Pappkartons, zwischen Müllhaufen und unter freiem Himmel. Das ist kalt, wenn das Thermometer nachts auf sieben Grad sinkt; das ist lebensgefährlich, wenn es anfängt zu regnen.

Wahrscheinlich wären in Moria längst Menschen gestorben, würden sich nicht ein halbes Dutzend Hilfsorganisationen und Dutzende Freiwillige um die Menschen kümmern. Überall laufen Mitarbeiter mit blauem UNHCR-Schriftzug durch das Camp. Deutsche „Grünhelme“ versuchen Zelte regen- und winterfest zu machen. Wer hustet, geht zu Ärzte ohne Grenzen. Wer trockene Schuhe für sein Kind sucht, landet in einem Zelt von SafeTheChildren. Daneben steht Edgard, einer der vielen Freiwilligen, die das Camp am Laufen halten. In seinem früheren Leben war der 29-Jährige Anwalt in Brasilien. „Dann sah ich die Bilder von den Flüchtlingen in Syrien, der Türkei und auf Lesbos, habe alles hinter mir gelassen und bin losgeflogen.“

seinsart | Willkommen im Knast

Hinter ihm formiert sich unterdessen die Essenschlange, die in einem kleinem Transporter der britischen Hilfsorganisation Oxfam mündet. Nur eine einzige Warteschlange gibt es im ganzen Camp, an deren Ende die Flüchtlinge mit Menschen zu tun haben, die von der griechischen Regierung für ihre Arbeit bezahlt werden. Zwischen Stacheldraht und Scheinwerfer warten die Flüchtlinge oft tagelang auf das Dokument, das ihnen erlaubt, das erste Stückchen Europa wieder zu verlassen. Es ist die längste Schlange von allen.

seinsart | Willkommen im Knast

Bilder: Fabian Köhler

Written by Fabian Köhler

Fabian Köhler hat in Jena und Damaskus Politik- und Islamwissenschaft studiert. Als freier Journalist schreibt er gern über und noch viel lieber aus Nahost. Auch wenn davon nicht mehr viel übrig ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>