„Arm hoch – und jetzt gegenhalten!“ herrscht mich der Osteopath an. Ich liege auf einer Patientenliege und habe den linken Arm in die Höhe gestreckt, bereit, auf das nächste Kommando zu reagieren. Ich soll erst mit aller Kraft gegen drücken und dann – kurz nachdem der Befehl „jetzt“ kommt  – den Arm ganz spontan fallen lassen. Der Osteopath hat eine dicke, leicht beschmierte Brille und seine Praxis ist ausgesprochen gut beheizt. Jedenfalls schwitze ich, was bei mir nur äußerst selten vorkommt. Aufgrund eines andauernden Surren im Ohrs habe ich mich an ihn gewandt, ganzheitlich, immer eine gute Sache, wenn man das Gefühl hat, irgendwie stimmt insgesamt was nicht. Das Eingangsgespräch lief allerdings ganzheitlich betrachtet in die völlig falsche Richtung: „Reizdarm, Darmsanierung, glutenfrei, ohne Zucker, seit einem Jahr ?…Mmh“, machte der Naturheilkundler als ich von meiner Ernährungsumstellung berichtete und schaute mich aus seinen dicken Brillengläsern vielsagend an.

Es war mein Fehler, ich hatte ihn auf eine spannende Spur geschickt, die er jetzt offensichtlich dringend verfolgen wollte: Meine Darmprobleme. „Legen sie sich mal hin“, lautete der Befehl. Was folgte, war Kinesiologie. Eine Bewegungslehre, bei dem davon ausgegangen wird, das bei bestimmten Beschwerden, bestimmte Muskelgruppen geschwächt und so bestimmte Energieflüsse gestört werden. So habe ich seine ungeduldig genuschelte Erklärung jedenfalls verstanden. Und schon lag ich flach. „Irgendwie klappt das bei Ihnen nicht“, der Osteopath wurde merklich ärgerlich. Ich stammelte irgendwas von „überrumpelt“, da hatte ich schon eine handvoll kleine Steinchen auf dem Bauch liegen, die er jetzt mit einem sichtlich erleichterten Blick anlächelte. „ Sie haben Parasiten!“ rief der Osteopath begeistert und schrieb mir eine Mixtur von fünf chinesische Kräuter auf, die ich bei einer speziellen Apotheke bestellen sollte. Eilig stieg ich von der Liege und ging nach nach Hause.

Das ganze Jahr über hatte ich mich mehr und manchmal auch ein kleines bisschen weniger aufgrund einer kompletten Darmsanierung an meine neue Ernährungsumstellung gehalten. Kein offener Zucker und auch den versteckten Zucker so gut es geht vermeiden. Das hieß nicht nur den bekanntlich schädlichen, weißen Industriezucker weglassen. Es hieß auch den braunen Rohrzucker, Ahornsirup und was die Biokiste noch so alles als „besseren“ Zucker verkaufte, wieder wegstellen. Genauso wie Fruktose in Form von Früchten, Marmelade und Fruchtjoghurts. Für einen Süßfrühstücker wie mich eine echte Herausforderung. Dazu: Um alles, was mit Weizengluten zu tun hat, einen Bogen machen. Keine Pasta, keine Pizza und kein Toast. Keine vegetarischen Ersatzprodukte, die gerne auf Weizenbasis hergestellt werden und kein – ja, das war am härtesten – Kuchen.

Der Erfolg stellte sich erst nach mehreren Monaten ein. In dieser Zeit habe ich nie an meiner Entscheidung gezweifelt. Neben einer besseren Haut, hatte sich vor allem mein Blutzuckerspiegel entscheidend stabilisiert. Mit zitternden Fingern, trockenem Mund und stinkend schlechter Laune in den Späti rasen und mit schwacher Stimme ein Bounty verlangen, um nicht mit Kind und Einkaufstüten in der Hand urplötzlich umzufallen? Vorbei. Peinlich-plötzliches Aufspringen bei einer Essenseinladung, nachdem der Teller Nudeln mit Gorgonzolasauce gerade eben verdaut war und in ICE-Geschwindigkeit durch meinen Dickdarm ins Besucherklo rauschte? Nie mehr passiert. Knallharter Bauch, aufgedunsen wie im siebten Monat mit schmerzhaften Blähungen und Stechen im Unterbauch? Nur noch ganz selten. Das Weglassen der beiden aggressiven Darmflora-Killer Zucker und Weizengluten hatte mir insgesamt gut getan, meine Beschwerden hatten merklich abgenommen – ganz verschwunden waren sie allerdings nicht.

