Die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ gehört zu den mutigsten politischen Formaten der gegenwärtigen Medienlandschaft. Mutig deshalb, weil sie im Gegensatz zu ebenfalls humorigen Formaten wie die „Heute Show“ oder die Zeitschrift „Titanic“ Politik nicht bloß als Aufhänger für teilweise recht niederschwellige Witze verwenden (etwa die immer wiederkehrende Verfressenheit des Vizekanzlers Sigmar Gabriel), sondern mit ihren humorvoll aufbereiteten Sketchen und Reden tatsächlich den Kern der gegenwärtigen politischen Probleme benennen. Einige ihrer Beiträge (etwa die Verflechtung von Banken wie Goldman Sachs mit der politischen Elite der Welt oder die mangelnde Souveränität der Bundesrepublik in Sachen Briefgeheimnis) sind zu Ikonen geworden, die sich viral im Netz verbreiten.

Humor als Verpackung macht ihr Format allgemein zugänglich und konsumierbar; ihrem wahren Wesen nach aber erfüllt „Die Anstalt“ jenen Bildungsauftrag der öffentlich rechtlichen Sender, der so oft als vermisst gemeldet wird – und das um Längen besser als „echte“ Nachrichtenformate wie die Tagesthemen, die doch selten mehr erfüllen als eine Benennung der laufenden Ereignisse. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass sich die „Heute Show“ etwa auf dem intellektuellen Niveau des „Heute Journals“ bewegt, während „Die Anstalt“ nicht davor zurückscheut, schmerzhafte Erkenntnis – wo nötig – auch ohne obligatorische Lacher stehen und auf das Publikum wirken zu lassen.

 

Der Hofnarr der Demokratie

Mit den Mitteln des Humors erfüllen die Kabarettisten der Anstalt jene Aufforderung, die in der Gestalt eines Essays 2010 zu einem europaweiten Bestseller mutierte: „Empört Euch!“ So forderte z.B. der Gastsatiriker Tobias Mann in einer Sendung vom 23. September 2014 die Einführung einer „Aufregungs-App“ für „Social Echauffiering“. Diese lieferte dann jeden Morgen eine Art digitale Wiedervorlage für politische Skandale – um unaufgeklärte, aber aus dem Scheinwerferlicht der Medien verschwundene Themen im Bewusstsein der Bürger zu halten. Was wie ein Klamauk klingt und zu zahlreichen Lachern führte, ist bitterer Ernst: Wie kann Wandel gelingen, wenn Empörung über Unrecht nur noch in spastischen Wellen durch die wählende Bevölkerung geht?

Wie kann Wandel gelingen, wenn Empörung über Unrecht nur noch in spastischen Wellen durch die wählende Bevölkerung geht?

Gehen wir tiefer ins Detail, stellt sich noch eine ganz andere Frage: Während ein Format wie „Die Anstalt“ noch dazu befähigt ist, Aufklärung zu betreiben, besitzt es doch – vergleichbar mit der „Heute Show“, extra3 oder ähnlichen Sendungen – im Kern auch eine durch und durch staatstragende Funktion: die des humorvollen Blitzableiters. Als Hofnarr der Demokratie sorgen sie dafür, die herrschende Elite der Lächerlichkeit preiszugeben – ohne ihr Publikum freilich zu befähigen (wie auch?), die bemängelten Zustände zu verändern. Empörung, jenes wertvolle Gut aller Revolutionäre, löst sich in wohlfeilem Gelächter auf und führt – frei nach Aristoteles – zu einer Kátharsis (oder weniger humanistisch ausgedrückt: einer seelischen Durchlüftung) der schlecht regierten Untertanen. An die Stelle bürgerlichen Engagements tritt das Teilen eines Clips in den sozialen Medien – und was der Stein des Anstoßes für eine Emanzipation des Souveräns sein könnte, wird zu einem Sammellager von Likes und Smileys.

 

Wissen ohne Konsequenz

Wollen wir nicht verstehen oder ist eine solche Narrheit ganz in unserem Sinne? Warum bleibt uns das Lachen nicht im Halse stecken, wenn wir hören, wie tief unsere politische Mitschuld an den Miseren dieser Welt ist? Warum reicht es uns, „es“ zu wissen, warum reicht es uns, uns klug zu wähnen – anstatt diesem Wissen Handlungsimpulse folgen zu lassen? Sendungen wie „Die Anstalt“ verraten, warum das gegenwärtige System der offenen Demokratie so stabil geworden ist: Weil seine Eliten erkannt haben, dass abweichende Meinungen nur dann gefährlich für Machthaber sind, wenn sie unterdrückt und bekämpft werden. Eine Öffentlichkeit, in der alles ohne Folgen gesagt werden kann, ist anstrengend, für viele überfordernd, für manche sogar eine Sünde – nur eines ist sie nicht: gefährlich.

