Sankt Petersburg in 72 Stunden. Wozu die Eile, hat man uns gefragt. Ist die Stadt an der Newa nicht die viertgrößte Stadt Europas und dazu noch kunstreich wie kaum eine andere Metropole? Der Grund für unsere Beschränkung hatte einen ganz einfachen Grund: Eine gesetzliche Ausnahme ermöglicht es, Russland ganz unkompliziert ohne Visum zu besuchen, allerdings unter einer Voraussetzung: Die Einreise erfolgt auf einem Schiff der Reederei „St. Peter Line“ – und dauert nicht länger als exakt drei Tage.

Gehört, getan. Die Anreise über Helsinki bot nicht nur die Möglichkeit der Entdeckung einer weniger bekannten europäischen Perle, sondern zugleich auch die Chance einer knapp 14-stündigen Mini-Kreuzfahrt durch den finnischen Meerbusen. Das Schiff, ein schwimmender Koloss mit acht Stockwerken, ist auch Wassermuffeln und Nichtschwimmern zu empfehlen. Einen Großteil der Zeit verbringt man ohnehin schlafend auf der Kabine – und vom Wellengang ist kaum etwas zu spüren.

Unsere ersten 24 Stunden in St. Petersburg begannen nach einem erfrischenden Schlaf und einer relativ unkomplizierten Einreise um 9 Uhr früh im Hafen der Stadt. Ohne festen Plan, ohne Guide oder Bekannte in der Stadt entwickelten wir eine „Like to do“-Liste, die sich vortrefflich dazu eignet, dem ehemaligen Leningrad liebevoll, aber nachhaltig auf die Schliche zu kommen.

 

Unsere 7 Highlights in St. Petersburg:

angleterre2

Die Früchtchen des Angleterre

An der Anlegestelle gibt es kostenlose Shuttle Busse in die Innenstadt und das mit vier unterschiedlichen Endstationen. Wir wählten den Ausstieg am Isaaksplatz – nicht zuletzt wegen des Ausblicks auf die majestätischen Säulen von St. Isaak, eines der größten sakralen Kuppelgebäude der Welt. Da auf dem Schiff meist wenig Zeit für ein Frühstück bleibt, raten wir zum „Continental Breakfast“ im edlen Hotel Angleterre. Was nach Aufschnitt und Brötchen klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als mobiles Frühstücksbuffet zum Schnäppchen-Preis – inklusive Lachs, üppigem Obstteller, Croissants Pariser Qualität und frisch gepresstem Saft. Das Servicepersonal stimmt in der Zwischenzeit auf die Petersburger Hilfsbereitschaft ein – und das ist durchaus nicht ironisch gemeint.

Ulitsa Malaya Morskaya 24  |  Улица Морская 24
Zum Angleterre

 


achmatova

Der Geist der Anna Achmatova

Anna Achmatowa (1889-1966) gilt als herausragendste Dichterin der russischen Sprache. Ihre Gedichte sind nicht weniger berührend als ihre wechselvolle Lebensgeschichte. Das kleine Anna-Achmatowa-Museum liegt in einem malerisch begrünten Hinterhof des Liteynyy Prospekts versteckt und lockt mit der Aussicht auf eine außergewöhnliche Zeitreise; und das ganz ohne Special Effects, virtuelle Realitäten oder multimediale Besucherleitfäden. Eine Gruppe restriktiver grauhaariger Damen bewacht die liebevoll rekonstruierte Wohnung der Dichterin im sogenannten Fountain House wie ihren eigenen Augapfel und sorgt dafür, dass man sich nicht in einem Museum, sondern tatsächlich wie auf Besuch bei der legendären Achmatowa wähnt.

Liteynyy prospekt 53  |  Литейный Проспект 53
Zum Anna-Ahmatowa-Museum

 


Jelissejew

Der Palast der Versuchungen

Geschmacklich vielleicht nicht mehr so exquisit wie zu des Zaren Zeiten – aber noch immer eine Augenweide: Seine außergewöhnliche Innenarchitektur machte den Feinkostladen Jelissejew nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rasch zu einem wahren Touristenmagneten. Raumfüllende Spiegel, Jugendstil in Gold und Glas und mächtige Lüster und Farne führen garantiert in Versuchung; ob man am Ende mit einem leergeknipsten Smartphone oder einer Schachtel Pralinen auf den legendären Newski Prospekt tritt, bleibt ganz dem Geschmack des Reisenden überlassen. Die gut gelaunten Verkäuferinnen und Aufpasser sehen den Ladentourismus jedenfalls gelassen.

