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Heute ist Mittwoch. Ich bin inzwischen in Essen. Ich bin hierher gekommen, weil ich Thea, die Sängerin, treffen will. Sie kommt aus Stuttgart, um mich in das autonome Flüchtlingslager nach Calais zu begleiten. Die Jungs sind auf der Arbeit oder in der Uni. Also gehe ich ein wenig spazieren. Als ich an einem Internetcafé vorbei komme, beschließe ich, meine Recherche über Flüchtlingslager fortzusetzen. So habe ich mehr Möglichkeiten, morgen auf die Menschen in Calais einzugehen.

Das dritte Video, auf das ich  bei YouTube stoße, wurde in einem Flüchtlingslager aufgenommen. Ein kleines Mädchen führt das Kamerateam von UNICEF durch das Lager Domeez in Kurdistan. Ihr Name ist Niroz.

Niroz ist zehn Jahre alt. Sie musste mit ihren Eltern aus Hassaka in Syrien fliehen. Niroz hat ein beigefarbenes Wolljäckchen an. Darin sieht sie ein wenig aus wie meine Oma. Sie redet auch wie meine Oma. Aber sie ist viel smarter als sie.

Ich wünschte, wir wären in Hassaka gestorben.
Hier ist kein guter Platz für Kinder.  (Niroz)

Und wenn sie lacht, dann kniet die Erde in aller Demut vor ihr nieder.

Denn Niroz kann lachen und scherzen, obwohl sie in einem Flüchtlingslager in Kurdistan leben muss. Ständig weht ihr der Wind die braun-blonden, nackenlangen Haare ins Gesicht. Das hält sie jedoch nicht davon ab, den Leuten von UNICEF ihre Lage zu schildern. Niroz sieht aus wie eine Puppe aus einem Disney-Kinderfilm. Doch welche Puppe lebt in einem Camp mitten in einer Wüste?

In Europa haben Tiere mehr Rechte als wir hier.  (Niroz)

Niroz hat nur ein einziges Problem. Sie war seit zehn Tagen nicht mehr in der Schule. Sie will wieder zur Schule, mehr nicht. Niroz will Herzchirurgin werden. Was für eine Metapher. Oder ist das eher Sarkasmus, wenn ein Mensch davon spricht, in der Zukunft Herzen zu flicken, obwohl sie wahrscheinlich selber jemanden braucht, der ihr die Hand auf ihr kleines Herz legt, um sie zu trösten? Warum muss ein zehnjähriges Kind um Bildung bitten? Warum kann Bildung nicht grundlegend für alle Menschen auf der Erde sein?

Als ich zehn Jahre alt war, stellte sich mein größtes Problem als rotfarbenes BMX-Rad dar, für das ich 109,-DM zu sparen hatte. Dafür schäme ich mich. Denn ich war traurig, weil ich es nicht hatte. Niroz ist es nicht.

Sie lächelt weiter in die Kamera und erzählt, dass ohne Bildung nichts möglich ist. Noch nicht einmal das Lager, in dem sie leben muss.

Wenn ich groß bin und nicht studieren kann,
dann ist das das Ende meines Traums.  (Niroz)

Ich schaue ihr auf dem Bildschirm noch einmal in die Augen, bevor ich meinen Kopf senke, um in mich zu gehen. Bevor ich mich gleich hinlege, um zu schlafen, werde ich ein Gebet sprechen. Ich werde Gott um ein Wunder bitten. Das Wunder soll sein, dass Niroz es bis nach Calais geschafft hat. Wenn ich sie dort treffe, dann verspreche ich, dass ich sie mit nach Deutschland hole. Egal, mit welchen Mitteln.

Und dann wird sie Herzchirurgin. Da bin ich mir ganz sicher.

 

Bild: UNICEF

 

Hier geht es zu Tag 1: In den Dschungel von Calais.
Hier geht es zu Tag 3: Treue Freunde und Trittbrettfahrer.

Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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