Der Friedhof von Calais liegt nicht weit weg vom Zentrum der Stadt. Wir erreichen ihn schnell und problemlos. Dort angekommen trenne ich mich ein wenig von der restlichen Gruppe. Die Leute vom Friedhof sollen nicht denken, dass wir Journalisten sind und uns deswegen des Platzes verweisen. Außerdem weiß ich, dass ich gleich Gräber von Menschen sehen werde, die auf dem Zug und in einem LKW ihr Leben lassen mussten.

Der Friedhof von Calais hat einen Bereich für Flüchtlinge, der etwas abgesondert liegt. Ich finde ihn schnell. Meine Stimmung schlägt in Richtung Stille um. Während ich die Hände hebe, um ein Totengebet für all diese Menschen in den Gräbern zu sprechen, betrachte ich eine der Grabtafeln. Auf ihr steht in arabischer Schrift der Name eines Mannes geschrieben. Darunter steht sein Geburtsdatum. Das fängt mich sofort ein. Der Mann, der hier seine letzte Ruhe gefunden hat, ist nur drei Jahre jünger als mein Vater.

Ich muss wieder an meinen Vater denken. Was würde er zu all diesen Ereignissen sagen? Vorsichtig gehe ich in die Knie und bete für die hier Liegenden. Als ich mich wieder aufrichte, um mir die anderen Gräber anzusehen, stelle ich fest, dass die Gräber in der zweiten Reihe nur mit Nummern beschriftet sind. Das erste Grab trägt die Aufschrift „No. 5115″. Jetzt bestätigt sich der Verdacht, den ich eben hatte. Es kann nur einen Grund dafür geben: Hier liegen Menschen bestattet, die keine Papiere bei sich hatten, als sie ihr Leben bei einem Fluchtversuch ließen. Niemand weiß, wer in diesen Gräbern liegt. Nur Gott.

Mit diesem unangenehmen Wissen im Hinterkopf gehe ich in die nächste Reihe, um mir die Gräber dort anzusehen. In dieser Reihe sind die Gräber noch nicht belegt. An Stelle von Körpern stecken hölzerne Stäbe in der Erde, an denen kleine hölzerne Plaketten befestigt sind. Es sind etwa 10 Stück. Ich stutze. Warum sind die Gräber schon markiert – und für wen? Sind die Menschen, die in ihnen beerdigt werden sollen, bereits tot und liegen noch in den Kühlräumen des Krankenhauses? Oder hat man die nur vorbereitet, weil man sicher davon ausgehen kann, dass regelmäßig Flüchtlinge ums Leben kommen?

Meine Gedanken spielen verrückt. Ich muss hier weg. Im Camp konnte ich schon nicht viel für die Menschen machen. Hier kann ich außer einem Gebet gar nichts mehr verrichten. Also gehe ich zum Parkplatz und warte auf die Jungs, dass sie endlich kommen und wir nach Hause fahren können.

Kurze Zeit später sind wir auf der Autobahn in Richtung Dünkirchen an der belgischen Grenze zu Frankreich. Keiner spricht ein Wort. Stattdessen hören wir Musik aus dem Radio und versuchen unsere Tränen und Gefühle zurückzuhalten. Nach all den Tagen, neuen Freundschaften und hoffnungsvollen Gesichtern war dieser Abschied ein Schlag in die Magengrube. Ein Auge lacht, das andere weint.

Wir haben diesen verfluchten Ort nun hinter uns gelassen. Wir haben Menschen zurückgelassen. Vielleicht haben wir ihnen ein wenig geben können. Aber sie haben uns zweifellos viel mehr gegeben. Wir haben ihnen materielle Dinge gegeben. Die meisten Dinge, die wir gaben, kann man kaufen, gegen Geld wieder besorgen. Die Dinge, die die Flüchtlinge uns gegeben haben, kann man nicht kaufen. Allesamt! Denn sie gaben uns Freundschaft, Vertrauen, Obhut, Ehre oder Vernunft.

seinsart | Tag 12: Der Friedhof (Epilog)

Ich bekenne aus vollem Herzen heraus: Ich habe in diesem Camp viel über mich selbst gelernt. Ich habe gelernt, wie schwach ich bin. Und ich habe gleichzeitig gelernt, wie stark ich sein kann. Flüchtlinge denken nicht so eingeschränkt wie Europäer. Sie sind grundlegend auf Menschenwürde fixiert. Das habe ich von Amjad, dem Libyer, gelernt. Deswegen habe ich noch ein paar Fragen.

  • Warum sind Amjads berufliche Fertigkeiten nicht so viel wert wie meine? Weil er seinen Beruf nicht in Europa gelernt hat?
  • Warum ist Mimas Gesundheit nicht so viel wert wie meine? Weil er heute Abend beim Einschlafen wieder frieren wird?
  • Warum ist Elis Gebet nicht so viel wert wie meines? Weil ich in ein Gotteshaus aus Steinen gehen kann und er sich mit einer Plastikkirche abfinden muss?
  • Warum ist Munirs Lächeln nicht so viel wert wie meines? Weil ein Polizeibeamter es ihm schon ein paar mal aus dem Gesicht geprügelt hat?
  • Was ist mit Abdelrahman? Warum ist seine Kindheit nicht so viel wert wie die meine? Weil er keine Mutter mehr hat und dieses Loch nun irgendwie selbst ersetzen muss?
  • Warum kann Jack nicht an irgendeiner Universität ein Sportstipendium bekommen? Weil er ein schlechterer Sportler ist als ich?
  • Warum ist Anwars Freiheit nicht so viel wert wie meine Freiheit? Weil er keinen Pass hat, keinen deutschen noch dazu?
  • Was ist mit Berenice, die nun die Flüchtlinge hasst und die zu Wahlen gehen wird, die das Leben der Flüchtlinge zusätzlich verschlechtern können?

Alles, was diese Menschen nicht haben, können oder sich irgendwie zusammenschustern müssen, weil ihnen einfach nichts anderes übrig bleibt, macht sie zu außergewöhnlichen Vertretern unserer Spezies. Nicht ein einziger dieser Menschen hier im Camp, die ich kennengelernen durfte, würde jemals einen Menschen im Stich lassen. Jeder von ihnen würde uns in seinem Land herzlich willkommen heißen. Auch wenn es andersherum wäre, sie reich und wir arm. Die Armut ist es nicht, die sie zu außergewöhnlichen Menschen macht. Sie sind barmherzig und nobel. Sie sind dankbar und gütig.

Und sie haben Geduld. Und genau deswegen werden sie an ihr Ziel kommen. Und ich werde dabei sein. Bei meiner Ehre…

HAMMED KHAMIS

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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