Im Hostel geh ich direkt unter die Dusche. Während ich mich wasche, sehe ich, wie der ganze Schmutz meinen Körper entlang in den Abfluss fließt. Heute reicht mir das nicht. Ich seife mich noch einmal ein, spüle mich erneut. Noch immer kommt es mir so vor, als sei ich dreckig. Was habe ich heute an mir, das ich gar nicht abwaschen kann?

Ich rieche nach verbranntem Plastik, Ruß und Schweiß. Noch immer. Kann es sein, dass ich mir das dreimal eingebildet habe? Immerhin habe ich mich nun dreimal gründlich gewaschen. Unter meinen Fingernägel ist noch immer Schmutz.

Im Bett beginne ich darüber nachzudenken, was es sein kann, das mich so unrein und dreckig fühlen lässt. Ich denke an all die Menschen, die ich in einer einzigen Woche hier kennengelernt habe. Die Flüchtlinge, die Volontäre, die Journalisten, die Einheimischen von Calais oder die Polizeibeamten. Was war das nur für eine Woche?

Als ich neben mich blicke, um die Uhrzeit von meinem Handy abzulesen, sehe ich eine Flasche Sekt aus meinem Rucksack ragen. 
Die wollte ich eigentlich Eli schenken. Was soll’s. Ich kauf ihm morgen eine neue. Ich nehme meine Zigaretten und die Sektflasche, verlasse mein Zimmer und setze mich auf eine Wiese neben dem Hostel.

Aus meinem Handy tönt leise Musik. Die Sonne ist schon untergegangen, aber die Wellen vom Meer hört man noch gut. Es ist eine unglaublich schöne Sommernacht. Ich gehe kurz in Richtung des Strandes und genieße die klare Meerluft. Der ganze Schmutz, den ich eben noch unter der Dusche gerochen und gefühlt habe, hat sich aufgelöst.

Nach einer Viertelstunde gehe ich zurück zu der Wiese neben dem Hostel und setze mich wieder auf meine Jacke. Es ist so ruhig hier vor dem Hostel. Ganz anders als im Dschungel. Da ist jetzt richtig was los. Wo wäre ich lieber?

Ich muss wieder an meine Freunde aus dem Camp denken. Die Hälfte von ihnen ist wieder auf dem Weg zu den Zügen. Vielleicht teilt mir morgen im Camp jemand mit, dass sich einer meiner Freunde verletzt hat. Oder einer von ihnen ist umgekommen. Könnte ich damit leben? Bestimmt nicht. Verhindern kann ich es aber auch nicht.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder einmal mit gesenktem Haupt in mich zu gehen und für diese Menschen zu beten. Das macht mich unendlich traurig. Ich wünschte, ich wäre jetzt nicht allein.

Könnte ich damit leben? Bestimmt nicht.
Verhindern kann ich es aber auch nicht.

In diesem Augenblick kommt ein weißer Bulli mit italienischem Kennzeichen vor das Hostel gefahren. Es sind die Punker aus dem Camp. Zwei von ihnen erkenne ich sofort wieder. Der eine mit den langen Haaren und dem Bart geht grüßend an mir vorbei ins Hostel. Als er einige Minuten darauf wieder an mir vorbeikommt, schaut er mich kurz an und fragt, ob bei mir alles okay sei.

Ich würde gerne Ja sagen. Aber es ist nicht alles okay bei mir. Ich könnte ihm noch nicht einmal sagen, was für ein Problem ich habe. Der Punker setzt sich neben mich auf die Wiese und bedient sich an meinem Sekt. Eigentlich kann ich sowas nicht leiden, aber dieser Kerl kam mir seltsam vertraut vor, während er sich zu mir gesetzt hat. Mit einem Pfiff ruft er seine Freunde zu uns auf die Wiese.

Nun sitzen wir hier zu viert und reden über das Geschehene. Die drei Punker heißen Giuseppe, Roberto und Andrea. Sie kommen aus Rom und Florenz. Seit einer Woche treiben die sich schon im Camp herum. Keiner weiß genau, was sie dort tun. Aber sie waren, soweit ich es beurteilen kann, immer sehr freundlich zu den Flüchtlingen. Ich habe sie immer bei Helfertätigkeiten wahrgenommen. Mit ihrem Bulli haben sie viel Holz für die Flüchtlinge zum Bauen und Verbrennen geholt. Das ist viel wert.

