Man muss nicht in Idomeni am Camp ankommen, um zu sehen unter welchen Umständen Menschen hier leben. Die Raststätte in Polykastro ist ein Beispiel von vielen. Mitten auf der Autobahn, 20 Minuten Fahrt vor Idomeni, wohnen Geflüchtete mit ihren Kindern direkt an der Autobahn. Darf man dazu ‚wohnen‘ sagen? Auch ‚leben‘ scheint mir unpassend. Während ich hier sitze, fehlt mir das passende Verb, um auszudrücken, was ich beschreiben möchte.

EKO – so der Name der Tankstelle – ist neben Idomeni das zweitgrößte Camp hier. Eine ganz normale Autobahnraststätte, auf dessen Freifläche Hunderte von Zelten dicht an dicht stehen. Viele freiwillige Helfer kümmern sich hier um die Verteilung von Essen oder spielen mit den Kindern. Doch die Arbeit der Volunteers auf das zu beschränken macht nicht klar, was diese Menschen hier vor Ort leisten. Vor allem sind sie da. Dieses Dasein ist neben der Grundversorgung das Wichtigste, das man unter solch katastrophalen Verhältnissen als Mensch einem anderen Menschen anbieten kann. Ich würde es neben Essen und Trinken als dritte Säule in unsere Vorstellung von einer Grundversorgung mit einbetten wollen.

Es kann nicht ausreichend sein, an die Menschen, die alles verloren haben, die vor Krieg und Terror geflohen sind, um zu überleben, nur Essen und Trinken zu verteilen. Wenn wir keine Empathie empfinden und diese ausstrahlen, wenn wir kein Lächeln für sie übrig haben und sie nur bemitleiden und sie nicht nach ihrer Geschichte und ihrer Fluchterfahrung fragen, werden die Geflüchteten für uns nur Geflüchtete bleiben. Als ob ihre Existenz mit der Flucht begonnen hat. Wir müssen beginnen zu sehen, beginnen für sie da zu sein.

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EKO ist umgeben von Grün wie vielleicht jede andere Autobahnraststätte, aber hier wirkt es anders. Denn das Grün wird unterbrochen von Zelten, in denen Menschen leben. Vor diesen liegt die asphaltierte Autobahn, die ins ersehnte weite Europa führt – oder auch nicht. Das Hoffnungslose an EKO war für mich, dass niemand und unter keinen Umständen auf die Idee kommen könnte, an einer so trostlosen Autobahnraststätte sein Zelt aufzustellen, wenn er nicht wirklich am Ende seiner Kräfte wäre. Allen, die in Deutschland behaupten, das hier seien gar keine Flüchtlinge, möchte ich die Frage stellen, ob sie freiwillig an diesem Platz bleiben würden.

Wer übernachtet für Tage oder Wochen an so einem Ort mit oder ohne seine Familie, wenn er eine andere Perspektive hat? EKO ist eine Autobahnraststätte, die nach nirgendwo führt, für Menschen, die nichts mehr haben als das, was sie noch tragen können. Hier liegt für mich das Ende Europas und das Ende von Menschenrechten und Würde. Wer EKO gesehen hat, kann den Satz eines Geflüchteten besser verstehen, der sich wünschte, „lieber in Syrien im Krieg gestorben zu sein, als hier zu enden. Im Krieg sterben Menschen, das ist schon immer so gewesen, aber so lebt man nicht.“

EKO ist für mich die letzte Raststätte der Hoffnung weiterzuleben. Europäische Werte dürfen nicht bei EKO enden. EKO darf nicht der Endpunkt der Flucht ins Leben sein.

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Bilder: Elif Kahnert

Written by Elif Kahnert

Elif Kahnert ist studierte Erwachsenenbildnerin und systemischer Coach. Als Lehrbeauftragte hält und organisiert sie Seminare zur türkischen Frauenbewegung und bloggt unter anderem über Flüchtlingspolitik.

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