Liebe Vorstandskollegen,

nachdem ich mit unserem Personalchef zusammen gesessen bin, kann ich Euch nur sagen: Gutes Personal ist schwer zu finden. Ich glaube, das war sogar mal der Titel eines Romans. Ich habe ihn nicht gelesen, aber ich bin mir sicher, dass es sich dabei um ein Drama handelt.

Zusammengefasst kommt keiner der 140 Bewerber für den vakanten Posten in Frage. Schweren Herzens mussten wir allen absagen. Ich nenne Euch hier mal ein paar Kategorien, in die sich jeder Bewerber problemlos einsortieren ließe:

Kategorie 1: Die Unerfahrenen
Manche der Bewerber haben überhaupt keine Erfahrung vorzuweisen, bei denen ist es dunkelgrün hinter den Ohren. Die kommen frisch von der Ausbildung und meinen allen Ernstes, für eine Stelle in unserem Unternehmen geeignet zu sein.

Kategorie 2: Die Ungebildeten
Es scheint sich wohl noch nicht herumgesprochen zu haben, dass wir mit ausgewiesenen Spezialisten aus aller Welt zusammenarbeiten. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich Leute bewerben, die da gar nicht mithalten können. Eine Promotion ist doch wirklich nicht zu viel verlangt.

Kategorie 3: Die Gierigen
Wir wurden mit Gehaltsvorstellungen konfrontiert, bei denen uns wirklich die Spucke weggeblieben ist. Teilweise wurden absurde Summen gefordert, die wir als mittelständischer Betrieb gar nicht zahlen können. Ich verstehe nicht, warum man sich nicht im Vorfeld Gedanken über realistische Ansprüche macht. Am Ende wollen sie noch Weihnachtsgeld oder Gewinnbeteiligungen.

Kategorie 4: Die Faulen
Über eines haben sich diese Leute wahrlich ausreichend Gedanken gemacht: Freizeit! Es ist mir ein Rätsel, wie wenig Bereitschaft ich bei manchen Bewerbern spüre, Jobs auszuführen, auf die sie Dutzende Praktika in den zurückliegenden Semesterferien vorbereitet haben. Wozu diese ganzen Forderungen? 30 Urlaubstage im Jahr, keine Wochenendarbeit, und wenn, dann nur bezahlt. Neulich hat mir einer sogar etwas von Work-Life-Balance erzählt. Den habe ich hochkant aus dem Büro geworfen.

Kategorie 5: Die Klugscheißer
Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen soll es dann auch noch sein. Partizipatives Arbeitsumfeld oder wie auch immer das genannt wird. Von Hierarchie und Unterordnung haben die wohl noch nichts gehört.

Kategorie 6: Die Ehrgeizler
Aufstiegschancen wollen die feinen Herren! Dabei ist doch schon lange klar, dass mein Sohn den ganzen Laden übernehmen wird. Also zumindest mir ist das klar; ihn muss ich davon noch überzeugen. Aber ich bin ja noch ein paar Jährchen am Ruder.

Kategorie 7: Frauen
Ich habe übrigens bewusst von feinen Herren gesprochen. Bewerbungen von Frauen werden bei mir sofort aussortiert. Ich habe mal gelesen, dass man das gar nicht so ohne weiteres darf. Unverständlich, solche Vorschriften! Man stelle sich das vor: Da stellt man eine Frau ein, und kaum hat sie sich eingearbeitet, wird sie auch gleich schwanger. Und wenn sie dann irgendwann aus der Elternzeit zurückkommt, weiß man ja auch nie genau, ob man mit denen noch was anfangen kann. Die Arbeitswelt dreht sich rascher als der Schnuller Ihrer kleinen Racker, meine Damen!

Kategorie 8: Die Wohlfühler
Manche denken, wir würden ernsthaft mit diesen internationalen Multis konkurrieren. Die bieten ihren Mitarbeitern mittlerweile so viel an. Arbeiten von zu Hause aus, Betriebskindergärten, kostenlose Getränke, betriebliche Altersvorsorge und den ganzen Käse. Wie sollen wir denn da mithalten? Wir kalkulieren unsere Margen schon auf der letzten Rille, da bleibt für so einen Firlefanz kein Raum mehr.

Für kurze Zeit habe ich mich geärgert, nicht dem Vorschlag meiner Frau gefolgt zu sein. Die hatte mir schon vor etlichen Jahren empfohlen, einfach Leute auszubilden. Aber damals hatten wir keinen Bedarf an neuen Leuten. Wir hatten wahrlich Wichtigeres zu tun. Außerdem sind wir kein Kindergarten, sondern ein hochspezialisiertes Unternehmen. Sollen sich die jungen Menschen doch anderswo die Grundlagen beibringen lassen.

Ich muss Euch damit mitteilen, dass wir das Ganze intern auffangen müssen. Ich weiß, das hört Ihr nicht gerne, aber es geht ja nicht anders. Am Mittwoch bei der Vorstandssitzung entscheiden wir, wer welche zusätzlichen Aufgaben übernehmen wird.

Für mich ist jedenfalls eins klar: Irgendwie ist unser ganzes System krank. Wir kriegen einfach nicht mehr genügend erfahrene, gut ausgebildete Leute, die bereit sind, sich für ein vernünftiges Gehalt richtig reinzuknien. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber gutes Personal zu finden ist heutzutage ein echtes Drama.

 

Bild: Zum 150 jährigem Jubiläum der Lübeckischen Anzeigen (1901)

Written by Daniel Trumino

Daniel Trumino studiert Journalismus an der Freien Journalistenschule in Berlin. Neben seinem Fulltimejob als kaufmännischer Angestellter spielt er gerne Faustball und produziert Geräusche in einem bedauernswerten Chor.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>