Sie erzählen mir, dass auch sie mich ständig im Camp mit den Flüchtlingen gesehen haben. Und dass sie mich für einen guten Mann halten. Mir kommen die Tränen. Giuseppe fragt mich, ob etwas passiert ist. Ich antworte ihm, dass ich morgen abreisen muss. Ich habe schon seit zwei Tagen kein Geld mehr, deswegen nehme ich das Angebot der Hamburger an, mit ihnen zu fahren.

Damit sie mich und meine Trauer verstehen, erkläre ich ihnen, dass ich mich wie ein Feigling fühle. Ich habe noch nie einen Menschen im Stich gelassen. Irgendetwas muss ich doch noch tun können, bevor ich gehe. Die Punker rücken noch etwas näher zusammen und beratschlagen.

Giuseppe bietet mir an, mit ihnen ins Camp zurückzufahren. Dort haben sie noch ein Zelt frei. Das Angebot lehne ich nicht ab. Schnell packe ich meine Sachen zusammen und verlasse das Hostel. Unten am Bulli lachen wir uns gegenseitig an. Wahrscheinlich haben die Jungs gerade ein großes Problem gelöst.

Auf dem Weg zum Camp denke ich nach, während sich die Punker auf Italienisch miteinander unterhalten. Ich muss an meine Freunde in Deutschland denken. Einige von ihnen heißen Josef, Robert oder Andreas. Wie es Namen gelingen kann, uns vor Augen zu führen, dass wir im Grunde alle gleich sind, egal auf welcher Seite der Alpen wir wohnen.

Wenn sie Deutsche wären,
würden sie Josef, Robert und Andreas heißen.

Im Camp bringen mich die Jungs direkt zu dem Zelt, in dem ich schlafen soll. Es ist ein einfaches Zweimannzelt mit einer aufgeblasenen Matratze darin. Das haben sie ganz oben auf einer Düne aufgebaut. In einer Sommernacht gibt es, glaube ich, nichts Besseres. Die Jungs ziehen sich zurück.

Morgens sortiere ich gerade meine Sachen in wichtig und unwichtig, als ein Sudanese aus seiner nebenanliegenden Hütte zu mir kommt, um mich zu begrüßen und mir einen frisch gekochten Kaffee anzubieten. Er tut dies, als wäre es ein altes Ritual, dass ich da neben ihm in dem Zelt schlafe. Weiß dieser junge Mann, dass ich kein Flüchtling bin?
Wahrscheinlich interessiert es ihn auch gar nicht. Eins weiß ich aber, spätestens seit heute Nacht: Mein Koffer bleibt hier. In ihm bleibt alles, worauf ich verzichten kann. Meine Kamera und mein Aufladekabel und dergleichen kommen in meinen Rucksack. Das muss ich mitnehmen, das muss reichen. Ohne mich zu verabschieden, lasse ich meinen Koffer mit ein paar Sachen als Geschenk zurück für den Flüchtling, der mir den Kaffee gemacht hat.

Ich gehe zu den Afghanen. Unsere Jungs sind sicher schon dort. Als ich das Viertel erreiche, sehe ich Leo und Jarek irgendwas vor der Kirche aufnehmen. Basti ist schon wieder unentwegt dabei, die Leute von A nach B zu fahren. Er guckt längst nicht mehr so unbeschwert wie in den Tagen zuvor. Als er an mir vorbeifährt, macht er auch keinen Witz mehr wie sonst, wenn er „Taxi, Taxi!“ rief, obwohl er einen Flüchtling mit gebrochenen Beinen zum Krankenhaus fuhr.

Ich glaube, Basti hat gestern genau das Gleiche abbekommen wie ich. Und wir beide wissen, dass es noch nicht vorbei ist. Die richtige Scheiße kommt noch.

Irgendwann habe ich meine Papiere fertig.
Dann komme ich dich in Berlin besuchen, Hammed.
Vergiss uns bis dahin aber bitte nicht!

