Im letzten Teil dieses Artikels haben wir uns mit zwei wichtigen Voraussetzungen für echtes Selbstbewusstsein beschäftigt: dem Körper und den Emotionen. In diesem abschließenden Teil werfen wir einen Blick auf zwei weitere unverzichtbare Elemente eines wirklich ganzheitlichen Bewusstseins für die eigene Persönlichkeit: Verstand und Geist.

 

3. Selbstbewusstsein und Verstand

Selbstverständlich spielt auch der Verstand und die Selbsteinschätzung in unseren Gedanken eine wichtige Rolle für das Selbstbewusstsein. Der Selbstbewusste entwickelt ein positives Selbstbild von sich und seinen Fähigkeiten. Je mehr uns dieses schon in der Kindheit vermittelt wurde, umso leichter können wir auch in schwierigen Situationen ein positives Selbstbild aufrechterhalten.

Je zarter ein Mensch körperlich ist, je sensibler er emotional und je intelligenter er ist, desto anspruchsvoller wird die Aufgabe ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen. Denn das besonders feine Unterscheidungsvermögen verleitet unseren Verstand dazu, alles zu hinterfragen, beziehungsweise alles in Frage zu stellen. Dann vergleicht uns der Verstand immerzu mit anderen und wird stets einen Makel entdecken. So kommen immer mehr Selbstzweifel auf. Häufig schlägt das in dauernde Selbstkritik um, die das Selbstbewusstsein zu untergraben droht. Denn dann entsteht die innere Überzeugung, weniger wert zu sein als andere. Dann lernen wir nicht, unsere eigenen Potenziale wertzuschätzen und sie im Leben erfolgreich umzusetzen. Und selbst wenn wir im Leben erfolgreich sind, wird es unserem inneren Kritiker niemals genug sein.

In solchen Fällen hilft nur, sich der unbewussten Selbstverurteilung bewusst zu werden. Es gilt, seine Fähigkeiten und Grenzen realistisch einzuschätzen, in dem Wissen, dass niemand perfekt sein muss und kann. Jeder Mensch ist liebenswert und kann lernen, sich selbst so anzunehmen und zu lieben, wie er in Wahrheit ist. Was ich denke, glaube und innerlich täglich zu mir selbst sage, prägt auch meine gesamte Haltung. Ein selbstbewusster Mensch wird nicht gebeugt, sondern aufrecht durchs Leben gehen.

Sowohl demjenigen der sich prinzipiell überschätzt, wie auch demjenigen der sich unterschätzt, fehlt wahres Selbstbewusstsein. Dieses kompensieren wir meist, indem wir unsere Unsicherheit hinter übermäßig selbstbewusst wirkendem Auftreten verstecken. Übertriebenes Selbstbewusstsein, Imponiergehabe oder Überheblichkeit gehen in der Regel mit dem Versuch einher, besser zu sein als wir in Wirklichkeit sind – oder zumindest nach außen hin besser zu erscheinen. Selbst wenn wir an das Selbstbild glauben, das wir der Umwelt vorspiegeln, steht unser wirkliches Selbstbewusstsein auf wackeligen Füßen. Denn unser Unterbewusstsein weiß ja sehr wohl, wenn sich hinter dem äußeren Schein andere Wahrheiten verbergen.

Andererseits ist es manchmal notwendig, unsere Ängste und Unsicherheiten zu überwinden und selbstbewusster aufzutreten als wir uns vielleicht fühlen. Denn wie oft neigen wir dazu, uns zu unterschätzen. Sich selbst treu zu bleiben und seine Potenziale in die Welt zu tragen und zu verwirklichen, wird dann zu einer Art Selbstverpflichtung.

Obwohl Selbstbewusstsein primär ein Seinszustand ist, der vor allem davon abhängt, dass wir uns selbst so annehmen wie wir sind, müssen wir uns durch unsere Handlungen und ihre Ergebnisse in der Welt erst selbst kennenlernen. Sonst könnten wir nicht verstehen, wer wir sind. Unser inneres Wesen verlangt nach Selbstverwirklichung unserer wahren Potenziale, um vollständig sein zu können. Beispielsweise kann ich zwar sprachbegabt sein, doch wirksam wird diese Fähigkeit erst, wenn ich tatsächlich eine Sprache lerne und mich in dieser verständige.

Wir können aus jeder Erfahrung stets das Beste machen und daraus lernen. Und wer an seinen Erfolg glaubt, wird eher gewinnen – doch ohne sich vom Erfolg abhängig zu machen. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass mein Selbstwertgefühl allein vom Erfolg meines Handelns abhinge. So sind wir stolz und selbstbewusst, wenn wir bessere Leistungen erbringen als andere, mehr Geld verdienen oder höheres Ansehen genießen. Der Erfolg bestärkt unser Selbstbewusstsein, kann jedoch trügerisch sein.

Nachdem es so schwierig ist, sich selbst wahrzunehmen, benutzen wir unsere Leistungen und die Reaktionen anderer gerne als Spiegel, um uns selbst einzuschätzen. Dies ist aber insofern gefährlich, als der äußere Spiegel oft stark verzerrend wirkt. Wenn wir uns mit dem Bild identifizieren, das andere (oder wir selbst) von uns haben oder haben möchten, dann leben wir an uns selbst vorbei. Berühmte Stars, die an ihrem äußeren Erfolg scheiterten, können davon ein Lied singen. Selbstbewusstsein braucht die Erfahrung von innen heraus, aus sich selbst heraus. Dies bringt uns zur:

 

4. Spirituelle Dimension des Selbstbewusstseins

Unser Bewusstsein funktioniert nach ganz anderen Gesetzen als unser Verstand. Denn der Verstand betrachtet und bewertet die Dinge von außen, während Bewusstsein von innen her wirkt.

