Wir hatten keine Ahnung. Wir saßen unter der Erde, meine Schwester und ich, vor einer riesigen Kinoleinwand und sahen 007 dabei zu, was er am besten kann: Frauen verführen und teure Autos fahren. Wir dachten, dass all die Menschen, die das Kino frühzeitig verließen, einfach den Film nicht mochten. Na gut, er war nicht großartig, aber ernsthaft: All diese Leute? Und was hatte es mit all diesen Handys auf sich und all diesem SMS-Geschreibe? Wir hatten keine Ahnung. Wie die meisten Leute, die um uns herum saßen und einfach einen nicht so großartigen James Bond genossen. Wie die Leute im Bataclan, an diesem Freitag den 13. Wir hatten keine Ahnung.

Ich denke, ich habe meine Schwester nie so erschrocken gesehen wie zu dem Zeitpunkt, da wir endlich das Kino verließen und Sainte-Eustache vor uns sahen und ein Dutzend Polizisten, die uns mit ihren Maschinengewehren anstarrten und drängten, so schnell wie möglich nach Hause zu gehen. Sie umklammerte meinen linken Arm so stark, dass ich kaum nach meinem Handy greifen konnte, um herauszufinden, warum in aller Welt ich mehr als 50 SMS in weniger als 3 Stunden erhalten konnte. Langsam und schmerzlich holte uns die Realität ein, als wir uns unseren Weg zur Haustür bahnten, die zum Glück nur ein paar hundert Meter entfernt lag. Und dann, als die Flut an Nachrichten von Freunden und Familienangehörigen zu einem Ende kam, holte die Realität zu einem noch größeren Schlag gegen uns aus… aber darüber werde ich nicht sprechen.

Selbst in den ersten zwei Augustwochen, wenn die meisten Leute im Urlaub sind und die Stadt leer und brach vor uns liegt, habe ich Paris nicht so trübe in Erinnerung wie in dieser Samstagnacht. Meine Schwester sorgte sich darum, dass die Franzosen die Grenzen schließen könnten, da wir vorhatten, in der kommenden Woche nach Berlin zu reisen, und machte sich Sorgen, Ärger wegen ihres Schengen-Visums zu bekommen. Familie und Freunde sorgten sich darum, dass noch etwas passieren könnte, und wollten sie einfach zurück bei sich wissen.

Einige waren richtig wütend darüber, dass ihre Freunde auf Facebook ihre Profilbilder mit der französischen Flagge verhüllt hatten. Andere ärgerten sich über Facebook selbst, dass diese ihre Sicherheitsfunktion für Paris aktiviert hatten – aber nicht für Beirut. Anschuldigungen flogen in alle Richtungen: Haben bestimmte Regierungen den Terrorismus hervorgerufen; haben andere ihn befördert; haben einige ihn finanziert; haben andere einfach weggesehen; ist Syrien die Quelle von alldem; sind die Syrer seine Opfer; einige machten die Flüchtlinge verantwortlich; andere die Religion. Es fühlte sich wie Krieg an.

Langsam legt sich der Staub und die Soireen gehen weiter. Für die, die ihre Liebsten verloren haben, fühlen sich die Dinge vermutlich ganz anders an. Aber die Franzosen halten ihr Versprechen zu leben und zu lieben – und die Fragen nach Wer und Warum beginnen langsam zu verebben; bis auf die der Intellektuellen und der Politiker… was beinahe jeder in dieser Gesellschaft zu sein scheint.


Englischer Originaltext / English original text:

We had no clue. We were sitting underground, my sister and I, in front of a huge cinema screen watching 007 do what he does best: seduce women and drive expensive cars. We thought that those people leaving the movie theater just didn’t like the film. Honestly, it wasn’t great, but seriously, all those people?! Besides, what’s the deal with all those mobile screens and texting going on? We had no clue. Just like most of those sitting around us enjoying the not-so-great James Bond. Just like those sitting at the Bataclan on that Friday 13. We had no clue.

I don’t think I’ve ever seen my sister that horrified before as we finally got out to face Sainte-Eustache and a dozen or so gendarmes staring at us with their rifles and urging us to go back home as fast as possible. She was clutching my left arm so hard I couldn’t properly get a grip on my mobile phone, trying to figure out how on earth I could have received more than 50 messages in less than 3 hours. Reality sunk in painfully by the time we got to our building front door, fortunately a couple hundred meters away. And then, as the flow of private messages from friends and family who were worried sick ceased, reality came out even more painfully… but I won’t talk about that.

Even during the first two weeks of August when most people are gone and the city is empty, I don’t remember seeing Paris as gloomy as that Saturday night. My sister was worried about the French closing the borders, as we were traveling to Berlin in a week, and she was afraid she would now have trouble with her Schengen visa. Family and friends were worried about something else happening soon, and just wanted her back. Some were quite angry that their friends on Facebook have covered their profile pictures with the French flag. Others were even angry at Facebook because they turned the safety feature on for Paris and not for Beirut. Accusations were flying in all directions: did certain governments provoke terrorism; did others promote it; were some funding it; were others turning a blind eye to it; is Syria the source of it all; are Syrians the victims of it all; some blamed the refugees; others blamed religion. It felt like war.

The dust is slowly settling and the soirees are picking up again. For those who have lost dear ones, things probably feel very different. But the French are keeping their promise to live and love, and questions of who and why are mostly left behind, or to the intellectuals and politicians… which every person in this society tends to be.

Bild: cocoparisienne

Written by Osama Sayed

Osama Sayed ist ägyptischer Geschäftsmann und lebt seit 2008 in Paris. Er arbeitet mit StartUps und sozialen Projekten und unterstützt Unternehmen dabei, mögliche kulturelle Unterschiede erfolgreich zu überbrücken.

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