Ich setze mich wieder auf einen Stein, um zu rauchen. Mima taucht wie aus dem Nichts vor mir auf. Er weiß bereits, dass wir das Camp heute verlassen werden. Wortlos setzt er sich neben mich auf den großen Betonklotz, in den eine Laterne des Camps eingelassen ist. Ich nehme meine Zigaretten aus meiner Tasche und zünde mir eine davon an. Die anderen Zigaretten reiche ich Mima. Nun rauchen wir beide, wortlos.

Nach einiger Zeit sieht mich Mima traurig an. „Kommst du wieder?“ Mit Tränen in den Augen drehe ich meinen Kopf zu Mima und lächle ihn an. „Was wäre ich denn für ein Mensch, wenn ich nun einfach nach Hause gehen würde, ohne wieder zu euch zu kommen?“ Mima gefällt mein Versprechen. Aber ich sehe, dass er es nicht für bare Münze nimmt. Also nehme ich ihn ganz fest in den Arm, um es ihm zu versprechen. „Bei meiner Ehre, ich habe noch nie mein Wort gebrochen.“

Nun spüre ich, wie sein dünner und knochiger kleiner Körper in meinen Armen zu beben beginnt. Ich ahne, dass Mima nun ebenfalls weint. Das wollte ich nicht. Ich weiß noch nicht wie, aber ich bin mir sicher, dass ich jede einzelne seiner Tränen wieder gut machen werde „Irgendwann habe ich meine Papiere fertig. Dann komme ich dich in Berlin besuchen, versprochen, Hammed. Vergiss uns bis dahin aber bitte nicht!“

Wie könnte ich all diese Menschen und die Ereignisse mit ihnen nur vergessen? Immerhin bin ich hier, um ein Buch über diese Schande zu schreiben, diese Schade inmitten Europas, die Schande von Calais. Das habe ich Mima nicht gesagt. Aber was tut das schon zur Sache. Ich verabschiede mich von ihm und gehe zurück zum Eingang, um dort weiter auf die Hamburger Jungs zu warten.

Nach etwa einer Stunde kommen Basti, Leo und Jarek mit dem Auto angefahren. Sie haben die englische Victoria im Fond sitzen. Sie will mit nach Deutschland. Ich bitte Basti, mich noch einmal zu Mounir und Jack zu bringen. Ich hatte ihnen noch etwas versprochen. Vorhin beim Sortieren des Koffers waren mir das gut erhaltene Brasilien-Trikot und meine alten, etwas schäbigen blauen Nikes in die Hände gefallen. Einem richtigen Freund kann man so etwas eigentlich nicht geben. Aber Mounir hatte mich genau danach gefragt.

Als ich an seiner Hütte klopfe, höre ich keine Reaktion. Plötzlich aber steht Youssef neben mir und begrüßt mich. Er sagt, dass Mounir heute bei einem Freund in einer anderen Hütte übernachtet habe. Und dass er gewusst habe, dass ich mein Wort nicht brechen würde. Deswegen, so Youssef, wollte er heute nicht hier sein, um mir meinen Abschied nicht zu erschweren.

Youssef umarmt mich stellvertretend für seinen Freund. Ich schweige. Mounir hat sich von allem, was in seinem Leben wichtig war, schon so oft verabschieden müssen, dass ihm der Abschied bitter geworden ist. Ich lasse ihm durch Youssef ausrichten, dass ich wiederkomme. Auf einem Zettel vom Müllhaufen notiere ich ihm meine Kontaktdaten in Deutschland. Dann drehe ich mich um und kehre zu unserem Bus zurück.

Es geht los. Das Camp fällt immer weiter hinter uns zurück, während wir ein letztes Mal diese lange und endlose Industriestraße entlangfahren. Heute aber sind alle sehr ruhig. Jeder weiß, dass es das letzte Mal sein wird. Das letzte Mal für diesen Monat.

Doch bevor wir Calais verlassen, haben wir noch eine allerletzte Station vor uns. Wir müssen noch zu den Toten.

 

Bild: Hammed Khamis

 

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Written by Hammed Khamis

Hammed Khamis wuchs in einer westdeutschen Gastarbeitersiedlung auf. Der Streetworker und Journalist ("Ansichten eines Banditen") setzt sich besonders für die Integration Jugendlicher mit Migrationshintergrund ein.

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