Newski Prospekt 56  |  Невский Проспект 56
Zum Feinkostladen Jelissejew (FB)

 


eremitage

Die Götter der Eremitage

Nicht nur für „National Geographic“ zählt die Eremitage zu den vier besten Museen der Welt – noch vor dem British Museum in London. Auch für uns war der Besuch der ehemaligen Zarenresidenz und ihrer Kunstschätze eine außergewöhnliche Erfahrung. Für seine klassische europäische Kunst ist die Eremitage hinlänglich bekannt. Wir möchten daher auf ein Mauerblümchen der Reiseführer hinweisen, das sich hinter Rembrandt, Matisse oder Picasso kaum zu verstecken braucht: Ganze 20 Säle füllen die Exponate der stolzen Archäologischen Sammlung – von der monumentalen Replik eines Weltwunders (der Statue des Zeus von Olympia) bis zur Kleopatra en miniature ist für jeden heidnischen Pilger die passende Gottheit vorhanden.

Dvortsovaya Naberezhnaya 34  |  Дворцовая набережная 34
Zur Eremitage

 


eulipeters

Die Eulen des Newski Prospekts

Fortbewegung ist in „Pieter“ nicht nur Mittel zum Zweck. Wer zum ersten Mal eine der stalinistischen Metro-Gebäude der U-Bahn-Linie 1 betritt, ahnt, warum sie in Sowjetzeiten den spöttisch-bewundernden Namen „Paläste des Volkes“ getragen haben. Beeindruckend ist nicht nur die Wahl der Materialien, die prächtigen Kandelaber und die schier endlosen Rolltreppen in den ehemaligen Sumpf der in Windeseile trocken gelegten Stadt; auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Züge durch die Eingeweide des ehemaligen Leningrad bohren, hat es in sich und führt dem Reisenden die gigantischen Ausmaße der Stadt vor Augen. Über der Erde reißt ein unablässiger Strom von Bussen und Trambahnen die Petersburger in alle Richtungen mit sich. Wer Glück hat, trifft dabei auch auf allerlei befellte und gefiederte Zeitgenossen …

Avtovo (Автово), Ploshchad Vosstaniya (площади Восстания), Narvskaya (Нарвская)
Zur Metro von Sankt Petersburg

 


russmuseum2

Die Blicke der russischen Realisten

Diese vom letzten Zaren höchstpersönlich im prächtigen Michailowski-Palast untergebrachte Sammlung ist nichts für kulturelle Stubenhocker. Wer meint, der russische Einfluss auf Europa erschöpfte sich im Wesentlichen auf Dostojewski, Toilstoi und Rachmaninow, wird sich nach einem Besuch in diesem schillernden Kosmos die Augen reiben. Und wer einmal die Blicke von Countess Elena Tolstaya oder Ivan Shishkin auf sich gespürt hat, wird die Erkenntnis mit Sicherheit nicht mehr los, wie leblos selbst das gelungenste Selfie im Vergleich zu den Werken der russischen Realisten Braz oder Kramskoi erscheint.

Ulitsa Inzhenernaya 4  |  Улица Инженерная 4
Zum Russischen Museum

 


georgien

Der Geschmack des Kaukasus

Wer nach so viel Kultur und Süßigkeiten Appetit auf etwas Deftiges bekommen hat, dem sei ein Abstecher an den Kamennostrovski Prospekt ans Herz gelegt. Im Kellerlokal der Hausnummer 14 serviert man in uriger Atmosphäre feinste georgische Spezialitäten, die Haute Cuisine der sowjetischen Küche. Ob Suppen, Eintöpfe, Grillfleisch oder gleich die berühmten Chinkali-Teigtaschen – abgesehen vom Rohkostler und eingefleischten Veganer kommt im Sulinko garantiert jeder Reisende schmackhaft und preiswert auf seine Kosten. Prijajátnawa apitíta – guten Appetit!

Kamennostrovski Prospekt 14  |  Каменноостровский Проспект 14
Zum Sulinko

 

Bilder: Nicolas Flessa, JoyfulDesign

Written by Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Der Chefredakteur von seinsart drehte Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist in Berlin.

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