Anfangs nützt das Bewusstsein den Verstand, um unsere Aufmerksamkeit zu sammeln und fokussiert auf ein Objekt zu richten. Und doch nimmt es das Ganze ringsherum mit wahr. Es grenzt nicht ab und nicht aus, sondern schließt – insbesondere mich selbst – stets mit ein. Es nimmt alles nebeneinander einfach wahr ohne zu urteilen oder zu werten. Es nimmt alles so an, wie es im Augenblick ist. Unser Bewusstsein begleitet uns seit früher Kindheit und wirkt als stiller Zeuge unseres Lebens.

Bewusstsein beginnt innen bei mir selbst in meinem Körper und dehnt sich im Laufe der Zeit aus – auch weit über mich und meine Person hinaus. Ich werde mir zunehmend bewusst, dass ich Teil eines größeren Ganzen in der Welt bin, in das ich liebevoll eingebunden bleibe. Wird dieses bewusste Sein zur Lebenshaltung, dann sprechen wir auch von Bewusstheit. Bewusstheit bedeutet Achtsamkeit in jedem Augenblick – Achtsamkeit einerseits für unsere Körperwahrnehmungen, unsere Gefühle, Gedanken, Handlungen und Wirkungen und andererseits auf unsere Umwelt ohne Bewertung und Verurteilung.

Manchmal wird uns schmerzhaft bewusst, dass das Leben nicht nur aus Erfolgen, sondern auch aus Verlusten besteht. Doch durch genau diese Grenzerfahrungen beginnen wir, über das Bewusstsein unserer selbst hinauszuwachsen und uns in Demut den höheren Kräften dieser Welt anzuvertrauen. Dann entsteht so etwas wie Gottvertrauen, das – im Unterschied zum Urvertrauen des Kindes – durch die Erfahrungen in der Welt geläutert wurde. Gemeint ist hiermit nicht unbedingt ein Glaube an Gott, sondern die Anerkennung dessen, dass unser Schicksal von übergeordneten Kräften doch in irgendeiner sinnvollen Art und Weise gelenkt wird und nicht ausschließlich von unserem Handeln abhängt.

Nur wer immer wieder bereit ist, das Alte loszulassen und erneut ins Leben zu investieren, wird weiterhin vom Leben reich beschenkt werden. Dabei sind wir darauf angewiesen, uns und der Welt ausreichend Vertrauen zu schenken. Und das, obwohl wir niemals wissen, was die Zukunft bringen wird. Doch je öfter wir auch Schwierigkeiten zu meistern gelernt haben, umso größer wird unser Selbstvertrauen, uns in Zukunft auch noch schwierigeren Aufgaben stellen zu können.

Bin ich wahrhaft selbstbewusst, so kann ich mich respektvoll und voller Demut vor dem Besseren, vor dem Höheren und Größeren verneigen und dessen Qualitäten anerkennen – ohne mich selbst deshalb in Frage stellen oder herabsetzen zu müssen.

Bewusstsein gedeiht in einer aufrechten Lebenshaltung der Bewusstheit. Diese beginnt im Körper in meiner Körperachse, das heißt in meinem innersten Wesenskern und kann von hier aus in immer weiteren Kreisen in die Welt hineinwachsen. Der Erleuchtete hat schließlich sein Bewusstsein so erweitert, dass er sich des Ganzen bewusst ist. Er nimmt sich in jedem Augenblick als Teil einer größeren Einheit wahr und fühlt sich mit dem gemeinsamen göttlichen Ursprung aller Menschen, allen Lebens, ja allen Seins zutiefst verbunden. Der Buddhist würde sagen, dass er in tiefstem Mitgefühl mit sich selbst und der Welt lebt. So kann gesundes Selbstbewusstsein die Vorstufe zu größerer Bewusstheit in der Welt werden.

 

Am 1. Oktober 2015 erschien das neue Buch von Dr. med. Alexander Sembritzki im Droemer-Knaur-Verlag: Wie Gefühle heilen. Ein Gewinnspiel zum kostenlosen Erhalt dieses Buchs läuft gerade für alle Newsletter-Abonnenten – die Ziehung erfolgt am Wochenende, die Anmeldung lohnt sich also noch!

Am morgigen Freitag, den 6. November, liest der Autor in Berlin aus seinem Buch. Karten sind noch erhältlich und können entweder vor Ort oder über die Webseite gebucht werden:

Lesung: Entwicklung der Selbstheilungskräfte – wie Gefühle heilen
Dr. med. Alexander Sembritzki
06.11.2015 19:30 Uhr

http://www.berliner-buecherhimmel.de
(Berlin-Schöneberg, Nähe Viktoria-Luise-Platz)

 

Bild: Unsplash

Written by Alexander Sembritzki

Dr. med. Alexander Sembritzki ist Facharzt für Allgemeinmedizin. In seiner Praxis arbeitet er mit Japanischer Akupunktur und Chinesischer Medizin, Atemkraft-Qigong und Tai-Chi-Chuan.

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