Was der Stein des Anstoßes für eine Emanzipation des Souveräns sein könnte, wird zu einem Sammellager von Likes und Smileys.

Im eben zu Ende gegangenen Krimi um die CETA-Verhandlungen spielte die belgische Region Wallonien die Rolle eines engagierten Europäers. Halsstarrig bestand sie gegen den Widerstand ihrer eigenen Regierung und 27 europäischer Nachbarländer darauf, den Freihandelsvertrag mit Kanada nicht unterzeichnen zu wollen. Und das aufgrund von Bedenken, wie sie auch in der deutschen Bevölkerung vorherrschen – nicht zuletzt aufgrund von satirischen Formaten wie „Die Anstalt“ oder die „Heute Show“, die seit Jahren kritisch über Schiedsgerichte in Hinterzimmern und „Chlorhühnchen“ berichten. Statt diese Bedenken und die dahinter stehenden Bürger ernst zu nehmen, wurde Wallonien weich geklopft – und mit einem Vertrags-Zusatz – nicht etwa durch eine Veränderung des CETA-Abkommens – doch noch zu einem Zugeständnis genötigt. Ist das die Lehre, die wir aus dem Recht auf Widerstand ziehen sollten?

 

Das Kabarett und die Ahnungslosen

Blitzableiter funktionieren, aber nicht immer. Wir als Adressaten unserer Medienlandschaft sollten vielleicht zuweilen von der Rolle des Konsumenten in die Rolle des Beobachters wechseln und uns ein paar einfache Fragen stellen:  Wieso finanzieren und kontrollieren Politiker öffentlich-rechtliche Medien, die dann (scheinbar?) ihre Machenschaften und Verstrickungen vor einem Millionenpublikum breittreten? Wieso gibt es eigentlich keine politische Satire im Privatfernsehen? Und wieso liefert die „Lügenpresse“ den Kritikern der Lügenpresse humoristisch aufbereitetes Futter? Sind „besorgte Bürger“ am Ende einfach Fernsehzuschauer, die keinen Humor besitzen?

Vier Tage vor Ausstrahlung der oben zitierten Ausgabe von „Die Anstalt“ mit Tobias Mann fand in Dresden übrigens die erste PEGIDA-Demonstration statt. Im Gegensatz zum seligen Stuttgart21 gilt diese Veranstaltungsreihe den Satirikern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aber nicht als „Social Echauffiering“, sondern eher als Remake des „Tals der Ahnungslosen“. Die „Ahnungslosen“ des wiedervereinigten Deutschlands sind ebenso sehr ein Opfer ihres Medienangebots wie einstmals die „Ahnungslosen“ der DDR: Denn wer berechtigte Systemkritik ausschließlich in Form von Zoten zu sich nimmt, kann am Ende durchaus zu falschen Schlüssen gelangen.

 

Und nun?

Viele der heutigen „Wutbürger“ beziehen ihre politischen Informationen neben Foren im Internet tatsächlich aus öffentlich-rechtlichen Satiresendungen. Hier werden sie mit Informationen zu den Machenschaften der „Hochfinanz“ und der „Altparteien“ versorgt und hier wird ihr grundsätzliches Misstrauen in das Funktionieren der gegenwärtigen Staatsordnung gesät. Dass sie am Ende selbst zum Gegenstand eben jener Sendungen werden, ist die Konsequenz eines Systems, das alles zur Ware macht, sogar seine schärfsten Kritiker.

Wir brauchen mehr Systemkritik auch jenseits der Lächerlichkeit, die links der SPD nicht für Harakiri und rechts der CDU nicht für Nationalsozialismus erklärt.

Ein möglicher Ausweg aus diesem medialen Dilemma wäre mehr Systemkritik auch jenseits der Lächerlichkeit – inklusive eines wirklich offenen politischen Diskurses, der links der SPD nicht für Harakiri und rechts der CDU nicht für Nationalsozialismus erklärt. Öffentliche Empörung raus aus den Foren und rein in die Sender – das könnte unserer Demokratie nur bekommen. Wenn wir dann noch das Kunststück vollbringen, europäische Sendungen jenseits des „Eurovision Song Contests“ zu etablieren, bleiben uns in Zukunft nicht nur Kampfbegriffe wie „Lügenpresse“ oder „Pack“ erspart – sondern auch Politiker wie Donald Trump, die dem Ruf einer verlogenen Politik einfach mit noch größeren Lügen begegnen.

 

Bild: Lutz van der Horst für die „Heute Show“ bei der SPD (Metropolico.org)

 

Ähnliche Artikel:

boesewichter

Der Horizont voller Bösewichter  |  Warum wir trotz allem nicht in einer Endzeit leben


gauckteaser

Der Mythos vom „besseren Präsidenten“  |  Joachim Gauck und die Liebe zur BRD

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>