Deswegen machte mir die „Diagnose“ des Osteopathen natürlich zu schaffen. Kamen nach Reizdarm und Fehlbesiedelung nun die Tiere?  Klang wie in einem schlechten Remake von „Alien“ , aber bitte nicht in meinem Bauch. Ich war mal wieder verunsichert. Trotz der positiven Erfahrung mit dem Thema bewusste Ernährung muss ich zugeben, dass es aufwendig ist, sich zuckerfrei und glutenfrei zu ernähren. Schaut man sich auf anderen Blogs und in anderen Communitys um, geht es zu 90 Prozent um Diäten, wie etwa die Low-FODMAP-Diät, bei der man bestimmte, vom Dünndarm schwer absorbierbare Nahrungsmittel weglässt oder allgemeine Diättipps, die über humorlose Spinat-Grünkohl-Smoothies und ein paar einsamen Nüssen auf dem extradicken Pancake vesuchen, Gewichtsreduktion zum Lifestyleevent zu machen. Auch die sogenannten Muttiblogs bedienen die Sparte „gesundes Essen“, da tauchen dann die angesagten Bananenbrote mit Dinkelmehl oder der fluffige Couscous mit Paprikagesichtern auf. Und entgegen meiner heimlich gehegten Erwartungen bin ich bis jetzt auch noch kein hipper Foodie, der auf Instagram als bezahlter Micro-Influencer Food Porn im ganz großen Stil betreibt. Wie vor der Umstellung habe ich ein Set von circa zehn Gerichten, die „gehen“, den Rest kaufe ich mir zusammen. Nach Rezept Brotbacken zum Beispiel, hat sich für mich zu einer unüberwindbaren Hürde erwiesen. Keine Lust, keine Zeit, keine Ideen.

Dafür kenne ich sämtliche glutenfreien Schnellbackmischungen und Pasta-Ersatzprodukte in- und auswendig. Statt zur Kochnudel oder zum Foodienerd zu mutieren, war ich eine Art Produkttesterin geworden: Sämtliche Schleckereien, wie etwa mit Reissirup gezuckertes Morgenmüsli, glutenfreien Brötchen, Backmischungen für minimal gezuckerten Käsekuchen, Pfannkuchen, Müsliriegel, fruktosefreie Marmelade und anderen Zutaten zur gluten- und zuckerfreien Ernährung wie Hirse, Quinoa, Linsennudeln und Reissmilch kaufe ich tatsächlich im Biomarkt oder in der noch immer hochfrequentierten Drogerie. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dieser Markt wächst und monatlich neue schick designte Packungen in die Regale spült, die irgendein Superfood versprechen und damit wohl auch ein neues, super Leben. Ich habe also gar keine Zeit, mich um etwaige Tiere in meinem Inneren zu kümmern. Für mich gilt mehr denn je: Süß war gestern und mit halbgaren Diagnosen lasse ich mich nicht mehr abspeisen.

Rezept:

Leckeres Porridge mit Mandel, Reissirup und Zimt

Zutaten:
– Glutenfreies Porridge aus dem Biomarkt
– Reissdrink
– 1 halber Apfel
– eine handvoll Mandeln
– Reissirup
– Zimt

Porridge und Reisdrink in der gewünschten Menge im Topf erhitzen, 5 min. köcheln lassen.
Mit einem halben Apfel, der handvoll Mandeln anrichten, Zimt darüber streuen, fertig!

 

Mehr zuckerfreie und glutenfreie Gerichte auf Instagram unter www.instagram.com/zuckerblock

 

Bilder: silviarita (Cover); Cosima Grohmann (im Text)

Written by Cosima M. Grohmann

Cosima M. Grohmann hat Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte studiert und arbeitet als Redakteurin in einem Berliner Verlag. Als freie Journalistin schreibt sie über zuckerfreies Essen, Arbeit und Wohnen im 21. Jahrhundert und das Internet.

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